Was verstehen wir heute unter den Begriffen
„platonische Liebe“ und „Freundschaft“
und was verstand Platon darunter?
Die Definition platonischer Liebe, in unserer heutigen Zeit, lautet wie folgt: „Platonische Liebe ist die sinnlich-sexuelle Aspekte ausklammernde zwischenmenschliche Beziehung, die allein auf geistig-seelischer Basis beruht.“
Diese Definition kennen wir und nach dieser Definition nutzen wir auch den Begriff der „platonischen Liebe“. Platonische Liebe ist nach unserem Verständnis eine reine freundschaftliche Beziehung, da Aspekte wie Sexualität und Begehren komplett ausgeschlossen werden. Demnach wäre „platonische Liebe“ nur eine andere Bezeichnung für Freundschaft!? Oder besteht doch ein Unterschied und wenn ja, welcher?
Freundschaft definieren wir als ein Verhältnis zwischen Menschen, das auf der Basis gegenseitiger Verbundenheit, geistiger Verwandtschaft und gemeinsamer Interessen aufbaut. Freunde setzen ihr Vertrauen ineinander und helfen sich gegenseitig ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen. Für jeden Menschen scheint dies die einzig wahre Definition für Freundschaft zu sein.
So einfach und eindeutig diese Definitionen auch scheinen, sie sind es nicht, denn dahinter steckt sehr viel mehr. Nach diesen Definitionen, durch die wir feststellen, das unserer Auffassung nach Freundschaft und „platonische Liebe“ das Gleiche zu sein scheinen, müsste die Person die platonisch liebt, ihrem Freund ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen, dienen und sich hauptsächlich durch eine Art Seelenverwandtschaft und gleiche Interessen zu dieser Person hingezogen fühlen.
Um heraus zu finden, ob es nach platonischer Auffassung doch einen Unterschied zwischen Freundschaft und „platonischer Liebe“ gibt, müssen wir uns zunächst einmal mit den Lehren Platons und mit der Weltanschauung im platonischen Zeitalter befassen. Dazu beschäftigen wir uns mit zwei Werken von Platon, in denen er das ...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Was verstehen wir heute unter den Begriffen „platonische Liebe“ und „Freundschaft“ und was verstand Platon darunter?
2. Phaidros oder vom Schönen
2.1 Die erste Rede Sokrates´/ Sokrates´ Rede gegen Eros
2.2 Die zweite Rede Sokrates´/ Sokrates´ Preisrede auf Eros
3. Symposion
3.1 Die sechs Reden über Eros
3.1.1 Phaidros´ Rede
3.1.2 Pausanias´ Rede
3.1.3 Eryximachos´ Rede
3.1.4 Aristophanes´ Rede
3.1.5 Agathons Rede
3.1.6 Sokrates´ Rede (Diotima)
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Diskrepanz zwischen modernen Vorstellungen von „platonischer Liebe“ und „Freundschaft“ und deren ursprünglicher philosophischer Bedeutung bei Platon. Anhand der Werke „Phaidros“ und „Symposion“ wird die Forschungsfrage verfolgt, ob das antike Verständnis von Eros eine moderne Definition von Freundschaft stützen kann oder ob sich grundlegende Konzepte wie Hierarchie und das Streben nach dem „Guten“ maßgeblich unterscheiden.
- Analyse des Begriffs der platonischen Liebe im zeitgenössischen Kontext.
- Untersuchung von Platons Eros-Verständnis im Werk „Phaidros“.
- Vergleichende Interpretation der sechs Reden im „Symposion“.
- Erforschung der Rolle von Vernunft, Seele und Seelenverwandtschaft.
- Kritische Gegenüberstellung von antiken Hierarchien und modernen Idealen.
Auszug aus dem Buch
Die erste Rede Sokrates´ / Sokrates´ Rede gegen Eros
In seiner ersten Rede stellt Sokrates fest, das die Liebe eine Begierde ist, aber auch das diejenigen das Schöne begehren, die nicht lieben. Er versucht den Nichtverliebten von dem Verliebten zu unterscheiden. Nach Platons Auffassung gibt es in uns zwei Kräfte die uns vorantreiben. Die eine ist die instinktive Begierde, nach Lust, Freude und Vergnügen, die uns sozusagen in die Wiege gelegt wurde bzw. ein angeborener Trieb ist, die andere ist unsere eigene Meinung und Vorstellung von dem was wir für das „Beste“ halten, anhand dessen was wir im Laufe unseres Lebens gelernt haben. Diese zwei Kräfte liegen mal im Einklang miteinander, mal kämpfen sie gegeneinander an.
(vgl. Platon: Phaidros oder vom Schönen, S. 30)
Dadurch ergibt sich, nach Platon, dass uns die Vernunft zum Besten führt und somit als Besonnenheit zu benennen ist. Die Begierde und die Lust aber vermögen die Zuchtlosigkeit über uns herrschen zu lassen. Jede Begierde wird mit einem schlechten Namen betitelt, so wird jemand der viel Alkohol trinkt, um seine Begierde, nach dem Rausch zu stillen, als Säufer betitelt. Nur bei einer Begierde verhält sich dass anders, die Lust und die Begierde nach der Schönheit der Seele und der Schönheit eines Körpers, die jede Vernunft vergessen lässt, diese Begierde trägt den Namen „Liebe“.
(vgl. Platon: Phaidros oder vom Schönen, S. 31, 32)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Es wird die moderne Begriffsbestimmung von „platonischer Liebe“ und „Freundschaft“ dargelegt und die Notwendigkeit aufgezeigt, diese Definitionen kritisch anhand der Schriften Platons zu hinterfragen.
Phaidros oder vom Schönen: Dieses Kapitel analysiert Sokrates' Auseinandersetzung mit dem Eros, wobei insbesondere das Seelengleichnis und die Rolle der Vernunft gegenüber den Trieben hervorgehoben werden.
Symposion: Hier werden die sechs verschiedenen Reden über den Eros untersucht, um das Verständnis von tugendhaftem Leben und die philosophische Einordnung der Liebe zu ergründen.
Schlussfolgerung: Die Arbeit resümiert, dass Platons Verständnis von Liebe als hierarchisches Instrument zur Erlangung des „Guten“ kaum mit modernen, gleichberechtigten Vorstellungen von Freundschaft deckungsgleich ist.
Schlüsselwörter
Platon, Eros, Phaidros, Symposion, platonische Liebe, Freundschaft, Seelenlehre, Vernunft, Tugend, Begehren, Diotima, Seelenverwandtschaft, Philosophie, griechische Antike, Erkenntnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Differenz zwischen unserer heutigen Definition von platonischer Liebe und dem tatsächlichen, antiken Verständnis, wie Platon es in seinen Dialogen darstellte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die philosophische Analyse von Liebe (Eros) und Freundschaft, die platonische Seelenlehre, das Spannungsfeld zwischen Trieben und Vernunft sowie die Interpretation der Liebe als Streben nach dem „Guten“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob die antiken Konzepte von Platon eine Basis für heutige Vorstellungen von Freundschaft bilden oder ob sie grundlegend anders motiviert waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine textbasierte, philosophische Analyse der Primärquellen „Phaidros“ und „Symposion“ unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Platons „Phaidros“, insbesondere der zwei Reden des Sokrates, sowie die detaillierte Betrachtung der sechs Reden aus dem „Symposion“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Eros, Vernunft, Seelenlehre, Tugend, platonische Liebe und das Streben nach dem Guten.
Welche Rolle spielt Sokrates in den betrachteten Werken?
Sokrates fungiert in beiden Werken als zentrales Sprachrohr Platons, wobei er im „Symposion“ durch die Priesterin Diotima eine Perspektive einnimmt, die den Eros als Weg zur Philosophie und zur Unsterblichkeit definiert.
Was unterscheidet das platonische Freundschaftsprinzip vom heutigen Verständnis?
Bei Platon ist Freundschaft oft hierarchisch geprägt, etwa durch den Älteren, der den Jüngeren belehrt, während heute meist Gleichberechtigung und gegenseitiges Wohlbefinden im Vordergrund stehen.
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- Hanna Jüngling (Author), 2009, Platonische Liebe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137138