Der in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland einsetzende Prozess der Bildungsexpansion stellte einen grundlegenden strukturellen Wandel innerhalb des deutschen Bildungssektors dar. Zwar wurde das seit dem 19. Jahrhundert bestehende dreigliedrige Schulsystem in seinem Aufbau nicht grundlegend geändert, weshalb auch nicht von einer Bildungsreform gesprochen werden sollte. Die „leistungsorientierte Auslese“ nach der Grundschule, und die damit verbundene Verteilung der Schüler auf die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium bestand fort. Dennoch hat die Bildungsexpansion signifikante Auswirkungen auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland gehabt. Zum einen auf den Stellenwert, den Bildung innerhalb einer Gesellschaft zugesprochen bekommt. Zum anderen auf die gesamtgesellschaftliche Bildungsaspiration bzw. auf die Zugangschancen zu Bildung. Ziel dieser Seminararbeit soll es sein, einen nachvollziehbaren Einblick in den Prozess der Bildungsexpansion zu ermöglichen. Gemeint sind hiermit die Ursachen und insbesondere die Folgen bzw. Ergebnisse jenes Prozesses. In einem ersten Abschnitt wird daher näher auf die Entwicklung der Bedeutsamkeit von Bildung, sowie auf die Bildungsexpansion in Deutschland eingegangen. Davon ausgehend stellen sich unweigerlich folgende Fragen:
Welche konkreten Auswirkungen / Veränderungen hat die Bildungsexpansion mit sich gebracht? Welchen Einfluss hatte die Bildungsexpansion auf die Bildungsbeteiligung? Haben sich soziale Chancenungleichheiten im Zugang zu Bildung verringert? Im sich anschließenden Kapitel werden zur Beantwortung jener Fragen bekannte Erklärungstheorien, sowie einige empirische Ergebnisse aufgeführt. Hierbei werden unter anderem die Ergebnisse der Analysen von Bernhard Schimpl-Neimanns (2000), U. Henz / I. Maas (1995) und W. Müller / D. Haun (1994) herangezogen. Der Verständlichkeit halber werden die empirischen Ergebnisse nicht nach den einzelnen Analysen, sondern nach inhaltlichen Gesichtspunkten gegliedert. Im Kern handelt es sich um die Untersuchungsergebnisse hinsichtlich der Bildungschancen in Abhängigkeit des Geschlechtes, der sozialen Herkunft, des Berufes, der Bildung und des Einkommens der Eltern, sowie der Region und des eventuellen Migrationshintergrundes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die geschichtliche Entwicklung des Bildungssystems in Deutschland
2.1 Der Stellenwert der Bildung
2.2 Die Bildungsexpansion
3. Ungleichheit bei Bildungschancen?
3.1 Theoretischer Ansatz von Pierre Bourdieu
3.2 Raymond Boudon und weiterführende Ansätze
3.3 Empirische Untersuchungen
3.3.1 Ungleichheiten nach Geschlecht
3.3.2 Soziale Herkunft
3.3.3 Beruf der Eltern
3.3.4 Bildung der Eltern
3.3.5 Einkommen der Eltern
3.3.6 Region
3.3.7 Ausländische Schüler/innen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Prozess der Bildungsexpansion in der Bundesrepublik Deutschland seit den 1950er Jahren und analysiert, ob und inwieweit diese zu einem tatsächlichen Abbau von Bildungsungleichheiten beigetragen hat. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern soziale Herkunft, Geschlecht, Einkommen und regionale Faktoren nach wie vor den Zugang zu höherer Bildung determinieren.
- Historische Entwicklung des deutschen Bildungssystems und der Bildungsexpansion
- Soziologische Erklärungsansätze von Pierre Bourdieu und Raymond Boudon
- Empirische Analyse bildungsrelevanter Ungleichheitsfaktoren
- Vergleich von Bildungschancen in Abhängigkeit von Statusmerkmalen
Auszug aus dem Buch
3.1 Theoretischer Ansatz von Pierre Bourdieu
Pierre Bourdieu vertritt die These, dass die ungleichen Bildungschancen durch das Bildungssystem selbst legitimiert - also aufrechterhalten - werden. Für Bourdieu ist es eine Tatsache, dass die Zugangschancen zum Abitur und zu einem Hochschulstudium in entscheidendem Maße durch eine direkte bzw. indirekte Auslese bestimmt werden. Im Wesentlichen kommt hierbei dem „kulturellen Kapital“ und dem Ethos der sozialen Gruppe(n) der ausschlaggebende Mechanismus für die „Bildungsselektion“ bei. Das kulturelle Kapital spielt eine entscheidende Rolle in Bezug auf den zukünftigen Bildungserfolg des Individuums. Dieses Kapital ist vor allem vom Bildungsniveau der Eltern bzw. dem familiären Milieu, sowie vom Wohnort des Kindes abhängig. Das soziale Niveau stellt demzufolge ein Indikator dafür dar, mit welchen Chancen das Kind ausgestattet ist, einen entsprechenden Schulabschluss zu erlangen.
Jede soziale Schicht verfügt über ein entsprechendes Maß an kulturellem Kapital. Je höher die soziale Herkunft ist, umso mehr kulturelle Erfahrungen und kulturelles Wissen besitzt das Kind. Im Gegensatz zu den höheren sozialen Schichten - die das kulturelle Kapital „zweckfrei vererbt“ bekommen -, können sich Kinder aus Arbeiterfamilien nicht automatisch im Bildungssystem durchsetzen, welches in hohem Grad - ob bewusst oder unbewusst - nach kulturellem Kapital selektiert. Daraus folgt, dass sich die Einstellungen und Erwartungen der verschiedenen sozialen Schichten gegenüber der Schule, der Bildung und damit der beruflichen Zukunft radikal voneinander unterscheiden. Die jeweiligen Ambitionen richten sich also nach den objektiven Chancen - und damit auch nach den subjektiven Erwartungen - die einem bestimmten sozialen Milieu a priori zugeschrieben werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt den Prozess der Bildungsexpansion in der Bundesrepublik vor und formuliert die zentrale Fragestellung nach deren Auswirkungen auf soziale Chancenungleichheiten.
2. Die geschichtliche Entwicklung des Bildungssystems in Deutschland: Dieses Kapitel erläutert den Stellenwert von Bildung und den historischen Verlauf der Bildungsexpansion seit den 1950er Jahren unter Einbeziehung funktionalistischer und konflikttheoretischer Ansätze.
3. Ungleichheit bei Bildungschancen?: Hier werden die theoretischen Fundamente (Bourdieu, Boudon) sowie eine Vielzahl empirischer Studien zusammengetragen, um den Zusammenhang zwischen sozialen Merkmalen und Bildungserfolg zu prüfen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Bildungsexpansion zwar zu einer allgemeinen Niveauhebung führte, jedoch die soziale Ungleichheit nur teilweise reduzieren konnte.
Schlüsselwörter
Bildungsexpansion, Bildungsungleichheit, Soziale Herkunft, Kulturelles Kapital, Pierre Bourdieu, Raymond Boudon, Chancengleichheit, Bildungsbeteiligung, Sekundäre Herkunftseffekte, Bildungssystem, Bildungsabschluss, Statusvererbung, Bildungssoziologie, Sozialer Status, Meritokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den historischen Prozess der Bildungsexpansion in Deutschland und untersucht kritisch, ob dieser tatsächlich zu einer gerechteren Verteilung von Bildungschancen geführt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die historische Entwicklung des Bildungswesens, soziologische Erklärungsmodelle zur Bildungsselektion sowie eine detaillierte empirische Betrachtung verschiedener Ungleichheitsfaktoren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Einfluss von Faktoren wie sozialer Herkunft, Geschlecht, Elternhaus und Region auf den Bildungserfolg im Kontext der Bildungsexpansion transparent zu machen.
Welche wissenschaftlichen Ansätze werden verwendet?
Es werden insbesondere die Theorien von Pierre Bourdieu zum kulturellen Kapital und von Raymond Boudon zu primären und sekundären Herkunftseffekten herangezogen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung und eine umfangreiche empirische Analyse, die verschiedene Merkmale von Schülerinnen und Schülern sowie deren Bildungsweg betrachtet.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Bildungsexpansion, Bildungsungleichheit, soziale Herkunft und Bildungsselektion beschreiben.
Welche Rolle spielt der Begriff "Kulturelles Kapital" bei Bourdieu?
Bourdieu betrachtet kulturelles Kapital als entscheidenden Faktor für den Bildungserfolg, der je nach sozialem Milieu ungleich verteilt ist und die Chancen auf höhere Bildungsabschlüsse determiniert.
Was besagt die Theorie der "sekundären Herkunftseffekte" nach Boudon?
Boudon argumentiert, dass soziale Ungleichheit im Bildungssystem auch dadurch aufrechterhalten wird, dass Familien unterschiedlicher Schichten ihre Bildungsentscheidungen auf Basis verschiedener Kosten-Nutzen-Abwägungen treffen.
Wie hat sich die Situation für ausländische Schülerinnen und Schüler entwickelt?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Kinder aus Migrationsfamilien aufgrund sozioökonomischer Benachteiligungen und sprachlicher Barrieren bei der Bildungsteilnahme häufiger unterrepräsentiert sind.
Was schlussfolgert der Autor bezüglich der Bildungsgerechtigkeit?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass trotz der allgemeinen Bildungsausweitung ein "Fahrstuhleffekt" eingetreten ist, bei dem soziale Disparitäten zwar verlagert, aber nicht vollständig aufgelöst wurden.
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- Florian Aurisch (Author), 2009, Abbau von Ungleichheit durch die Bildungsexpansion?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137188