Konstanz - Stadt am Seerhein

Ein Prozess der Gentrification?


Bachelorarbeit, 2009
43 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlegung
2.1. Die Anfänge der Stadtsoziologie nach Georg Simmel
2.2. Stadtsoziologie heute nach Hartmut Häußermann
2.3. Gentrification

3. Empirie
3.1. Quantitative Befragung der „Stadt am Seerhein"
3.2. Qualitative Befragung der Entscheidungsträger
3.3. Resümee

4. Fazit und Ausblick

5. Anhang
5.1. Interviewbogen der Bewohner der „Stadt am Seerhein"
5.2. Interviewbogen der Entscheidungsträger
5.3 Literaturverzeichnis
5.4 Bildverzeichnis

1. Einleitung

Die Idee für diese Arbeit entstand unter anderem durch die erlebten Verän-derungen in der urbanen Landschaft in Konstanz sowie über die in den Jah-ren meines Studiums in den Konstanzer Medien geführte Diskussion über Erneuerung und Umstrukturierung von brachliegenden, alten Industrieflächen und der Aufwertung der Wohngebiete in den Konstanzer Stadtteilen.

Das Interesse am Wandel von Städten wurde nochmals verstärkt durch den Spiegeltitel Nr.34/2007 „Europas coole Städte". In dem Themenartikel „Was Städte sexy macht" wurden boomende Städte in Europa vorgestellt und ver-sucht zu erklären, warum es gerade nicht die großen Megacities sind, die für neue Technik, junge Unternehmen und für junge Menschen attraktiv sind. So entstand die Idee, den neuen Stadtteil von Konstanz, die „Stadt am Seer-hein" zum Gegenstand dieser Bachelorthesis zu machen. Denn auch hier in Konstanz lässt sich die im Spiegel dargestellte Idee wiederfinden und für die-se Arbeit aufgreifen.

Im Verlauf dieser Arbeit wird die Fragestellung beantwortet: „Konstanz — „Stadt am Seerhein", ein Prozess der Gentrification?". Der Beantwortung der Forschungsfrage ist zunächst ein Theorieteil vorangestellt, der auf die Ge-schichte der Stadtsoziologie allgemein und im Weiteren speziell auf den Punkt der Gentrification eingeht und diesen erläutert, da es im Hauptteil die-ser Bachelorthesis darum geht, die Forschungsfrage empirisch far die „Stadt am Seerhein" zu beantworten.

Der quantitativen Erhebung am Anfang der Bearbeitungszeit folgte eine qua­litative Befragung von ausgewählten Experten aus Konstanz, im Rahmen der sechswöchigen Bearbeitungszeit war das Bemühen stets vorhanden, den Anforderungen der qualitativen Arbeitsweise zu genügen, dennoch musste der kurzen Bearbeitungszeit und der erschwerten Erhebungssituation (Kom-munalwahlen und Kreistagswahlen) Tribut gezollt werden. Mit mehr Zeit wäre es sicherlich möglich gewesen, die Empirie noch genauer und ausführlicher zu bearbeiten.

2. Theoretische Grundlegung

Das Thema dieser Arbeit liegt bei der Gentrification, einem Spezialgebiet der Stadtsoziologie, jedoch soll zunächst einmal geklärt sein, was Stadtsoziolo-gie ist und was man unter einer Stadt versteht. Es wird deshalb anfangs fol-gende Definition diesem Theorieteil vorangestellt, damit der Leser einen ers-ten Überblick über die nun folgende Thematik gewinnen kann:

„Stadtsoziologie, Teilgebiet der Soziologie, das die Beschreibung und Analyse sozia-len Verhaltens, der Bodennutzung, des Wachstums sowie der Macht- und Entschei-dungsprozesse in der Stadt umfasst. Als >>Stadt<< gelten dabei Gemeinden von ei-ner bestimmten Größe, Bevölkerungszahl (in Dt. 2000 Einw.) oder anderen Kenn-zeichen (z.B. Markt, Befestigung)." (Fuchs, et al., 1988 S. 738)

Erste, für die Soziologie relevante, Beobachtungen bezüglich des Lebens und Arbeitens in Städten finden sich bereits im 19. Jahrhundert bei Friedrich Engels in seiner Schrift „Die Lage der arbeitenden Klasse in England — nach eigener Anschauung und authentischen Quellen" (Engels, 1977). Friedrich Engels beschäftigten hierbei vor allem die Umstände des Zusammenlebens der Arbeiterklasse auf engsten Raum und die damit verbundenen Lebens-verhältnisse. Ebenfalls mit der Thematik beschäftigte sich Max Weber in sei-nem Standardwerk „Wirtschaft & Gesellschaft" (Weber, 2002), wobei sein Blick vor allem auf das städtische Bürgertum gerichtet war. Das Hauptau-genmerk bei dieser Arbeit liegt jedoch bei den Anfängen der Stadtsoziologie nach Georg Simmel.

2.1. Die Anfänge der Stadtsoziologie nach Georg Simmel

Der deutsche Philosoph und Soziologe Georg Simmel beschäftigte sich zur Jahrhundertwende hin zum 20. Jahrhundert mit dem Thema „Stadt" in sei-nen, zu den Klassikern der Soziologie zählenden, Aufsätzen „Die Grogstadte und das Geistesleben" und „Soziologie des Raumes". Bei all seinen Überle-gungen stand immer das Thema der Vergesellschaftung und somit im Sim-melµschen Sinne die Gesellschaft und das Individuum Mensch an sich im Vordergrund:

„Ich bezeichne nun alles das, was in den Individuen, den unmittelbar konkreten Or-ten aller historischen Wirklichkeit als Trieb, Interesse, Zweck, Neigung, psychische Zuständlichkeit und Bewegung derart vorhanden ist, dass daraus oder daran die Wirkung auf andre und das Empfangen ihrer Wirkungen entsteht - dieses bezeichne ich als den Inhalt, gleichsam die Materie der Vergesellschaftung." (Simmel, 1968 S. 5)

Im Weiteren bedeutet dies natürlich auch die Überführung von Privateigen-tum in gesellschaftliches Eigentum. Diese Transformation findet sich wiede-rum dann auch beim Menschen in der Großstadt wieder. Die Stadt bei Georg Simmel ist nur noch bedingt mit der Stadt von heute zu vergleichen, dennoch lassen sich seine Überlegungen als Ausgang nehmen, um sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen. In seinem Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben", bei dem es sich um die Verschriftlichung eines Vortrages zum eigentlichen Werk „Die Philosophie des Geldes" handelt, gilt die Stadt als ein Ort der Moderne und der Individualität, wobei Georg Simmel hier vor allem das Zusammendrängen von Menschen und Dingen als Charakteristikum der Großstadt sieht. Im Weiteren birgt die Großstadt vor allem negative Aspekte für den einzelnen Menschen und auch für das Zusammenleben:

- Verstandesherrschaft
- Blasiertheit
- Reserviertheit
- Individualismus

Am Beispiel der Großstadt beschreibt Georg Simmel Probleme der Men-schen, die bis heute nicht an Bedeutung verloren haben. Eine Vielzahl von neuen Reizen und eine durchgesetzte Geldwirtschaft führen bei den Bewoh-nern der Großstadt zu der Anpassungsreaktion der Blasiertheit:

„Das Wesen der Blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, daß sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsin-nigen, sondern so, daß die Bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird." (Simmel, 1995 S. 121)

Es tritt eine neue Präzision und Sachlichkeit in den Alltag der Menschen. Diese neue Sachlichkeit wiederum spiegelt sich auch in der Beziehung der Menschen untereinander wieder, so heißt es weiter:

„Die geistige Haltung der Großstädter zu einander wird man in formaler Hinsicht als Reserviertheit bezeichnen dürfen. Wenn der fortwährenden äußeren Berührung mit unzähligen Menschen so viele innere Reaktionen antworten sollten, wie in der klei-nen Stadt, in der man fast jeden kennt und zu jedem ein positives Verhältnis hat, so würde man sich innerlich völlig atomisieren und in eine ganz unausdenkbare seeli-sche Verfassung geraten." (Simmel, 1995 S. 122)

Als Folge der Reserviertheit entwickelt sich eine übersteigerte Form des Indi-vidualismus, mit welcher der Bewohner der Großstadt sich gegen eine Übermacht der Dinge versucht zu behaupten. Auf der anderen Seite ermög-licht die Reserviertheit aber auch eine neue Form der Freiheit, da der Stadt-bewohner frei ist von den „Kleinlichkeiten und Prajudizierungen" (Simmel, 1995 S. 126), mit denen die Bewohner von Dörfern und kleinen Städten zu-rechtkommen müssen. Die Großstadt ermöglicht es somit ihren Bewohnern, in der Masse der Menschen und geographischen Größe unterzutauchen, zu versinken oder eben frei zu sein. Eine weitere Folge ist die Verstandesherr-schaft. Dabei handelt es sich gemäß Georg Simmel um eine Schutzfunktion des Individuums in der Großstadt. Der Bewohner der Großstadt schützt demnach sein Gemüt und seinen Verstand durch eine Versachlichung der Umstände. Bei Dietmar Jazbinsek findet sich eine tabellarische Darstellung der von Georg Simmel erwähnten Thesen bezüglich der Unterschiede zwi-schen dem neuen städtischen Leben und dem alten, traditionellen (Land-) leben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Simmels Vortrag „Die Grogstädte und das Geistesleben" (Jazbinsek, 2001)

Zusammenfassend lässt sich der Aufsatz als ein Einblick in Georg Simmels „Soziologie der Moderne" sehen, denn mit den angesprochenen Aspekten geht der Aufsatz doch über die klassische Stadtsoziologie hinaus, denn: „Simmel verdeutlicht, dass die Grollstadt der Schauplatz der Moderne ist, der Ort, an dem die gesellschaftlichen, in der Geldwirtschaft angelegten Tenden-zen ihren Ausdruck haben." (Lindner, 2004 S. 175) und liefert zugleich eine Beschreibung von Individualisierungsprozessen, die bis heute aktuell sind und auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit wieder auftauchen werden.

2.2. Stadtsoziologie heute nach Hartmut Häußermann

„Die Stadtsoziologie thematisiert die Stadt als soziales System, als struktu-riertes Geflecht von Beziehungen zwischen Menschen, Gruppen und Institu-tionen." (Häußermann; Siebel, 2004 S. 217).

Die Stadtsoziologie entstammt wie die allgemeine Soziologie der geisteswis-senschaftlichen Disziplin, welche sich „den gesellschaftlichen Wandel zu ih-rem Gegenstand machte" (Häußermann; Siebel, 2004 S. 11). Die zeitlichen Anfänge liegen auch hier zur Zeit der Industrialisierung und während der Jahrhundertwende des 19. hin zum 20. Jahrhundert, als die Bevölkerung des Landes aufbrach in die neuen Städte und Industriestandorte. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die damaligen Städte vom Handwerk und Bürgertum bevöl-kert und geprägt — stadtplanerische Überlegungen, geförderter (sozialer) Wohnungsbau oder Quartiersplanung spielten noch keine Rolle. Die Anfänge sind somit wie auch bei Friedrich Engels als eine Gesundheitsforschung zu sehen, da zunächst vor allem Sterblichkeitsraten, Seuchen und Krankheits-epidemien und keine Mobilitätsverschiebungen, Steueraufkommen und Be-rufsgruppen erhoben wurden. Die empirische Großstadtforschung begann daher mit der Entwicklung einer differenzierten Bevölkerungsstatistik Mitte des 19. Jahrhunderts in den damaligen Großstädten. Die heutige Stadtsozio-logie ist vielschichtiger zu sehen, es stehen Verstädterung und Urbanisierung im Fokus ebenso wie die Funktionalisierung des Soziallebens — des Zusam-menlebens homogener und unterschiedlicher Schichten und Milieus. Die Stadt wird als Lebensraum gleichermaßen wie als politischer Raum unter-sucht. Zugleich gilt es, Fragen der stadtplanerischen Entwicklung, der Archi-tektur und der kommunalen Entwicklung zu beantworten. Weitere For-schungsbereiche finden sich in den Teilbereichen der Gentrification, der Seg-regationsforschung oder auch der Sozialökologie der Chicago School1.

[...]


1 1892 wurde an der Universität Chicago die erste soziologische Fakultät der USA eingerich-tet. [...] Die wichtigsten Vermächtnisse der Chicagoer Schule an die Stadtforschung sind der sozialökologische Ansatz, das Konzept der Segregation sowie die Methoden zur verstehen-den Erforschung städtischer Lebenswelten (Häußermann, et al., 2004 S. 227)

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Konstanz - Stadt am Seerhein
Untertitel
Ein Prozess der Gentrification?
Hochschule
Universität Konstanz  (Geisteswissenschaftliche Sektion - Soziolgie)
Veranstaltung
Bachelorthesis
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
43
Katalognummer
V137355
ISBN (eBook)
9783640448791
ISBN (Buch)
9783640448555
Dateigröße
1137 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konstanz, Stadt, Seerhein, Prozess, Gentrification
Arbeit zitieren
Christian Schöpf (Autor), 2009, Konstanz - Stadt am Seerhein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137355

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