Körperkult, Schönheitswahn und Essstörungen. Probleme junger Mädchen in der Adoleszenz

Möglichkeiten für sozialpädagogisches Handeln in der Mädchenarbeit


Diplomarbeit, 2006

97 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kulturgeschichtlicher Überblick über Schönheits- und Körperideale im Wandel der Zeit
1.1. Definitionsansätze der Schönheit des Gesichtes
1.2. Der attraktive Körper und sein Versprechen
1.3. Schönheitsideale des Körper im Wandel der Zeit
1.3.1 Von der Altsteinzeit bis ins 20. Jahrhundert
1.3.2 Das 20. Jahrhundert
1.3.3 Das aktuelle Schönheitsideal
1.4. Resümee

2 Mädchen und ihr Körper in der Adoleszenz
2.1 Definition und Verlauf der Adoleszenz
2.2 Physische und Psychische Entwicklung der Mädchen in der Adoleszenz
2.2.1 Physische Entwicklung
2.2.2 Psychische Entwicklung
2.2.3 Die Bedeutung des Körpers in der Adoleszenz
2.3 Körperidentität, Körperbewusstsein und Körpergefühl junger Mädchen
2.4 Schönheit als Waffe gegen die Emanzipation
2.5 Der Einfluss der Medien, Werbung, Models und von Hollywood auf das Schönheitsempfinden von Frauen
2.6 Schönheitsideale und Gesundheitsvorstellungen – Hunger nach Schönheit und Anerkennung
2.7 Resümee

3 Körper, Schönheit und Gesundheit – ein ambivalentes Verhältnis
3.1 Der Körper, die Seele und die Gesundheit – Borderline, eine Reaktion auf das Leben
3.2 Gesundheitliche Gefahren – Erscheinungsformen von Essstörungen
3.2.1 Wann ist ein Essverhalten normal und wann ist man essgestört
3.2.2 Anorexia Nervosa – Magersucht
3.2.3 Bulimia Nervosa – Essbrechsucht
3.2.4 Adipositas – Esssucht
3.2.5 Orthorexia Nervosa – Richtiger Appetit
3.3 Körperliche und medizinische Folgen von Essstörungen
3.4 Resümee

4 Mädchenarbeit
4.1 Mädchenarbeit allgemein
4.1.1 Geschichtlicher Umriss der Mädchenarbeit – Die Entstehung und Entwicklung der Mädchenarbeit
4.1.2 Mädchenarbeit unter Kritik
4.1.3 Die Maxime der Mädchenarbeit
4.2 Möglichkeiten der körperorientierten Projektarbeit mit Mädchen in der Adoleszenz
4.2.1 Aufgaben der Mädchenarbeit in Bezug auf Körper, Schönheit und Essstörungen
4.2.2 Aufgaben der körperbezogenen Mädchenarbeit
4.2.4 Resümee

5 Resümee

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnis
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Unveröffentlichte Arbeiten

Persönliche Erklärung

Einleitung

Thema und Intention

Im Rahmen der Aktion für mehr Selbstbewusstsein „Initiative für wahre Schönheit“, wurden im Auftrag des Kosmetikunternehmens Dove 3300 Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren befragt. Anlässlich dieser Erhebung, haben 92 Prozent aller Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren geäußert, sie würden gerne mindestens einen Gesichtspunkt ihres Äußeren verändern. Am häufigsten wurde mit 35 Prozent das Gewicht benannt.[1] Beängstigend ist der Mangel an Selbstvertrauen, der sich laut der Befragung, für 72 Prozent der Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren, auf den Alltag auswirkt. So gaben die Mädchen an, dass sie bestimmte Unternehmungen vermeiden würden, sobald sie mit ihrem Äußeren unzufrieden sind. Zu diesen Aktivitäten zählen Unternehmungen, bei denen sie sich selbst präsentieren müssen, wie beispielsweise Strandgänge oder Sport treiben. So wird sogar für 16 Prozent der Mädchen der Gang in die Schule zu einer Überwindung, die nicht immer bezwungen werden kann. Für Mädchen in der Pubertät und Adoleszenz dient der Körper als zentraler Ort der Identitätsfindung. Gesellschaftlich anerkannte Ideale der Schönheit üben erheblichen Einfluss auf sie aus. Für junge Mädchen sind die Darstellungen von Schönheitsidealen, die z.B. in den Medien repräsentiert werden, ein Vergleichsfeld zu sich selbst. Die Schlagzeilen und Reportagen, die sich mit Schönheit und Körper befassen, sind in den Medien allgegenwärtig. Sie erzeugen das gesellschaftliche Interesse an diesen Themen und spiegeln dies wider. In Einklang mit dem eigenen Körper zu kommen, erscheint in unserer Gesellschaft aus verschiedenen Gründen als eine Lebensaufgabe, deren Ziel recht schwer zu erreichen ist. Heutzutage wird zwar Individualität angestrebt, dennoch wollen viele Menschen gleichzeitig einem normierten Körperschema entsprechen. Dieses Ideal setzt jedoch strenge und irreale Regeln und Vorstellungen vor. So gibt es z.B. seit nicht allzu langer Zeit in Hollywood die Hosengröße Zero, deren Hosenbeine den Umfang eines 12-jährigen Kindes entsprechen. Diese Hosen werden aber von erwachsenen Frauen gekauft und getragen, wie z.B. vom Promi Ex-Spicegirl Viktoria Beckham. In meinem studienbegleitenden Praxissemester bin ich dem Thema Schönheit und Körper immer wieder begegnet. Die Mädchen in der Kinder- und Jugendförderung befanden sich im Alter zwischen 11 und 18 Jahren. Sie standen regelrecht auf Kriegsfuß mit ihrem Körper. Sie verfolgten die Klatschpresse mit Inbrunst und verglichen die extrem schlanken Körper der Stars mit ihren eigenen, die ihrer Ansicht nach, hin zu diesem Ideal bearbeitet werden mussten. Der Körper und sein Aussehen wird in unserer Gesellschaft in Bezug zur Schönheit gesetzt. Mädchen stehen in der Adoleszenz unter einem immensen Druck diesem Schema zu entsprechen und sich immer wieder auf die Veränderungen aktueller Schönheitsdefinitionen einzustellen und anzupassen. Es ist ein Spagat zwischen Einzigartigkeit und Unterordnung. „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“, diesen Spruch kennt wohl jeder. Doch woher weiß der Betrachter, dass er sein Gegenüber schön findet? Mädchen in der Adoleszenz versuchen sich an allgemeinen Anschauungen, die sie über die Medien erfahren, zu orientieren. Aus diesem Grund riskieren viele Mädchen und junge Frauen ihre physische und psychische Gesundheit. Sie erproben alle erdenklichen Diäten und Möglichkeiten, um Gewicht zu verlieren und einem Ideal näher zu kommen. Der Übergang von gesundem Abnehmen hin zu Essstörungen ist fließend. Aufgrund dieser Erkenntnisse war für mich früh klar, dass ich in meiner Diplomarbeit näher auf dieses Thema eingehen möchte. Zentraler Punkt dieser Diplomarbeit soll deshalb das sozialpädagogische Handeln und die Möglichkeiten der Mädchenarbeit zum Thema Körperkult und Schönheitswahn sein. Unter anderem wird überlegt und hinterfragt welchen Einfluss der aktuelle Schönheits- und Körperwahn auf die Entstehung von Essstörungen hat. Um tiefer in die Materie vorzudringen, bedarf es der Erörterung der Themen aus verschiedenen Perspektiven. Deshalb werde ich auf die Bereiche der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Schönheitsdefinition eingehen und mich mit dem ambivalenten Verhältnis zwischen Gesundheit und Körper, als auch der Bedeutung des Körpers in der Entwicklung von Mädchen in der Adoleszenz auseinandersetzen.

Entwurf meiner Arbeit:

Kapitel 1.

Wie bereits erwähnt werden in dieser Diplomarbeit die kulturbedingten Schönheits- und Körperideale aufgezeigt, welche sich in der Geschichte der Menschheit immerzu verändert oder wiederholt haben. Ich werde aufzeigen, dass das, was wir in der heutigen Zeit als attraktiv empfinden, zu einem anderen Zeitpunkt als gegenteilig beurteilt worden wäre. Die Gesellschaft propagiert ein Schönheitsideal, das universell und gegen jede Natur des Körpers spricht. So kann z.B. eine zierliche Frau nicht im natürlichen Sinne eine große Oberweite besitzen, die aber heutzutage als schön empfunden wird. Die Oberweite besteht aus Fetteinlagerungen, die sie nicht besitzen kann, wenn ihr Körper ansonsten kaum Fetteinlagerungen hat. Dies ist eine utopische Vorstellung, die biologisch gesehen, kaum vorkommen kann. Junge Mädchen wollen einem Ideal entsprechen, wissen jedoch gar nicht, dass das was heute als Vollkommen gilt, illusorisch ist. Anhand der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Schönheit, möchte ich die Vergänglichkeit und Veränderungen aufzeigen. Junge Mädchen sollen wissen, dass das heutige Schönheitsideal, sich wie jedes andere, verändern kann und mit aller Wahrscheinlichkeit auch wird. Es soll bewusst gemacht werden, dass die Anatomie des Körpers eine andere ist, als die, welche uns z.B. in den Medien präsentiert wird. Des Weiteren wird gezeigt, dass bestimmte Körperformen sehr wohl ihren Sinn haben und wir nicht ohne Grund unseren Scharfblick auf den Körper eines anderen Menschen richten.

Kapitel 2.

Der Körper, der sich in der Adoleszenz verändert, beschäftigt jedes Mädchen. In seiner Entwicklung leitet er nicht nur körperliche Funktionen ein, sondern verändert auch die Denkweise und die Psyche der Heranwachsenden. Für ein besseres Verständnis, wird die Adoleszenz definiert und ein Überblick über die psychischen sowie körperlichen Veränderungen aufzeigt. Das Empfinden und die Denkweisen verändern sich. Infolgedessen soll geklärt werden, was Mädchen beschäftigt, was sie verunsichert. Im Genaueren; was in dieser Zeit mit ihnen passiert? Der Körper, die Hormone und die neuen Gedanken, sie alle bringen eine Reihe von Verwirrungen in das Gefühlsleben der Mädchen. Sie spüren Verunsicherung und Irritationen in Bezug auf ihren Körper und Geist. Dieses Thema steht in einem wichtigen Zusammenhang zur Gesundheit des Körpers, denn der Übergang von gesunder Lebensweise, zu der die Ernährung gehört, hin zu einer Essstörung, ist fließend.

Kapitel 3.

Für die Gesellschaft und somit auch für viele Mädchen ist das Schlanksein gleichgesetzt mit Schönheit, Erfolg und Attraktivität. Aus diesem Grund riskieren viele Mädchen ihre physische und psychische Gesundheit und erproben alle erdenklichen Diäten und Möglichkeiten, um Gewicht zu verlieren. Sie sind von dem Streben nach dem Ziel „Schlanksein“ so vereinnahmt, dass sie den natürlichen Bezug zum Essen verlieren und irgendwann nicht mehr wissen, was eine „normale“ gesunde Ernährung ausmacht. Dies ist in unserer Wohlstandsgesellschaft keine Seltenheit mehr. Aufgrund dessen möchte ich in dieser Arbeit auf die Frage eingehen, was eine normale und eine essgestörte Ernährung ausmacht und ab wann man von einer Essstörung sprechen kann. Folgend werde ich die Formen von Essstörungen und die psychischen und physischen Risiken aufzeigen. Menschen haben verschiedene Möglichkeiten auf ihren Körper einzugehen und ihn zu verändern. Bei jungen Mädchen ist der Körper das Zentrum ihrer selbst. In der Zeit der Adoleszenz können Mädchen nur schwer Einfluss auf ihr Leben nehmen. Der Körper verändert sich, ohne dass sie gefragt werden. Die Veränderungen des Körpers und des Hormonhaushaltes lassen ihnen wenig Spielraum für die eigene Regie in ihrem Lebenslauf. So ist die einzige Macht, die sie besitzen, die Macht über das Gewicht ihres Körpers. Diese nutzen sie für sich und gehen oft riskante und radikale Wege, die sie krank machen können. Ich werde in diesem Kapitel die ambivalente Haltung adoleszenter Mädchen zu ihrem Körper aufzeigen und verschiedene Richtungen skizzieren, welche die Mädchen gehen und wie sie dabei ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Eingehend auf die Symptome von Essstörungen, möchte ich die möglichen Ursachen erörtern und Therapiemöglichkeiten vorstellen.

Kapitel 4:

Schon während meines Freiwilligen Sozialen Jahres in einem Kindergarten wurde ich immer wieder mit der Thematik der Schönheit konfrontiert. Für die Mädchen im Kindergarten waren diese Themen sehr wichtig. Mir fiel auf, dass sie sich mit ihrer Erscheinung mehr auseinander setzten, als die Jungen in der Einrichtung. Für viele von ihnen stand schon damals die Anerkennung durch das Äußere in Verbindung mit einer erstrebenswerten Qualität. Ich kann mich an ein fünfjähriges Mädchen erinnern, das beim Mittag bestimmte Lebensmittel aufgrund der Kalorien nicht essen wollte. Sie meinte, dass sie sie dick machen würden und sie deshalb auf diese Lebensmittel verzichten müsste. Dieses Mädchen hat mich sehr nachdenklich gemacht. Es war erschreckend, dass ein fünfjähriges Kind schon in einem Konflikt mit seinem eigenen Körper stand. Vor ca. einem Jahr habe ich in der Kinder- und Jugendförderung in Pfungstadt das Projekt „Mädchen-Wellness-Workshop“ konzipiert und für Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren angeboten. Dieser Workshop nahm das Thema Körper, Schönheit und Gesundheit wahr. In überarbeiteter Form und mit neuen Einflüssen, sowie Verbesserungsvorschlägen, möchte ich die Möglichkeiten des sozialpädagogischen Handelns aufzeigen und ergänzend die Mädchenarbeit mit ihren Zielen und Anforderungen vorstellen. Ebenso werde ich vorhandene Projekte in meine Arbeit einfließen lassen und sie vorstellen.

1. Kulturgeschichtlicher Überblick über Schönheits- und Körperideale im Wandel der Zeit

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Woher weiß aber das Auge was ihm gefällt? Warum finden wir manche Menschen schön und andere nicht. Wieso fallen uns bestimmte Körper positiver auf, als andere. Sind wir auf Schönheit getrimmt? Ist die Einstellung zur Definition der Schönheit konstant geblieben, oder hat sie sich aus der kulturgeschichtlichen Sicht von Zeit zur Zeit verändert und wenn ja, weshalb? Wir sind in unserer Urteilsbildung recht schnell – genauso wie mit den Aussagen über schöne Körper und Gesichter. Doch woher stammt unsere Anschauung, die wir meist so selbstsicher und ohne sie in Frage zu stellen vertreten und nach außen tragen? Diesen Fragen möchte ich in diesem Kapitel auf den Grund gehen. Hierzu werde ich zunächst einmal die gesellschaftliche Wahrnehmung und Auffassung von Schönheit beleuchten. Ich werde die geschichtlichen Entwicklungen und Veränderungen aufzeigen und ihre Gründe erläutern. Die Definition der gegenwärtigen Schönheit resultiert aus vielen verschiedenen gesellschaftlichen Zusammenhängen, die auf ein anderes Zeitalter so nicht zu übertragen sind. Wir empfinden heutzutage beispielsweise dünne Frauen als attraktiv, wogegen diese Frauen, in einem anderen Jahrhundert, keine positive Beachtung erhalten hätten. Es ist wichtig dies aufzuzeigen, da die Selbstverständlichkeit mit der wir heute die Schönheit definieren, keine konstante Bestimmung ist und sich jederzeit durch wirtschaftliche Veränderungen, verschieben kann.

1.1. Definitionsansätze der Schönheit des Gesichtes

„Der Laie glaubt, schön sei, was ihm gefällt.“[2]

Schönheit hat in der Gesellschaft einen hohen Stellenwert, doch weshalb erhält Schönheit eine so immense Beachtung? Was macht ein schönes Gesicht aus, oder einen schönen Körper? Wenn wir annehmen, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt, dann bedeutet das, dass wir den Begriff aus der normativen Sicht nicht definieren können. Zum gewissen Teil stimmt das auch. Jedoch hat die Gesellschaft Schönheit und die Attraktivität des Körpers in jedem Zeitalter anhand von Schönheitsidealen für die Allgemeinheit neu definiert. Auch wenn die Geschmäcker variieren, hat die Sicht auf das was uns gefällt, immer einen Zusammenhang mit Symmetrie gehabt. Jeder Mensch beurteilt spontan welches Gesicht ihm gefällt und welches nicht. Die meisten von ihnen wissen jedoch nicht weshalb sie sich so leicht entscheiden können. Symmetrie steht als eine Art Indiz für das Schöne. So werden Gesichter, die symmetrisch sind, in der Bevölkerung als attraktiv empfunden. Auch wenn wir heutzutage behaupten, dass man Attraktivität nicht verallgemeinern kann, wir das Individuelle schön finden und man Schönheit nicht als Normativ ansehen kann, entscheiden wir uns trotzdem für ähnliche Gesichter. Bei wissenschaftlichen Befragungen wurde festgestellt, dass das Empfinden für Schönheit doch sehr einheitlich ist.[3] Werden wir für dieses Empfinden geschult, oder liegt das in unseren Genen? Die Wissenschaft sagt, dass selbst Babys anziehende Gesichter von unansehnlichen unterscheiden können. Zeigt man ihnen Fotos mit unterschiedlich attraktiven Gesichtern, so betrachten sie die Attraktiven wesentlich länger als die Unattraktiven.“[4] Die Psychologie macht es sich etwas einfach und behauptet, dass ein Gesicht als Schön bewertet werden kann, wenn die repräsentative Mehrheit es als schön empfindet. Doch wie unterscheiden sich schöne Gesichter von den weniger schönen nun wirklich? Die Forschung hat herausgefunden, dass Merkmale der Schönheit in Verbindung zur Harmonie stehen. Im Allgemeinen ist Harmonie die Übereinstimmung vom Einklang und Ebenmaß. Das heißt, wenn die Proportionen der Nase, zu den des Mundes, sowie zu denen der Augen etc. stimmen, dann entsteht ein harmonischer Eindruck des Gesichtes, der als attraktiv angesehen werden kann.[5] Leider muss man einräumen, dass das Auge nicht besonders flexibel ist, denn wenn wir Bilder von Gesichtern, die auf dem Kopf stehen betrachten, so tut sich das Gehirn mit dem Urteil über schön oder nicht schön schwer.[6] Untersuchungen haben gezeigt, dass es eine Art Muster für die Attraktivität des Gesichtes einer Frau gibt. Man nennt es das Kindchenschema. Frauen, die dem Kindchenschema entsprechen, gelten als attraktiv. Die Proportionen des Gesichtes entsprechen weitestgehend denen von Kindern. So gilt im Verhältnis zum Körper, ein proportional großer Kopf mit dominant gewölbter Stirn und relativ weit unten liegenden Gesichtsmerkmalen (Augen, Nase, Mund) als anziehend. Typische Merkmale dieses Ideals sind wie unten in der Zeichnung aufgezeigt, große, runde Augen und Wangen, eine kleine kurze Nase, und ein kleines Kinn.[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Merkmale des Kindchenschemas:

Großer Kopf

Große, dominante, gewölbte Stirn

Relativ weit unten liegende Gesichtsmerkmale (Augen, Nase, Mund)

Große, runde Augen

Kleine, kurze Nase

Runde Wangen

Kleines Kinn[8]

Aufgrund dieser Eigenschaften stellt sich die Frage, weshalb wir die Gesichter mit den kindlichen Gesichtszügen für attraktiv befinden und ob die Attraktivität einen Sinn für uns Menschen hat. Dass Jugend als perfekte Schönheit angesehen wird, ist kein momentaner Trend. Schon Künstler wie Michelangelo haben schöne Frauen diesem Schema entsprechend gezeichnet.

Wie zum Beispiel die „Delphische Sibyll“, die in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan zu sehen ist.

Sie erfüllt die Merkmale des Kindchenschemas bis ins kleinste Detail. Aber warum ist dieses Muster von so hoher Bedeutung? Weshalb ist dieses jugendliche Aussehen für die Beurteilung von Schönheit wichtig? Diese Fragen werde ich in Verbindung mit der körperlichen Attraktivität eruieren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2. Der attraktive Körper und sein Versprechen

Meiner Ansicht nach besteht der Körper aus einer Art Korsett, in die wir streng begrenzte Körpermaße einfügen, welche die Attraktivität definieren. Obwohl sich die Vorstellungen vom Idealgewicht des Körpers über Jahrhunderte und Jahrtausende immer wieder verändert haben, blieben die sogenannten idealen Taillen-Hüft-Verhältnisse immer im gleichen Bereich. Für diese idealen Proportionen wurde eine mathematische Formel aufgestellt, die die Masse der Taille und der Hüfte berechnet. Der ideale Wert beträgt immer 0,7. Eine Frau z.B. die einen Taillenumfang von 63 Zentimeter hat, muss um auf den Wert 0,7 zu kommen, einen Hüftumfang von 90 Zentimetern (63 / 90 = 0,7) aufweisen. Ganz gleich zu welcher Zeit eine Frau als attraktiv gegolten hat, sei es Kate Moss in den 90ern oder Marilyn Monroe in den 50ern, ihre Werte entsprachen beide dem Idealwert von 0,7. Forscher erklären dieses Phänomen auf biologischem Hintergrund. Sie haben in Untersuchungen herausgefunden, dass es einen Zusammenhang zwischen der Fruchtbarkeit und dem Taillen-Hüftwert gibt.[9] Laut der Attraktivitätsforschung geht es bei der Schönheit, Jugendlichkeit und dem Kindchenschema um die Auswahl der Partnerinnen für die Reproduktion. Die Attraktivität des Gesichtes und somit auch die Wahrscheinlichkeit der Fruchtbarkeit wird durch zwei weitere Merkmale, die sich im Grunde genommen dem Kindchenschema widersetzen, erhöht. Zum einen gelten hohe, ausgeprägte Wangenknochen und zum anderen konkave Wangen zu den Symbolen einer erwachsenen Frau, die sich erst während der Jugend entwickeln. Diese Erkennungszeichen repräsentieren den Männern die Reife der Frau für den Nachwuchs. Biologisch gesehen haben sich die Merkmale, nach denen die Männer urteilen, im Laufe der Evolution herausgebildet und sind mittlerweile angeboren. Hier geht nach dem Prinzip, je jünger die Frau, desto mehr Kinder kann sie zur Welt bringen. So gesehen ist die Vorliebe für junge Gesichter ein Faktor für die „genetische Fitness“.[10] Um die Frau und ihre Fruchtbarkeit besser einschätzen zu können, gehen Männer nach den Merkmalen des Kindchenschemas, der mathematischen Berechnung des Tailen-Hüft-Verhältnisses und der Jugendlichkeit. Eine glatte, faltenlose, makellose Haut gibt Auskunft über den Zustand und das Alter sowie die Aussichten auf die Fruchtbarkeit der Frau. Die sexuelle Reife des Körpers einer Frau leiten Männer anhand von sekundären Geschlechtsmerkmalen ab, die sich während der Pubertät entwickeln. Zu diesen Merkmalen zählen schmale Schultern, breites Becken, schmale Teile, sowie die typisch weibliche Ansammlungen von Fett und Bindegewebe an Busen, Gesäß und Oberschenkeln.[11] Väter geben die Vorliebe für Jugendlichkeit über die Gene an den männlichen Nachwuchs weiter, der sich später ebenso an dem Muster des Vaters orientiert.[12] Hält man sich vor Augen, dass diese Auskünfte die Möglichkeiten zur Reproduktion verraten, so wird verständlich, weshalb diese Ideale für Frauen viel wichtiger sind, als für Männer, denn bei Frauen bedeutet das Nichterreichen oder Schwinden dieser Merkmale, eine Verringerung der Fruchtbarkeit.[13] Frauen unterliegen einem viel höheren gesellschaftlichem Druck, schön und jung auszusehen, als Männer. Altersmerkmale werden bei Frauen negativer beurteilt als bei Männern. Männer bekommen Linien, Frauen Falten. Ein Mann, der in die Jahre gekommen ist und langsam graue Schläfen bekommt, wird oft noch als attraktiv bewertet, bei einer Frau ist es in der Regel ein Anzeichen für Alterung, die nichts mit Attraktivität zu tun hat. Was steckt dahinter? Barbara Sichtermann versucht dies in dem Buch „Reflexionen vor dem Spiegel“ folgendermaßen zu erklären. Sie ist der Meinung, dass der Zusammenhang zwischen dem weiblichem Geschlecht und der Assoziation der Schönheit gerade deshalb so einen großen Platz bei den Menschen einnimmt, weil die „Schlüsselpositionen gesellschaftlicher Macht und Geltung, in unserer Gesellschaft, in den Händen von Männern liegen“.[14] Das Erringen von Prestige, Erfolg und Einfluss wird den Frauen erst dann zugesprochen, wenn sie vom anderen Geschlecht akzeptiert werden. Im Genaueren haben sich Männer die Macht über die Außenwelt, das heißt die politische und wirtschaftliche Macht, sowie die produktive Arbeit, Wissenschaft, Kunst und andere öffentliche Betätigungsfelder untereinander aufgeteilt. Für Frauen bleibt da wenig übrig. Ihnen wird die Macht über das Geschlechtliche zugesprochen. So ist das Geschlecht und ihre Schönheit ein Code für die Macht der Frauen am Mann. Über die Akzeptanz, bekommen Frauen auf Umwegen einen Zugang zur Welt der Männer. Wenn dies für Frauen die einzige Quelle ist, dann rechtfertigt das den Druck, der auf ihnen lastet. Ob dies jedoch die einzige Erklärung für den Schönheitsdruck und die Möglichkeiten der Frauen zur Anteilnahme an der Außenwelt ist, wage ich zu bezweifeln. Meiner Meinung nach ist die Problematik viel komplexer.

1.3. Schönheitsideale des Körper im Wandel der Zeit

1.3.1 Von der Altsteinzeit bis ins 20. Jahrhundert

Um einen Überblick über die Schönheitsideale der Geschichte zu erhalten, ist es notwendig sich der Kunst und der Aktzeichnung der jeweiligen Epochen zuzuwenden. Aus jedem Jahrhundert existieren Abbildungen, welche die Frau und die Ansichten über Schönheit jener Zeit reflektieren. Die Kennzeichen über die Gebärfähigkeit und Jugendlichkeit, die ich vorhin anhand des Gesichtes beschrieben habe, möchte ich nun mit den Ausführungen über den Körper erweitern und ergänzen. In der Geschichte der Menschheit wurden schon sehr früh Frauenkörper künstlerisch dargestellt. Eine bekannte Skulptur ist die Venus von Willendorf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Skulptur Venus von Willendorf entstand um 25.000 v. Chr. und wurde 1908 bei Bauarbeiten der Donauuferbahn in Willendorf in der Wachau gefunden.

Wenn wir annehmen, dass die Venus von Willendorf den Schönheitsvorstellungen der damaligen Zeit entsprach, dann hatten die Menschen der Steinzeit eine Schwäche für stattliche Beine, Bäuche, Hinterteile und große, hängende Brüste. Die ersten schriftlichen Zeilen über Schönheit und die Prozeduren zur Gestaltung des Körpers sind vor ungefähr zehntausend Jahren für die Bibel verfasst worden. Zu dieser Zeit ist farbiges Pulver für das Schminken der Göttinnen, Priesterinnen, Königinnen und Sklavinnen zerrieben worden. Ca. 5000 v. Chr. wurde bei den Ägyptern die Schönheit über die Gepflogenheiten des Schminkens und der rituellen Körperpflege definiert.[15] Aufwändige Pflege des Körpers war in der Antike sehr wichtig und zählte zu den Bräuchen des Alltags. Um 1300 v. Chr. wuschen sich die Ägypter mit Wasser, dem Kalkspat beigemischt war, und rubbelten sich mit einer Nilschlammpackung aus Tonerde ab.[16] Der Grund für die ausgiebige Pflege war das Klimaverhältnis dieses Landes. Die Ägypter mussten sich vor der Schädigung der Hitze und Sonne schützen und so versuchten sie mit Pflegeobservanzen einer schnellen Hautalterung entgegenzuwirken. Aus diesen Informationen wissen wir, dass Jugendlichkeit auch den Ägyptern schon wichtig war. Glaubt man, dass die gesellschaftlichen Zwänge zur Erfüllung der Schönheitsvorgaben erst unserer Zeit entsprungen sind, so irrt man. Zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung galten klassische Skulpturen als Schönheitsideale nach denen man sich zu richten hatte. Schon im aufkeimenden Griechenland bedeutete Schönheit in erster Linie Harmonie der Proportionen. Außerdem richteten sich die Menschen nach Hippokrates, der regelmäßiges Fasten, körperliche Betätigung und häufiges Baden empfahl. Auch die Haut hatte einen hohen Stellenwert in der damaligen Zeit. So galt ein heller Teint als Inbegriff der Vollkommenheit.[17]

Später im Mittelalter, der Zeit des ausgeprägten Christentums, wurde die Frau zwischen zwei Polen akzentuiert. Als Gegenpol zur Schönheit der dämonischen Eva, die der Menschheit das Verderben gebracht hatte, stand die erhabene Jungfrau Maria. Für das monastisch geprägte Christentum war Maria die Reinheit, denn ihr Körper ist unberührt geblieben, im Gegensatz zur Erbsünderin Eva. Maria wurde als die Verkörperung der Schönheit in der Kunst dargestellt und kennzeichnete die Zeit vom 11. bis ins 14. Jahrhundert. Der Körper in seiner Nacktheit durfte im Mittelalter nicht dargestellt werden. Als einzige Ausnahme galt Christus. Sonstige körperliche Blöße war nur den Verdammten zugesagt.[18]

„Trügerisch ist die Schönheit denn sie ist die Verkleidung der ihrem Wesen nach schuldbeladenen Frau, Teufelswerk ist die Schminke, denn sie taucht hinweg über der Frau tatsächliche Abscheulichkeit und Verderbtheit an Leib und Seele, sofern sie eine solche überhaupt besitzt.“[19]

Da man den Körper nicht abbilden durfte, wurde er beschrieben. Man las Zeilen über eine Haut, so weiß wie Lilien, Milch oder Weißdorn. Runde feste Brüste wurden verehrt und der Jugendlichkeit zugeteilt. Moralische Prinzipien über Jungfräulichkeit wurden hoch gehalten. Die Frau in ihrer Schönheit stellte Zartheit, Schlankheit und Anmut dar. So gab es für jedes Körperteil ein gesetzesähnliches Gebot. Die Schultern z.B. hatten die Pflicht leicht gerundet zu sein. „Ihre Gliedmaßen sollten lang, die Hüften schmal, der Rücken durchgedrückt, der Bauch leicht nach vorne unter der schlanken Taille gerundet sein“.[20] Diese straffen Regeln vollzogen sich in der Definition des Gesichtes weiter. Als perfekt galt das Gesicht erst dann, wenn die Züge regelmäßig, das heißt die Stirn hoch und gewölbt und die Bögen um die Brauen fein und schmal waren. Ein Grübchen wirkte attraktiv, die blonden Haare verliehen dem Gesicht eine anmutige edle Ausstrahlung und die Zähne entsprachen erst dann dem Ideal, wenn sie so weiß hervorstrahlten wie Weißdorn. Die Balladen und höfischen Romane beschrieben zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert die schöne Frau auf die gleiche Art und Weise. In den Oden an die Schönheit hatten die Frauen einen hellen Teint, ein graziles Profil und einen kleinen, ovalen, leicht zur Seite geneigten Kopf, den ein langer, schlanker Hals trug. Ende des Mittelalters begann der christliche Schein zu bröckeln.[21] Wie schon erwähnt sind im Mittelalter erotische Aktzeichnungen von Frauen aus religiösen Gründen nicht erlaubt gewesen. Unter dieser Berücksichtigung hat man Frauen meistens unerotisch dargestellt.[22] In verschiedenen Epochen sind Frauen mit üppigen Körperproportionen als schön empfunden worden. Zu den typisch weiblichen und erotischen Merkmalen der Frau zählten strotzende Oberschenkel, üppige Hinterteile, und kleine Brüste. Die Gesichter der Aktzeichnungen blieben jedoch kindlich. Diese Bilder wie man es bei der Venus und Cupido von Alessandro Allori sehen kann, wirken illusorisch. Ein üppiger Körper und ein kindliches Gesicht passen nicht zusammen, denn in der Realität besitzt ein stämmiger Körper auch ein Gesicht mit mehr Fetteinlagerungen. Umgekehrt gehört zu einem zarten, kindlichen Gesicht auch eher ein dünner, kindlicher Körper.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Venus und Cupido von Alessandro Allori (1535 - 1607) entspricht dem Schönheitsideal, des (äußerst) reifen Körpers, jedoch mit einem kindlichem Gesicht. Die Venus signalisiert Reife und Jugendlichkeit in Einem. Mit Ausnahme unserer heutigen modernen Zeit, deutete die kleine Brust auf die Jugendlichkeit der Frau hin. Ihre Geschlechtsreife wurde durch die Fetteinlagerungen der Hüfte, Oberschenkel und des Gesäßes symbolisiert.

In der Renaissance hörte die Verteufelung des Körpers auf und er galt nicht mehr als Lug und Trug. Die Frau besaß die Mission Gottes, dem Manne durch ihre Schönheit vorteilhaftig zu sein. Sie wurde als das schönste Wesen der Schöpfung glorifiziert. Doch die Fesseln, auch wenn sie nicht mehr so demonstrativ zu sein schienen, blieben. Der Körper der Frau wurde systematisiert. Das Gesicht und der Körper wurden in symmetrische Kreise eingeteilt und klassifiziert. Es zählten Harmonie und Proportionen. Die Länge der Nase sollte der Länge der Lippen entsprechen, beide Ohren durften nicht mehr Fläche einnehmen, als der geöffnete Mund, und der Körper musste achtmal der Länge des Kopfes entsprechen. Auf dem Brustkorb durfte kein einziger Knochen hervortreten und die Brüste waren dazu verpflichtet die Form einer Birne zu haben. Die vollkommene Frau war auch ohne Absätze an den Füßen groß und schmal in der Taille. Die Hüften mussten rundlich, ausladend sein. Ihre Hände mollig mit dünnen Fingern. Ihre Beine gerundet mit kleinen Füßen.[23] Das Gesicht zeichnete sich durch einen langen Hals, eine schmale, ovale Kopfform mit regelmäßigen Gesichtszügen, hoher Stirn, gerader, feingeschnittener Nase und einem kleinem Mund aus. Die Wimpern und Brauen besaßen einen breiten Abstand zu den Augen, die schwarz hervorgehoben werden sollten. Hände sowie Zähne und auch der Teint, sollten weiß hervorblitzen. Ein wichtiges Augenmerk lag auf blonden Haaren, die einen Beweis für wirkliche Schönheit brachten.[24] Das 16. Jahrhundert kennzeichnete die Gier nach Schönheit, Sinnfreude und Wollust. Die Weiblichkeit hatte Rundungen. Dies stellte den Wohlstand in der mehrheitlichen Armut der Bevölkerung dar. Das Schöne wurde rundum üppig.[25] Das Barocke Schönheitsideal entsprach ganz der Zeit. Brüste, Beine, Hüften, Flanken mussten korpulent sein. Eine schöne Frau besaß ein Doppelkinn – identisch Rubens Frauen – die prall, fest und weiß waren. Ein korpulenter Körper war das Statussymbol der damaligen Zeit. Durch Stämmigkeit wurde man der oberen Schicht zugeordnet, da man anscheinend genug Geld hatte, um sich genug Essen leisten zu können. Das Leben der meisten Menschen zeichnete sich durch Hunger und Not aus. Der Arbeitsalltag – körperlich anstrengend und kalorienzehrend – kostete viel Energie, die man dem Körper ansah. Somit war das Dicksein ein Beweis für Reichtum und Macht.

Im 18. Jahrhundert und Klassizismus hielt man rundliche Körper mit sanften und zarten Gesichtern für schön. Eine kurze Nase, volle Lippen, ein spitzes Kinn, dunkler und lebhafter Blick und ein Teint wie Porzellan, galten als Grundzüge der Schönheit. Es wurde viel weniger geschminkt als im 17. Jahrhundert, in dem man sich z.B. in Frankreich ohne Schminke und Perücke nicht aus dem Haus getraut hatte. In der Zeit des Klassizismus war die schöne Frau schlicht. Sie ist nicht lasziv, zügellos, fordernd und von jener egoistischen Sensibilität, die auf dem Schafott geendet hatte, gewesen.[26] In diesem Zeitalter änderte sich außerdem das Schönheitsbild der Haare, die Dunkelhaarigen dominierten das Ideal. Ihre Haut war mit Duft und Kosmetik weiß und frisch erhalten. Die Besonderheit dieses Schönheitsideals lag auf der Körperhaltung der Frau. Sie trug den Kopf hoch empor, die nackte Schultern wirkten rundlich, die kleine Brust reckte sich. Ihre langen Beine sah man unter den leichten Kleidern aus dünnem Voile.[27] Zur Zeit der Romantik, im 19. Jahrhundert, kam das ungesunde Aussehen in Mode. Frauen hungerten, damit sie leidend und schwermütig wirkten. Ihre Haut war fast durchsichtig und die kleinen Äderchen auf der Haut blitzten hervor. Seit der Antike galt Bräune als abstoßend, da nur Wohlhabende sich einen hellen Teint leisten konnten. Bäuerinnen auf dem Acker wurden zwangsläufig braun. So verriet die Farbe der Haut etwas über den Status in der Gesellschaft.

1.3.2 Das 20. Jahrhundert

Was noch bis ins 20. Jahrhundert mit größter Sorgfalt verhindert wurde, ist mittlerweile wünschenswert. Die Ansichten und der Zusammenhang von Status und Bräune hat sich in den letzten 100 Jahren völlig neu definiert. Da die Mehrheit der Gesellschaft in unserem Kulturkreis nicht mehr draußen in der freien Natur, sondern in Gebäuden arbeitet, wird der Bräune eine andere Assoziation zugesprochen als früher. Aufgrund der knappen Zeit, die wir draußen verbringen können, wird die sonnengebräunte Haut erstrebenswert. Menschen, die sie vorweisen, zeigen, dass sie genügend Zeit haben, um sich draußen in der Sonne aufhalten zu können. Sie demonstrieren mit ihrer Hautfarbe außerdem, dass sie sich Freizeit leisten können. Es ist eine unterschwellige Information an die Gesellschaft, dass es ihnen finanziell so gut geht, dass sie Freiheiten in der Gestaltung ihres Tagesablaufes haben und selbst entscheiden, wann sie was machen. Neben dieser Auskunft an die Bevölkerung, zeigen sie außerdem, dass sie vitaler und gesünder sind als die Mehrheit der Bevölkerung, da sie sich viel mehr ausruhen können, z.B. beim Sonnenbaden.[28]

Im 20. Jahrhundert hat sich das Schönheitsideal mehrere Male gewandelt. Mit der Entsorgung des Korsetts, Ende des 19. Jahrhunderts, wollte man die Emanzipation des Körpers herbeiführen und präsentieren. Die 20er Jahre zeichneten sich durch männliche Kurzhaarschnitte, flachgedrückte Busen, blassen Teint, schwarz umrandete Augen und einem roten Schmollmund aus. Der attraktive Körper einer Frau war schlank, wie die Figur der Schauspielerin Marlene Dietrich. Sie zeigte als Leitfigur der damaligen Zeit, dass eine Frau rauchen, trinken und sich frei entscheiden durfte, in welche Richtung sie ihr Leben lenken möchte. Frei nach dem Motto „Alles ist möglich“ und gänzlich ohne Rücksicht auf Leitlinien und gesellschaftliche Zwänge.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Marlene Dietrich im Film „Der blaue Engel“

Während des zweiten Weltkrieges ist die Frau wieder einmal in ihre Schranken verwiesen worden. Sie war wieder zuständig für Kinder, Küche und Kirche. Das Äußere zählte nur in der Funktion der Reproduktion und als Versprechen dafür, dass die Frau als Gebärmaschine gesehen wird. Und obwohl sie schlank sein sollte, musste sie trotzdem die typisch weiblichen Körperformen und die arischen Merkmale – blondes Haar und blaue Augen – vorweisen.[29] Nach dem Zweiten Weltkrieg signierte die Frau wieder volle Weiblichkeit. Die fünfziger Jahre nahmen barocke Körperideale zum Vorbild. Aufgrund der Armut nach dem zweiten Weltkrieg, orientierte man sich wieder am Status Körper. War die Frauen gut genährt, ging es ihr gut und sie galt als attraktiv. Zur Weiblichkeit verhalf sie sich mit gepolsterten BHs und gut runden Hüften. Man orientierte sich an dem Vorzeigeideal der 50er Jahre, an Marilyn Monroe. Abgelöst wurde sie in den 60ern von Twiggy. Das Model erschütterte die Welt mit ihren 42 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,70 Metern. Als das neue Schönheitsideal verkörperte sie das Gesicht einer neuen Generation und revolutionierte alte Schönheitsvorstellungen. Mit naivem Blick, einem unschuldigem Mund, kindlichen Grübchen und unechten, stark getuschten Wimpern, beeinflusste sie nicht nur ihre Generation.[30] Die siebziger Jahre waren das Jahrzehnt der Experimente. Frauen setzten sich barbusig und unerbittlich der Sonne aus. Der Körper wurde immer noch dünn und exzentrisch in Szene gesetzt. Mit den 80ern kam dann die neue Welle des Bodybuildings. Der Körper sollte stark und durchtrainiert sein. Ganz nach dem Motto „Schönheit ist Arbeit“ und „von nichts kommt nichts“. Diana Ross, Jane Fonda und Grace Jones brachten Aerobic-Videos auf den Markt, damit die Frau von Zuhause aus das Training jeden Tag absolvieren konnte. Doch die Frauen begnügten sich nicht mehr nur damit, in den Sportstudios zu schwitzen, sondern entdeckten auch die Vorteile einer ausgewogenen Ernährung und der Diäten.[31] Passend zum durchtrainierten Körper, kam der große Busen wieder in Mode. Es begann eine neue Ära.[32] Das Idealbild des weiblichen Körpers der 90er entwickelte sich weiter. Models waren Superstars. Sie verdienten genauso viel wie Hollywoodstars und waren bekannter als manch ein Schauspieler. Von Auftritt zu Auftritt wechselten sie zwar ihren Look, doch der dünne Körper als Idealbild blieb. Kate Moss als androgynes, ausgemergeltes Model wurde zum Inbegriff der Schönheit der 90er Jahre.

1.3.3 Das aktuelle Schönheitsideal

Heutzutage hat Schönheit mit finanziellem Hintergrund zu tun, denn wer sich Kosmetik, Solarium, Fitnessprogramme und die plastische Chirurgie leisten kann, der zeigt einen Status, der für die gesellschaftliche Mehrheit erstrebenswert ist.[33] Attraktivität wird so zur käuflichen Ware und zum kontinuierlich sichtbaren Zeichen von materiellem Wohlstand. Im Gegensatz zu all den Zeitabschnitten bis vor ca. 100 Jahren, steht heute ein dünner Körper mit großer Oberweite als Zeichen für Attraktivität. Das aktuelle Schönheitsideal Körper hat die typisch weiblichen Rundungen von früher eingebüßt und nähert sich immer mehr der männlichen Körperform an. Parallel dazu sind die Reifekennzeichen, d.h. die sekundären Geschlechtsmerkmale nicht mehr so dominant ausgeprägt, so dass der Frauenkörper immer mehr Analogie mit der Erscheinung eines Mädchen bekommt. Diese Figur, die als attraktiv gilt, zeigt uns einen Körper der noch nicht geschlechtsreif ist. Um aber einen Unterschied zwischen einem jungen Mädchen und einer geschlechtsreifen Frau zu zeigen, welche die fehlenden typischen weiblichen Merkmale der früheren Zeit aufheben soll, signalisiert heutzutage die große Brust, die Geschlechtsreife der Frau. Das Schönheitsbild aus der heutigen Zeit ist genauso surreal, wie das aus anderen Zeitaltern, da der Brustumfang einen nicht unerheblichen Zusammenhang mit der Statur des Körpers zu tun hat. Nimmt man wenig fett zu sich, wirkt sich dies auch auf die Brustgröße aus. Mittlerweile sind es die Hollywoodschauspielerinnen, an denen sich junge Mädchen in der Pubertät und Adoleszenz orientieren. Umso erschreckender ist es, dass das aktuelle Schönheitsideal „ein Skelett umhüllt von Haut“ ist. Die beliebten Berühmtheiten Keira Nnightley und Nicole Richie sind nur zwei Beispiele weltweit gefeierter Stars, deren Körper jederzeit droht zusammenzubrechen, dennoch als attraktiv gilt und von der Mehrheit der Frauen kopiert werden möchte.

Hollywoodschauspielerin Keira Knightley (links)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stilikone Nicole Richie (rechts)[34]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schauspielerin Jennifer Love-Hewitt äußerte sich einst „Wenn du Größe 2 trägst und die fetteste Person in einem Raum voller Menschen bist, ist das schon unheimlich“.[35]

1.4. Resümee

Dr. Susie Orach, Gastprofessorin der London School of Economics und Autorin von „Fat Is a Feminist Issue“ behauptet, dass die Weltweite Dove Studie zeige, wie wichtig Schönheit für Frauen und ihr Wohlbefinden ist. Dabei wird es gesellschaftlich immer bedeutsamer, schön zu sein und die Attribute von Schönheit werden beharrlich strenger definiert. So schließen die beliebten Merkmale wie groß, dünn, blond Millionen von Frauen von vornherein aus der Schönheitsdefinition aus. Meiner Ansicht nach wäre es so einfach „böse Werbung, böse Models, böses Hollywood und noch viel bösere Medien“ zu sagen. Doch ohne uns Menschen würde es den Hype um die Äußerlichkeiten nicht geben. Wir machen, wir tun, wir rennen der Jugendlichkeit hinterher. Jugendlichkeit wird in unserem Kulturkreis mit Schönheit gleichgesetzt. Jung bedeutet fruchtbar, jung bedeutet unerfahren und noch nicht in der Meinung gefestigt. Jung bedeutet noch nicht selbstbewusst genug, um allem zu trotzen, nicht stark genug, bereit sich leiten zu lassen.[36] Moderne Mädchen und Frauen sehen sich als Konkurrenz, mit der sie immer im Wettbewerb stehen.[37] Wenn Frauen sich nicht als Verbündete ansehen – denn sie sitzen wahrlich in einem Boot – dann können sie ihre Stellung kaum beim männlichem Geschlecht durchsetzen. Virgina Woolf behauptet, dass die Schönheit nur deshalb eine Art Religion und die einzige Macht der Frau ist, weil ihnen der Zugang und die Anerkennung im Wirtschaftlichem nicht entsprechend entlohnt wird. Es ist auch nicht das Problem des sich schön machens und schmückens. Dies wird erst zum Problem, wenn sich die Frau ohne diese Prozedur nicht wahrgenommen fühlt. Wenn sie nur aufgrund ihres Äußeren und sonst nicht ernst genommen wird. Wenn sich Frauen schminken, hungern, schmücken, pflegen, um gesehen zu werden, im Job, von Mann, der Gesellschaft. Wenn dies alles gemacht werden muss, um als Identität angesehen zu werden, dann kann Schönheit definitiv schaden.[38] Mit der kulturgeschichtlichen Einführung in die Definitionen der Schönheit ist klar geworden, dass jede Zeit eine andere Sichtweise auf die Schönheit hatte und dass der Körper sich in seiner Entfaltung nicht nach diesen Definitionen richtet, sondern eine naturelle Entwicklung hat, die Menschen strotzen möchten. Für Mädchen in der Adoleszenz ist es wichtig, dass sie dies wissen, damit sie ihren Körper besser verstehen können und die Entwicklung in der Bevölkerung und den Vorgaben der Gesellschaft selbstbewusster entgegentreten können.

[...]


[1] Vgl. http://www.initiativefuerwahreschoenheit.de/welcome.asp, Abruf: 27.09.2006

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Sch%C3%B6nheit, Abruf: 27.09.2006

[3] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 9

[4] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 10

[5] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 13

[6] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 11

[7] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 12

[8] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 12

[9] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 25 - 27

[10] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 15

[11] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 17

[12] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 18

[13] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 16

[14] Vgl. Akashe-Böhme u.a., 1992, S. 22

[15] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 26

[16] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 26

[17] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 32

[18] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 34

[19] Schefer Faux u.a., 2000, S. 39

[20] Schefer Faux u.a., 2000, S. 42

[21] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 42

[22] Vgl. Hauner/Reichart, 2004, S. 18 - 21

[23] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 46

[24] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 47

[25] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 50 - 51

[26] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 64

[27] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 65

[28] Vgl. Hauner und Reichart, 2004, S. 23 - 25

[29] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 152

[30] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 164

[31] Schefer Faux u.a., 2000, S. 200

[32] Vgl. Schefer Faux u.a., 2000, S. 201

[33] Vgl. Hauner und Reichart, 2004, S. 25

[34] http://www.sueddeutsche.de/,tt4l1/panorama/bildstrecke/546/83463/p0/, Abruf: 27.09.2006

[35] http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/542/83459/5/, Abruf: 27.09.2006

[36] Vgl. Akashe-Böhme u.a., 1992, S. 78 - 79

[37] Vgl. Naomi Wolf, 2000, S. 399

[38] Vgl. Naomi Wolf, 2000, S. 387

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
Körperkult, Schönheitswahn und Essstörungen. Probleme junger Mädchen in der Adoleszenz
Untertitel
Möglichkeiten für sozialpädagogisches Handeln in der Mädchenarbeit
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,1
Autor
Jahr
2006
Seiten
97
Katalognummer
V137112
ISBN (eBook)
9783640443932
ISBN (Buch)
9783640443642
Dateigröße
2629 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Diplomarbeit wurde für den Hochschulpreis vorgeschlagen.
Schlagworte
Körper, Schönheit, Essstörungen, Bulimie, Magersucht, Essbrechsucht, Soziale Arbeit, Mädchenarbeit, Sozialpädagogik, Schönheitswahn, Körperkult
Arbeit zitieren
Ewelina Magdalena Szczypka (Autor), 2006, Körperkult, Schönheitswahn und Essstörungen. Probleme junger Mädchen in der Adoleszenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137112

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