Die Anfänge des US-Rundfunks


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Technik
I.2 Unternehmerische Erfinder
I.2.1. Guglielmo Marconi
I.2.2. Lee De Forest
I.2.3. Reginald Aubrey Fessenden
I.3. Unternehmen
I.3.1. American Telephone and Telegraph Company
I.3.3. General Electric / Westinghouse
I.4. Patentstreitigkeiten und Kriegsausbruch

II Wirtschaft
II.1. Die Entstehung der Radio Corporation of America
II.1.1. RCA – Beteiligungen und Ausblick
II.1.2. KDKA als Wendepunkt
II.1.2.1. David Sarnoff
II.2. Finanzierung
II.2.1. WEAF und „Toll Broadcasting“
II.2.2. Netzwerke
II.3. National Broadcasting Company
II.4. Columbia Broadcasting System
II.4.1. Bill Paley
II.5. Werbung
II.6. Zeitungen
II.7. „Ausblick“

III. Politik und Gesetz
III.1. Erste Handlung: 1912
III.1.2. Radio Conferences
III.2. Radio Act 1927
III.2.1. Die Federal Radio Comission
III.2.2. Kritik an FRC
III.3. Vertreter einer anderen Rundfunkordnung
III.3.1. Kritik und Vorschläge
III.3.2. „Partnersuche“ der Reformer
III.3.3. Commercial Radio Advertising – eine Studie
III.4. Die Roosevelt Administration
III.4.1. Der Radio Act von 1934
III.4.2. Die Arbeit Federal Communications Commission

Fazit

Literaturliste

„More than most, early radio was a

battlefield for lawyers and lobbyists as well as inventors,

technicians and businessmen.“[1]

Einleitung

In den ersten vier Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich in den USA das Radio von einem maritimen Kommunikationsmittel zu einem Massenmedium. Die Evolution des Mediums war in den ersten Jahren keineswegs absehbar und die Schaffung der technischen, wirtschaftlichen und gesetzlichen Rahmen­bedingungen dauerte bis weit in die dreißiger Jahre. Diese sind bis heute gültig und bestimmen weiterhin das amerikanische Rundfunksystem.

Die USA haben ein kommerzielles, privat organisiertes und staatlich beaufsichtigtes Rundfunksystem. Was heute als medienpolitische Konsequenz des amerikanischen Wirtschafts­system angesehen wird, ist das Ergebnis der wirtschaftlichen und politischen Umstände, ohne eine öffentliche Diskussion um Alternativen. Ab den späten zwanziger Jahren dominierten kommerziell orientierte Radio-Netzwerke das Spektrum und verdrängten kleinere Stationen. Die staatlichen Institutionen spielten eine untergeordnete Rolle und über­ließen das Radio den Interessen der freien Wirtschaft.

Die 1927 und 1934 vom Kongress erlassenen Radio Acts untermauerten den kommerziellen Ansatz. Die Gesetze stellten eine Absage gegenüber Vertretern einer anderen Rund­funk­ordnung dar. Sie forderten ein staatlich gefördertes, stärkeres Engagement von öffentlichen und bildenden Institutionen an dem neuen Medium. Radio stellte in den Augen der Reformer ein Medium mit starkem bildungspolitischen und Demokratie fördernden Potenzial dar. Die anfängliche Untätigkeit der Regierung und später der mangelnde Wille zur Reform ver­hinderten die Chancen auf ein Rundfunksystem, das nicht ausschließlich von den Kräften des Marktes geregelt wird.

Um den Weg des Radios nachzuvollziehen, werden in Teil I der Hausarbeit die technischen Voraussetzungen, die bedeutendesten Erfinder mit ihren Errungenschaften und die Interessenten aus der Wirtschaft vorgestellt. Radio ist zu diesem Zeitpunkt noch ein draht­loses Medium, dessen Nutzungsmöglichkeit primär in der maritimen Kommunikation liegt. Die Beteiligten sind sich der Chancen des Mediums bewusst, aber nur Wenige erkennen wirtschaftlich erfolg­versprechende Alternativen zur Schifffahrt, der Armee und einem Kreis von interessierten Amateuren. Zudem behindern Patentstreitigkeiten technische Inno­vationen und die Produktion. Der erste Weltkrieg veranlasst die Regierung der USA, in die Radio­industrie einzugreifen: Die Aufschiebung der Patentverletzungsverfahren entfesselt einen bedeutenden Entwicklungsschub.

Nach dem ersten Weltkrieg stellt sich die Frage nach der weiteren Nutzung des Radios. Teil II der Arbeit beschreibt die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Aufstieg des Radios und identifiziert die bedeutendsten Ereignisse und Figuren, die zu der kommerziellen Nutzung des Rundfunks führen. Der Schwerpunkt liegt auf der Entstehung der Netzwerke National Broadcasting Company (NBC) und Columbia Broadcasting System (CBS), die das Radio dominieren. Die Begeisterung Aller für das Medium endet 1926 mit einem „Chaos im Äther“: zu viele Stationen senden Signale, die sich gegenseitig stören.

Die Verwirrung und die darauf resultierende Unbenutzbarkeit des Mediums veranlassen die Regierung 1927 zur Verabschiedung des Radio Act. Die Konsequenzen und Inhalte des Gesetzes werden in Teil III behandelt. Das Gesetz stellt die erste Maßnahme der Regierung zur Regulierung des Radios dar, ist aber lediglich eine temporäre Lösung. Die Konso­lidierung der kommerziellen Struktur entfacht starke Aktivität auf Seiten der Befür­worter einer anderen Rundfunkordnung. Sie erhoffen, mit der neuen Administration unter Präsident Franklin Delano Roosevelt eine Neuregelung zu erreichen. Die Anregungen der Reformer werden zwar angehört, aber nicht im Communications Act von 1934 aufge­nommen. Die bis heute gültige Grundlage des Rundfunksystems der USA konsolidierte den Status quo von 1927, ohne dass jemals eine breit angelegte, öffentliche Diskussion stattgefunden hätte.

I. Technik

Die Technik des Radios ist das Ergebnis einer Reihe von Forschungen und Entdeckungen, die sich mit drahtloser Übertragungstechnik beschäftigten. Die technischen Fortschritte fanden nicht ausschließlich auf akademischer Ebene statt, sondern sind oft Quereinsteigern zuzu­schreiben. Die meisten Erfinder zeichneten sich neben ihren technischen Errungen­schaften durch Unternehmergeist aus. Sie waren sich der Bedeutung der Öffentlichkeit durchaus bewusst.

Die Technik des Radios ist eine Konstellation von Einzelteilen und Folgeerfindungen, deren Ent­decker wichtige Figuren der Frühgeschichte des Radios sind. Sie hielten Patente, ohne die der Zusammen­bau funktionierender Geräte unmöglich war und zogen somit das Interesse der Industrie auf sich. Die Patent-Besitzverhältnisse waren Grund zahlreicher Gerichtsverfahren, die wiederum die weitere Forschung blockierten. Der Bedarf an drahtloser Kommunikation im ersten Weltkrieg bewirkte eine Aufschiebung der Verfahren und eine Harmonisierung der Technik. Die Bildung einer Patentallianz ermöglichte nach dem Krieg die ökonomische Nutzung der Schutzrechte durch die daran Beteiligten.

I.2 Unternehmerische Erfinder

James Clerk-Maxwell veröffentlicht 1865 einen Aufsatz, in dem er die Theorie Michael Faradays über die Ausbreitung elektromagnetischer Strahlung mathematisch beweist. Wie Wärme oder Licht breitet sich elektromagnetische Strahlung im Raum aus. Sie ist also nicht von leitenden Materialien wie z.B. Kabel oder Wasser abhängig. Ohne Kontakt zur Quelle kann diese Strahlung an einem anderen Punkt erfasst werden: die dort registrierten Ströme werden als elektrische Induktion bezeichnet. Heinrich Hertz weist diesen Zusammenhang 1888 praktisch nach. Die Hertzsche Entdeckung findet in der Fachwelt große Beachtung, wobei die Diskussion primär physikalische Aspekte analysiert, nicht aber die Möglichkeit der Signalübertragung in Betracht zieht[2].

I.2.1. Guglielmo Marconi

Guglielmo Marconi ist der erste, der in den Experimenten von Hertz ein Kommunikations­mittel sieht. Der 1874 in Bologna geborene Physiker verfeinert die von Hertz benutzte Technik und vergrößert mit einer Antenne die Reichweite der Signale. Als Ausgangspunkt seiner Tätigkeiten wählt Marconi England und konzentriert sich auf maritime Kommunikation. Marconi beantragt im März 1897 das erste Patent der Welt auf drahtlose Telegrafie und gründet im gleichen Jahr ein Unternehmen, das 1899 als Marconi Wireless Telegraph Company of America (American Marconi) in die USA expandiert.

Die Firma stellt den Kunden Technik sowie Personal zur Verfügung, unter der Bedingung, dass keine Kommunikation mit Geräten anderer Hersteller statt findet. Bei der US-Marine führen Marconis Geschäftspraktiken zu dem Vorwurf, ein Weltmonopol für drahtlose Kommu­nikation unter britischer Flagge errichten zu wollen[3]. Ein Vorwurf, der sich 1919 wiederholen und schließlich zur Gründung der Radio Corporation of America (RCA) führen wird. American Marconi nimmt in den ersten zwei Jahrzehnten die führende Position im Bereich der drahtlosen Kommunikation auf dem amerikanischen Markt ein[4]

I.2.2. Lee De Forest

Eine weitere Schlüsselfigur der Anfänge des Radios ist Lee De Forest. Der Elektroingenieur beschäftigte sich nach seinem Studienabschluss mit der drahtlosen Telegrafie. Die Zukunft des Radios sah De Forest aber im „Telefon-Radio“, also der drahtlosen Stimmübertragung. Das von ihm entdeckte „Audion“ stellt eine bedeutende Weiterentwicklung der Technik Marconis dar: Die 1907 patentierte Vakuumröhre ermöglicht die Ausstrahlung, Modulation, Verstärkung und den Empfang elektromagnetischer Signale und somit die Stimm­über­tragung. Trotz der bedeutenden Patente bleibt der wirtschaftliche Erfolg der De Forest Radio Telephone Company aus. Um dem drohenden Bankrott zu entgehen, offeriert De Forest seine Patentechte am „Audion“ an die American Telephone and Telegraph Company (AT&T). Die Telefonfirma ist an der Technik als Verstärker der Signale auf Telefonlang­strecken­kabeln zwar interessiert, lehnt aber zunächst ab. De Forest verkauft seine Rechte schließlich 1913 unter Preis an den Anwalt Sidney Meyers, der von AT&T als verdeckter Agent beauftragt wurde[5]. 1914 kauft die Telefonfirma weitere Patente von De Forest, die den Einstieg in das Telefonradio ermöglichen. De Forest behält sich lediglich die Rechte für Herstellung und Vertrieb seiner Erfindungen für Amateure vor[6].

Sowohl De Forest als auch Marconi wussten um die Bedeutung der Öffentlichkeit. Beide übertragen 1901 bei einem Jachtrennen in Sandy Hook von Bord der Schiffe den Verlauf des Rennens. Obwohl die Signale der Systeme sich dabei gegenseitig so sehr stören, dass keines deutlich vernehmbar ist, wird das Ereignis in der Presse gefeiert[7]: „De Forest’s system was a technical failure but a publicity bonanza.“[8] Von De Forest organisierte Musik­übertragungen vom Eiffelturm in Paris (1908) oder aus der Metropolitan Oper in New York (1910) sind weitere öffentlichkeitswirksame Demonstrationen der neuen Technik. De Forest zieht sich nach dem Bankrott seiner Firma zurück, geht aber ab 1915 wieder mit Musik­beiträgen in New York „auf Sendung“ und strahlt 1916 Berichte der Präsidentenwahlen zwischen Charles Evans Hughes und Woodrow Wilson aus[9]. Die Öffentlichkeit der Experimente stellt eine Verbindung zwischen Erfindern und den Hobbyfunkern her. Immer mehr Amateure experimentieren mit der drahtlosen Technik. Aus verschiedensten Haushalts­utensilien basteln die Hobbyfunker Empfangs- und Sendegeräte. Viele der Tüftler der Anfangsjahre stellen später das Personal der aufkommenden Radioindustrie oder eröffnen Geschäfte, in denen sie Geräte verkaufen und reparieren.

I.2.3. Reginald Aubrey Fessenden

Auch andere unternehmerisch engagierte Erfinder demonstrieren ihre Errungenschaften der Presse und Interessierten. Reginald Aubrey Fessenden, Professor für Elektrotechnik in Pittsburgh strahlt 1906 die erste öffentliche[10] Radiosendung aus, bei der er selbst Geige spielt und Gedichte vorträgt. Fessenden nutzte dazu den von ihm bei General Electric in Auftrag gegebenen „Alternator“. Statt einzelner Funken (= Signale) erzeugt die Maschine eine kontinuierliche Welle, deren Signal verändert werden kann. Der verantwortliche Ingenieur bei General Electric – E.F.W. Anderson verbessert die Technik des „Alternators“ und gibt dem Generator den Namen Anderson-Alternator. Die riesige Maschine ist ein Meilenstein in der Lang­strecken­kommunikation[11].

I.3. Unternehmen

Obwohl die grundlegenden Erfindungen nicht in den Entwicklungslabors von Unternehmen gemacht wurden, sondern meist von Einzelpersonen, die ihre Erfindungen selbst vermarkten wollen, gewinnen Unternehmen immer mehr an Bedeutung. Sie kaufen die Patente der Forscher und nutzen die Erfindungen kommerziell. Die erworbenen Rechte machen die Unternehmen zu den Hauptakteuren der Radiogeschichte nach dem ersten Weltkrieg. Ihre Interessen entscheiden über die weiteren Entwicklungswege.

I.3.1. American Telephone and Telegraph Company

1876 präsentiert Alexander Graham Bell auf der Jahrhundertausstellung in Philadelphia das Telefon. Die neue Technik ermöglicht die Übertragung von Stimmen und Musik via Kabel. Angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten bietet Bell kurze Zeit später seine Firma inklusive der zwei Schlüsselpatente der Telegraphenfirma Western Union zum Kauf an. Die Firma lehnt ab, die Verantwortlichen sehen im Telefon lediglich ein „Spielzeug“[12]. Die Fehl­entscheidung wird schnell offensichtlich, und Western Union kauft Telefonpatente von Elisha Gray und Thomas Edison. Der darauf folgende Patentkrieg wird außergerichtlich gelöst. Die Bell Telephone Company verpflichtet sich, dem Telegrafengeschäft fern zu bleiben, eine Regelung, welche die Bell Telephone Company mit Gründung von AT&T 1885 umgeht[13]. Die 1881 gekaufte Produktionsfirma Western Electric ermöglicht die Integration aller Dienste unter einem Dach. AT&T hat 17 Jahre lang ein Patentmonopol inne, das die Firma rigoros verteidigt[14]. Das in dieser Zeit ausgebaute Langstrecken-Telefonkabelnetz ermöglicht AT&T auch nach dem Ablauf der Patente die Dominanz im Telefonbereich. Die Kabel sowie die bereits erwähnten De Forest-Patente geben AT&T eine einflussreiche Position in der entstehenden Rundfunk­industrie.

I.3.3. General Electric / Westinghouse

Der Bedarf an Vakuumröhren für das Radio weckt das Interesse der Elektrizitätskonzerne General Electric (GE) und Westinghouse. GE entstand 1892 durch eine Fusion der Edison Electric Light Company mit einer weiteren Firma. Der Konzern hatte für Fessenden den „Alternator“ hergestellt, der in den Forschungslabors der Firma verbessert und schließlich patentiert wurde. Guglielmo Marconi besucht 1915 das Versuchsfeld der Firma in Schenectady und diskutiert mit Owen D. Young (später Vorstandsvorsitzender von General Electric) eine Zusammenarbeit der Unternehmen, die aber wegen des Kriegsausbruchs nicht zustande kommt. Westinghouse beteiligt sich ebenso an der Forschung, kauft Patente und ermöglicht somit die Geräteproduktion.

I.4. Patentstreitigkeiten und Kriegsausbruch

Keine der Firmen ist in der Lage, Radiogeräte herzustellen, ohne die Patentrechte einer anderen Firma oder eines anderen Forschers zu verletzen. Zwischen allen Beteiligten brechen regelrechte Patentkriege aus: 1916 entscheidet der New York District Court, dass AT&T mit der Produktion des „Audion“ Patentrechte von American Marconi verletzt. Gleich vier Firmen beanspruchen das Patent auf den Feedback Circuit, ein unbedingt erforderlicher Signalverstärker bei Radioempfängern. AT&T beruft sich vor Gericht auf die Patente von De Forest, General Electric auf Irving Langmuir, American Marconi auf Edwin Armstrong und die deutsche Telefunken auf Meissner[15]. Der Streit um den Feedback Circuit wandert über zwanzig Jahre durch verschieden Gerichte und verschlingt Unsummen. Der Gerichts­entscheid von 1934 gibt schließlich de Forest Recht.

Ein Wettbewerb ist unter diesen Umständen nicht möglich. Die Produktion wird aufgehalten und die Nachfrage nach Radiogeräte kann nicht erfüllt werden. Gleichzeitig führen die Kriegs­vorbereitungen der Armee zu einer erhöhten Nachfrage der drahtlosen Technik. Die Radiobauteile werden für die Ausstattung von Schiffen, Autos und Flugzeugen benötigt. Um die Produktionsblockade zu lösen, werden auf Beschluss des Präsidenten alle Gerichts­verfahren ausgesetzt. Die Firmen bekommen die Erlaubnis, sämtliche Patente auszu­schöpfen. Alle Geräte und Stationen werden unter Aufsicht der Marine gestellt. Der Eingriff der Regierung vereinigt die Anstrengungen der Forscher und Unternehmen. Die Technik wird aufeinander abgestimmt und untereinander austauschbar. Der Erste Weltkrieg bringt einen erheblichen Entwicklungsschub. Nach Kriegsende hat sich die Industrie grundlegend verändert: „The prewar era had been dominated by inventor / entrepreneurs. Now began the era of big business.“[16]

II Wirtschaft

Der Schwerpunkt der Radionutzung lag vor dem ersten Weltkrieg in der maritimen Kommunikation. Unter der Zivilbevölkerung gab es einige interessierte Amateure und Funker, die weitgehend unkontrolliert agierten. Das Ende des Krieges setzte enorme Ressourcen frei und zeigte eine veränderte Welt der Technik. Es ist der Anfang des Aufstiegs des Radios vom Nischenkommunikationsmittel zum Massenmedium kommerzieller Art. Zwischen diesen Stadien stehen viele Ansätze und Visionen, die zeitweise ihren Platz im Äther finden.

II.1. Die Entstehung der Radio Corporation of America

Das Kriegsende im November 1918 markiert nicht das Ende des Regierungsmonopols auf drahtlose Kommunikation. Die Armee kontrollierte weiterhin die Stationen und die technische Ausstattung der Firmen und Privatpersonen. Der Krieg hatte die Bedeutung der neuen Technik vor Augen geführt. Die Marine ist davon überzeugt, dass Radio von nationaler Bedeutung ist und die Nutzung der Regierung vorbehalten werden soll. Erst im Februar 1920 löst sich der Griff der Regierung und alle Systeme werden an die ursprünglichen Besitzer zurück gegeben. Ausschlaggebend war neben der generellen Opposition gegen ein Regierungsmonopol die Aussicht auf die Gründung der Radio Corporation of America (RCA).

Sofort nach Kriegsende nimmt American Marconi die Verhandlungen mit GE um den Alexanderson Alternator wieder auf. American Marconi ist zu diesem Zeitpunkt das einzige Unternehmen in den USA, das die weitere Produktion und den Vertrieb der Generatoren finanzieren kann[17]. Die unangreifbare Position des Unternehmens stört die amerikanische Regierung. American Marconi wird trotz mehrheitlich amerikanischer Führung nicht als US-Unternehmen betrachtet, sondern wird als britisch gebrandmarkt.

Das nationale Interesse der amerikanischen Regierung, eine führende Rolle auf dem Gebiet der Kommunikation einzunehmen spiegelt sich in den Monate dauernden Verhandlungen zwischen Regierungsvertretern, GE und American Marconi. Schließlich spricht sich auch Präsident Woodrow Wilson dafür aus, das britische Kabelmonopol mit Hilfe eines inner-amerikanischen Monopols für kabellose Kommunikation zu untergraben. Wilsons Erfahrungen bei den Friedens­verhandlungen in Versailles tragen wesentlich zu seiner Entscheidung bei[18].

Owen D. Young hat als Vorstandsvorsitzender von General Electric eine Schlüsselrolle bei den Verhandlungen. Sein Plan wird am 2. September 1920 in die Tat umgesetzt: British Marconi – von der abwehrenden Haltung der amerikanischen Regierung in die Ecke gedrängt – willigt ein, die Anteile der Firma an American Marconi an GE zu verkaufen. Bedingung für den Verkauf ist die Gründung einer neuen Körperschaft, welche die Anteile von GE an American Marconi übernimmt und somit unabhängig von GE operiert. Auf dieser Grundlage entsteht am 17. Oktober 1919 die Radio Corporation of America, die einen Monat später das operative Geschäft und die Angestellten von American Marconi übernimmt. Young wird Vorsitzender des neuen Unternehmens.

Bald darauf beginnen Verhandlungen mit Westinghouse, AT&T, United Fruit und anderen Patenthaltern, um alle Ressourcen in RCA zu vereinigen. Auch bei diesen Verhandlungen übt die Regierung Druck aus, um eine nationale Allianz zu erreichen[19]. AT& T entschließt sich im Juli 1920 zu einer Beteiligung an RCA, gefolgt von United Fruit[20]. Westinghouse tritt am 30. Juni 1922 der Patentallianz bei.

Westinghouse hatte grundsätzlich ausreichend Patente und Mittel, um selbständig in das Radiogeschäft einzutreten. Eine Vereinbarung mit der Armee über die exklusive Nutzung der Patente für den „Poulsen Arc Transmitter“ stärkte die unabhängige Position des Unter­nehmens. 1921 aber überzeugt der ursprüngliche Halter der Patente (die Federal Telegraph Company) die Marine von der Rückgabe der Rechte. Aufgrund einer im Januar 1921 verein­barten Zusammenarbeit des Unternehmens mit RCA gehen die Patente an die RCA-Allianz über und die Stellung von Westinghouse wird geschwächt[21]. Zudem bringen die Angebote von Young die Führung des Elektrokonzerns zu einer Einwilligung an der Beteiligung an RCA: „RCA finally fitted together the last sections of <Owen D. Young’s famed jigsaw puzzle>“[22], ein Monopol der drahtlosen Kommunikation.

II.1.1. RCA – Beteiligungen und Ausblick

Die „cross licensing agreements“ unter RCA ermöglichten die gegenseitige Nutzung der Patente der beteiligten Firmen. General Electric und Westinghouse – die Radio Group - beziehen aus den Vereinbarung das alleinige Recht, Empfangsgeräte zu bauen, die von RCA vermarktet und vertrieben werden. AT&T und Western Electric – der Telephone Group - wird das Recht zugewiesen, die Übertragungsgeräte zu bauen. RCA hält damit das Produktionsmonopol für Radiogeräte. Lediglich Amateure können Radios zusammen bauen, ohne die Patente von RCA zu verletzen - diese Rechte hatten sich die Erfinder vorbehalten. Das Abkommen konzentriert sich ausschließlich auf drahtlose Kommunikation und verkennt die zukünftige Entwicklung des Rundfunks. Die allgemein gehaltenen Formulierungen des Vertrages werden in den folgenden Jahren immer wieder Anlass zu Divergenzen zwischen den Parteien. „It (die Allianz) was a beautiful theory – a League of Nations’ idea by which the Titans of Big Business sought to compose their conflicting interests and to live happily ever after or at least for thirteen years, which was the minimum term of the Telephone Company agreement. Unfortunately, it did not last even that long.“[23] Das Aufkommen des kommerziellen Rundfunks und die allgemeine Begeisterung für das neue Medium trifft die Allianz unvorbereitet.

II.1.2. KDKA als Wendepunkt

Die Möglichkeiten des Mediums Radio werden vielen Verantwortlichen erst durch ein praktisches Erfolgsbeispiel bewusst. Der Westinghouse-Angestellte Frank Conrad betrieb in Pittsburgh unter dem Namen 8XK eine Amateurradiostation, die anfangs wenig Aufsehen erregte. Conrad ist überzeugt von einer „breit gestreuten“ Nutzung des Radios - im Gegen­satz zur Nutzung des Radios als eine Art drahtloses Telefon zur Individual­kommunikation.

Das Zeitungsinserat für Empfangsgeräte eines ortsansässigen Kaufhauses bringt den stell­vertretenden Vorstandsvorsitzenden von Westinghouse Harry Davis auf die kommer­zielle Idee, durch Radiosendungen und Zeitungsinserate die Nachfrage nach Empfangs­geräten bei der Zivilbevölkerung zu stimulieren. Westinghouse bewirbt sich um eine Lizenz, der Secretary of Commerce weist dem Sender am 27.11.1920 die Identifikations­buch­staben KDKA zu.

Die Technik von KDKA ist unzureichend und improvisiert. Das Studio war eine Hütte auf dem Dach einer Produktionsstätte der Firma, das Programm für heutige Verhältnisse skurril[24]. Trotz der improvisierten Natur steigt die Nachfrage im Empfangsbereich des Senders[25] an, und Westinghouse beantragt weitere Sendelizenzen. Die Produktionsstätte von Westing­house in Newark wird im Oktober 1921 zur Basis des neuen Senders NJZ. Zur Eröffnung überträgt der Sender das World Series Spiel der New York Yankees gegen die New York Giants. Per Telefon wird das Geschehen in das Studio in Newark übermittelt, wo ein Sprecher das Gehörte für das Radiopublikum wiederholt.

Mit den zwanziger Jahren beginnt die Radiomanie in den USA: „No other product in the nation’s history – not railroads, automobiles, motion pictures or personal computers – has ever experienced the kind of demand there war for radio receivers and broadcasting in 1922-23(...)“[26] Der Erfolg der Westinghouse­sender bestätigte die Experimente und Visionen vieler Erfinder wie Fessenden und De Forest: Musik- und Stimmübertragungen, die an Interessierte über Radio ausgestrahlt werden.

[...]


[1] Sobel, Robert: RCA, New York 1986 (zitiert als Sobel 1986), S. 35

[2] Siehe dazu: Baker, W.J.: A History of the Marconi Company, London 41996, (zitiert als Baker 1996)Erstausgabe 1970, S. 17 ff.

[3] Siehe dazu: Barnouw, Eric: A Tower in Babel – A History of Broadcasting in the United States, Vol I, New York 1966 (zitiert als Barnouw 1966), S. 17 f.

[4] Siehe dazu: Sobel 1986, S. 22

[5] Siehe dazu: Barnouw 1966, S. 45

[6] Siehe dazu: Head, Sidney W.: Broadcasting in America – A Survey of Television and Radio, Boston 21972, Erstdruck: 1956, (zitiert als Head 1972), S. 126

[7] Siehe dazu: Barnouw 1966, S. 22 f.

[8] Sterling, Christopher / Kittross, John M.: Stay Tuned – a Concise History of American Broadcasting, Belmont 1978, (zitiert als Sterling / Kittross) 1978, S. 29

[9] Siehe dazu: Sivowitch, Elliot N.: A Technological Survey of Broadcastings Prehistory 1876-1920 in: Bluem, A. William (Hrsg.): Lichty, Lawrence W. / Topping, Malachi C. (Autoren): American Broadcasting. A Source Book on the History of Radio and TV. Study in Public Communication Series, New York 1975 (zitiert als Bluem 1975), S. 25 Originalartikel in: Journal of Broadcasting, Vol. XV, No.1, winter 1970-1971, S. 1-20, S. 17-31

[10] Die der Hausarbeit zugrunde liegende Definition von Rundfunk bezieht sich auf den Radio Communications Act von 1934: „Broadcasting means the dissemination of radio communications intended to be received by the public, directly or by the intermediary of relay stations“. Communications Act, Public Law No. 416, 19. Juni 1934, Section 3.o., in: Barnouw, Eric: The Golden Web – A History of Broadcasting in the United States, Vol. II, 1933 – 1953, New York 1968 (zitiert als Barnouw 1968), S. 313

[11] Siehe dazu: Sterling / Kittross 1978, S. 30

[12] Barnouw 1966, S. 43

[13] 1909 kauft AT&T Western Union

[14] Siehe dazu: Head 1972, S. 113

[15] Siehe dazu: Head 1972, S. 126

[16] Head 1972, S. 130

[17] Siehe dazu: Head 1972, S. 140

[18] Siehe dazu: Sobel 1986, S. 25 f.

[19] Siehe dazu: Sobel 1986, S. 32 f

[20] United Fruits beteiligt sich im März 1921. Das Unternehmen hatte Interesse an der Technik, um innerhalb der Flotte und den Plantagen kommunizieren zu können.

[21] Siehe dazu: Sterling / Kittross 1978 S. 54 f – die Autoren vermuten, dass RCA das Geschäft eingefädelt hat: “The story may never be clear, but it appears that Westinghouse was neatly mousetrapped by RCA”

[22] Sterling / Kittross 1978, S. 55

[23] Siehe dazu: Archer, Gleason L.: Big Business and Radio, Nachdruck in der Arno Press/ New York Times Serie: History of Broadcasting: From Radio to Television, New York 1971, (zitiert als Archer 1971) Erstdruck: 1939, S. 7

[24] Siehe dazu: Barnouw 1966, S. 71 ff.

[25] Siehe dazu: Sobel 1986, S. 39

[26] Sobel 1986, S. 36-37

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Anfänge des US-Rundfunks
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Pulizistik- und Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Das Mediensystem der USA
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
40
Katalognummer
V13731
ISBN (eBook)
9783638193016
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Faktoren und Hintergründe in Technik, Wirtschaft und Politik.
Schlagworte
Anfänge, US-Rundfunks, Mediensystem
Arbeit zitieren
Bettina Reuhl (Autor), 2001, Die Anfänge des US-Rundfunks, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13731

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