Erec et Enide – der erste in Versen abgefasste altfranzösische Roman des mittelalterlichen Schriftstellers Chrétien de Troyes, der formale und inhaltliche Prototyp des arturischen Versromans. Viel wurde über dieses Werk bereits reflektiert, das gerade auch in der deutschsprachigen Literaturwissenschaft aufgrund seiner starken Rezeption durch Hartmann von Aue Interesse erfährt. Die folgende Arbeit widmet sich einem vor allem in der Vergangenheit immer wieder diskutierten Thema der Artusforschung, nämlich der Strukturierung des zweiten Romanhauptteils, der die recreantise des Helden und die durch sie ausgelöste avanture-Fahrt enthält, die als Einheit zu verstehen sind. Es soll dabei nach einer Kurzinterpretation der bisher meist nur beiläufig untersuchten recreantise-Szene, die die Bedeutung der Verfehlung des Helden für die Struktur des Romans herausarbeitet, der Versuch unternommen werden, die wichtigsten literaturwissenschaftlichen Beiträge zur Strukturierung des genannten Romanabschnitts zu ordnen und bewerten. Anschließend sollen Überlegungen zur strukturellen Einordnung der Episode der Joie de la Cort in den zweiten Romanteil angestellt werden – ein Untersuchungsansatz, der bis jetzt nicht systematisch, allenfalls fragmentarisch verfolgt wurde. Die gesammelten und entwickelten Beobachtungen führen dann zu einem neuen Strukturierungsansatz, der einige Elemente aus früheren Ansätzen übernimmt, andere verwirft und vor allem der Joie de la Cort eine andere als bisher angenommene Stellung im Roman zuschreibt. Eine zusätzliche Einzelinterpretation der Abenteuerepisoden verbietet der beschränkte Umfang der Arbeit, die Untersuchung konzentriert sich daher beinahe ausschließlich auf die Analyse der Strukturierung des Romans.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
1.1. Thema und Zielsetzung der Arbeit
1.2. Inhaltlicher Überblick: Krise und Prüfung als zentraler Teil des Romans
1.3. Einordung der Abenteuerreise in die Gesamtstruktur
2. Recreantise
2.1. Der Begriff der recreantise
2.1.1. Etymologische Ableitung und Bedeutung des Wortes
2.1.2. Moralische und gesellschaftliche Relevanz im mittelalterlichen Rittertum
2.2. Die Bedeutung der recreantise für die Romanhandlung
2.2.1. Die recreantise zur Offenbarung von Erecs Charakter?
2.2.2. Die recreantise als Rahmen der Abenteuerreise
3. Der Abenteuerritt
3.1. Der Verlauf der einzelnen Abenteuer
3.1.1. Erstes Abenteuer: Drei Raubritter (V. 2791–2920)
3.1.2. Zweites Abenteuer: Fünf Raubritter (V. 2921–3079)
3.1.3. Drittes Abenteuer: Der Graf Galoain (V. 3206–3652)
3.1.4. Viertes Abenteuer: Givret, der Herr des Turmes (V. 3661–3911)
3.1.5. Fünftes Abenteuer: Die zwei Riesen (V. 4283–4537)
3.1.6. Sechstes Abenteuer: Der Graf Oringle von Limors (V. 4636–4873)
3.1.7. Siebtes Abenteuer: Givret (V. 4901–5049)
3.1.8. Achtes Abenteuer: Die Joie de la Cort (V. 5319–6111)
3.2. Definition der avanture
3.3. Die Grobstruktur der Abenteuerreise
3.3.1. Vorstellung verschiedener Strukturierungsvorschläge
3.3.1.1. Strukturierungsvorschlag nach Bezzola (1947)
3.3.1.2. Strukturierungsvorschlag nach Bayrav (1957)
3.3.2. Strukturierungsvorschlag nach Goulden (1989)
3.3.2.1. Strukturierungsvorschlag nach Maddox (1978)
3.3.3. Bewertung der Vorschläge
3.3.4. Die strukturelle Einordnung der Joie de la Cort
3.3.5. Ein neuer Strukturierungsvorschlag
4. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturelle Anordnung des zweiten Romanhauptteils in Chrétien de Troyes' "Erec et Enide", wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen der recreantise des Helden und der darauf folgenden avanture-Fahrt liegt. Ziel ist es, durch die Analyse bisheriger literaturwissenschaftlicher Ansätze einen neuen Strukturierungsvorschlag zu entwickeln, der insbesondere die Episode der Joie de la Cort funktional in die Gesamtstruktur einbindet.
- Strukturelle Analyse des zweiten Romanhauptteils
- Untersuchung der recreantise und ihrer Bedeutung für die Romanhandlung
- Ordnung und Bewertung bestehender Strukturierungsvorschläge (Bezzola, Bayrav, Goulden, Maddox)
- Neubewertung der strukturellen Einordnung der Joie de la Cort
- Erarbeitung eines integrativen Strukturmodells (abcbca)
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Erstes Abenteuer: Drei Raubritter (V. 2791–2920)
Während Erec und Enide dahin reiten, bemerkt Enide drei Raubritter (V. 2792), die sie und ihren Mann überfal len wollen (V. 2796ff.). Trotz des ihr zu Beginn des Abenteuerritts auferlegten Redeverbots (V. 2767ff.) warnt Enide Erec vor den Feinden (V. 2841ff.). Dieser tadelt sie zwar für die Missachtung seines Gebots (V. 2845ff.), besiegt aber dann seine Gegner einen nach dem anderen: Den ersten tötet er (V. 2869), den zweiten stürzt er ohnmächtig vom Pferd (V. 2883), der dritte versucht zu fliehen (V. 2896), doch Erec verfolgt ihn und wirft ihn aus dem Sattel (V. 2885). Nach seinem Sieg nimmt Erec die Pferde der Räuber an sich (V. 2904) und übergibt sie Enide, die sie mit sich führen soll (V. 2912f.). Erneut warnt er Enide davor, ihn anzusprechen (V. 2914ff.)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Einführung in das Thema der Romanstrukturierung bei Chrétien de Troyes, insbesondere den zweiten Hauptteil und die Bedeutung der recreantise.
2. Recreantise: Analyse des Begriffs der recreantise, seiner etymologischen Wurzeln und seiner moralisch-gesellschaftlichen Relevanz für den mittelalterlichen Artusritter.
3. Der Abenteuerritt: Detaillierte Betrachtung der einzelnen Abenteuerepisoden sowie Diskussion und Bewertung verschiedener wissenschaftlicher Ansätze zur Grobstruktur der Abenteuerreise.
4. Schlussbemerkungen: Zusammenfassung der Forschungsergebnisse und Ausblick auf weiterführende Analysemöglichkeiten zur Feinstruktur der Episoden.
Schlüsselwörter
Erec et Enide, Chrétien de Troyes, Recreantise, Avanture, Abenteuerritt, Strukturierung, Romanaufbau, Artusroman, Joie de la Cort, Mittelalterliche Literatur, Rittertum, Motivdoppelung, Doppelweg, Heldenreise, Höfische Epik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der strukturellen Konzeption des zweiten Hauptteils des Romans "Erec et Enide" von Chrétien de Troyes und analysiert, wie die Krisenphase (recreantise) und die anschließende Abenteuerreise (avanture) strukturell zusammenhängen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literaturwissenschaftliche Strukturdebatte (Doppelweg-Theorie), die Definition und Bedeutung von "recreantise" sowie die funktionale Einordnung der Abenteuerepisoden, insbesondere der "Joie de la Cort".
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die wichtigsten wissenschaftlichen Beiträge zur Strukturierung des Romanabschnitts zu bewerten und einen neuen Ansatz zu entwickeln, der den Joie de la Cort-Abschnitt logisch in den Gesamtbogen einbettet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine strukturanalytische Untersuchung, die bereits existierende Konzepte (von Forschern wie Bezzola, Bayrav, Goulden und Maddox) ordnet, vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine eingehende Analyse des Recreantise-Begriffs, eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Abenteuerepisoden und eine kritische Diskussion der bisherigen Strukturierungsvorschläge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Recreantise, Avanture, Strukturierung, Artusroman, Joie de la Cort und Motivdoppelung.
Wie unterscheidet sich die "Joie de la Cort" strukturell von den anderen Abenteuern?
Die Episode zeichnet sich durch märchenhafte und übernatürliche Züge aus und steht in der bisherigen Forschung oft isoliert, während die Arbeit argumentiert, dass sie den finalen Abschluss des Abenteuerritts bildet.
Welchen neuen Strukturierungsansatz schlägt die Autorin vor?
Die Arbeit schlägt ein lineares Strukturmodell der Form "abcbca" vor, bei dem der gesamte Abenteuerteil von der recreantise und deren Überwindung eingerahmt wird, wobei sich die Abenteuersequenzen symmetrisch spiegeln.
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- Stefanie Wind (Author), 2009, Chrétien de Troyes: Erec et Enide, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137226