Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes haben sich Kriege und bewaffnete Konflikte in ihrem Erscheinungsbild grundsätzlich gewandelt. Von dieser Annahme ausgehend entstand die Theorie der „neuen Kriege“, die seit Beginn dieses Jahrhunderts eine politikwissenschaftliche Debatte über das Wesen des Krieges ausgelöst hat. Der Terminus „neue Kriege“ geht auf die britische Politologin Mary Kaldor zurück, die sich im Jahre 1999 diesem Phänomen erstmals zuwendete und am Beispiel der Kriege im ehemaligen Jugoslawien eine Unterscheidung zwischen „alten“ und „neuen“ Kriegen beschrieb. Im deutschsprachigen Raum vertritt vor allem Herfried Münkler die Theorie der „neuen Kriege“, die er systematisch und theoretisch aufgearbeitet hat. Die Aussagekraft dieser Theorie ist allerdings umstritten und hat zu einer Kontroverse innerhalb der Kriegsforschung geführt.
An dieser Stelle wird die Konzeption der „neuen Kriege“ – in ihrer Abgrenzung zu den „alten“ Kriegen – anhand ihrer zentralen Aussagen dargestellt und analysiert. Nach einer Skizze der „alten“ Kriege im ersten Kapitel geht die Analyse dabei zunächst auf die These des Staatszerfalls ein, die den Kern der Theorie der „neuen Kriege“ bildet. Davon ausgehend werden zunächst die in den so genannten „neuen Kriegen“ auftretenden Akteure beschrieben und die Erscheinungsform des Krieges betrachtet. Von großer Bedeutung ist darüber hinaus die ökonomische Logik der „neuen Kriege“, die hier in einem eigenen Abschnitt behandelt wird.
Abschließend widmet sich die Analyse im dritten Teil den Folgen, die die „neuen Kriege“ für denjenigen Teil der Welt haben, der vordergründig derzeit nicht unmittelbar von Kriegen betroffen ist. Dabei wird eine politisch-ethische Perspektive eingenommen, die besonders die Problematik von Interventionen in Krisengebieten beleuchtet.
Die Kritik, die an der Theorie der „neuen Kriege“ geäußert wurde, soll dabei an den jeweils betreffenden Stellen nicht unerwähnt bleiben und dazu beitragen, die Tragweite der hier betrachteten Konzeption abschließend zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Die „alten“ Kriege
II. Die Theorie der „neuen Kriege“
1. Staatsbildung und Staatszerfall
2. Akteure
3. Erscheinungsform des Krieges
4. Ökonomie des Krieges
5. Ergänzende Überlegungen
III. Politisch-ethische Herausforderungen
1. „Neue“ Interventionen
2. Das Dilemma der Intervention
IV. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Theorie der „neuen Kriege“ in ihrer Abgrenzung zu klassischen Kriegsformen systematisch darzustellen und kritisch zu analysieren. Dabei wird insbesondere untersucht, inwiefern sich die Veränderungen in der Staatlichkeit, der ökonomischen Logik und den Akteurskonstellationen auf das moderne Verständnis von Krieg und die ethische Problematik internationaler Interventionen auswirken.
- Historische Entwicklung und Charakteristika der „alten“ Kriege
- Der Prozess der Entstaatlichung und Privatisierung von Gewalt
- Die Rolle ökonomischer Faktoren und globaler Märkte in Konflikten
- Asymmetrische Gewaltformen und das Verschwimmen der Grenze zwischen Krieg und Frieden
- Ethische Herausforderungen und Dilemmata bei militärischen und humanitären Interventionen
Auszug aus dem Buch
1. Staatsbildung und Staatszerfall
Wie bereits behandelt wurde, nimmt das Verhältnis von Staat und Krieg eine Schlüsselstellung in der Analyse des Krieges ein. So lautet die ausführlich formulierte Kernthese Münklers, die als Ausgangspunkt für die Theorie der „neuen Kriege“ gelten kann: „Wir sind Zeitgenossen einer umfassenden Entstaatlichung beziehungsweise einer Privatisierung des Krieges, der sich (…) mehr und mehr aus einem Instrument politischer Interessen- und Willensdurchsetzung in eine Form privatwirtschaftlich organisierter Einkommenserzielung (…) verwandelt hat (…).“ Dem zugrunde liegt die Beobachtung, der Staat habe vielerorts eben jenes ihn konstituierende Gewaltmonopol verloren bzw. nie erreicht und sei nicht mehr alleiniger Herr über den Krieg.
Obwohl grundsätzlich die Möglichkeit im Raum steht, dass es sich bei den betrachteten „neuen Kriegen“ – vorrangig in der Dritten Welt – genau so gut um Staatsbildungskriege handeln könnte, die dem Modell der OECD-Staaten verspätet nachfolgen, unterliegen jene Kriege in (noch) nicht ausgebildeten oder gescheiterten Staaten doch gänzlich anderen Voraussetzungen als die Kriege, die in der Moderne zur Bildung der europäischen oder nordamerikanischen Staaten geführt haben. Die fortgeschrittene Globalisierung, die auch Regionen ohne stabile Staatlichkeit erfasst hat, lässt der Entwicklung einer solchen Staatlichkeit schlicht keine Zeit.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in den Wandel der bewaffneten Konflikte nach dem Ost-West-Konflikt ein und skizziert die wissenschaftliche Debatte um die Theorie der „neuen Kriege“.
I. Die „alten“ Kriege: Dieses Kapitel erläutert die historisch enge Verbindung von Staat und Krieg sowie die klassische Regulierung von Gewalt durch staatliche Souveränität.
II. Die Theorie der „neuen Kriege“: Hier werden die Kernpunkte der Theorie analysiert, insbesondere der Staatszerfall, die veränderten Akteure, die neuen Erscheinungsformen des Krieges und die ökonomischen Antriebskräfte.
III. Politisch-ethische Herausforderungen: Dieses Kapitel thematisiert die Schwierigkeiten westlicher Staaten bei Interventionen und das moralische Dilemma der humanitären Hilfe in Krisengebieten.
IV. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert die Bedeutung der Theorie für die aktuelle Sicherheitsdebatte und weist auf die offene Herausforderung hin, angemessene Antworten auf diese veränderten Konfliktlagen zu finden.
Schlüsselwörter
Neue Kriege, Entstaatlichung, Staatszerfall, Gewaltmonopol, Privatisierung, Warlords, Asymmetrische Konflikte, Interventionen, humanitäre Hilfe, Globalisierung, Kriegswirtschaft, Sicherheitspolitik, internationale Konflikte, Zivilbevölkerung, Identitätspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der „neuen Kriege“, die sich durch eine Abkehr von klassischen staatlichen Konfliktmustern auszeichnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Prozess der staatlichen Entmachtung, die Ökonomisierung von Gewalt, die Rolle nicht-staatlicher Akteure sowie die ethischen Probleme bei Interventionen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist eine fundierte Darstellung und kritische Analyse der Theorie der „neuen Kriege“ sowie deren Bedeutung für das moderne Verständnis von Sicherheit.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Literaturanalyse und die theoretische Auseinandersetzung mit führenden Konzepten der modernen Kriegsforschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der klassischen Kriegstheorie, die Analyse der „neuen Kriege“ hinsichtlich Akteuren und Ökonomie sowie die ethische Bewertung von Interventionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Entstaatlichung, Privatisierung, Staatszerfall, Warlords, asymmetrische Gewalt und Interventionsdilemma.
Warum spielt der Begriff des „Staatszerfalls“ eine zentrale Rolle?
Der Staatszerfall ist der Kern der Theorie, da der Verlust des staatlichen Gewaltmonopols erst die Entstehung der privatisierten und irregulären „neuen Kriege“ ermöglicht.
Welches Dilemma haben humanitäre Organisationen in „neuen Kriegen“?
Das Dilemma besteht darin, dass humanitäre Hilfsgüter oft von Kriegsparteien vereinnahmt werden und somit unfreiwillig zur Verlängerung der Konflikte beitragen.
Warum werden „neue Kriege“ oft als ökonomisch motiviert beschrieben?
Da in Regionen mit schwacher Staatlichkeit der Krieg zur Existenzgrundlage wird, suchen Akteure wie Warlords über legale und illegale Märkte nach Einnahmequellen, um ihre Macht zu sichern.
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- Thomas Koch (Autor), 2009, Die Theorie der "neuen Kriege", Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137201