„Das Zentralkomitee der SED beschloss einstimmig, der Bitte des Genossen Walter Ulbricht zu entsprechen und ihn aus Altergründen von der Funktion des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees zu entbinden, um diese Funktion in jüngere Hände zu geben. Es beschloss, Genosse Walter Ulbricht in Ehrung seiner Verdienste zum Vorsitzenden der SED zu wählen. Genosse Walter Ulbricht ist weiter als Vorsitzender des Staatrates tätig. Das Zentralkomitee wählte einstimmig Genossen Erich Honecker zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der SED“
Mit dieser offiziellen Verlautbarung am 3.5.1971 wurde der Wechsel von Ulbricht zu Honecker an der wichtigsten Position des Staates besiegelt. Damit sollte der Anschein kontinuierlicher Kaderpolitik aufrecht gehalten werden, die einen konfliktfreien Übergang suggerierten. Ulbricht war zu diesem Zeitpunkt zwar alt und immer wieder durch seine Gesundheit beeinträchtigt worden, jedoch hatte er vorher nie den Eindruck gemacht, dass er aufhören möchte.
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Die Akteure schienen schon damals klar. Die Beweggründe zum Wechsel jedoch sind erst in den letzten Jahren mit der Öffnung der Archive in der DDR und teilweise in Russland offenkundig geworden. Die nun vorliegenden Primärquellen geben ein völlig neues Licht auf diese Zeit und vor allem auf die Person Ulbricht, die wenig mit einen Stalinisten gemein hatte, sondern einen Mann zeigt, der sich durchaus reformwillig zeigte und einen großen Teil der Reformen angeschoben hatte. Begründen lässt sich der bisherige schlechte Forschungsstand mit der Ungeliebtheit der 1960er Jahre bei den Historikern in der DDR, wodurch eine Phase vernachlässigt wurde, die für spätere Entwicklung notwendig ist.
Um den Wechsel von Ulbricht zu Honecker zu verstehen, ist es dementsprechend notwendig alle Streitpunkte und ihre Entwicklung aufzuzeigen. Diese Entwicklung setzt bereits Anfang der 1960er Jahre an mit dem von Ulbricht voran getriebenen Wirtschaftswandel und einer allgemeinen Liberalisierung. Zweiter Hauptstreitpunkt war die Deutschlandpolitik. In beiden Punkten herrschte auch mit der Sowjetrepublik öfters Uneinigkeit.
Ziel dieser Arbeit ist es nun die Entwicklung der Streitpunkte, die Beziehung zwischen Ulbricht, Honecker und der Sowjetrepublik, die Darstellung der relevanten Entscheidungsprozesse, sowie den Ablauf der Ereignisse dar zustellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Machtstrukturen
3. Wirtschaftspolitik
4. Außenpolitik
5. Ulbrichts Ende
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker in der DDR und analysiert dabei die zugrunde liegenden Reformprozesse in den Bereichen Wirtschaft und Außenpolitik sowie die parteiinternen Machtstrukturen und Entscheidungsprozesse.
- Analyse der Machtstrukturen innerhalb der SED und des Politbüros.
- Untersuchung der wirtschaftspolitischen Reformen und deren Scheitern.
- Darstellung der DDR-Außenpolitik und des Verhältnisses zur Bundesrepublik.
- Bewertung des Einflusses der Sowjetunion auf den Führungswechsel.
Auszug aus dem Buch
2. Machtstrukturen
Jeder Veränderung des Staates bedeutete eine Veränderung in der Partei (KAISER 1997, S.27). Da Ulbricht in vielen Punkten das System der DDR veränderte, machte er sich entsprechend viele Feinde innerhalb der SED die seinem Kurs nicht folgen wollten bzw. Teile ihrer Macht durch Reformen verloren.
Die von Ulbricht eingeführten Machtstrukturen der Sowjetunion führten nicht nur zur Diktatur übers Volk, sondern auch innerhalb der Partei. Ulbricht wusste vor allem Anfang der 1950er Jahre seine Macht auszubauen. So verlagerte er immer mehr Entscheidungen in die Entscheidungsgewalt des Ersten Sekretärs, der er selbst war. Rückendeckung erhielt er dabei von der Militäradministration und der KPdSU. Dieser Kurs war jedoch innerhalb des Politbüros umstritten, weshalb es 1953 bereits Rücktritts Forderungen gab, da sie die Machtfülle Ulbrichts eindämmen wollten. Als einiger der wenigen hielt Honecker vorbehaltlos zu Ulbricht. Einzig weil die Führung des KPdSU eine Stabilisierung der DDR wünschte (Juni Aufstand), konnte sich Ulbricht an der Macht halten (KAISER 1997, S.30f.).
Honecker Loyalität wurde von Ulbricht mit tiefsten Vertrauen belohnt und mit der faktischen Ausübung der Funktion des Ersten Sekretärs. Auch Honecker war Ulbricht zu dank verpflichtet, da dieser ihm bei einigen Verfehlungen beschützte (POETZL 2002, S.65 ff.). In der Abwesenheit Ulbrichts leitet Honecker sogar das Politbüro. Honecker war jedoch jemand der nie durch große eigene Überlegungen auffiel und für seinen „Mentor“ nur ausführte. Dadurch erweckte Honecker den Eindruck eines absoluten loyalen Weggefährten (KAISER 1997, S. 32 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den offiziellen Rücktritt Walter Ulbrichts im Jahr 1971 und skizziert die wissenschaftliche Notwendigkeit, den Machtwechsel vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise und innenpolitischer Reformpolitik neu zu bewerten.
2. Machtstrukturen: Dieses Kapitel analysiert die parteiinternen Machtverschiebungen, die durch Ulbrichts Reformbestrebungen ausgelöst wurden und letztlich zum Aufstieg Honeckers im Schatten des Politbüros führten.
3. Wirtschaftspolitik: Hier werden die Versuche Ulbrichts dargestellt, die DDR durch wissenschaftlich-technische Reformen ökonomisch zu modernisieren, sowie deren Sabotage durch politische Gegner.
4. Außenpolitik: Das Kapitel behandelt den Zickzack-Kurs der DDR-Außenpolitik gegenüber der Bundesrepublik und den wachsenden Druck der Sowjetunion, der in der sogenannten „Ulbricht-Doktrin“ gipfelte.
5. Ulbrichts Ende: Dieser Abschnitt beschreibt die schrittweise Entmachtung Ulbrichts durch Honecker und die Rolle der sowjetischen Führung bei diesem Prozess.
6. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Machtwechsel primär durch die Angst vor Machtverlust seitens der SED-Funktionäre und Honeckers eigene Machtambitionen motiviert war, während Ulbrichts Reformversuche an internem Widerstand und schwierigen Rahmenbedingungen scheiterten.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Walter Ulbricht, Erich Honecker, Machtwechsel, Politbüro, Wirtschaftspolitik, Außenpolitik, Sowjetunion, KPdSU, Reformen, Deutschlandpolitik, Sozialismus, DDR-Geschichte, Parteiinterne Machtkämpfe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Hintergründe und den Ablauf des Machtwechsels von Walter Ulbricht zu Erich Honecker an der Spitze der DDR zwischen 1962 und 1972.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die parteiinternen Machtstrukturen, die wirtschaftspolitischen Reformversuche der 1960er Jahre sowie die Deutschland- und Außenpolitik der DDR.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, die Entwicklung der politischen Streitpunkte und die Interaktionen zwischen Ulbricht, Honecker und der Sowjetunion chronologisch und thematisch aufzuarbeiten, um den Machtwechsel jenseits bisheriger Vereinfachungen zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine thematische Aufarbeitung unter Einbeziehung von Primärquellen und der Auswertung bestehender Fachliteratur, insbesondere des Werkes von M. Kaiser.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Machtstrukturen, Wirtschaftspolitik, Außenpolitik und die Darstellung der finalen Jahre bis zum Rücktritt Ulbrichts.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie SED-Diktatur, Reformversuche, ideologische Hemmnisse, Machtmonopol der Partei und die DDR-Sowjetunion-Beziehung geprägt.
Warum spielt die Rolle der Sowjetunion eine so entscheidende Rolle für den Machtwechsel?
Die DDR war aufgrund ihrer militärstrategischen Lage und ökonomischen Abhängigkeit stark von der Sowjetunion determiniert; Honecker verstand es geschickt, sich bei der KPdSU als verlässlicherer Partner als der selbstherrlich auftretende Ulbricht zu präsentieren.
Inwiefern hat die "Wissenschaftlich-technische Revolution" das politische Schicksal Ulbrichts beeinflusst?
Ulbricht setzte voll auf dieses Konzept, doch der Widerstand der Alt-Kader im Politbüro und die wirtschaftlichen Rückschläge führten dazu, dass das Scheitern der Reformen politisch gegen Ulbricht instrumentalisiert wurde.
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- Alexander Wijgers (Autor), 2005, Die SED Diktatur: Geschichte und Strukturen der DDR, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137167