Inwieweit hängen Fortschrittsdenken und Aufklärung mit Kolonialismus und Imperialismus in der liberalen Moderne zusammen? Wie kann der selbstdeklarierte Moment der politischen und wirtschaftlichen Freiheit zu Weltkriegen, dem Holocaust und Kolonialismus/Imperialismus geführt haben? Wie kann das autonome und rationale Subjekt der Moderne sich freiwillig einer Staatsgewalt unterwerfen und somit sich selbst quasi entmündigen? Welche epistemischen Grundlagen müssten dafür geschaffen worden sein?
Hobbes und Locke, auf die ich mich hauptsächlich in dieser Arbeit fokussiere, vereint der Wunsch nach einer sicheren Gesellschaftsordnung und es eint sie die Suche nach gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien die sich von Dogmen religiöser Art emanzipiert wollten. Sie stehen in der Tradition der Aufklärung und liberalen, bürgerlichen Gesellschaft, können aber auch als proto-imperialistische Denker betrachtet werden. Laut Arendt besteht eine enge Verbindung zwischen der liberalen Marktrationalität und der expansiven, imperialistischen (Geo-)Politik. Genau diese Ambivalenz der Moderne bzw. diese Dialektik der Aufklärung versuche ich in der folgenden Arbeit anhand des dichotomen Denkens aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit und zentrale Fragestellung
2. Epistemischen Grundlagen der kolonialen Moderne
2.1 Staatsgewalt bei Hobbes
2.2 Eigentumslogik und ursprüngliche Akkumulation
3. Konklusio
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die epistemischen Grundlagen der kolonialen Moderne anhand der politischen Theorien von Thomas Hobbes und John Locke, um aufzuzeigen, wie dichotome Denkmuster von Zivilisation und Barbarei zur Rechtfertigung von Herrschaft, Eigentum und imperialer Expansion genutzt wurden.
- Kritische Analyse des liberalen Gesellschaftsvertrags
- Die Konstruktion von Zivilisation und Barbarei als Machtinstrument
- Eigentumslogik und ursprüngliche Akkumulation bei Locke
- Staatsgewalt und die Rolle des Leviathan bei Hobbes
- Die Ambivalenz der Aufklärung und ihre koloniale Dimension
Auszug aus dem Buch
2.1 Staatsgewalt bei Hobbes
Welches Wissen muss produziert und reproduziert worden sein, damit „wir“ im Namen der Sicherheit, die Freiheit aufgeben? Welches Wissen musste sich durchsetzen, damit wir uns freiwillig einem biblischen Seeungeheuer (Leviathan) unterwerfen? Von diesem Ungeheuer sprach auch Nietzsche, der die vermeintliche Einheit von Staat und Gesellschaft kritisierte.
Obwohl Hobbes und Locke ein anderes Staatsverständnis vorweisen, können einige Parallelen gezogen werden. So zB skizzieren beide in einem reinen Gedankenexperiment mit wenig empirischer Fundierung einen „Naturzustand“. Beide Denker können im Lichte ihrer Zeit und der damaligen Bürgerkriege in Europa verstanden und gelesen werden. Demgemäß reagieren ihre Ansätze auf die dringenden Fragen ihrer Zeit. Vor dem Hintergrund des Englischen Bürgerkrieges (1640er) entwickelt Hobbes seine anthropologischen Annahmen über den Menschen. Er vertritt einen psychologischen Egoismus, denn laut Hobbes befinden wir uns im Naturzustand im Kampf aller gegen alle (bellum omnium contra omnes) aufgrund unserer Triebe und aufgrund des Wettstreits um Macht, Anerkennung und Ruhm. Da jeder Mensch, ganz egal wie stark und schlau er sein mag, mittels Kooperation mehrerer Menschen überwunden werden kann, ist das menschliche Zusammenleben durch Argwohn, Misstrauen und Konkurrenzdenken geprägt.
Diese Prädisposition verursacht aber gleichzeitig eine kriegerische Dynamik. Denn es liegt sogar in der Rationalität des Menschen diese Zustände bzw. Umstände zu antizipieren und somit selbst pro-aktiv zu werden, um präventiv diese Gefahren die die Anderen darstellen auszulöschen. Die Konklusion aus dieser „geometrischen Analyse“ mündet im Naturrecht, genauer im Recht auf Selbsterhaltung. Laut Hobbes sind wir frei und haben das Recht auf alles und Selbsterhaltung, jedoch gibt es keine Garantien dass diese „Gesetze“ eingehalten werden. Ähnlich des Ansatzes des Gefangenendilemmas, sind wir Menschen nun in einem Null-Summen-Spiel gefangen, wo wir genuin den anderen Mitstreiter:innen misstrauen müssen und nicht wissen wie der andere handeln könnte. Genau an diesem Punkt, konstruiert Hobbes einen anderen Zustand, wo diese Garantien (vermeintlich) gegeben seien.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft und deren rationalistisches Weltbild im Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus und führt in das zentrale Thema des dichotomen Denkens von Zivilisation und Barbarei ein.
1.1 Aufbau der Arbeit und zentrale Fragestellung: In diesem Unterkapitel beschreibt der Autor den Fokus seiner Untersuchung auf die epistemische Wissensproduktion und fragt nach den Kontinuitäten zwischen liberalen Vordenkern wie Locke und Hobbes und dem modernen Fortschrittsdenken.
2. Epistemischen Grundlagen der kolonialen Moderne: Das Kapitel analysiert, wie der Begriff der Zivilisation zur epistemischen Hierarchisierung dient und wie europäische Universalansprüche imperiale Ideologien und Unterwerfungsverhältnisse rechtfertigen.
2.1 Staatsgewalt bei Hobbes: Hier wird der Naturzustand und das Konzept des Leviathan als notwendige, aber autoritäre Antwort auf einen unterstellten menschlichen Egoismus im Kontext des Englischen Bürgerkrieges dekonstruiert.
2.2 Eigentumslogik und ursprüngliche Akkumulation: Dieses Kapitel kritisiert John Lockes Rechtfertigung von Privateigentum und zeigt dessen enge Verflechtung mit kolonialer Expansion sowie der systematischen Abwertung der Natur und nicht-kapitalistischer Lebensweisen auf.
3. Konklusio: Die Konklusio fasst zusammen, dass die liberale Staats- und Eigentumstheorie das emanzipatorische Potenzial der Aufklärung durch eine rassistische und expansionistische Grundstruktur untergräbt, die weiterhin in der kolonialen Moderne fortwirkt.
Schlüsselwörter
Zivilisation, Barbarei, koloniale Moderne, John Locke, Thomas Hobbes, Staatsgewalt, Gesellschaftsvertrag, Privateigentum, ursprüngliche Akkumulation, imperiale Lebensweise, politische Philosophie, Aufklärung, Naturzustand, Leviathan, Epistemologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Fundamente der liberalen Moderne bei John Locke und Thomas Hobbes und deren Rolle bei der Etablierung dichotomer Denkmuster, die imperiale Herrschaftsverhältnisse legitimierten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Verhältnis von Staatsgewalt, Eigentum, der Konstruktion des „Anderen“ durch Zivilisationsbegriffe sowie der Kritik an der ursprünglichen Akkumulation.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das bei Locke und Hobbes angelegte dichotome Denken den epistemischen Rahmen für koloniale Unterwerfung und die kapitalistische Durchdringung der Welt geschaffen hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Der Autor nutzt eine politikwissenschaftliche und historische Diskursanalyse, um die Theorien von Locke und Hobbes kritisch in den Kontext ihres zeitgenössischen Umfelds und ihrer langfristigen ideologischen Wirkkraft zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Staatsgewalt bei Hobbes, die durch Angst und Sicherheit legitimiert wird, und die Analyse der Eigentumslogik bei Locke, die der Natur und indigenen Völkern ihren Status abspricht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind die Dichotomie von Zivilisation/Barbarei, der Leviathan, Eigentum, ursprüngliche Akkumulation, imperiale Ideologien sowie die Kritik der Aufklärung.
Wie unterscheidet sich Hobbes' Verständnis von Staat von dem Lockes?
Während Hobbes' Leviathan primär als Antwort auf einen chaotischen, kriegerischen Naturzustand fungiert, konzentriert sich Locke auf die vertragstheoretische Sicherung von Privateigentum durch die Arbeit als wertschöpfendes Prinzip.
Warum spielt der Begriff der Barbarei eine so zentrale Rolle in der Argumentation des Autors?
Der Autor argumentiert, dass „Barbarei“ als negatives Gegenstück zur zivilisierten Gesellschaft fungierte, um koloniale Landnahme und Gewalt moralisch zu rechtfertigen, indem Nicht-Kapitalismus als „tierisch“ oder unentwickelt markiert wurde.
- Arbeit zitieren
- Josef Mühlbauer (Autor:in), 2023, Zivilisation und Barbarei. Zwillinge der kolonialen Moderne. Begründungsversuche der bürgerlichen Gesellschaft bei John Locke und Thomas Hobbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1370833