„Знаете ли, что было для меня нынешнее лето? – Неперестающий восторг перед Шопенгауэром и ряд дуxовныx наслаждений, которыx я никогда не испытывал. Я выписал себе все его сочинения и читал и читаю.“
Dieses Zitat Lev Tolstojs bringt zum Ausdruck, wie sehr der russische Schriftsteller den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer verehrte. Es stammt aus dem Jahr 1869, in welchem Tolstoj zum ersten Mal mit Schopenhauers Philosophie in Berührung gekommen war und spiegelt damit jene Zeit, wo die Wirkung dieser Philosophie am stärksten und die Begeisterung am größten war.
In dieser Zeit entstand Tolstojs zweiter Roman Anna Karenina (1873-1877). Er wird von Literaturwissenschaftlern teils als „Familienroman“ oder „Ehebruchroman“, teils als düster-gewaltige Gesellschaftskritik eingeordnet. Fakt ist, dass sich der Roman - in dem die Entstehung und der Verfall einer leidenschaftlichen Liebe, des weiteren die Entstehung einer Ehe sowie die Zerstörung einer anderen dargestellt wird - vorrangig mit dem Wesen von Liebe und Ehe auseinandersetzt, weiterführend aber auch mit den Themen Schuld, Moral und dem Sinn des Lebens. Dies sind auch bei Schopenhauer zentrale Themen. Dennoch soll bereits an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass der Einfluss des Philosophen auf den Schriftsteller eher subtiler Natur war und es daher - darauf weisen mehrere an der Problematik arbeitende Autoren hin - schwierig ist, Schopenhauers Gedanken konkret in Texten Tolstojs zu fixieren und nachzuweisen.
Deshalb wurde für diese Arbeit ein globaler Ansatz gewählt: Es wurde versucht, Literarisierungen der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina auszumachen. Den Ausgangspunkt bildet einer der zentralen Begriffe der Schopenhauerschen Philosophie: der ‚Wille’. Weiterführend werden - stets im Vergleich zu Tolstoj - die Vorstellungen Schopenhauers zu den Ursprüngen des menschlichen Leidens und seine Strategien zur Überwindung desselben thematisiert, was schließlich in einer Abhandlung über Schopenhauers Sinn des Lebens mündet. Hierbei zeigt sich, dass beide Denker ähnliche Überzeugungen hinsichtlich der Entstehung des menschlichen Leidens haben – allen voran wird der Sexualität von beiden eine dämonische Kraft zugesprochen. Im Umgang mit dem Leiden vertreten sie allerdings unterschiedliche Positionen und Lösungsansätze. Während Schopenhauer Theoretiker blieb, postulierte Tolstoj - zumindest in der Zeit der "Anna Karenina" - eine praktisch anwendbare Ethik.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina
2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina
2.2 Die Schopenhauersche Vorstellung von den Ursprüngen des Leidens in Anna Karenina
2.2.1 Egoismus als Grundübel
2.2.2 Sexualität als Dämon
2.2.3 Verliebtheit und Liebe als Täuschung
2.3 Die Schopenhauersche Vorstellung von der Überwindung des Leidens in Anna Karenina
2.3.1 Erlösung durch Ästhetik
2.3.2 Erlösung durch Ethik
2.3.3 Erlösung durch Abtötung des Willens
2.3.4 Die Zähmung der Sexualität
2.4 Schopenhauers Sinn des Lebens in Anna Karenina
3 Schlussbemerkung
4 Literaturverzeichnis
4.1 Quellen
4.2 Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Philosophie Arthur Schopenhauers auf Lev Tolstojs Roman „Anna Karenina“. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit zentrale Begriffe der Schopenhauerschen Philosophie – wie der „Wille“, die Entstehung und Überwindung des Leidens sowie die Rolle der Sexualität – in Tolstojs Werk literarisiert und im Vergleich zum philosophischen Original transformiert wurden.
- Literarisierung philosophischer Konzepte bei Tolstoj
- Schopenhauers Willensbegriff als Ursprung menschlichen Leidens
- Die dämonische Kraft der Sexualität im Roman
- Vergleich der Lösungsansätze für das menschliche Leiden
- Die Rolle von Ethik, Ästhetik und Ehe im Werk
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Egoismus als Grundübel
„Der Egoismus ist seiner Natur nach grenzenlos: der Mensch will unbedingt sein Dasein erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlsein und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, ja sucht wo möglich noch neue Fähigkeiten zum Genusse in sich zu entwickeln. Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen.“25
Der Egoismus, über den Schopenhauer hier schreibt, entspricht seiner Meinung nach dem innersten Kern und Wesen aller Lebewesen. Die Wünsche des Egoismus sind nie ganz und endgültig zu befriedigen, ganz im Sinne Wilhelm Buschs, der ein ausgesprochener Anhänger Schopenhauers war: „Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, // Kriegt augenblicklich Junge“26. Durch diesen Kreislauf wird das Leiden unabsehbar vermehrt.
Dieser Schopenhauersche Gedanke über den Egoismus wurde in Anna Karenina durch die beiden Ehebrecher Anna und Vronskij literarisiert: Sie handeln rücksichtslos gegenüber ihrer Umwelt, um ihr persönliches Wohlsein und ihren Genuss zu befriedigen und zu steigern. Besonders Anna übersteigert diesen Egoismus dahingehend, dass sie mit Vronskij keine Kinder will, da sie ihre erotische Ausstrahlung nicht verlieren und somit die Beziehung als eine rein lustbetonte gestalten will.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bewunderung Tolstojs für Schopenhauer ein und erläutert den methodischen Ansatz, die Literarisierung philosophischer Konzepte in „Anna Karenina“ zu untersuchen.
2 Zur Literarisierung der Schopenhauerschen Philosophie in Anna Karenina: Das Kapitel analysiert, wie Tolstoj zentrale philosophische Begriffe wie den Willen und die Ursprünge des Leidens in seinem Roman abbildet.
2.1 Der Schopenhauersche Wille in Anna Karenina: Hier wird der Wille als „Ding an sich“ und dessen Erscheinungsform in der Figur der Anna Karenina dargestellt.
2.2 Die Schopenhauersche Vorstellung von den Ursprüngen des Leidens in Anna Karenina: Dieses Kapitel betrachtet Egoismus und Sexualität als zentrale, vom Willen gesteuerte Werkzeuge, die menschliches Leid verursachen.
2.3 Die Schopenhauersche Vorstellung von der Überwindung des Leidens in Anna Karenina: Es werden die verschiedenen Wege zur Überwindung des Leidens wie Ästhetik, Ethik und Askese diskutiert und mit Tolstojs Position in jener Zeit abgeglichen.
2.4 Schopenhauers Sinn des Lebens in Anna Karenina: Das Kapitel beleuchtet das Dilemma zwischen Schopenhauers Askese und Tolstojs Suche nach einem gottgefälligen Leben in Familie und Natur.
3 Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass kein einfacher Einfluss, sondern ein komplexer Zusammenfluss beider Gedankenwelten vorliegt.
4 Literaturverzeichnis: Hier werden alle verwendeten Primärquellen und die wissenschaftliche Sekundärliteratur zur Arbeit aufgelistet.
Schlüsselwörter
Anna Karenina, Lev Tolstoj, Arthur Schopenhauer, Wille, Egoismus, Sexualität, Leiden, Erlösung, Ästhetik, Ethik, Familienroman, Literaturwissenschaft, Philosophie, Literaturgeschichte, Weltanschauung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den inhaltlichen Einfluss der Philosophie von Arthur Schopenhauer auf den Roman „Anna Karenina“ von Lev Tolstoj.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf dem Begriff des „Willens“, der Entstehung des menschlichen Leidens durch Egoismus und Sexualität sowie den philosophischen Strategien zur Überwindung dieses Leidens.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, an welchen Stellen Tolstoj Schopenhauers philosophische Gedanken literarisiert hat und wo er eigene, abweichende Positionen vertritt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Autorin wendet einen vergleichenden literaturwissenschaftlichen Ansatz an, um Parallelen und Divergenzen zwischen den philosophischen Texten Schopenhauers und dem literarischen Werk Tolstojs nachzuweisen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Kategorien Wille, Leiden und dessen Überwindung analysiert, wobei besonders die Bedeutung der Ehe und der Sexualmoral für die Protagonisten hervorgehoben wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Publikation?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören der Schopenhauersche Wille, die Dämonisierung der Sexualität, der Egoismus als Lebensprinzip sowie die Suche nach einem Sinn des Lebens bei Tolstoj.
Inwiefern beeinflusst der Wille nach Schopenhauer die Handlungen von Anna Karenina?
Anna wird als Literarisierung des blinden „Urwillens“ gesehen, der sie dazu treibt, gesellschaftliche Konventionen und persönliches Glück für ihre Leidenschaft zu opfern.
Wie unterscheidet sich Tolstojs Moral von Schopenhauers Philosophie im Hinblick auf den Tod?
Während Schopenhauer die Abtötung des Willens als radikale Lösung durch Askese fordert, sucht Tolstoj zum Entstehungszeitpunkt des Romans nach einem moralisch vertretbaren Leben in der Gemeinschaft, lehnt jedoch den Pessimismus der „Nichts“-Lehre ab.
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- Bettina Friedrich (Author), 2008, Tolstoj und Schopenhauer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137342