Es ist bezeichnend, dass in jeder Epoche und in jedem noch so kleinen Land, schon bevor die geschichtswissenschaftliche Literatur, welche die jeweilige Epoche analysiert und charakterisiert, entstanden ist, Werke geschrieben werden, die besser als alles andere die Atmosphäre jener Zeit wiedergeben. Solche Werke sind, wie man sagt, am Puls ihrer Zeit. Dies gilt auch für die beiden Werke, welche die vorliegende Arbeit behandelt: den russischen Roman Master i Margarita von Michail Bulgakow und den deutschen Roman Doktor Faustus von Thomas Mann.
In beiden Romanen, die zur gleichen und für die Weltgeschichte düsteren und entscheidenden Zeit geschrieben wurden, geht es um Gesellschafts- und Kulturkritik bzw. um die Kritik und Analyse des gesellschaftlichen und kulturellen Bewusstseins. Dabei entstanden zwei meisterhafte Werke, die im Grunde sehr unter-schiedlich sind und sich doch auf eine verblüffende Weise ähneln. Diese Ähnlichkeit besteht nicht nur darin, dass die beiden Romane sich der Teufelsthematik bedienen, welche hier eine neue Transformation erfährt und sich entsprechend der politischen und gesellschaftlichen Umstände beider Länder entfaltet. Es ist vor allem der Analyseanspruch, der diese Romane so verwandt macht ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Der Roman Master i Margarita von Michail Bulgakow
2.1. Ein neues Land, eine neue Welt, ein neuer Mensch
2.1.1. Die Neuorientierung der sowjetischen Gesellschaft
2.1.2. Die Literaturtheorie der Zeit: Methode des sozialistischen Realismus
2.2. Die Darstellung des Dämonischen im Roman Master i Margarita
2.2.1. Korowjew-Fagott
2.2.2. Begemoth
2.2.3. Asasello
2.2.4. Voland
2.3. Die Gesellschaftskritik im Roman Master i Margarita
2.3.1. „Gewöhnliche Menschen“
2.3.2. Der Literaturbetrieb
2.3.3. Die Tragödie des Künstlers in der sowjetischen Gesellschaft
2.4. Die Rolle des Dämonischen im Roman Master i Margarita
3. Der Roman Doktor Faustus von Thomas Mann
3.1. Die Darstellung des Dämonischen im Roman Doktor Faustus
3.1.1. „War meine Seel in Hochmut und Stolz zu dem Satan unterwegs gewesen“
3.1.2. Das Teufelsgespräch
3.1.3. Real oder irreal?
3.2. Die Kulturkritik im Roman Doktor Faustus
3.2.1. „Winfried“-Verbindung
3.2.2. Die Münchener Intellektuellen
3.2.3. Der Künstler und die Welt
3.3. Die Rolle des Dämonischen im Roman Doktor Faustus
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Transformation und Funktion der Teufelsthematik in Michail Bulgakows "Master i Margarita" und Thomas Manns "Doktor Faustus", um die gesellschafts- und kulturkritischen Implikationen beider Werke unter Einbeziehung des Dämonischen zu analysieren.
- Analyse der Transformation des Dämonischen in den historischen Kontexten Russlands und Deutschlands.
- Vergleich der Gesellschaftskritik und der Darstellung des Künstlers in beiden Romanen.
- Untersuchung der Rolle des Teufels als Katalysator für gesellschaftliche Bloßstellung und künstlerischen Durchbruch.
- Synthese der ästhetischen und moralischen Konzepte von Gut und Böse in beiden Werken.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Das Teufelsgespräch
Das Teufelsgespräch bildet formal und inhaltlich den Mittelpunkt des gesamten Romangeschehens: es ist gewissermaßen ein Ergebnis von dem, was schon geschehen ist, und gleichzeitig die Voraussage bzw. die Ursache dessen, was noch geschehen wird. Der Dialog enthält viele Anhaltspunkte sowohl für die Realität als auch für die Fiktionalität des Teufels.
Das Ereignis kann von Zeitblom nicht genau datiert werden. Er vermutet jedenfalls, dass es im Zeitraum von 1911 bis 1912 stattgefunden hat, als Leverkühn mit seinem Leipziger Freund Rüdiger Schildknapp in einem kleinen Dorf Palestrina in Italien lebte. Wie der Chronist dem Leser berichtet, fixiert Adrian das Erlebte in Form eines Dialogs unmittelbar nach dem Geschehen auf dem Notenpapier. Wortwörtlich entnimmt Zeitblom die Schilderung des Dialogs der Niederschrift seines Freundes.
Der Teufel, der vor Adrian erscheint, ist keine feste Gestalt. Insgesamt vier Mal wechselt der Teufel innerhalb des Gesprächs sein Aussehen, wobei die erste und die letzte Gestalt identisch sind. Diese Veränderung wird vom Teufel folgend begründet: „Das ist reiner Zufall, wie ich aussehe, oder vielmehr, es macht sich so, es stellt sich so je nach den Umständen her, ohne dass ich auch nur acht darauf gebe.“ (DF, 307) Das äußere Bild des Teufels passt sich also den Umständen an. In diesem Fall korrespondiert es, wie noch im Einzelnen gezeigt werden soll, mit dem Inhalt des mit Leverkühns geführten Gesprächs. Das Einzige, was sich am Teufel nicht verändert, ist seine Stimme: „nasal, deutlich, gelernt wohllautend [...] bewahrt [sie] die Identität bei fließender Erscheinung“ (DF, 320).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung stellt den vergleichenden Analyseanspruch beider Werke vor, wobei der Zugriff auf das Dämonische als zentrales stilistisches Mittel zur Gesellschafts- und Kulturkritik definiert wird.
2. Der Roman Master i Margarita von Michail Bulgakow: Dieses Kapitel analysiert Bulgakows Roman im Kontext der sowjetischen Gesellschaft der 1930er Jahre und untersucht die Rolle des Teufels Voland als satirische Instanz zur Enthüllung menschlicher Schwächen.
3. Der Roman Doktor Faustus von Thomas Mann: Hier wird Manns Künstlerroman als Parodie auf die deutsche Kulturgeschichte behandelt, wobei die Paktgeschichte zwischen Adrian Leverkühn und dem Teufel als Analogie zur nationalsozialistischen Entwicklung gedeutet wird.
4. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung stellt beide Romane gegenüber, betont Gemeinsamkeiten in der Verwendung des Dämonischen und unterstreicht die jeweilige Schreibintention der Autoren im Hinblick auf die Diagnose gesellschaftlicher Krisen.
Schlüsselwörter
Dämonisches, Teufelspakt, Gesellschaftskritik, Kulturkritik, Michail Bulgakow, Thomas Mann, Adrian Leverkühn, Master i Margarita, Doktor Faustus, Moderne, Kunst, Sowjetgesellschaft, Nationalsozialismus, Vieldeutigkeit, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Bachelorarbeit vergleicht den russischen Roman "Master i Margarita" von Michail Bulgakow und den deutschen Roman "Doktor Faustus" von Thomas Mann im Hinblick auf ihre Auseinandersetzung mit dem Dämonischen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Themen der Gesellschafts- und Kulturkritik, die Rolle des Künstlers in totalitären oder krisenhaften Systemen und die Transformation mythischer Modelle (insbesondere der Faustsage) in der modernen Literatur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie beide Autoren das Dämonische nutzen, um die Krisen ihrer jeweiligen Zeit und die moralischen Abgründe in den gesellschaftlichen Verhältnissen von Russland (1930er Jahre) und Deutschland zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche komparatistische Analyse, die den Textgehalt beider Romane auf Motive, Struktur und inhaltliche Korrespondenzen hin untersucht.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden detailliert die Darstellung der dämonischen Kräfte, die Gesellschaftskritik durch diese Mächte und das Schicksal der zentralen Künstlerfiguren in beiden Romanen separat und vergleichend analysiert.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Dämonisches, Teufelspakt, Gesellschaftssatire, Kulturgestalt, Krise der Moderne und künstlerische Autonomie.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Teufels in beiden Werken?
Während Bulgakows Teufel Voland als satirischer, fast experimenteller Beobachter der sowjetischen Gesellschaft agiert, fungiert der Teufel in Thomas Manns Roman eher als eine psychologische Projektion, die Leverkühns künstlerischen Durchbruch und seinen moralischen Verfall begleitet.
Welche Bedeutung kommt der "Hetaera Esmeralda" in beiden Romanen zu?
In beiden Werken dient sie als Chiffre für die tödliche Begegnung mit dem Dämonischen bzw. der Krankheit, die einerseits künstlerische Enthemmung ermöglicht, aber andererseits den Untergang der Figur besiegelt.
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- Xenia Janzen (Author), 2008, Moderne Dämonen - Michail Bulgakows „Master i Margarita“ und Thomas Manns „Doktor Faustus“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137080