Unter Berücksichtigung aktueller, teils demagogisch popularisierter Phänomene, die als generelle Strukturprobleme moderner Gesellschaften auftreten, ist es Ziel dieser Arbeit, Zusammenhänge zwischen diesen als Armut, Segregation und Exklusion bezeichneten Erscheinungen und der Struktur bildender Verhältnisse in der Bundesrepublik zu erkunden und zu beschreiben. Die zunehmende neoliberalistische Politik, welche eine postindustrielle und finanzkapitalistische Ökonomisierung fast aller Lebens- und Arbeitsbereiche herausfordert, führt neben den neu entstehenden Freiheiten, die Beck (1986) nicht unbedacht „Riskante Freiheiten“ nannte, auch zu strukturellen Zwängen, die wiederum diese Freiheiten relativieren. „Der sich durchsetzende Industriekapitalismus schafft Proletarisierung und Verelendung, er provoziert neue politische, kämpferische und solidarische Auslegungen und Praxen gegen Verelendung und Entfremdung.“ (Thiersch, 2008: 30). Diese Gegebenheiten konstituieren das „neue Primat ökonomischer, wirtschaftsbedingter Interessen, das Bildung unter das Postulat der Ausbildung zum Humankapital stellt, einhergehend mit einer Dethematisierung sozialer Probleme, einer Privatisierung der Lebens- und Lernschwierigkeiten, die die neuen Verhältnisse erzeugen und […] einer Moralisierung derer, die in ihnen Verlierer sind.“ (Thiersch, 2008: 30). Eine zentrale Frage stellt sich nach der Position der Sozialpädagogik in den Grenzen dieser Gegebenheiten mit exkludierenden Tendenzen. Wenn Bildung in den bestehenden politischen und ökonomischen Verhältnissen dazu dient, mittels Produktion von „Humankapital“ genau diese Gegebenheiten wieder zu reproduzieren, auch wenn sie selbst der Ursprung für die gesellschaftliche Entgrenzung darstellen, dann nimmt die Sozialpädagogik ihren genuinen Auftrag derart wahr, dass sie die Gegenposition bezieht. Gerade dann, wenn Sozialpädagogik als „Hilfe zur Selbsthilfe“ in prekären Lebensverhältnissen oder als Inklusions- bzw. Integrationshilfe für selektierte bzw. segregierte oder für die von dieser Gefährdung betroffenen Personenkreise agiert.
Anliegen der vorliegenden Arbeit ist es, soziale Ungleichheiten aufzuzeigen, die auf Bildungsangelegenheiten zurückzuführen sind sowie Theorieansätze zu präsentieren, welche die Genese und die Reproduktion dieser Tatsache unter dem Fokus des sozioökonomischen Status der Betroffenen zu erklären versuchen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Terminologie und Begriffsabgrenzung
2.1 Zur Erziehung
2.1.1 Das generalisierte gesellschaftsbezogene Erziehungsverständnis
2.1.2 Das humanistische Telos als konträre Auffassung von Erziehung
2.1.3 Kritik am generalisierten pädagogischen Erziehungsverständnis
2.2 Zur Bildung
2.2.1 Bildungshistorischer Abriss
2.2.2 Bildungstheorie nach Humboldt
2.2.3 Zur kontextbezogenen Bildungsbestimmung
2.3 Zur definitorischen Bestimmung sozialer Ungleichheit
2.3.1 Rousseaus Verständnis von Ungleichheit
2.3.2 Zum Phänomen sozialer Ungleichheit in der Gegenwart (nach Hradil)
2.3.4 Primäre und sekundäre soziale Ungleichheit nach Tillmann (2008)
2.4 Zwischenfazit: Terminologie und Begriffsabgrenzung
3 Intelligenz und Begabung: Psychologische Betrachtung von Begabungsunterschieden
3.1 Neurobiologische Hirnforschung
3.2 Pädagogische Folgerung
3.3 Sozialpädagogische Herausforderung
3.4 Zwischenfazit: Intelligenz und Begabung
4 Zur Theorie Pierre Bourdieus
4.1 Praxeologische Erkenntnis
4.2 „Geschmack“ und Klassenhabitus – Die Habitustheorie
4.3 Ökonomie der Felder – Die Feldtheorie
4.4 Bourdieus Kapitalverständnis
4.4.1 Ökonomisches Kapital
4.4.2 Kulturelles Kapital und dessen Varianten
4.4.2.1 Inkorporiertes Kulturkapital
4.4.2.2 Objektiviertes Kulturkapital
4.4.2.3 Institutionelles Kulturkapital
4.4.2.4 Anwendung kulturellen Kapitals auf den Forschungsgegenstand
4.4.3 Soziales Kapital
4.4.4 Symbolisches Kapital
4.5 Zwischen Konflikttheorie und Rational-Choice-Ansatz
4.6 Empirische Fundierung
4.7 Zwischenfazit: Zur Theorie Pierre Bourdieus
5 Ausmaß und Folgen derzeitiger Bildungspraxis – Empirische Forschungsgegenstände
5.1 Studentische Erhebung
5.1.1 Elterlicher Bildungsgrad und Schulform der Kinder
5.1.2 Ergebnisse der studentischen Erhebung
5.2 Schülerleistungen im internationalen Vergleich - PISA-Ergebnisse
5.2.1 PISA 2000
5.2.2 PISA 2003
5.2.3 PISA 2006
5.3 Barrieren im Schulwesen
5.3.1 Einschulungszurückstellungen, Sitzenbleiben und Sonderschulüberweisung
5.3.2 Schulformgliederung und Übergangsauslese
5.3.3 Abschulung
5.4 Beispiele alternativer Schulkonzeptionen
5.4.1 Die Laborschule Bielefeld
5.4.2 Die Freie Comenius Schule Darmstadt
5.4.3 Die Dortmunder Grundschule „Kleine Kielstraße“
5.4.4 Bedingungen und Ausblick der Institutionalisierung
5.5 Gesellschafts- und sozialpolitische Rahmenbedingungen
5.5.1 Vom Wohlfahrts- zum „Aktivierenden Sozialstaat“
5.5.2 Auswirkungen der Workfare-Politik
5.5.3 Einfluss auf den Bildungskontext
5.6 Zwischenfazit: Ausmaß und Folgen derzeitiger Bildungspraxis
6 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen modernen gesellschaftlichen Strukturproblemen – insbesondere Armut, Segregation und Exklusion – und den bildenden Verhältnissen in der Bundesrepublik Deutschland. Ziel ist es, die Mechanismen aufzudecken, durch die das Bildungssystem soziale Ungleichheit produziert und reproduziert, sowie Ansätze für eine sozialpädagogische Gegenposition zu entwickeln.
- Analyse des Bildungsbegriffs und der Entstehung sozialer Ungleichheit.
- Untersuchung von Intelligenz und Begabung unter kritischer Berücksichtigung sozioökonomischer Faktoren.
- Anwendung der Theorie von Pierre Bourdieu auf das deutsche Schulsystem.
- Empirische Überprüfung von Bildungsbarrieren anhand studentischer Erhebungen und internationaler PISA-Daten.
- Diskurs über alternative Schulkonzepte und sozialpolitische Rahmenbedingungen.
Auszug aus dem Buch
4.4.1 Ökonomisches Kapital
In neoliberal-orientierten, kapitalistischen Gesellschaften wird der Kapitalbegriff zumeist auf den materialistischen Austauschprozess in Form von Ware oder Geld reduziert. „Dieser wirtschaftswissenschaftliche Kapitalbegriff reduziert die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaustausch, der objektiv und subjektiv auf Profitmaximierung ausgerichtet und vom [ökonomischen] Eigennutz geleitet ist.“ (Bourdieu, 2005: 50). Das Kapital als Einsatz im Spiel der sozialen Felder honoriert demnach nur solche akkumulierte Arbeit als Kapital, die eine direkte Verwertbarkeit auf dem Wirtschaftsmarkt erbringt. Arbeitsleistungen, welche keine direkten Auswirkungen am Markt haben, oder besser, die nicht zu Humankapital umwandelbar sind und somit der Volkswirtschaft nicht zur Verfügung stehen, verlieren an Bedeutung und werden zu nicht legitimierten Arbeiten degradiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Zusammenhängen zwischen gesellschaftlichen Strukturproblemen und dem deutschen Bildungssystem sowie die Zielsetzung der Arbeit dar.
2 Terminologie und Begriffsabgrenzung: Dieses Kapitel klärt die theoretischen Fundamente, indem es Begriffe wie Erziehung, Bildung und soziale Ungleichheit definiert und zueinander abgrenzt.
3 Intelligenz und Begabung: Psychologische Betrachtung von Begabungsunterschieden: Hier wird kritisch hinterfragt, ob Begabungsunterschiede genetisch determiniert oder durch soziale Prozesse konstruiert sind.
4 Zur Theorie Pierre Bourdieus: Dieses Kapitel erläutert Bourdieus soziologische Konzepte, insbesondere Habitus, Feldtheorie und die verschiedenen Kapitalformen, um die Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit zu verdeutlichen.
5 Ausmaß und Folgen derzeitiger Bildungspraxis – Empirische Forschungsgegenstände: Das Kapitel bietet eine empirische Analyse der Bildungsrealität unter Nutzung von PISA-Daten sowie eigener studentischer Erhebungen und diskutiert alternative Ansätze.
6 Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einer kritischen Reflexion über die Möglichkeiten eines gerechteren Bildungssystems.
Schlüsselwörter
Bildungssystem, Soziale Ungleichheit, Pierre Bourdieu, Habitus, Kapitalformen, PISA-Studie, Bildungsbarrieren, Chancengleichheit, Sozialpädagogik, Selektion, Humankapital, Bildungsarmut, Sozialisation, Reformpädagogik, Schulentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch, wie das deutsche Bildungssystem soziale Ungleichheiten produziert und reproduziert, anstatt sie abzubauen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den Schwerpunkten zählen die theoretischen Grundlagen der Erziehung und Bildung, die Rolle von Intelligenz und Begabung sowie die Anwendung soziologischer Theorien – insbesondere von Pierre Bourdieu – auf die heutige Bildungspraxis.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte die Zusammenhänge zwischen Armut, Segregation und Exklusion einerseits und den Strukturen bildender Verhältnisse in Deutschland andererseits erkunden und beschreiben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die auf soziologischen Fachdiskursen basiert und durch empirische Daten aus PISA-Studien sowie eine eigene studentische Erhebung ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Bildungsdisparitäten, die Bedeutung kulturellen Kapitals bei der Laufbahnwahl und untersucht kritisch die Selektionsmechanismen des gegliederten Schulsystems.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind soziale Ungleichheit, Bildungssystem, Kapitalformen, Habitus, Chancengleichheit und Selektion.
Wie bewertet der Autor die Rolle des "Humankapitals"?
Der Autor steht der Ökonomisierung von Bildung kritisch gegenüber, da diese das Individuum oft nur auf seine Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt reduziert.
Welche Rolle spielen alternative Schulkonzepte?
Sie dienen als Gegenentwürfe zur Selektionslogik und zeigen auf, wie integrative Modelle ohne homogene Lerngruppen erfolgreich arbeiten können.
Warum ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer sozialer Ungleichheit wichtig?
Diese Differenzierung hilft zu verstehen, welche Ursachen in der familiären Sozialisation liegen und welche durch institutionelle Barrieren innerhalb der Schule aktiv verstärkt werden.
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- Norman Böttcher (Author), 2009, Über die Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungswesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137121