Das Werk Georg Philipp Hardörffers, des am 1. November 1607 in Nürnberg geborenen Dichters, in seiner Gesamtheit und literarischen Bedeutung zu würdigen, war und ist für deutsche Germanisten nicht selbstverständlich. Ähnlich wie Hans Sachs (1491-1576) in der Forschung entweder als „Chronist und Kritiker seiner Zeit“ gelobt, oder als Vielschreiber ohne herausragenden literarischen Wert kritisiert wird, wurden Harsdörffers Hauptwerke lange Zeit in erster Linie als „kulturwissenschaftlicher Steinbruch“ genutzt, ohne den Eigenwert des umfangreichen Gesamtwerkes ausreichend zu betonen. Erst im Zuge des literaturgeschichtlichen Umdenkens, das „ein paar Jahre vor dem 2. Weltkrieg begann“, wird das „Sammeln“, im Gegensatz zum (metaphysischen) „Schöpfen“, als ‚Technik’ des Literaturschaffenden nicht mehr oder wenigstens seltener mit einer Art Herablassung bedacht. In diesem Kontext bestimmt nun weniger die Art der Inhaltsgewinnung die Bewertung, sondern die Art und Weise der Verwendung von wie auch immer gewonnenen Inhalten.
Um das Wirken Harsdörffers in angemessenem Zusammenhang darstellen zu können, sei zunächst die allgemeine Rolle der Dichtung im deutschen Barock grob skizziert. Anschließend wird von einer Auswahl italienischer und deutscher Sprachgesellschaften zu sprechen sein, um den Einfluss derselben auf die Absichten und Methodik der Werke Harsdörffers aufzuzeigen. Gemäß der Schwerpunktsetzung widmen sich die darauffolgenden Abschnitte den „Frauenzimmer Gesprächsspielen“, dem umfangreichsten Teil des literarischen Schaffens Harsdörffers. Nach einer kurzen Hinführung sollen Personen, Schauplätze und Spielarten der Gesprächsspiele genauer betrachtet werden. Die Frage, welche Rolle der Frau als Adressat und Mitspieler in Harsdörffers Werk zukommt, wird ebenso zu klären sein wie das Verhältnis von Spiel und Wissen innerhalb der Gesprächsspiele. Der damit abgeschlossenen Behandlung der Gesprächsspiele folgt eine Betrachtung des „Poetischen Trichter“, des dem Namen nach bekanntesten Werk Harsdörffers. Dabei sollen in verhältnismäßig knapper Darstellung sowohl die Absicht des Verfassers als auch die Bedeutung des ingenium in dessen Dichtungsverständnis herausgestellt werden. Der Blick auf den Erzählband „Der grosse Schau-platz jaemmerlicher Mord-Geschichte“, dessen Moraldidaktik und deren Zweck zu betonen sind, beendet die werkspezifischen Betrachtungen, deren jeweilige Ergebnisse in der abschließenden Zusammenfassung nochmals Erwähnung finden werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergrund und Einflüsse
2.1. Rolle der Dichtung im deutschen Barock
2.2. Sprachgesellschaften
3. Die Gesprächspiele
3.1. Hinführung
3.2. Personen, Schauplätze, Spielarten
3.3. Die Frau als Adressat und Mitspieler
3.4. Spiel und Wissen
4. Der Poetische Trichter
5. Der Schau-Platz jaemmerlicher Mord-Geschichte
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Georg Philipp Harsdörffer, insbesondere seine "Gesprächsspiele", sowie den "Poetischen Trichter" und die "Schau-Platz jaemmerlicher Mord-Geschichte" hinsichtlich ihrer Funktion als Medium der Wissensvermittlung im Kontext des barocken Weltbildes.
- Die Einbettung von Harsdörffers Werk in das barocke Systemdenken und die Rolle der Dichtung.
- Die Bedeutung von Sprachgesellschaften und der gelehrten Kommunikation.
- Die Analyse der "Gesprächsspiele" als didaktisches Instrument für den Adel.
- Die Darstellung und Funktion der Frau innerhalb der barocken Konversationskultur.
- Das Konzept der Wissensvermittlung durch die Verbindung von Spiel und Belehrung.
Auszug aus dem Buch
3.2. Personen, Schauplätze, Spielarten
Harsdörffer lässt in seinen Gesprächspielen sechs Personen beiderlei Geschlechts auftreten, die er zu Beginn des jeweiligen Bandes im Anschluss an Zuschriften, Vorbemerkungen, Übereignungsgedichte etc. folgendermaßen vorstellt:
Angelica von Keuschewitz / eine Adeliche Jungfrau. Reymund Discretin / ein gereist- und belesener Student. Julia von Freudenstein / eine kluge Matron. Vespasian von Lustgau / ein alter Hofmann. Cassandra Schönlebin / eine Adeliche Jungfrau. Degenwert von Ruhmeck / ein verständiger und gelehrter Soldat.
Die Namen sprechen im Grunde für sich, indem sie bereits auf die hervorstechenden Charakteristika bzw. Tugenden der Personen hinweisen. Ähnlich wie den Mitgliedern von Sprachgesellschaften bei der Aufnahme ein aussagekräftiger Beiname zugesprochen wurde, will Harsdörffer dem Leser den jeweiligen 'Menschen-Typus' der am Spiel Beteiligten mittels durchdachter Namensgebung klar vor Augen führen. So wird der Einzelne nicht als Individuum, sondern als Repräsentant seines Standes dargestellt. Es lassen sich drei Stände aus dem Kreis der Spielenden ablesen: Geburtsadel, geistiger Adel und 'Militär- oder Ehrenadel'. Degenwert, als Vertreter des Letztgenannten, hebt sich von selbigem jedoch durch unvermutete Bildung ab. Einen gelehrten Soldaten aufzuführen, kann im Kontext des Dreißigjährigen Krieges als Wunsch gedeutet werden, „seinen Leser den dreißigjährige Krieg auf deutschem Boden [..] vergessen zu lassen“. In Anbetracht der 'sprachlichen Friedensarbeit', die Harsdörffer zugesprochen wird, mag diese Einschätzung seine Berechtigung finden. Wichtig bleibt, dass auch Degenwert keine konkrete Person, sondern 'nur' Allegorie eines Ideals ist. Ebenso wie Angelica, die Engelgleiche, einerseits Tugend und Verstand in sich vereint und damit das Ideal der jungen, gebildeten Adeligen vorstellen soll. Cassandra hingegen ist eher an Äußerlichkeiten interessiert und scheint somit die sich ihres Standes und ihrer Repräsentationsfunktion zwar bewussten, darüber aber gedanklich-geistig nicht weit hinausgehende Adelige zu verkörpern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Person Harsdörffers und den Forschungsstand ein, wobei das Ziel darin besteht, das literarische Gesamtwerk als Medium der Wissensvermittlung neu zu bewerten.
2. Hintergrund und Einflüsse: Dieses Kapitel erläutert das barocke, religiös geprägte Weltbild und die Rolle der Dichtung als Mittel zur Ordnung von Wissen sowie die Bedeutung der Sprachgesellschaften.
3. Die Gesprächspiele: Der umfangreichste Teil analysiert die Struktur der "Gesprächsspiele", die Rollen der Teilnehmer, die Konversationskultur sowie die didaktische Verknüpfung von Spiel und Wissen.
4. Der Poetische Trichter: Hier wird das Werk als ein methodisches Lehrbuch zur Vermittlung von Dichtkunst und rhetorischen Grundlagen im Barock untersucht.
5. Der Schau-Platz jaemmerlicher Mord-Geschichte: Dieses Kapitel beleuchtet Harsdörffers Mordgeschichten als moralisch-didaktische Exempelliteratur, die zur Belehrung und Unterhaltung dient.
6. Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Bedeutung von Harsdörffers Werk im barocken Dichtungsverständnis.
Schlüsselwörter
Georg Philipp Harsdörffer, Barock, Gesprächspiele, Wissensvermittlung, Sprachgesellschaften, Poetischer Trichter, Konversationskultur, Didaktik, Moraldidaktik, barockes Weltbild, Rhetorik, Frauenbild im Barock, Gelehrsamkeit, Exempelliteratur, Adel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das literarische Schaffen von Georg Philipp Harsdörffer, insbesondere seine bekanntesten Werke wie die "Gesprächsspiele", und analysiert deren Funktion als Medium der Wissensvermittlung im 17. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das barocke Weltbild, die didaktische Funktion von Literatur, die Bedeutung der Sprachgesellschaften sowie die Verschränkung von spielerischer Unterhaltung und moralischer Belehrung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Harsdörffers literarische Werke nicht nur als reine Unterhaltungsliteratur zu sehen, sondern ihre spezifische methodische Anlage zur Wissensvermittlung und zur Kultivierung eines gebildeten Adelstandes aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den historischen Kontext des Barock, den Forschungsstand zur barocken Dichtung und die spezifische Rhetorik Harsdörffers einbezieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des allgemeinen Hintergrunds, die detaillierte Analyse der "Gesprächsspiele" (Personen, Rollen der Frauen, Spielregeln) sowie die Untersuchung des "Poetischen Trichters" und der "Mord-Geschichten".
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Barock", "Wissensvermittlung", "Konversationskultur", "Didaktik" und "Rhetorik".
Welche Rolle spielt die Frau in den Gesprächsspielen?
Frauen fungieren in den "Gesprächsspielen" als Adressaten und Mitspieler, wodurch Harsdörffer versucht, ihnen Zugang zu einer gelehrten Konversationskultur zu verschaffen, ohne jedoch die bestehenden geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen aufzuheben.
Wie wird das "Spiel" im Kontext des Wissens definiert?
Harsdörffer versteht das Spiel als "nützliche Ergötzlichkeit". Es dient dazu, Bildungsinhalte angenehm zu verpacken und den Teilnehmern durch geregelte Konversation eine spielerische Erarbeitung von Wissen zu ermöglichen.
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- Claudia Gerhardt (Author), 2007, Georg Philipp Harsdörffers „Gesprächsspiele“ und seine Erzählungen als Medium der Wissensvermittlung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137018