Der Wolf gilt seit jeher als böses, grausames Tier in Kunst und Literatur. Ihm werden grundsätzlich negative Eigenschaften zugeschrieben. Bereits Kinder lernen, dass der Wolf böse ist und haben meist Angst vor ihm. Ich habe mich näher mit der literarischen Figur des Wolfes in Fabeln von Jean de La Fontaine beschäftigt und werde im Folgenden meine Ergebnisse präsentieren. Hierzu werde ich vier Fabeln des französischen Autors analysieren und die Figur des Wolfes genauer charakterisieren, um im Anschluss einen Vergleich aufstellen zu können.
La Fontaine schrieb insgesamt 15 Fabeln, in denen der Wolf vorkommt. Ich habe mich für diese Hausarbeit für zwei Fabeln entschieden, die wir im Seminar behandelt haben und zwei weitere, in denen mir die Rolle des Wolfs als besonders interessant erscheint.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
« Le loup et le chien »
« Le loup et l‘agneau »
« Le loup et la cigogne »
« Le loup et les bergers »
Vergleich der Figur des Wolfs
Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Ziel dieser Arbeit ist die detaillierte literaturwissenschaftliche Analyse der Wolfsfigur in ausgewählten Fabeln von Jean de La Fontaine, um deren Charakterisierung sowie die zugrunde liegende symbolische und gesellschaftskritische Bedeutung zu ergründen.
- Literarische Charakterisierung der Wolfsfigur bei La Fontaine
- Vergleichende Analyse zwischen La Fontaines Fabeln und den Vorlagen von Phaedrus
- Die Darstellung des Wolfes als Machtsymbol und Ausdruck menschlicher Verhaltensweisen
- Diskussion von Themen wie Freiheit, Machtgefälle, Dankbarkeit und Moral
Auszug aus dem Buch
« Le loup et le chien »
Le loup et le chien ist die fünfte Fabel des ersten Buches von Jean de La Fontaine. Sie befindet sich zwischen den Fabeln La grenouille qui veut se faire aussi grosse que le bœuf und La génisse, la chèvre et la brebis en société avec le lion.
In der Fabel trifft ein Wolf auf einen Haushund, welcher sich verlaufen hat. Der Wolf sieht, dass der Hund gut gebaut ist und sich bei einem Angriff gut verteidigen könnte, also spricht er ihn unterwürfig an (vgl. La Fontaine 2009: 26-28, V. 10). Er macht dem Hund Komplimente über seine gute Figur, woraufhin der Hund erwidert, dass der Wolf genauso wohlgenährt sein könnte, wie er, wenn er den Wald für immer verließe (vgl. V. 15). Der Hund redet das Leben im Wald schlecht; es gebe kaum Futter und sei ein Überlebenskampf im Gegensatz zu seinem Leben (vgl. V. 16-20). Der Wolf möchte wissen, was er dafür tun müsse, um wie der Hund zu leben. Dieser erklärt ihm seine Aufgaben und die Belohnungen dafür. Der Wolf fängt daraufhin an zu weinen, weil er sich schon sein schönes neues Leben vorstellt (vgl. V. 30f.).
Plötzlich sieht der Wolf den abgeschabten Hals des Hundes und möchte wissen, woher diese Verletzung kommt. Der Hund tut zuerst so, als wüsste er nicht, was gemeint ist, erklärt dem Wolf aber dann, dass das vom Halsband käme, an dem er angebunden sei (vgl. V. 32-34). Der Wolf ist entsetzt darüber, dass der Hund nicht frei sein kann und dort hinlaufen kann, wo er möchte. Der Hund erwidert, es sei kein Problem für ihn. Daraufhin sagt der Wolf, er würde nicht einmal für einen Schatz in Gefangenschaft leben wollen und läuft davon (vgl. V. 40f.).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Thema der Wolfsfigur in La Fontaines Fabeln und Darlegung der Zielsetzung der Untersuchung.
« Le loup et le chien »: Analyse der Begegnung zwischen einem abgemagerten Wolf und einem wohlgenährten Haushund, wobei die Freiheit des Wildtieres der Gefangenschaft des Haustieres gegenübergestellt wird.
« Le loup et l‘agneau »: Untersuchung der Machtdynamik und Argumentationsstruktur in der Fabel, in der der Wolf durch Vorwände seine Macht über das unschuldige Lamm demonstriert.
« Le loup et la cigogne »: Betrachtung eines Rollenwechsels, bei dem der Wolf, nachdem ihm eine Störchin das Leben gerettet hat, ihr gegenüber Undankbarkeit und Drohungen zeigt.
« Le loup et les bergers »: Analyse eines inneren Konflikts des Wolfes, der versucht, sein naturgegebenes Verhalten zu ändern, diesen Entschluss jedoch schnell wieder verwirft.
Vergleich der Figur des Wolfs: Synoptische Gegenüberstellung des Wolfes aus den analysierten Fabeln, um gemeinsame Züge wie Stolz, Machtstreben und Unbeugsamkeit herauszuarbeiten.
Fazit: Zusammenfassende Deutung des Wolfes als Spiegelbild menschlicher Eigenschaften und Verhaltenstendenzen.
Schlüsselwörter
Jean de La Fontaine, Fabeln, Wolf, Tierdichtung, Phaedrus, Freiheit, Machtsymbol, Charakterisierung, Literaturwissenschaft, Natur versus Kultur, Anthropomorphismus, gesellschaftliche Kritik, Moral, Tierfiguren, Intertextualität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung des Wolfes in ausgewählten Fabeln von Jean de La Fontaine und analysiert, wie diese Figur als Träger spezifischer Charaktermerkmale fungiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle des Wolfes als Machtsymbol, das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Gefangenschaft, das Phänomen der Undankbarkeit sowie die Reflexion menschlichen Verhaltens durch tierische Charaktere.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Figur des Wolfes in vier ausgewählten Fabeln zu charakterisieren und durch einen Vergleich aufzuzeigen, wie La Fontaine die Figur nutzt, um gesellschaftliche und moralische Konflikte zu spiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die Primärtexte von La Fontaine mit den antiken Vorlagen des Phaedrus vergleicht und die erzählerischen Strukturen der Fabeln untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in Einzelanalysen der Fabeln „Le loup et le chien“, „Le loup et l‘agneau“, „Le loup et la cigogne“ und „Le loup et les bergers“ sowie einen anschließenden komparativen Vergleich der zentralen Wolfsfigur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Fabeldichtung, Wolfsfigur, Machtverhältnisse, Freiheit, Anthropomorphismus sowie den Vergleich zwischen La Fontaine und Phaedrus charakterisieren.
Welche Rolle spielt die Freiheit für den Wolf in den Fabeln?
Die Freiheit ist für den Wolf ein zentrales Gut; selbst in Momenten körperlicher Schwäche oder Lebensgefahr wählt er das freie, aber unsichere Leben im Wald gegenüber der alimentierten, aber unfreien Existenz als Haustier.
Inwiefern lässt sich der Wolf als „Spiegel“ für den Menschen interpretieren?
Der Wolf dient als Projektionsfläche für menschliche Eigenschaften wie Stolz, Sturheit, Machtgier oder auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion, wobei die Fabeln oft aktuelle gesellschaftliche Machtstrukturen reflektieren.
- Arbeit zitieren
- Lisa Just (Autor:in), 2022, Das Motiv des Wolfes in den Fabeln von Jean de La Fontaine, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1370507