Diese Arbeit beschäftigt sich mit privaten Schriften am Beispiel Brief, um einerseits einen anderen Blick auf die Sprache werfen zu können und anderseits zu untersuchen, ob sich vor allem Fiktionalitätssignale in Briefen belegen lassen oder hauptsächlich in der Literatur vorzufinden sind. Dazu werden Briefe an Karl Mays Leser, sowie seinen Verleger genommen, um sie auf Fiktionssignale zu untersuchen. Die Fiktionssignale beruhen primär auf den Studien von Martinez und Scheffel.
Daher scheint die Betrachtung von Briefen Karl Mays besonders interessant. Um dies zu erforschen, werden Briefe an seine Leser, sowie seinen Verleger zur Hand genommen, um sie auf eben genannte Fiktionssignale zu untersuchen. Die Fiktionssignale beruhen primär auf den Studien von Martinez und Scheffel, sowie Frank Zipfels Beitrag "Fiktionssignale". Die Briefe wurden vorrangig aus der Bandreihe "Karl May's gesammelte Werke und Briefe" bezogen. Unterstützend wurde die Sekundärliteratur von Erich Wulffens "Karl May Inferno", sowie Uedings "Karl-May Handbuch" herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Faktualitäts- und Fiktionalitätssignale
2.1 Unzuverlässiges Erzählen
2.2 Forschungsstand
3. Methode
4. Briefe
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit Fiktionalitätssignale in privaten Briefen des 19. Jahrhunderts identifizierbar sind, wobei der Fokus exemplarisch auf den Briefen von Karl May liegt. Ziel ist es, durch eine linguistische Analyse zu prüfen, ob sich die in seinen literarischen Werken nachweisbare Vermischung von Fakt und Fiktion auch in seiner privaten Korrespondenz niederschlägt oder ob die Wahl des Adressaten Einfluss auf die Verwendung dieser Signale nimmt.
- Unterscheidung zwischen faktualem und fiktionalem Erzählen
- Die Rolle des unzuverlässigen Erzählens bei Karl May
- Analyse von Personifizierung und Ich-Bezug in Briefen
- Kontrastierung von Leserbriefen und geschäftlicher Korrespondenz
- Methodische Auswertung sprachlicher Fiktionssignale
Auszug aus dem Buch
Briefe
May ist als Reiseschriftsteller bekannt geworden. Doch die Frage ist, ob in dieser Zeit nicht Reiseschriftsteller und seine Werke in Einem einhergehen. „Fließen sie nicht psychologisch ineinander über? […] vor allem bei Karl May wird dieses kriminalpsychologische Phänomen […] deutlich“ (Wulffen, 2017, 99).
Grade in seinen Briefen bezieht er sich oft auf sich, meint aber eindeutig seine erfundene Welt oder deren Figuren. Das
Dabei ist es allgemein bekannt, dass er in unzähligen Privatbriefen an seine Leser die Rolle seiner Figuren übernommen hat: „‚Ja, ich habe das Alles und noch viel mehr erlebt. Ich trage noch heute die Narben von den Wunden, die ich erhalten habe‘“ (Ueding, 2001, 96).
Auch in den beiden ausgewählten Leserbriefen (vgl. Vollmer, Steinmetz & Schleburg, 2020, 15–17) an Marie Hannes und einen Unbekannten Leser, ist dieses Phänomen zu beobachten. In den Briefen an diese beiden ist der Anteil der benutzten Personalpronomen 10,14% auf rund 300 Wörter und 12,42% auf 750 Wörter. In fast jedem Satz ist ein fiktiver Bezug auf sich selbst zu finden.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit, bei Karl May zwischen dem realen Autor und seinen Ich-Erzähler-Figuren zu unterscheiden und führt in die Absicht ein, dieses Phänomen anhand privater Briefe zu untersuchen.
Faktualitäts- und Fiktionalitätssignale: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Erzähltheorie dargelegt, insbesondere die Abgrenzung von faktualem und fiktionalem Erzählen sowie die Bedeutung von Fiktionssignalen.
Unzuverlässiges Erzählen: Der Abschnitt erläutert das Konzept des unzuverlässigen Erzählens und dessen Relevanz für Karl Mays Werk, in dem Fiktion und Realität stark ineinander verfließen.
Forschungsstand: Hier wird aufgezeigt, wie die Literaturkritik May lange als Unterhaltungsliteratur ignorierte, bevor in den 1960er Jahren eine eingehendere wissenschaftliche Auseinandersetzung begann.
Methode: Dieses Kapitel definiert das methodische Vorgehen, welches auf der Analyse von Personalpronomen und der Untersuchung von Briefen an unterschiedliche Empfängergruppen basiert.
Briefe: Der Hauptteil analysiert die konkreten Briefe an Leser sowie an den Verleger Fehsenfeld, um Fiktionssignale wie Ich-Bezug und Übertreibungen empirisch zu belegen.
Fazit: Die Zusammenfassung der Ergebnisse zeigt, dass Fiktionssignale stark von der Beziehung zum Adressaten abhängen und May in seiner privaten Korrespondenz situativ zwischen authentischer Selbstdarstellung und fiktionaler Rollenübernahme wechselt.
Schlüsselwörter
Karl May, Fiktionalität, Faktualität, Fiktionssignale, Briefanalyse, Erzähltheorie, Unzuverlässiges Erzählen, Personalpronomen, Ich-Erzähler, Literaturwissenschaft, Realität, Fiktion, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi, Sprachanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Untersuchung von Fiktionalitätssignalen in der privaten Korrespondenz von Karl May.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit verknüpft narratologische Ansätze mit der Briefanalyse, um die Grenzen zwischen dem realen Autor May und seinen literarischen Identitäten auszuloten.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, ob Fiktionalitätssignale in privaten Briefen des 19. Jahrhunderts bestimmbar sind und wie sich die Verschmelzung von Autor und Figur in Mays Korrespondenz manifestiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine linguistische, statistische Auswertung von Personalpronomen sowie eine vergleichende Analyse von Briefen an unterschiedliche Adressaten (Leser vs. Verleger) verwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden konkrete Briefe analysiert, insbesondere hinsichtlich des Einsatzes von Ich-Bezügen und Übertreibungen als Mittel zur Fiktionalisierung der eigenen Lebensrealität.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die zentralen Begriffe sind Fiktionalität, Faktualität, Fiktionssignale, Karl May, Briefanalyse und Erzähltheorie.
Warum spielt die Adressatenauswahl bei der Untersuchung eine entscheidende Rolle?
Die Untersuchung zeigt, dass Mays Verwendung von Fiktionssignalen signifikant variiert: Während er gegenüber Lesern stark in fiktive Rollen schlüpft, bleibt er in geschäftlichen Briefen an seinen Verleger eher faktisch und neutral.
Was schließt die Autorin in Bezug auf das "dunkle Ich" von Karl May?
Die Autorin deutet an, dass May durch die Übernahme von Rollen wie Old Shatterhand versuchte, psychische Not und innere Konflikte zu bewältigen, was sich direkt in seiner Sprache niederschlug.
Wie bewertet die Arbeit die "pseudologische" Veranlagung Karl Mays?
Die Arbeit sieht darin eine bewusste oder unbewusste Art der Selbstinszenierung, bei der May seine eigene Biografie durch die von ihm geschaffene Welt korrigierte oder aufwertete.
Welche Erkenntnisse bringt die Gegenüberstellung mit dem Verleger Fehsenfeld?
Die Gegenüberstellung widerlegt in Teilen die Hypothese, dass Fiktionssignale immer vorhanden sind; sie sind stark abhängig vom Kontext und dem Empfänger, was May bei geschäftlichen Kontakten zu einer anderen, sachlicheren Ausdrucksweise bewegte.
- Arbeit zitieren
- Amelie Wietstock (Autor:in), 2022, Bestimmung von Fiktionalitätssignalen in Briefen Karl Mays, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1371738