Thietmar von Merseburg gilt für Mitteldeutschland und für die Zeit des 10. und 11. Jahrhunderts als einer der wichtigsten Chronisten. Er schrieb in seinem Werk nicht nur über politische Ereignisse, sondern erlaubt uns genauso einen Blick auf die
einfachen Leute seiner Zeit. Wer aber heute die Chronik des Thietmar liest, dem fällt früher oder später auf, dass Fremdstämmige, und dabei besonders die Slaven, häufig
negative Bezeichnungen erfahren. In der hier vorliegenden Hausarbeit soll daher untersucht werden, ob das durchgehend der Fall war und warum er scheinbar eine so schlechte Meinung von
seinen Mitmenschen hatte. Ist dieser Mann ein politischer oder religiöser Fanatiker? Sind seine Äußerungen auf sein politisches und soziales Umfeld zurückzuführen? Oder hatte er für seine Aussagen Gründe, die dem Leser zunächst verborgen bleiben?
Ich habe nach einer kurzen Beschreibung des Lebens und Werks Thietmars meine Untersuchungen auf zwei Aspekte konzentriert. Das Slavenbild, das er von seinen Gegnern hatte sowie das Bild seiner Untertanen. Danach befasse ich mich mit dem aktuellen Forschungsstand über das Slavenbild des Thietmar. Abschließend werde ich in meinem Fazit die gewonnenen Erkenntnisse kurz
zusammenfassen und das Ergebnis meiner Arbeit präsentieren.
Dieses Ergebnis ist nicht nur für die Bewertung eines Mannes wichtig, dessen 1000jährigen Todestag wir in zehn Jahren begehen werden, sondern auch im Hinblick auf den heutigen Umgang mit Mitmenschen anderer Religionen und Herkunft. Denn heute wie damals ist das Verhalten der anderen und das Bild, das wir von diesem Verhalten haben sowie die schriftlichen Zeugnisse darüber, so unterschiedlich, dass das letzte mit dem ersten nur noch wenig verbindet. Gerade deshalb ist es wichtig, mit einem Blick in eine Zeit vor 1000 Jahren zu beginnen und dadurch unsere heutigen Ansichten neu zu überdenken.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Thietmar von Merseburg und seine Chronik
2.1 Thietmar von Merseburg
2.2 Chronicon Thietmari Merseburgensis
2.3 Das Bistum Merseburg und die Slaven zur Zeit Thietmars
3 Das Slavenbild des Thietmar von Merseburg
3.1 Die Slaven als Gegner
3.2 Die Slaven als Untertanen
3.3 Das Slavenbild des Thietmar von Merseburg in der aktuellen Forschung
4 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Slavenbild des mittelalterlichen Chronisten Thietmar von Merseburg, um zu klären, ob seine oft negativen Beschreibungen religiöser Fanatismus waren oder auf politisch-soziale Faktoren zurückzuführen sind, und zieht dabei Parallelen zum heutigen Umgang mit anderen Kulturen.
- Lebensweg und Werk des Thietmar von Merseburg
- Die Darstellung der Slaven als politische Gegner und Bündnispartner
- Das Zusammenleben von Slaven und Deutschen im Bistum Merseburg
- Religiöse Konfliktfelder und der Umgang mit Heidentum
- Aktueller Forschungsstand zum Slavenbild in der Mittelalterforschung
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Slaven als Gegner
Für seine Gegner, seien es nun Bayern, Slaven oder Franken fand Thietmar schnell abwertende Bezeichnungen.
Dabei sprach er oft von deren Herrschern und wertete sie in einer ihm typischen Art. Bei den Slaven traf es vor allen Boleslav I, der seit 992 Herzog von Polen war und im Jahre 1000 erster König von Polen wurde. Er war während der Amtszeit Thietmars ständiger Konfliktpartner an der Merseburger Grenze.
Als Boleslaw I. dem deutschen König bei seinem Romzug 1013 trotz Absprachen keinerlei Hilfe zukommen lies, wertete ihn Thietmar „...wie üblich ein Lügner...“7, der versucht den König zu hintergehen. Insgesamt kann man festhalten, dass Thietmar für Boleslav nicht viele freundliche Worte übrig hatte. So nannte er ihn „Mieszkos“, den so tief unter dem Vater stehenden Sohn8, und die Deutung des Namens Boleslav als „hoher Ruhm“ hielt er für völlig unrichtig9. Weiterhin fand er für ihn Attribute wie „...füchsische Verschlagenheit...“, „...Furcht erregend...“ und „...vieler Mütter Unglück...“10.
Schlimmer schien für ihn der Aberglaube, dem die Polen und Liutizen zum Teil parallel zum Christentum anhingen. Zwar war Boleslav Christ und auch an der Verbreitung des Christentums beteiligt, aber sowohl im Reich als auch im angrenzenden Polen war das Volk in den alten Kulten tief verwurzelt. Die Liutizen, die vor seiner Amtszeit im Jahre 983 den Slavenaufstand begannen und sich seitdem wieder vollständig vom Christentum abgewandt hatten, waren für ihn ein Gräuel.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung stellt die Bedeutung des Chronisten Thietmar von Merseburg dar und formuliert die Forschungsfrage, ob seine negative Darstellung der Slaven religiös oder politisch motiviert war.
2 Thietmar von Merseburg und seine Chronik: Dieses Kapitel skizziert die Biografie Thietmars sowie den Inhalt und den historischen Kontext seiner Chronik, einschließlich der Rolle des Bistums Merseburg an der Grenze zu den Slaven.
3 Das Slavenbild des Thietmar von Merseburg: Der Hauptteil analysiert, wie Thietmar Slaven als politische Feinde, aber auch als Untertanen im Bistum beschreibt, und beleuchtet die Einordnung dieser Sichtweise in der modernen Forschung.
4 Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Thietmars negative Sichtweise weniger durch das "Slavensein" als durch fehlende religiöse Treue und politische Unzuverlässigkeit geprägt war.
Schlüsselwörter
Thietmar von Merseburg, Slavenbild, Mittelalter, Chronik, Boleslaw I, Liutizen, Christianisierung, Bistum Merseburg, Heidentum, Kulturkontakte, Westslaven, Geschichtsschreibung, Ottonen, Religionsgeschichte, Mittelalterliche Konflikte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild der Slaven in der Geschichtsschreibung des Bischofs Thietmar von Merseburg im 10. und 11. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen umfassen die Rolle der Slaven als politische Gegner, ihr Leben als Untertanen im christlichen Bistum Merseburg sowie die religiösen Spannungen zwischen Christentum und heidnischen Bräuchen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob Thietmars negative Äußerungen über Slaven religiösem Fanatismus entspringen oder auf rationalen, politisch-sozialen Gründen basieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine historische Quellenanalyse der Chronik des Thietmar von Merseburg im Abgleich mit existierenden Forschungsergebnissen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Slaven als äußere Gegner (z.B. Boleslaw I.), als innere Untertanen des Bistums sowie in eine Diskussion des Forschungsstandes.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Thietmar von Merseburg, Slavenbild, Ottonen, Heidentum und Kulturkontakte im Mittelalter.
Warum unterscheidet Thietmar bei der Beurteilung von Slaven?
Thietmars Beurteilung hängt stark davon ab, ob die Slaven als politisch zuverlässige Partner oder als heidnische Akteure wahrgenommen werden, die christliche Werte oder Treueeide verletzen.
Welche Bedeutung kommt dem Begriff „Hokuspokus“ im Text zu?
Der Text leitet „Hokuspokus“ aus den lateinischen Wandlungsworten „hoc est corpus“ ab und nutzt es als Beispiel für die Unkenntnis und den Spott der Slaven gegenüber der lateinischen Liturgie.
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- Matthias Hünert (Author), 2008, Das Slavenbild des Thietmar von Merseburg, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137097