Jack der Postbote schläft gerade mit meiner Frau! Oh Gott! [...] Und all die verrückten Kinder, die daheim auf der Nase tanzen! Umbringen müsst man sie! Ja! […] Neue Helden braucht das Land!
Mit diesen eindeutigen Worten beginnt Jan Müller-Wieland’s Oper „Der Held der Westlichen Welt“.
Es geht um die Trostlosigkeit und Langweile, die die Menschen der „Westlichen Welt“ verspüren, und um die Sehnsucht nach etwas Neuem, Spannendem, Aufregendem.
Ein Held wird herbeigesehnt und erscheint auch. In Form eines kleinen, zierlichen, jungen Mannes, der behauptet, seinen Vater erschlagen zu haben. Für diese Tat wird er gefeiert und verehrt: „ Ein Held! Held befehle!“. Doch bald muss die euphorische Menge erleben, dass der Vater noch lebt und ihr umjubelter Held gar keiner ist. Der Held, dem die Masse gestern noch zujubelte, wird morgen von ihr angespien, wenn das Schicksal ihn schlug. […] Die Masse betrachtet dann den gefallenen Helden als ihresgleichen und rächt sich dafür, dass sie sich einer Überlegenheit gebeugt hat, die sie nicht mehr anerkennt […] Die Gläubigen zertrümmerten stets voll Wut die Bildwerke ihrer früheren Götter. In dieser Arbeit geht es um die Sehnsucht nach Helden, ihre Glorifizierung und ihren tiefen Fall, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
Dazu wird das oben beschriebene Stück „Der Held der Westlichen Welt“ analysiert und interpretiert. Dabei wird hauptsächlich die Fassung von Jan Müller-Wieland berücksichtigt, das Ursprungs-Theaterstück „The Playboy of the Western World“ von John Millington Synge wird als Vergleich ebenfalls herangezogen.
Außerdem geht es in einem Teil der Arbeit um Helden in unserer heutigen Gesellschaft, da Müller-Wieland in seiner Oper diesen Aspekt aufgreift und parodiert. Es werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen heutigen und früheren Heroen aufgezeigt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf diversen Castingshows der privaten Fernsehsender. Zunächst wird jedoch auf den Begriff des Helden allgemein eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Helden
3. Der Held der westlichen Welt
3.1 Helden bei Synge
3.2 Helden bei Müller-Wieland
4. Helden in der heutigen Zeit
5. Fazit
6. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht das gesellschaftliche Phänomen der Sehnsucht nach Helden, deren Glorifizierung sowie deren häufigen Absturz, wenn sie die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Oper „Der Held der westlichen Welt“ von Jan Müller-Wieland im Vergleich zum ursprünglichen Theaterstück von John Millington Synge.
- Die allgemeine Definition und Entwicklung des Heldenbegriffs von der Antike bis heute.
- Die literarische und opernhafte Darstellung der Heldenfigur bei Synge und Müller-Wieland.
- Die kritische Auseinandersetzung mit modernen Castingshows und dem Phänomen des "Supermarkts der Helden".
- Die psychologische Bedeutung von Vorbildern und Ersatzfiguren in einer mediengeprägten Gesellschaft.
Auszug aus dem Buch
2. Helden
Seit dem Beginn der Geschichtsschreibung sind Helden – ob erfunden oder real - allgegenwärtig. Sie existieren unter anderem als Heroen des klassischen Altertums, als Ritter des Mittelalters, als Leinwand-Cowboys des Wilden Westens und als Comic-Figuren wie zum Beispiel Superman. Sie heben sich durch besondere Merkmale und Taten von der Masse ab und riskieren selbstlos ihr Leben für andere. Sie sind etwas Besonderes und werden so für den normalen, durchschnittlichen Menschen bewunderungswürdig und zu „Projektionsflächen der Sehnsüchte des Alltags.“ Wegen ihrer Taten werden sie verehrt und hofiert.
Ein Held verfügt meistens über seelische und körperliche Kräfte, die ein normaler Mensch nicht hat, und ist dadurch in der Lage, Taten zu vollbringen, die für andere unmöglich erscheinen.
Weiterhin gilt der Held als Vorbild, zu dem man aufsehen, auf den man sich verlassen und durch den man sich beschützt und sicher fühlen kann. Der normale Bürger identifiziert sich mit dem Helden und projiziert seine Träume und Wünsche auf diese Person.
Helden schultern die Last des Allgemeinen, die Bürger hingegen verteilen sie auf ihresgleichen. Der Held ist selbstlos, denkt nicht an sein eigenes Wohlergehen, sondern an das anderer. Er setzt sich, ohne an mögliche negative Folgen für sich selbst zu denken, für andere ein. Er versucht die „Guten“ zu beschützen und vor Gefahren zu retten. Er übernimmt die volle Verantwortung für sein Tun und schiebt die Schuld oder Last niemand anderem zu.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Sehnsucht nach Helden ein und stellt das Werk von Jan Müller-Wieland sowie den Vergleich zu John Millington Synge vor.
2. Helden: Dieses Kapitel definiert das klassische Heldenbild sowie den modernen Anti-Helden und beleuchtet deren Rolle als Projektionsfläche für gesellschaftliche Wünsche.
3. Der Held der westlichen Welt: Hier erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung der Heldenfiguren bei Synge und Müller-Wieland, die beide einen äußerlich untypischen Helden thematisieren.
3.1 Helden bei Synge: Das Kapitel analysiert Synges „The Playboy of the Western World“ als Fabel über die Aufnahme und Glorifizierung eines Flüchtlings.
3.2 Helden bei Müller-Wieland: Hier wird Müller-Wielands moderne Opern-Adaption betrachtet, die soziale Abgründe und die schnelle Helden-Produktion durch die Medien kritisiert.
4. Helden in der heutigen Zeit: Dieser Abschnitt untersucht den aktuellen "Supermarkt der Helden", insbesondere durch das Phänomen von Castingshows und den Wunsch nach kurzfristigen Ersatz-Idolen.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Helden oft Produkte einer wildschweifenden Phantasie sind und die Gesellschaft instabile Idole produziert, um eigene Defizite zu kompensieren.
6. Literatur: Dieses Kapitel listet alle verwendeten Quellen und Referenzen zur Erstellung der Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Helden, Anti-Held, Gesellschaftskritik, Jan Müller-Wieland, John Millington Synge, Castingshows, Identifikation, Massenpsychologie, Vorbilder, Ruhm, Medien, Projektionsfläche, Sehnsucht, Unterhaltungsbranche, Supermarkt der Helden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die gesellschaftliche Sehnsucht nach Helden und wie sich das Heldenbild von klassischen Vorbildern hin zu medial erzeugten Idolen verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen Literatur- und Opernanalyse, Medientheorie, der Wandel von Werten sowie die psychologischen Mechanismen der Massenbildung und Heldenverehrung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den "tiefen Fall" von Helden zu beleuchten und aufzuzeigen, wie schnell die Gesellschaft heute Personen zu Idolen erklärt und wieder fallen lässt, wenn sie die Erwartungen nicht mehr erfüllen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Medienanalyse, die auf Theater- und Operntexten sowie soziologischen und psychologischen Standardwerken basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, die Analyse des Stücks „Der Held der westlichen Welt“ in zwei Fassungen und eine Untersuchung über moderne Helden in der heutigen Fernsehlandschaft.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Heldenverehrung, Projektionsflächen, Medienwirksamkeit, soziale Abgründe und der "Supermarkt der Helden".
Wie unterscheidet sich die Heldenfigur bei Synge von der bei Müller-Wieland?
Während Synge die Ambivalenz einer flüchtenden Figur im Irland des frühen 20. Jahrhunderts darstellt, fokussiert sich Müller-Wieland auf eine moderne, trostlose Umgebung, in der die Figur durch mediale und soziale Mechanismen zum Helden erhoben und wieder entzaubert wird.
Welche Rolle spielen Castingshows in der Analyse?
Castingshows dienen als Beleg für eine "pseudoindividuerte" Gesellschaft, die ständig nach neuen, leicht konsumierbaren Idolen sucht, um die eigene Langeweile zu kompensieren.
Warum fällt der Held bei Müller-Wieland so tief?
Der Held fällt, weil er die hohen, oft unrealistischen Erwartungen einer frustrierten und suchenden Gesellschaft nicht dauerhaft erfüllen kann, sobald die Fassade seiner vermeintlichen Heldentat bröckelt.
- Quote paper
- Annika Hoffmann (Author), 2006, Helden im 21. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137218