Tolstoj und Schopenhauer

Ein Vergleich am Beispiel des Romans "Anna Karenina"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

24 Seiten, Note: unbenotet


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina
2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina
2.2 Die Schopenhauersche Vorstellung von den Ursprüngen des Leidens in Anna Karenina
2.2.1 Egoismus als Grundübel
2.2.2 Sexualität als Dämon
2.2.3 Verliebtheit und Liebe als Täuschung
2.3 Die Schopenhauersche Vorstellung von der Überwindung des Leidens in Anna Karenina
2.3.1 Erlösung durch Ästhetik
2.3.2 Erlösung durch Ethik
2.3.3 Erlösung durch Abtötung des Willens
2.3.4 Die Zähmung der Sexualität
2.4 Schopenhauers Sinn des Lebens in Anna Karenina

3 Schlussbemerkung

4 Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur

1 Einleitung

„Знаете ли, что было для меня нынешнее лето? – Неперестающий восторг перед Шопенгауэром и ряд дуxовныx наслаждений, которыx я никогда не испытывал. Я выписал себе все его сочинения и читал и читаю. [...] Не знаю, переменю ли я когда мнение, но теперь я уверен, что Шопенгауэр гениальнейший из людей. Вы говорили, что он так себе кое-что писал о философскиx предметаx. Как кое-что? Это весь мир в невероятно ясном и красивом отражении. Я начал переводит его. Не возьметеcь ли и Вы за перевод его? Мы бы издали вместе. Читая его, мне непостижимо, каким образом может оставаться имя его неизвестным? Объяснение только одно, то самое, которое он так часто повторяет, что кроме идиотов на свете почти никого нет.“[1]

Dieses Zitat aus einem Brief Tolstojs bringt zum Ausdruck, wie sehr Tolstoj den deutschen Philosophen Schopenhauer bewunderte und verehrte. Es stammt aus dem Jahr 1869, in welchem Tolstoj zum ersten Mal mit der Schopenhauerschen Philosophie in Berührung gekommen war[2] und spiegelt damit die Zeit der ersten Beschäftigung mit dem Philosophen, in der die Wirkung am stärksten und die Begeisterung am größten war.[3] In dieser Zeit entstand Tolstojs zweiter Roman Anna Karenina (1873-1877).

Dieser wird von Literaturwissenschaftlern teils als „Familienroman“[4] oder „Ehebruchroman“[5], teils als düster-gewaltige Gesellschaftskritik[6] eingeordnet. Fakt ist, dass sich der Roman - in dem die Entstehung und der Verfall einer leidenschaftlichen Liebe, des weiteren die Entstehung einer Ehe sowie die Zerstörung einer anderen dargestellt wird - vorrangig mit dem Wesen von Liebe und Ehe auseinandersetzt, weiterführend aber auch mit den Themen Schuld, Moral und dem Sinn des Lebens.[7] Dies sind auch bei Schopenhauer zentrale Themen. Dennoch soll bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Einfluss des Philosophen auf den Schriftsteller eher subtiler Natur war[8] und es daher - darauf weisen mehrere an der Problematik arbeitende Autoren hin - schwierig ist, Schopenhauers Gedanken konkret in Texten Tolstojs zu fixieren und nachzuweisen.[9]

Aus diesem Grund wurde für diese Arbeit ein globaler Ansatz gewählt: Es wurde versucht, Literarisierungen der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina auszumachen. Den Ausgangspunkt bildet einer der zentralen Begriffe der Schopenhauerschen Philosophie: der ‚Wille’. Weiterführend werden - stets im Vergleich zu Tolstoj - die Vorstellungen Schopenhauers zu den Ursprüngen des menschlichen Leidens und seine Strategien zur Überwindung desselben thematisiert, was schließlich in einer Abhandlung über Schopenhauers Sinn des Lebens mündet. Hierbei zeigt sich, dass beide Denker ähnliche Überzeugungen hinsichtlich der Entstehung des menschlichen Leidens haben – allen voran wird der Sexualität von beiden eine dämonische Kraft zugesprochen. Im Umgang mit dem Leiden vertreten sie allerdings unterschiedliche Positionen und Lösungsansätze. Während Schopenhauer Theoretiker blieb, postulierte Tolstoj - zumindest in der Zeit der Anna Karenina - eine praktisch anwendbare Ethik.

Sowohl zu Schopenhauer als auch zu Tolstoj gibt es zahllose einführende und weiterführende Literatur, zur speziellen Thematik des Schopenhauerschen Einflusses auf Tolstojs Werk hingegen nur eine überschaubare Anzahl von Aufsätzen. Als wichtigste für diese Arbeit seien drei Aufsätze genannt, aus denen bereits zitiert wurde: jener relativ schwer zugängliche Klassiker von Boris Ėjchenbaum (1935), sowie die Arbeiten von Sigrid McLaughlins (1970) und Joachim T. Baer (1978). Angesichts dieser geringen Zahl und in Anbetracht der Erscheinungsjahre kann davon ausgegangen werden, dass eine weiterführende wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik interessant und lohnenswert wäre.

2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina

2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina

Der ‚Wille’ ist neben dem Begriff der ‚Vorstellung’ einer der beiden zentralen Begriffe in der Philosophie Schopenhauers. Er ist für Schopenhauer „das Ding an sich, der innere Gehalt, das Wesentliche der Welt“, und das, was er will, ist „immer das Leben“.[10] Schopenhauer sondert damit als erster abendländischer Philosoph den Willen von der Erkenntnis – und steigert diesen Sonderweg noch, indem er den Willen über die Erkenntnis stellt. Bis dato galt die Überzeugung, dass das Wollen ein ausschließlich rationaler Vorgang sei, und die Erkenntnis dem Wollen vorausgehe. Schopenhauer bricht mit dieser Tradition und begründet das damit, dass der Intellekt „physisch, zerstörbar, zeitlich“ sei, der Wille hingegen „metaphysisch, unzerstörbar, ewig“.[11]

Schopenhauers Wille ist raum- und zeitlos, er ist „endloses Streben“ ohne Ziel, ohne Grund, ohne Erkenntnis und ohne Grenzen, nur auf sich gerichtet, „ein blinder, unaufhaltsamer Drang“.[12] Da er einheitlich, unteilbar und ganz in jedem Wesen erscheint, ist auch die Vorstellung, dass die Menschen eine Vielzahl einzelner Individuen wären, nur Illusion – bedingt durch das „principium individuationis[13], die Individuation. Dieses Prinzip ist ein auf Raum und Zeit beruhendes Produkt des menschlichen Nervensystems, welches dem Menschen seine subjektive Auffassung des Daseins bloß vortäuscht, weswegen „die Vielheit und Verschiedenheit der Individuen bloße Erscheinung, d.h. nur in meiner Vorstellung vorhanden ist[14].

Der Wille tritt im zum Zwecke der Täuschung mit Sinnesorganen ausgestatteten und von Trieben und Bedürfnissen geleiteten Leib zutage. Damit zeigt sich, dass die Schopenhauersche Philosophie dem Körper und seinen Bedürfnissen skeptisch bis feindlich eingestellt ist, was auch Tolstojs Überzeugung entsprach.

In Anna Karenina hat Tolstoj eine Figur beschrieben, die eine echte Literarisierung des Schopenhauerschen Willens ist: die Namensgeberin des Romans selbst - Anna Karenina. In ihrer Körperlichkeit drückt sich der Wille von Anbeginn an aus.

Zur Verdeutlichung soll jene Stelle im Roman dienen, als sich Anna und ihr zukünftiger Liebhaber Vronskij zum ersten Mal begegnen. Anna kommt nach Moskau, um den Ehestreit ihres Bruders Stepan Oblonskij mit seiner Frau Dolly zu schlichten, und trifft dort Vronskij, was den Anfangspunkt der Zerstörung ihrer eigenen Ehe bildet. Tolstoj schildert in dieser Szene Annas Wesen durch die Augen Vronskijs, der mit Faszination bemerkt:

„В этом коротком взгляде Вронский успел заметить сдержанную оживленность , которая играла в ее лице и порхала между блестящими глазами и чуть заметной улыбкой , изгибавшею ее румяные губы . Как будто избыток чего -то так переполнял ее суще cтво , что мимо ее воли выражался то в блеске взгляда , то в улыбке . Она потушила умышленно свет в глазах , но он светился против ее воли в чуть заметной улыбке .“[15]

Diese „irgend etwas“ ist der Urwille, welcher in Anna zutage tritt. Er äußert sich in ihrem ganzen Wesen: In ihren leichten, doch energischen Schritten, in der anmutigen, aber impulsiven Art, wie sie ihren Bruder herzhaft auf die Wangen küsst und lebhaft mit ihm spricht, in dem überraschend kräftigen Händedruck.[16]

Zum Wesen des Schopenhauerschen Urwillens gehört aber auch, dass menschliche Kategorien wie individuelles Glück oder Unglück und damit verbunden Erfolg oder Scheitern nichts gelten. Obwohl sich der Wille im Individuum ausdrückt und inkarniert, zählt das einzelne Individuum nichts. Dieses Paradoxon beschreibt Schopenhauer folgendermaßen: „Die Natur selbst widerspricht sich geradezu, je nachdem sie vom Einzelnen oder vom Allgemeinen aus, von innen oder von außen, vom Zentro oder von der Peripherie aus redet.“[17] Das Zentrum der Natur ist das Individuum, denn jedes Einzelne ist der ganze Wille zum Leben. Von hier aus gesehen spricht der Wille: „Ich allein bin alles in allem: an meiner Erhaltung ist alles gelegen, das übrige mag zu Grunde gehn, es ist eigentlich nichts.“[18] Anders stellt sich derselbe Sachverhalt vom Standpunkt des objektiven Erkennens dar. Hier, von der Peripherie aus, redet die Natur folgendermaßen: „Das Individuum ist nichts und weniger als nichts. Millionen Individuen zerstöre ich tagtäglich zum Spiel und Zeitvertreib: ich gebe ihr Geschick dem launigsten und mutwilligsten meiner Kinder preis, dem Zufall, der nach Belieben auf sie Jagd macht. Millionen neuer Individuen schaffe ich jeden Tag ohne alle Verminderung meiner hervorbringenden Kraft [...]. Das Individuum ist nichts.“[19]

Glück und Unglück sind Kategorien, die nur auf das Individuum passen, das Individuum aber verliert vor dem Schopenhauerschen Willen seine Bedeutung. Diese grausame Realität kommt auch in Anna Karenina zu tragen: Anna und Vronskij opfern ihr persönliches Lebensglück gleichsam dem Urwillen.

Er, der Ehrgeizige, gibt seine Karriere auf, um mit Anna in einer unehelichen und ehebrecherischen Liaison zu leben:

„Честолюбие была старинная мечта его детства и юности, мечта, в которой он и себе не признавался, но которая была так сильна, что и теперь эта страсть боролась с его любовью.“[20]

Vronskij will sich und anderen glauben machen, der Verlust der Karriere mache ihm nichts aus, obwohl ihn im Gespräch mit seinem früheren Kameraden Serpuchovskoj der Neid ergreift. Er aber will Serpuchovskoj glauben machen, sein früherer Wunsch nach Macht und Einfluss sei vergangen.

„ – Извини меня, это неправда, – улыбаясь, сказал Серпуховской. – Нет, правда, правда!.. теперь, – чтоб быть искренним, прибавил Вронский. – Да, правда, теперь, это другое дело, но это теперь будет не всегда. – Может быть, – отвечал Вронский. – Ты говоришь, может быть, – продолжал Серпуховской, как будто угадав его мыcли, – а я тебе говорю наверное.“[21]

Anna selbst opfert, auch der damaligen Gesellschaftsordnung geschuldet, noch viel mehr: Indem sie aus ihrer Ehe ausbricht und die außereheliche Liebe öffentlich lebt, verliert sie ihren gesellschaftlichen Ruf. Eine offizielle Ehebrecherin konnte die damalige russische Adelsgesellschaft nicht tolerieren (der diskrete Ehebruch hingegen war gang und gäbe) und strafte die Sünderin mit Ausschluss aus dem öffentlichen Leben. Die erzwungene Isolation fiel Anna sehr schwer und machte sie zornig – auch dahingehend, weil Vronskij diese nicht zu erleiden hatte.

Als sich Anna in einem tief dekolletierten Kleid und mit außergewöhnlichem Kopfschmuck aufmacht, in die Oper zu gehen, kommt es zum Streit zwischen ihr und Vronskij, weil sie sich damit bewusst über ihre Lage hinwegsetzt, und ein gesellschaftliches Ereignis besucht, was ihr als offizieller Ehebrecherin nicht zusteht.

„ – Вы точно поедете в театр? – сказал он, стараясь не смотреть на нее. – Отчего же вы так испуганно спрашиваете? – вновь оскорбленная тем, что он не смотрел на нее, сказала она. – Отчего же мне не ехать? Она как будто не понимала значения его слов.

– Разумеется, нет никакой причины, – нахмурившись, сказал он. – Вот это самое я и говорю, – сказала она, умышленно не понимая иронии его тона и спокойнo заворачивая длинную душистую перчатку. – Анна, ради Бога! что с вами? – сказал он, будя ее, точно так же как говорил ей когда-то ее муж. – Я не понимаю, о чем вы спрашиваете. – Вы знаете, что нельзя ехать.“[22]

Und wirklich: In der Oper kommt es zum Eklat. Während Vronskij wie eh und je mit seinen alten Freunden plaudern kann, brüskiert Annas Erscheinen die Gesellschaft und bietet damit weiteren Gesprächsstoff. Frau Kartassova aus der Loge neben Anna verlässt die Loge zusammen mit ihrem Mann, nicht ohne Anna die Worte zuzuwerfen, es sei eine Schande, neben ihr zu sitzen.

Als Mutter litt Anna zudem darunter, ihren erstgeborenen Sohn zu verlieren, den Karenin ihr als Bestrafung vorenthielt. Die äußerst rührende Szene, als Anna ihren Sohn Zerёža das letzte Mal sieht, zeugt zum einen von der großartigen Erzählkunst Tolstojs und seinem außergewöhnlichen Talent, sich in andere Menschen (hier in einen Vierjährigen und seine verzweifelte Mutter) hineinzuversetzen, zum anderen ist es ein Beispiel dafür, was der Schopenhauersche Wille für drastische Opfer verlangen kann. Nachfolgend ein Auszug aus der einige Seiten langen Szene:

„Анна жадно оглядывала его; она видела, как он вырос и переменился в ее отсутствие. Она узнавала и не узнавала его голые, такие большие теперь, ноги, выпроставшиеся из одеяла, узнавала эти похуделые щеки, эти обрезанные короткие завитки волос на затылке, в который она так часто целовала его. Она ощупывала все это и не могла ничего говорить; слезы душили ее.“[23]

Als nach einigen Minuten der Zweisamkeit der Abschied erfolgen muss, sind sowohl Anna als auch ihr Sohn verzweifelt:

„Лучше тебя нет!.. – с отчаянием закричал он сквозь слезы и, схватив ее за плечи, изо всех cил стал прижимать ее к себе дрожащими от напряжения руками. - Душечка, маленький мой! – проговорила Анна и заплакала так же слабо, по-детски, как плакал он.“[24]

Danach wird Anna ihren Sohn nie wieder sehen.

2.2 Die Schopenhauersche Vorstellung von den Ursprüngen des Leidens in Anna Karenina

Der Schopenhauersche Wille fordert, um weiterexistieren zu können, stetig die eigene Reinkarnation. Seine dabei erfolgreichsten Werkzeuge sind der Egoismus und der Sexualtrieb, denn beide Phänomene sind an sich lebensbejahend und die Individualität betonend – weswegen durch sie der Wille am Leben gehalten und sich daraus ein unendlich währender Kreislauf des Leidens ergibt.

2.2.1 Egoismus als Grundübel

Der Egoismus ist seiner Natur nach grenzenlos: der Mensch will unbedingt sein Dasein erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlsein und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, ja sucht wo möglich noch neue Fähigkeiten zum Genusse in sich zu entwickeln. Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen.“[25]

Der Egoismus, über den Schopenhauer hier schreibt, entspricht seiner Meinung nach dem innersten Kern und Wesen aller Lebewesen. Die Wünsche des Egoismus sind nie ganz und endgültig zu befriedigen, ganz im Sinne Wilhelm Buschs, der ein ausgesprochener Anhänger Schopenhauers war: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, // Kriegt augenblicklich Junge“[26]. Durch diesen Kreislauf wird das Leiden unabsehbar vermehrt.

Dieser Schopenhauersche Gedanke über den Egoismus wurde in Anna Karenina durch die beiden Ehebrecher Anna und Vronskij literarisiert: Sie handeln rücksichtslos gegenüber ihrer Umwelt, um ihr persönliches Wohlsein und ihren Genuss zu befriedigen und zu steigern. Besonders Anna übersteigert diesen Egoismus dahingehend, dass sie mit Vronskij keine Kinder will, da sie ihre erotische Ausstrahlung nicht verlieren und somit die Beziehung als eine rein lustbetonte gestalten will.

Ludolf Müller findet eine plausibel erscheinende Interpretation für die sich im Laufe des Romans entwickelnde und in „furchtbaren Hassausbrüchen“ und schließlich in Annas Selbstmord gipfelnde negative Spannung zwischen Anna und Vronskij, welche auch im Zusammenhang mit Schopenhauers Ausführungen zum Egoismus Sinn ergibt: „Die Liebe, die das ‚Glück’ zu ihrem einzigen Inhalt macht, keine Kinder will und sich damit des ureigenen Sinnes beraubt, zerstört sich selbst und richtet die Menschen moralisch und physisch zugrunde. [...] Wo die Liebe selbst zum Inhalt des Lebens gemacht wird, da schlägt sie in Hass um, sie zerstört das Leben, wenn man ihr verweigert, Leben zu schaffen.“[27]

2.2.2 Sexualität als Dämon

Das zweite Werkzeug des Willens ist die Sexualität. Schopenhauer ist der Auffassung, dass der Geschlechtstrieb neben dem Trieb zu leben die stärkste Antriebskraft im menschlichen Handeln ist. Dadurch ist dieser Trieb imstande, jede gewohnte Ordnung durcheinander zu bringen und neben Verwirrung auch Unglück zu stiften und Leid über die Menschen zu bringen, da er „nicht minder täglich die verworrensten und schlimmsten Händel anzettelt, die wertvollsten Verhältnisse auflöst, die festesten Bande zerreißt, bisweilen Leben oder Gesundheit, bisweilen Reichtum, Rang und Glück zu ihrem Opfer nimmt, ja den sonst Redlichen gewissenlos, den bisher Treuen zum Verräter macht, demnach im ganzen auftritt als ein feindseliger Dämon, der alles zu verkehren, zu verwirren und umzuwerfen bemüht ist.“[28] Doch wozu das alles? Geht es nicht nur um eine Kleinigkeit, fragt Schopenhauer, darum, dass „jeder Hans seine Grete finde?“[29] und verneint dies gleich darauf. Es ist keine Kleinigkeit, es ist die Gattung selbst, die den Menschen dieses Spektakel vollziehen lässt, dabei unbarmherzig nur auf das eigene Überleben bedacht, auf das „Sinnen auf die Zusammensetzung der künftigen Generation, von der wiederum unzählige Generationen abhängig sind[30].

[...]


[1] Brief Tolstojs an Fet, 30.08.1869, zit. nach: Boris Ėjchenbaum, Tolstoj i Šopengauer. K voprosu o sozdanii „Anny Kareninoj“. In: Literaturnyj sovremennik 11, 1935, S. 135.

[2] Die meisten Autoren datieren die Bekanntschaft Tolstojs mit Schopenhauer auf das Jahr 1869, nur die Autorin Sigrid McLaughlin (1970) verlegt diese ein Jahr zurück in das Jahr 1868.

[3] Vgl. Sigrid McLaughlin, Some Aspects of Tolstoy´s Intellectual Development: Tolstoy and Schopenhauer. In: California Slavic Studies 5, 1970, S. 241.

[4] Joachim T. Baer, Anregungen Schopenhauers in einigen Werken von Tolstoj. In: Die Welt der Slaven 23/2, 1978, S. 230.

[5] Bodo Zelinksky, Lev Tolstoj: Anna Karenina. In: Ders. (Hrsg.), Der russische Roman. Köln, Weimar, Wien 2007, S. 224.

[6] Vgl. Adolf Stender-Petersen, Geschichte der russischen Literatur. München 1986, S. 367.

[7] Vgl. McLaughlin, S. 207f.

[8] Vgl. ebd., S. 187.

Formaler Hinweis: Diese Arbeit wurde nach den Regeln der neuen Rechtschreibung geschrieben, (historische) Zitate allerdings in ihrer jeweiligen Ursprungsform gelassen. Beim Zitieren der Werke Schopenhauers wurde aus Gründen der Übersichtlichkeit nach dem ersten ausführlichen Beleg mit Abkürzungen gearbeitet.

[9] Dass es dennoch möglich ist, zeigen die Arbeiten von Ėjchenbaum und McLaughlin. Ersterer versuchte nachzuweisen, dass sich Tolstoj bei der Verwendung des Epigraphen „Mne otmščenie, i az vozdam“ nicht auf die Bibel, sondern auf Schopenhauer berief; McLaughlin verglich die Rolle der Träume in Anna Karenina mit Schopenhauers Ausführungen zu dieser Thematik.

[10] Vgl. Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung I (nachfolgend: W I). In: Ders., Sämtliche Werke. Hrsg. von Wolfgang Frhr. v. Löhneysen. 5 Bde. Leipzig 1979. Bd. 1, § 54, S. 380.

[11] Vgl. Volker Spierling, Arthur Schopenhauer zur Einführung. Hamburg 2002, S. 126.

[12] Vgl. Schopenhauer, ebd.

[13] Schopenhauer, W I, § 63, S. 483.

[14] Schopenhauer, Preisschrift über die Grundlage der Moral (nachfolgend: GM). In: Ders., a.a.O. Bd. 3, § 22, S. 809.

[15] Lev N. Tolstoj, Anna Karenina. In: Ders., Sobranie sočinenij v dvadcati tomach. Moskau 1997, Bde. 8 - 9. Bd. 8, S. 56.

[16] Vgl. ebd., S. 57f.

[17] Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II (nachfolgend: W II), in: Ders., a.a.O. Bd. 2, Kap. 47, S. 768f.

[18] Ebd., S. 769.

[19] Ebd.

[20] Tolstoj, Bd. 8, S. 264.

[21] Ebd., S. 269.

[22] Tolstoj, Bd. 9, S. 104.

[23] Ebd., S. 96.

[24] Ebd., S. 99.

[25] Schopenhauer, GM, § 14, S. 727.

[26] Wilhelm Busch, Niemals. In: Historisch-kritische Gesamtausgabe. Hrsg. von Friedrich Böhme, 4

Bde. Wiesbaden, Berlin 1960. Bd. 4, S. 406.

[27] Ludolf Müller, Der Sinn der Liebe und der Sinn des Lebens. Der ideologische Plan der „Anna Karenina“. In: Zeitschrift für Slavische Philologie 21, 1952, S. 34.

[28] W II, Kap. 44, S. 682.

[29] Ebd.

[30] Ebd., S. 683.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Tolstoj und Schopenhauer
Untertitel
Ein Vergleich am Beispiel des Romans "Anna Karenina"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Slavistik)
Note
unbenotet
Autor
Jahr
2008
Seiten
24
Katalognummer
V137342
ISBN (eBook)
9783640475674
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Zitate in russischer Originalsprache.
Schlagworte
Slawistik, Ostslawistik, Literatuwissenschaft, Tolstoj, Lev Tolstoj, Anna Karenina, Russische Literatur, Russistik, 19. Jahrhundert, Realismus, Russischer Realismus, Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Philosophie
Arbeit zitieren
Bettina Friedrich (Autor), 2008, Tolstoj und Schopenhauer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137342

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