Flexionsendungen vs. Präpositionen

Die Markierung der Kasusrollen im Lateinischen und im Französischen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

44 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung

2. Die Syntax des klassischen Latein – Regeln und Ausnahmen
2.1 Das Grundprinzip der Flexion und seine Schwachstellen
2.2 Der Gebrauch von Präpositionen
2.3 Das Inventar der lateinischen Präpositionen
2.4 Auswertung vorklassischer und klassisch-lateinischer Texte
2.4.1 Vorgehen bei der Auswertung
2.4.2 Zur Textauswahl
2.4.3 Statistische Auswertung der Texte im Vergleich
2.4.4 Besondere Feststellungen zur Auswertung des Präpositionsgebrauchs

3. Die Entwicklung der lateinischen Syntax auf dem Weg zu den modernen romanischen Sprachen
3.1 Entwicklungstendenzen im gesprochenen Latein und im Protoromanischen
3.2 Verdeutlichungsprozesse und Umstrukturierung des Systems
3.2.1 Abbau der Kasusflexion
3.2.2 Folge: Zunahme im Gebrauch von Präpositionen?
3.2.3 Die vulgärlateinischen Präpositionen
3.3 Auswertung vulgär- und spätlateinischer Texte
3.3.1 Zur Textauswahl
3.3.2 Statische Auswertung hinsichtlich des Präpositionsgebrauchs
3.3.3 Einzelauswertung von den Freigelassenengesprächen in Petrons Satyricon
3.3.3.1 Allgemeine Erkenntnisse
3.3.3.2 Präposition in Verbindung mit einem falschen Kasus
3.3.3.3 Unübliche Verwendung von Präpositionen
3.3.4 Einzelauswertung des Reiseberichts der Nonne Egeria
3.3.4.1 Allgemeine Erkenntnisse
3.3.4.2 Präpositionen in Verbindung mit einem falschen Kasus
3.3.4.3 Präpositionen in Verbindung mit einem indeklinablen Eigennamen
3.3.4.4 Unübliche Verwendung von Präpositionen
3.3.4.5 Präpositionalkonstruktion als Kasusersatz
3.3.4.6 Präposition + Präposition / Adverb
3.3.5 Fazit

4. Die romanischen Präpositionen
4.1 Allgemeine Entwicklungen
4.2 Beispiel: Altfranzösisch

5. Kasusmarkierung im modernen Französisch
5.1 Allgemeine Tendenzen
5.2 Inventar der französischen Präpositionen
5.3 Auswertung französischer Texte
5.4 Gegenüberstellung lateinischer Kasus und französischer Präpositionalphrasen

6. Abschließende Bemerkungen

7. Anhang: Textauswertungen
7.1 Auswertung der lateinischen Texte
7.2 Auswertung der französischen Texte

8. Literaturverzeichnis
8.1 Fachliche Sekundärliteratur
8.2 Quellen für das Textkorpus

1. Hinführung

Obwohl die romanischen Sprachen alle aus dem Lateinischen hervorgegangen sind und daraus zahlreiche sprachliche Erscheinungen übernommen haben, weisen sie gegenüber der gemeinsamen Ursprungssprache einen deutlichen Unterschied in einem zentralen Teil der Syntax auf: Das lateinische Kasussystem baute sich im Laufe der Sprachentwicklung radikal ab und formte sich um in ein sprachliches System, in dem die Mehrzahl der syntaktischen Relationen durch Präpositionen markiert werden.

Die Menge dieser kleinen, für die Herstellung syntaktischer Zusammenhänge aber enorm wichtigen Wörter fand bereits würdiges Interesse in der Sprachwissenschaft. Besonders in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfuhr die Forschung um die französischen Präpositionen neuen Aufwind unter verschiedenen Aspekten. Zumeist handelt es sich in den einschlägigen Arbeiten jedoch um synchronische Betrachtungen.[1] Diachronische Untersuchungen liegen weiter zurück.[2] Wie und warum sich im Französischen und in den romanischen Sprachen überhaupt die Präpositionen in solchem Maß, wie Textuntersuchungen es beweisen, durchgesetzt haben, ist bisher nicht zufriedenstellend beantwortet worden. Auch in den Monographien, die ausdrücklich den Übergang vom Lateinischen zum Romanischen oder auch konkret zum Französischen untersuchen, wird zwar stets auf den Verlust der lateinischen Kasus hingewiesen, aber die Frage, durch welche Mittel die im Lateinischen durch Kasusendungen ausgedrückten Satzfunktionen in den modernen romanischen Sprachen markiert werden, wurde noch nicht systematisch aufgearbeitet.[3]

Die vorliegende Arbeit soll zumindest einen Schritt in diese Richtung machen. Nach einer knappen Darstellung der Problematiken bei der Markierung von Satzgliedern durch Kasusendungen im Lateinischen soll die Häufigkeit von Präpositionen, die bereits in den frühesten lateinischen Sprachstufung eine Alternative oder Ergänzung zum kasuellen System bildeten, in verschiedenen Epochen und Sprachstufen des Lateinischen untersucht werden. Ein starker Fokus wird dabei auf das Vulgärlateinische als Scharnierstelle zwischen klassischem Latein und romanischen Entwicklungen geworfen. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit wird die Situation im Altfranzösischen nur in knappen Grundzügen einbezogen. Den Abschluss bildet eine Betrachtung des Präpositionsgebrauchs im Neufranzösischen, und zwar in Original- wie Übersetzungstexten, wobei anschließend eine umfassende Gegenüberstellung der lateinischen Kasus in ihren verschiedenen Funktionen mit den entsprechenden durch eine Präposition markierten Ausdrucksmöglichkeiten des Französischen versucht wird.

1. Die Syntax des klassischen Latein – Regeln und Ausnahmen

1.1 Das Grundprinzip der Flexion und seine Schwachstellen

Im Lateinischen ist das Prinzip der Flexion tief verankert[4] und tatsächlich lässt sich in dieser Sprache eine Vielzahl an synthetischen Wortformen im Nominal- und Verbalbereich feststellen, die ihr trotz der prinzipiellen Grundwortstellung SOV[5] eine große Stellungsfreiheit hinsichtlich der einzelnen Elemente im Satzsyntagma erlauben. Semantisch gleichbedeutend und wegen der Endungen eindeutig verständlich sind die beiden folgenden Propositionen (1) und (2):

(1) Publi us fili o parv o libr um pulchr um dat.
(2) Libr um pulchr um dat Publi us fili o parv o.

Die einzelnen Satzbausteine können sogar noch weiter verschoben und voneinander getrennt positioniert werden:

(3) Libr um Publi us pulchr um fili o dat parv o.

Zugegebener Maßen weicht das Beispiel (3) von der usuelle Wortstellung, die das Lateinische präferiert, erheblich ab, zerstört aber nicht den Sinn der Proposition. Grund dafür sind die sowohl im Verbal- als auch im Nominalbereich vorhandenen Endungen, die eine genaue Kasusmarkierung am Wort erlauben. Unabhängig von der Position, die das Wort im Satz einnimmt, drückt die Endung an Publi us aus, dass es sich hier um ein Subjekt handelt, und zeigt die Endung libr um an, dass dieses Wort die Funktion eines Akkusativobjekts erfüllt. Das Adjektiv pulchr um identifiziert sich durch seine Kongruenz zu libr um als Attribut zu selbigem. Etwas schwieriger verhält es sich mit der Kasuserkennung bei fili o, da diese Wortform zwei Kasus, den Dativ und den Ablativ ausdrücken kann und der Leser oder Hörer aufgrund des Kontextes die Endung richtig interpretieren muss.

Gerade diese Mehrdeutigkeit einzelner Endungen – Serbat (1994) spricht von „bi-“ und „polyvalence de certaines désinences“[6] – ist es, die das flektierende System schwächt, sowohl im Bereich der Substantive als auch im Bereich der Verben.[7] Ein besonders stichhaltiges Beispiel aus dem Nominalbereich bieten die Formen der u -Deklination, in der der Wortausgang - us sogar vier Funktionen einnehmen kann, die zumindest im Schriftbild, in den gesprochenen Varietäten ab dem Spätlatein aber auch akustisch[8] nicht zu unterscheiden sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Insbesondere die Übereinstimmung der beiden hochfrequenten Kasus Nominativ und Akkusativ, die in vielen Sätzen in Kombination auftreten, dürfte Probleme im Verständnis bereitet haben. Man stelle sich nun einen prototypischen Aussagesatz mit Subjekt und Objekt vor, in dem sowohl die Subjekt- als auch die Objektstelle mit einem Substantiv der u -Deklination besetzt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Satz (4) ist klar, dass das Element magistratus aufgrund des Kontextes und der Belebtheitskriterien, die es erfüllt, Agens und Subjekt sein muss und fructus das von der Valenz des Verbs vendere geforderte Akkusativobjekt darstellt. Im Beispiel (5) wären grammatikalisch mehrere Deutungen des Satzinhalts denkbar, einfache Logik lässt jedoch darauf schließen, dass magis-tratus Nominativ Plural, senatus das zu magistratus gehörige Genitivobjekt und exercitus ein Akkusativ Plural ist. Der propositionale Sinn und die Kasusverhältnisse des Beispielsatzes (6) können nur aus einem größeren Kontext erschlossen werden. Selbstverständlich sind derartige Sätze konstruiert und ihr Vorkommen in authentischen Texten dürfte eher die Ausnahme sein. Dennoch sollen die Beispiele (4) bis (6) in überspitzter Weise die Ambiguität des lateinischen Kasussystems exemplarisch verdeutlichen.

1.2 Der Gebrauch von Präpositionen

Es ist offensichtlich nicht davon auszugehen, dass es in einem sehr frühen Stadium des Lateinischen nur reine Kasus und keine Präpositionen gegeben hat und diese sich erst im Laufe der Zeit aus Adverbien entwickelt haben, wie die ältere Forschung bisweilen zu beweisen versucht.[9] Renzi (1984) sieht im Lateinischen, welches zwei Strukturen der Funktionsmarkierung erlaubt, eine mit und eine ohne Präposition, einen Übergang vom System des Indoeuropäischen, das ohne Präpositionen funktionierte, zum Romanischen, in dem der Präpositionsgebrauch stark zunahm.[10] Mit der Einräumung, dass Präpositionen im frühen Latein viel seltener zu finden seien, als später,[11] argumentiert Pinkster (1988), dass es in allen Sprachen, auch in solchen, die ein äußerst ausgeprägtes Kasussystem haben, Präpositionen gebe, und schließt daraus, dass auch das Lateinische bereits in seinen Anfängen Präpositionen besaß, die zumindest eine Spezifikationsfunktion des schon vom Kasus ausgedrückten semantischen Werts einer Nominalphrase erfüllen konnten.[12]

Bereits in frühen Stadien der lateinischen Sprache kommen also neben den bloßen Kasus auch Präpositionen als Funktionsmarker vor. Tekavčić (1972) stellt übersichtlich dar, dass die Markierung der Funktion eines Substantivs im Lateinischen auf drei Weisen vollzogen werden kann: durch die Kasusendung allein, durch eine Präposition, die einen bestimmten Kasus fordert,[13] also durch Präposition und Kasusendung, und schließlich allein durch eine Präposition.[14] Im zweiten Fall, in dem die Präposition den Kasus regiert, muss beachtet werden, dass zwar in vielen Fällen die Präposition den semantischen Wert des Kasus, vor dem sie steht, nur verstärkt, es aber bereits im klassischen Latein vorkommen kann, dass allein die Präposition über den semantischen Gehalt einer Phrase entscheidet. Beispielsweise fordern die Präpositionen intra und extra beide den Akkusativ nach sich, geben der Präpositionalphrase aber eine gerade entgegengesetzte Bedeutung:

(7) tum statuistis etiam intra muros Antoni scelus audaciam que uersari. (Cic. Phil. 3, 13)

(8) magis ausi egredi extra muros ad Himeram amnem posuerunt castra. (Liv. 25, 40, 8)

Tekavčić sieht in solchen Paaren, deren es mehrere gibt (z.B. auch cum / sine oder super / sub) die Keimzelle der romanischen Entwicklung zum verstärkten Präpositionsgebrauch begründet.[15]

In einigen Fällen erlaubt das System der lateinischen Sprache eine Abwechslung zwischen der Verwendung eines bloßen und eines präponierten Kasus, wobei der semantische Wert einer solchen Präpositionalphrase gegenüber dem alleinstehenden Kasus sich oft dahingehend intensiviert, dass die Variante mit Präposition eine stärkere affektive und / oder stilistische Wirkung erzeugt als die entsprechende bloße Kasusform.[16] Die folgenden Beispiele (9) bis (12) zeigen, wie ähnliche Wendungen sowohl mit als auch ohne Präposition verwendet werden:

(9) sed ut tum ad senem senex de senectute sic hoc libro ad amicum amicissimus scripsi de amicitia. (Cic. Lael. 5)

(10) Planco et Oppio scripsi equidem (Cic. Att. 16, 2, 5)

(11) quem non ille summo cum studio salvom incolumem que servavit? (Cic. Verr. 2, 5, 153)

(12) quem enim ex tantis inimicitiis receptum in gratiam summo studio defenderim, hunc afflictum violare non debeo. (Cic. Rab. Post. 19)

Gleichzeitig muss man hier allerdings feststellen, dass Tekavčićs Aussage nicht bei allen seinen Beispielen einen eindeutigen Beweis liefert. So ist beispielsweise wie Recherchen lateinischer Texte ergeben, die Wendung scribere (aliquid) ad amicum (vgl. Bsp. 9) in klassischer Zeit wesentlich weiter verbreitet als ihr Äquivalent scribere (aliquid) amico (vgl. Bsp. 10). Es darf daher nicht davon ausgegangen werden, dass die Variante mit Präposition in allen Fällen semantisch markierter ist, als die ohne. Es handelt sich bei Tekavčićs Feststellung also um keine Regel, sicher aber um eine bemerkbare Tendenz, wie sie durch die Häufigkeit des Typs in Beispiel (11) gegenüber dem in Beispiel (12) verdeutlicht wird.

Bisweilen ist diese scheinbare (stilistische) Freiheit im Umgang mit den Präpositionen ihrerseits wiederum bestimmten Regeln unterworfen, nämlich dort, wo Präpositionen kontextbedingt gesetzt werden müssen oder weggelassen werden dürfen. Beispiele hierfür lassen sich unter den Ausdrücken des Befreiens und Freiseins finden,[17] bei denen eine Verbindung mit a(b) als Alternative zum reinen Ablativus der Trennung zwar immer möglich (vgl. Beipiele 13 und 14), aber dann notwenig ist, wenn eine Person im Ablativ (Beispiel 15) steht:

(13) hoc tempore magnis curis molestiis doloribus liberatus praestare debeo (Cic. Marc. 34)

(14) sequentur auctoritatem consulis soluti a cupiditatibus, liberi a delictis (Cic. leg. agr. 1, 27)

(15) ut plusculum sibi iuris populus adscisceret liberatus a regibus (Cic. rep. 2, 15)

Insgesamt sind also die Regeln des Präpositionsgebrauchs auch im klassischen Latein keineswegs einheitlich und erlauben dem Sprecher zumindest unter bestimmten Bedingungen Freiheiten, wodurch ein gewisser Raum für Abweichungen vom System eröffnet wird, der sich, wie unten zu zeigen sein wird, auf dem Weg in die romanischen Sprachen neue Regelhaftigkeiten annimmt.

1.3 Das Inventar der lateinischen Präpositionen

Die Vielzahl der Präpositionen, mit denen das Lateinische ausgestattet ist, verlangt nach einer systematischen Einteilung in verschiedene Kategorien, um das breite Inventar überschaubar zu machen. Hierfür existieren verschiedene Vorschläge: Bouet (1975) unterscheidet für das Lateinische zwischen sog. echten Präpositionen, d.h. solche, die auch als Verbpräfixe gebraucht werden können, und unechten, die eigentlich nur erstarrte Kasusformen sind und nicht als Verbpräfixe verwendet werden.[18] In anderen Darstellungen werden die Präpositionen allein nach dem Kasus, den sie nach sich ziehen – die lateinischen Präpositionen können neben Akkusativ und Ablativ auch den Genitiv regieren (werden dann allerdings eher als Postposition verwendet) – eingeteilt.[19] Zu unterscheiden ist bei den Präpositionen ferner immer auch in solche, die die Zeit, und in solche, die den Raum beschreiben, außerdem in die, die nach Verben der Bewegung und in die, die nach Verben der Ruhe stehen. Die verschiedenen Klassifikationen lassen alle die breite Vielfalt der lateinischen Präpositionen erkennen, die in sehr unterschiedlichen Kontexten und Verwendungsmöglichkeiten vorkommen können.

Des Weiteren soll daran erinnert sein, dass es bereits im klassischen Latein bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich tatsächliche Prä positionen gibt, die entsprechend ihrer Bezeichnung vor dem Bezugswort stehen, und nur vereinzelt Postpositionen auftreten, die in der Literatur oft trotzdem als Präpositionen bezeichnet werden.[20] Dieser Bauplan wird in den romanischen Sprachen bis auf vereinzelte Ausnahmen (z.B. franz. trois jours durant) übernommen.

Eine übersichtlich gestaltete Sammlung der lateinischen Präpositionen und ihrer Verwendungsmöglichkeiten findet sich bei Menge (1993).[21] Auch Togeby (1969) beginnt seinen Aufsatz über die lateinischen und romanischen Präpositionen mit einer Zusammenfassung des lateinischen Präpositionalsystems.[22]

1.4 Auswertung vorklassischer und klassisch-lateinischer Texte

1.4.1 Vorgehen bei der Auswertung

Gezählt wurden in den Texten (wie auch nachher bei den vulgärlateinischen Texten) die wichtigsten lateinischen Präpositionen in, ad, de, e(x), a(b), per und pro. Anschließend wurde berechnet, welchen prozentualen Anteil die Summe dieser Präpositionen an der Gesamtzahl der Wörter des jeweiligen Texts einnimmt.[23]

Eine kurze Begründung, weshalb gerade diese Präpositionen hinsichtlich ihrer Häufigkeit in den lateinischen Texten untersucht wurden: In der folgenden Tabelle werden den wichtigsten syntaktisch-semantischen Rollen, die im Lateinischen im Normalfall durch einen bestimmten Kasus ausgedrückt werden, alternative präpositionale Bildungen gegenübergestellt. Wie die Tabelle zeigt, können im Lateinischen v.a. die Präpositionen in, ad, de, e(x), a(b) und (seltener) pro Nominalphrasen einen semantischen Wert verleihen, der zumindest in anderen Kontexten auch durch einen bloßen Kasus ausgedrückt werden könnten. Auf dieser Basis entwickelt sich später ein syntaktisches System, in dem sich die Funktionsmarkierung durch Präposition gegenüber der Markierung syntaktischer Zusammenhänge durch Kasusendungen zunächst allmählich, dann ganz durchsetzt. Die Präposition per wurde in die Auswertung einbezogen, da sie im Lateinischen eine in relativ hoher Frequenz auftritt.

Um bereits vorauszugreifen, sei darauf aufmerksam gemacht, dass, wie die folgende Tabelle zeigt, im Lateinischen die Präposition ad nur eine recht beschränkte Menge von semantischen Funktionen ausdrücken kann, in dagegen viel mehr. Dieses Verhältnis wird sich in der Entwicklung zum Französischen umkehren. Überraschend viele Bedeutungen scheint auch e(x) zu haben, das im Französischen ganz verschwinden wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4.2 Zur Textauswahl

Für die Zeit des vorklassischen Latein oder Altlatein (ca. 240 bis 80 v. Chr.)[24] wurden für die Auswertung drei Autoren gewählt, deren Texte sich in ihren stilistischen Qualitäten unterscheiden: Plautus und Ennius, die beide in Versen schrieben, und Cato, der erste Römer, der lateinische Prosa verfasste; Plautus‘ Text als Beispiel eines nähesprachlich konzipierten Dialogs, die Schriften von Ennius und Cato als distanzsprachlich geprägte Texte über sachliche Themen.

T. Maccius Plautus (ca. 250 bis 184 v. Chr.), der in der Zeit um das Jahr 200 v. Chr. Komödien dichtete,[25] gewährt aufgrund seiner lebensnahen Figuren aus dem einfachen Volk, die er jeweils in ihrer eigenen Sprachvarietät zu Wort kommen lässt, einen guten Einblick in die damals „gängige Umgangssprache“[26] in ihren diatopischen, diastratischen und diaphasischen Ausprägungen. Für die Untersuchung wurde eines seiner bekanntesten Stücke, die Mostellaria (Gespensterkomödie), verwendet. Als zweiter Vertreter der frühen Literatur dient Q. Ennius (ca. 139 bis 169 v. Chr.), der als Hauptwerk ein in Hexametern gehaltenes Geschichtswerk mit dem Titel Annales verfasste,[27] dessen erstes der 18 Bücher in die Auswertung einbezogen wurde. Als erster Prosaschriftsteller der lateinischen Literatur darf M. Porcius Cato (234 bis 149 v. Chr.), berühmt als Zensor, nicht unbeachtet bleiben, da insgesamt ja davon auszugehen ist, dass die Verssprache der Alltagssprache, die eher Rückschlüsse auf neue Sprachentwicklungen zulässt, ferner steht, als die Prosa. Als zu untersuchende Textgrundlage wurde seine Schrift De agricultura herangezogen, das älteste erhaltene lateinische Prosawerk überhaupt.[28]

Stellvertretend für die lateinische Klassik (erstes vorchristliches Jahrhundert)[29] wurden die beiden typisch klassischen Autoren, M. Tullius Cicero (106 bis 43 v. Chr.) und C. Iulius Caesar (100 bis 44 v. Chr.), gewählt, die mit ihrer Sprache die lateinische Schulgrammatik bis heute prägen. Aus Ciceros vielfältigem Gesamtwerk wurden drei Schriften aus verschiedenen literarischen Genera und Lebensphasen für die Untersuchung gewählt: Die erste der Verres-Reden, gehalten im Jahre 71 v. Chr., aus dem Bereich der Rhetorik, das erste Buch De oratore, entstanden im Jahre 55 v. Chr. und von philosophischem Stil geprägt, und das erste Buch der Briefe Ad familiares, an die Verwandten und Vertrauten Ciceros, die in den Jahren 48 bis 43 v. Chr. von Ciceros Freigelassenem und Sekretär Tiro gesammelt und veröffentlicht wurden.[30] Gerade die persönlichen Briefe an nahestehende Personen weisen teilweise nähe- und umgangssprachliche Elemente auf. Aus dem Werk des erfolgreichen Feldherrn und Politikers Caesars soll das erste Buch des Bellum civile betrachtet werden. Die als commentarius bezeichnete Schrift ist innerhalb eines kurzen Zeitraums verfasst worden, wahrscheinlich unvollendet geblieben und es kann davon ausgegangen werden, dass ihr der letzte stilistische Schliff fehlt.[31]

[...]


[1] So etwa Lang, Jürgen: Die französischen Präpositionen. Funktion und Bedeutung, Heidelberg 1991, Cervoni, Jean: La préposition. Etude sémantique et pragmatique, Paris 1991, Cadiot, Pierre: Les prépositions abstraites en français, Paris 1997, oder Melis, Ludo: La préposition en français, Ophrys 2003.

[2] Z.B. die Syntaxuntersuchung von Sneyders de Vogel, Kornelis: Syntaxe historique du français, La Haye 1919 oder diverse historische Grammatiken.

[3] So etwa in Rohlfs, Gerhard: Vom Vulgärlatein zum Altfranzösischen, Tübingen 31968 und in Ma-chonis, Peter A.: Histoire de la langue. Du latin à l’ancien français, London 1990.

[4] Nicht umsonst überschreibt Serbat (1994), S. 51 sein Kapitel zur Morphosyntax des lateinischen Nomens mit dem Untertitel „Le latin, langue flexionnelle“.

[5] Vgl. dazu Devine (2006), S. 79ff.

[6] Serbat (1994), S. 54.

[7] Beispielsweise fallen außer in der ersten Person des Singulars die Formen des Konjunktiv Perfekt mit denen des Futur II in allen Konjugationsklassen zusammen.

[8] Endgültig nicht mehr zu unterscheiden sind die Formen seit dem Quantitätenkollaps.

[9] So beschreiben es beispielsweise Bouet (1975), S. 91.

[10] Vgl. Renzi (1984), S. 50.

[11] Die Untersuchung dieses Themas wird dadurch erschwert, dass aus der Epoche des vorliterarischen Lateins keine schriftlichen Texte überlebt haben. Aus den in dieser Arbeit untersuchten Texten (vgl. Kap. 2.4.3, S. 13) lässt sich Pinksters These jedenfalls höchstens andeutungsweise bestätigen.

[12] Vgl. Pinkster (1988), S. 101f.

[13] Siehe dazu Kap. 2.3, S. 9.

[14] Vgl. Tekavčić (1972), S. 36. Der zuletzt genannte Fall tritt im klassischen Latein sehr selten und nur bei den wenigen indeklinablen Substantiven auf. Anzumerken bleibt, dass in solchen Fällen theoretisch ein beigestelltes Adjektivattribut Klarheit über den Kasus geben könnte. Davon abgesehen findet man in der klassisch-lateinischen Literatur kaum Beispiele für eine Verwendung beispielsweise von fas / nefas in Verbindung mit einer Präposition. Ein erster Beleg findet sich bei Arnobius dem Älteren, der im vierten nachchristlichen Jahrhundert schrieb: et in nefas extraneum mea vita et innocentia producatur? (Arnob. nat. 7, 9). An diesem Beispiel ist einerseits die indirekte Kasusmarkierung des Wortes nefas durch extraneum zu erkennen, andererseits ist nefas ein Neutrum, bei dem ohnehin auch bei deklinablen Wörtern der Akkusativ dem Nominativ formal gleicht.

[15] Vgl. Tekavčić (1972), S. 36f.

[16] Vgl. ebd., S. 38.

[17] RHH, § 143, 1 b).

[18] Vgl. Bouet (1975), S. 91.

[19] So in sämtlichen Grammatiken des Lateinischen, z.B. Menge (1993), S. 252ff.

[20] So z.B. Bouet (1975), S. 92. Gerade bezüglich dieser Postpositionen, die im Lateinischen mit dem Genitiv stehen, herrscht offensichtlich nach neuerer Erkenntnis Uneinigkeit bezüglich ihrer Einordnung. Devine (2006), S. 67 klassifiziert ein nachgestelltes causā bzw. gratiā jedenfalls als Ablativ des Mittels (instrumental) und nicht als Prä- oder Postposition.

[21] Vgl. Menge (1993), §§ 201–203.

[22] Vgl. Togeby (1969), S. 413.

[23] Eine genaue Übersicht über die Ergebnisse findet sich im Anhang Kap. 6, S. 39.

[24] Zur Periodisierung des Altlateinischen vgl. Müller-Lancé (2006), S. 27.

[25] Vgl. Kl. Pauly s. v. Plautus, Bd. 4, Sp. 911ff.

[26] Stroh (2007), S. 37.

[27] Vgl. ebd. s. v. Ennius, Bd. 2, Sp. 270ff.

[28] Vgl. ebd. s. v. Cato (4), Bd. 1, Sp. 1087f.

[29] Müller-Lancé (2006), S. 29 fasst die Perioden der lateinischen Klassik und Nachklassik zusammen und setzt dafür die Zeit von 80 v. bis 180 n. Chr. an. Als echte Klassik werden allerdings in der Latinistik besonders die Jahre des Lebens und Wirkens Ciceros und Caesars bezeichnet.

[30] Vgl. Kl. Pauly s. v. Cicero, M. Tullius, Bd. 1, Sp. 1174ff.

[31] Vgl. ebd. s. v. Caesar (12), Bd. 1, Sp. 998ff.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Flexionsendungen vs. Präpositionen
Untertitel
Die Markierung der Kasusrollen im Lateinischen und im Französischen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Romanische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Romanische Syntax
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
44
Katalognummer
V137224
ISBN (eBook)
9783640457878
ISBN (Buch)
9783640458011
Dateigröße
751 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit führt unter Berücksichtigung umfangreicher Sekundärliteratur und anhand ausführlicher Korpusanalysen lateinischer und französischer Texte sowie daraus erschlossener Statistiken vor, wie sich aus dem System klassisch-lateinischer Sprache, in dem Kasusrollen durch Markierung am Wortende gekennzeichnet sind, über die Zwischenstationen des Vulgärlateinischen und Altfranzösischen im Romanischen, speziell im Französischen, ein vom Präpositionsgebrauch geprägtes System entwickelte. Tabellarische Übersichten und Gegenüberstellungen fördern dabei die Anschaulichkeit.
Schlagworte
Flexionsendungen, Präpositionen, Markierung, Kasusrollen, Lateinischen, Französischen
Arbeit zitieren
Stefanie Wind (Autor), 2009, Flexionsendungen vs. Präpositionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137224

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