Das politische Verhältnis Hindenburg - Hitler


Hausarbeit, 2009

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die politische Entwicklung
2.1 Paul von Hindenburg (2. Oktober 1847 – 2. August 1934)
2.2 Adolf Hitler (20. April 1889 – 30. April 1945)

3 Zeitgeschehen

4 Hitlers Weg zur Kanzlerschaft
4.1 Der 10. Oktober 1931
4.2 Der 13. August 1932
4.3 Der 19. November 1932

5 Der 30. Januar 1933

6 Der Tag von Potsdam

7 „Führer und Reichskanzler“

8 Schlussbemerkung

9 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg nach langem Zögern zum Reichskanzler ernannt. Dieses Ereignis war das Ergebnis monatelangen Ringens um den politischen richtigen Kurs für die kränkelnde Weimarer Republik. Die Entscheidung fiel dem Reichspräsidenten keineswegs leicht, sowohl aus politischen, als auch persönlichen Gründen. Diese werde ich in meiner Hausarbeit näher beleuchten, und der Frage nachgehen, warum Hindenburg sich so lange weigerte Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, und es schließlich doch tat.

Um diese Frage zu erörtern, werde ich die politische Entwicklung und damit die Gegensätzlichkeit von Hindenburg und Hitler zur Sprache bringen. Eine wichtige Rolle in der Analyse des politischen Verhältnisses zwischen Hindenburg und Hitler spielen auch deren drei Treffen. Ebenso sind weitere tragende Persönlichkeiten wie Papen und Schleicher auf dem Weg der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nicht zu vergessen. Alle Geschehnisse münden schließlich in den bedeutungsvollen 30. Januar 1933, dessen Ereignisse ich ebenfalls kurz darstellen möchte. Im Folgenden werde ich kurz die Bedeutung des Tages von Potsdam und der Personalunion des „Führers und Reichkanzlers“ ansprechen. Abschließen werde ich meine Arbeit mit einem Zitat als Schlussfolgerung, da die eben aufgeworfene Frage im Laufe der Kapitel beantwortet wird.

Für den Hauptteil meiner Arbeit, Hitlers Weg zur Kanzlerschaft, werde ich häufig auf die Bücher von Andreas Dorpalen, „Hindenburg in der Geschichte der Weimarer Republik“[1], Wolfram Pyta „Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler“[2] und Walter Rauscher „Hindenburg, Feldmarschall und Reichspräsident“[3] zurückgreifen.

2 Die politische Entwicklung

2.1 Paul von Hindenburg (2. Oktober 1847 – 2. August 1934)

Für Hindenburg, aufgewachsen in einer Familie typischen patriotisch-protestantischen Schwertadels, und auch seine Eltern war es von Anfang an klar welche berufliche Laufbahn er einschlagen werde. Genau wie sein Vater und so viele seiner Vorfahren wurde nie etwas anderes als der preußische Berufsoffizier in Betracht gezogen. Er durchlief die strengen Erziehungsinstitutionen des alten Preußens, die Kadettenanstalten. Mit 19 Jahren nahm er 1866 an der ersten Schlacht, der Schlacht von Königgrätz, teil. Hier sammelte er erste wichtige Erfahrungen, die ihm als späterer Heerführer von Nutzen waren, und wurde für seine Verdienste ausgezeichnet. Es folgte der Deutsch-Französische Krieg 1870, bei dem Hindenburg aktiv mitkämpfte. Die Ereignisse machten ihn, einen 23 jährigen Leutnant, zum kriegserfahrenen, bewährten Offizier.

Am 18. Januar 1871 stand er zusammen mit Hunderten von Offizieren und Unteroffizieren im Spiegelsaal des Versailler Schlosses und erlebte die Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser. Mitgerissen von der Stimmung ahnte er noch nicht dass er 38 Jahre später dem Enkel des gerade neu ernannten Kaisers raten wird abzudanken und das Land zu verlassen.
Hindenburgs Entschluss noch höher hinaus zu wollen führt ihn auf die Kriegsakademie um Generalstabsoffizier zu werden und sich damit den Weg zu höheren und interessanteren Aufgaben in der Armee zu ebnen. Er absolvierte die anspruchsvolle Ausbildung 1878 mit Bravour. Ein Jahr später heiratete Hindenburg die junge Gertrud Wilhelmine von Sperling. Aus dieser Ehe stammen drei Kinder, darunter ein Sohn, Oskar, der in der Reichspräsidentenzeit seines Vaters als dessen Adjutant eine nicht immer glückliche politische Rolle spielen wird.

Es folgte eine steile militärische Karriere, von der sich Hindenburg 1911 verabschiedet. Jedoch nicht lange. Im ersten Weltkrieg übernimmt er die Oberste Heeresleitung und an dessen Ende rät er Wilhelm II. zur Abreise nach Holland. Eigentlich schon im Ruhestand, wird der parteilose Hindenburg 1925 von den Rechtsparteien bedrängt bei der Reichspräsidentenwahl zu kandidieren. Mit einer relativen Mehrheit gewählt, leistet der Monarchist den Eid auf die Weimarer Verfassung. „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, die Verfassung und die Gesetze des Reiches wahren, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“[4] Damit unterstrich er, was Stresemann dem, Hindenburgs Kandidatur teilweise skeptisch gegenüberstehenden, Ausland versichert hatte: Er werde nicht versuchen monarchische Fragen wieder aufzuwerfen, ebenso wenig die von der Regierung eingeleitete Außenpolitik sabotieren. Denn als ein Mann des Pflichtgefühls werde er seinen Eid niemals verletzen.[5]

Tatsächlich ließ Hindenburg nach seiner Reichspräsidentenwahl vernehmen, er werde sich von keiner Partei Vorschriften machen lassen, auch von jenen nicht, die ihm zum Sieg verholfen hatten. Er werde gewissenhaft nach der Verfassung handeln und sich auf seine Berater stützen. Pragmatismus war sein politisches Leitmotiv.[6] Otto Braun drückte seinen ersten Eindruck vom frisch gewählten Reichspräsidenten so aus: „Ein Mensch von solidarischem Pflichtgefühl, erfüllt von ehrlichem Willen, den Eid auf die republikanische Verfassung zu halten. […] Klar wurde mir auch, daß für seine Amtsführung alles auf gute politische Ratgeber ankam, deren erster der die Politik bestimmende Reichskanzler sein mußte.“[7] Wie richtig er mit seiner Einschätzung lag, sollten die nächsten Jahre zeigen.

2.2 Adolf Hitler (20. April 1889 – 30. April 1945)

Ohne abgeschlossene Schulbildung, nach vergeblichen Versuchen an der Kunstakademie aufgenommen zu werden und schließlich ohne festen Wohnsitz, da das Erbe seiner Eltern aufgezehrt war, schlug sich Hitler in Wien mit Gelegenheitsarbeiten durch. Die Lektüre antisemitischer Zeitungen und Bücher, sowie die Erlebnisse in der Hauptstadt des Vielvölkerstaates ließen in ihm seinen Judenhass ebenso reifen wie seine radikale Ablehnung von Marxismus und Liberalismus. Als 24 Jähriger übersiedelte Hitler von Österreich nach München und versuchte sich so dem Wehrdienst in der österreich-ungarischen Armee zu entziehen. Dort meldete er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und kämpfte an der Westfront, wo er auch verwundet wird. Durch eine kurzzeitige Erblindung aufgrund eines Gasangriffes, reifte in ihm der Wunsch Politiker zu werden. Schon in seinen ersten politischen Schriften nannte er als wichtigstes Ziel die „Entfernung der Juden überhaupt“. Hitler trat 1919 der DAP bei, die ein Jahr später in NSDAP umbenannt wurde. Von Anfang an war er stark involviert und schließlich unentbehrlich für die Partei. Nach dem misslungen Hitler-Putsch, bei dem versucht wurde gewalttätig an die Macht zu kommen, dem Verbot der Partei und Hitlers Haft, in der „Mein Kampf“ entstand, brachen 1927 wieder besser Zeiten an. Hitler durfte nach der Aufhebung des Redeverbotes erstmals wieder öffentlich sprechen. Nun wurde versucht, auf die abschreckend wirkende, offensichtliche Gewalt um mehr Macht, zu verzichten. Auf ‚legalem’ Weg, durch Überzeugung und Propaganda erhoffte man sich mehr Zulauf.[8]

Für den Reichspräsidenten Hindenburg empfand Hitler nur Verachtung. Er sah keinerlei Führungsqualitäten in ihm, ganz im Gegensatz zu seiner Person. Dennoch lässt sich eine gewisse Ehrfurcht, die bei den späteren Zusammentreffen deutlich wurden, nicht verleugnen. Der Reichspräsident, als Vertreter jener selbstbewussten Gesellschaftsschicht, von der er sich immer ausgeschlossen gefühlt hatte, imponierte ihm heimlich. Doch ließ er sich dadurch in seinem politischen Urteil nicht beeinflussen. Dass Hindenburg die ihm durch die Weimarer Verfassung zur Verfügung gestellten Machtbefugnisse so wenig nutzte, schürte seine Verachtung nur noch mehr. „Männer, die zum Herrschen geboren seien, brauchten keine Stütze durch parlamentarische Institutionen, noch würden sie in Krisenzeiten ihre Handlungsfreiheit durch verfassungsrechtliche Hemmnisse einschränken lassen.“[9] Hitlers Meinung nach sei Hindenburg viel zu passiv, unentschlossen und zu kompromissbereit um das deutsche Volk führen und retten zu können. Hielten die Nationalsozialisten am Anfang mit ihrer Verachtung noch hinter dem Berg, um keine potentiellen Wähler abzuschrecken, so änderte sich dies ab 1929. Ihre Verachtung richtete sich nicht nur gegen die Person Hindenburgs, sondern vor allem gegen das was er verkörperte: bürgerliche Ideale wie Recht, Ordnung und Eigentum. Geschickt nutzen sie die Tatsache, dass für viele Bürger angesichts der Arbeitslosigkeit und Armut, diese Ideale an Wert verloren hatten. Hitler verkündigte ihnen große Ziele und weckte neue Hoffnung. Die neue Begeisterung ließ viele Menschen die Botschaften übersehen, die nicht immer offensichtlich, in Hitlers Meinungsäußerungen versteckt waren. „Nicht Ordnung und Sicherheit seien die Grundsteine für ein rechtes Leben, und das Hauptziel eines guten Staates bestehe nicht darin, auf das Wohlergehen seiner Bürger hinzuarbeiten, sondern auf die Bereitschaft eines jeden, für sein Land zu sterben.“[10] Seine neue Ordnung, so prophezeite Hitler, werde eine Ordnung sein, in der Krieg und Frieden das Gleiche sein würden. In den Menschen sah er nur das „Rohmaterial“, das ihm als Werkzeug zur Erreichung seiner Ziele dienen sollte. So lässt sich nicht allein die anhaltend schlechte wirtschaftliche Lage für den Erfolg der Nationalsozialisten heranziehen, sondern vor allem die Persönlichkeit Hitlers und dessen politische Begabung, sowie die große Anziehungskraft der Partei.

Die Partei der Nationalsozialisten wuchs beständig an, das Ergebnis der Reichstagswahl vom September 1930 zeigte den Erfolg, obwohl allgemein bekannt war, dass bei den Parteiführern allerlei anstößige Elemente zu finden waren. Doch wurde dies von der Bevölkerung schlicht nicht geglaubt, oder sie hielten es für den unvermeidlichen Preis, den die „Bewegung“ für ihre erlösende Kraft zahlen müsse.[11]

So standen sich am 10. Oktober 1931 erstmals in Reichspräsident Paul von Hindenburg und Adolf Hitler zwei Persönlichkeiten, die in ihrem Werdegang und politischen Ansichten gegensätzlicher nicht hätten sein können, gegenüber. Die erstrebte Aussprache brachte dies klar zum Ausdruck. Bei dieser grundlegenden Gegensätzlichkeit drängt sich nun die Frage auf, wie es überhaupt zu diesem Treffen gekommen war?

3 Zeitgeschehen

Dass die Weimarer Republik am Anfang durchaus Chancen hatte beweisen die Wahlergebnisse zur Nationalversammlung im Januar 1919, bei denen 76,1 Prozent der Wähler sich für eine demokratische Partei entschieden. [12] Doch die Republik hatte von Anfang an zu kämpfen. Die Folgen des Versailler Vertrags mussten getragen werden sowie mit der Entrüstung die quer durch alle sozialen Schichten ging, umgegangen werden. Aufstände, Putschversuche und die Hyperinflation 1923 folgten. Im Laufe des Jahres 1924 mehrten sich die Anzeichen für eine Stabilisierung der Weimarer Republik. Ein erster außenpolitischer Erfolg war der Dawes-Plan, der am 16. August 1924 unterzeichnet wurde. Dieser Finanzierungsplan koppelte die Reparationszahlungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Deutschen Reichs und machte sie davon abhängig. Zudem wurde die jährliche Belastung für einige Jahre verringert.
Im Zuge der durch den Dawes-Plan verbesserten politischen Stimmung, wurden vom 5. bis 16. Oktober 1925 die Verträge von Locarno ausgehandelt. Ein europäisches Sicherheits- und Friedenssystem wurde begründet. Dieser Vertrag brachte deutliche Verbesserungen der deutschen Position in der internationalen Politik, doch die radikale Rechte und die radikale Linke verweigerten ihre Zustimmung zu diesem Vertrag. Die DNVP und NSDAP waren mit der Preisgabe deutscher Gebiete im Westen nicht zufrieden, die KPD befürchtete eine gemeinsame Front der kapitalistischen Länder gegen die Sowjetunion. [13]

Die Spannungen, die durch die Verhandlungen zum Locarno-Abkommen und Deutschlands Aufnahme im Völkerbund aufgetreten waren, ließen sich nur durch Verschärfung auf dem Felde der Innenpolitik lindern. Das Koalitionskabinett des Reichskanzlers Luther brach auseinander und die Deutschnationalen lehnten eine weitere Regierungsbeteiligung ab. Hindenburgs Meinung nach war eine Regierung der Mitte die letzte Lösung und so erteilte er erneut dem parteilosen Luther den Auftrag zur Regierungsbildung. Sein Kabinett sollte mehr fachlichen statt parteipolitischen Charakter haben. Hier zeigt sich das Problem des Parteienstaates. Luther hatte keine, ihm den Rücken stärkende, Partei. Dies galt ebenso für Hindenburg. Als keiner Partei angehörend, sondern über den Parteien stehend, was ein Vorteil für das Ganze war, hatte er jedoch keine „Hausmacht“, ihm blieb nur immer wieder um Vertrauen zu werben. So war Luthers zweites Kabinett von Anfang an Widerständen ausgesetzt und es kam schließlich zum erneuten Sturz des Reichskanzlers. Hindenburg stand erneut ohne Kabinett da. Der Bitte um die Annahme der Kanzlerschaft kam der Zentrumsparteivorstizende Marx nach, doch auch sein Kabinett überdauerte nur ein halbes Jahr, bevor der Reichstag auch ihm das Misstrauen aussprach. In der Neujahrsbekundung von 1927 nutzte der Reichspräsident die Chance noch einmal deutlich zu mahnen: „… Daher richte ich an unser Volk, an alle Parteien und alle Berufsstände den dringenden Appell, nicht immer die Verschiedenheit der Weltanschauungen und die Gegensätze der Interessen in den Vordergrund zu stellen, sondern sich in erster Linie von der Rücksicht auf das Gesamtwohl des Vaterlandes leiten zu lassen. Nicht darauf kommt es an, das Trennende zu betonen, sondern darauf, das uns allen Gemeinsame zu suchen und festzuhalten, das alle persönlichen Gegensätze überbrücken und alle Deutschen verbinden muß, nämlich die Sorge um Deutschland und seine Zukunft…“[14] Die darauf folgende erneute Regierungsbildung durch Marx, mit langwierigen Koalitionsverhandlungen wurde von Hindenburg beschleunigt, worin die Presse teilweise eine eigenmächtige Politik des Reichspräsidenten sah. Im Jahr 1929 wurde schließlich der Young Plan als Ablösung des Dawes-Planes, von Amerikaner Young ausgearbeitet, der die deutschen Reparationen endgültig festlegen sollte. Eine Laufzeit bis 1988 sollte die Zahlungen auf einen längeren Zeitraum verteilen, gleichzeitig verpflichtete sich Frankreich das Rheinland fünf Jahre vor dem vereinbarten Termin zu verlassen. Doch der Young Plan stieß auf Widerstand. Er schien nicht durchführbar und im September 1929 verlangten die Rechtsparteien nach einem Gesetz „gegen die Versklavung des deutschen Volkes“. Die Reichsregierung ließ sich dennoch nicht davon abbringen und Hindenburg hatte keinen geringen Anteil an der nun doch folgenden Zustimmung der Öffentlichkeit zu Stresemanns Politik. Der Diskussion wurde mit der Unterzeichnung des Young Planes am 13. März 1930 ein Ende gesetzt.[15]

Die innerpolitische Lage blieb jedoch weiter unsicher. Als am 30. März 1930 Brüning, auf Vorschlag Schleichers, zum Reichskanzler berufen wurde, entwickelte sich mehr und mehr die Idee mithilfe eines Präsidialkabinetts zu regieren. Brüning verzichtete im Gegensatz zu Luther von Beginn an auf eine parlamentarische Mehrheit, so konnte er sein Kabinett bilden. Es schien der einzig mögliche Weg aus der innerpolitischen Krise. Karl Dietrich Erdmann sagte dazu: „Der Parlamentarismus der Weimarer Republik ist nicht von außen zu Fall gebracht worden.

Er ging an sich selber zugrunde, als die Flügelparteien der Großen Koalition nicht mehr die Kraft und den Willen aufbrachten, über den widerstreitenden Interessen der hinter ihnen stehenden Gruppen eine zum Kompromiß fähige undoktrinäre Staatsgesinnung zur Geltung zu bringen.“[16] Es gab weder eine verlässliche Regierungsmehrheit, noch eine konstruktive parlamentarische Opposition. Für Hindenburg kam es nun darauf an die Krise zu meistern ohne dabei die Verfassung zu verletzen. Dafür bot sich Artikel 48 der Verfassung an. Der ehemalige Reichswehrminister Geßler formulierte schon 1931: „Der in mehr als 10 Parteien und Gruppen aufgespaltene Reichstag ist unfähig geworden zur positiven Willensbildung. Die Folge davon ist, daß auch die Legislative, die eigenste Domäne des Reichstages, von dem Reichspräsidenten in einem Umfange für sich in Anspruch genommen wird, wie sie wohl nie von einem deutschen Kaiser ausgeübt wurde...“[17] Für den Reichspräsidenten war jedoch klar dass diese Art des Regierens zeitlich begrenzt sein musste und so bald wie möglich wieder zu verfassungsgemäßen Verfahren zurückzukehren sei.[18]


Die antidemokratischen Parteien profitierten von Anfang der Weimarer Republik an den politischen und wirtschaftlichen Zuständen, sie fanden beträchtlichen Zulauf. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) propagierte eine Diktatur des Proletariats und die am 9. November 1923 bei einem Putsch gescheiterte rechtsradikale Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) verkündete ganz offen sie werde mit „legalen“ Mitteln eine Parteidiktatur errichten. Beiden Parteien gelang es großen Profit aus der Belastung Deutschlands durch den Versailler Vertrag zu schlagen. Die Reparationszahlungen und die außenpolitische Schwäche Deutschlands wurden der demokratischen Republik und nicht dem Krieg angelastet. [19]

4 Hitlers Weg zur Kanzlerschaft

Kanzler Brüning schien die Erwartungen, die in ihr gesetzt worden waren offenbar nicht zu erfüllen. Schleicher hatte darauf gehofft, der neue Kanzler werde die gemäßigten Elemente um sich sammeln um so die Rechtsextremisten auszubremsen. Dies war missglückt, die Radikalen fanden immer breitere Zustimmung und mit einem Bürgerkrieg war nun jederzeit zu rechnen. Um die Armee nicht vor solch eine Kraftprobe stellen zu müssen, überlegte sich Schleicher ob eine Übereinkunft mit Hitler nun nicht doch die beste Lösung sei. Bis zu einem gewissen Grad teilte Brüning diese Ansicht. So hatte Schleicher mit seiner Billigung eine Verordnung widerrufen, nach der es angeordnet gewesen war bei der Reichswehr beschäftigte Zivilarbeiter zu entlassen sofern sie Mitglied der NSDAP waren. Es herrschte jedoch Unstimmigkeit darüber, wie weit man mit solch entgegenkommenden Gesten gehen sollte. „Brünings Sorge galt dem innenpolitischen Problem – d.h. dem gesetzlosen Vorgehen der NSDAP und der zunehmenden Brutalität der SA -, während Schleicher wegen etwaiger militärischer Verwicklungen beunruhigt war.“[20] Die Angst vor einem polnischen Angriff auf Ostpreußen und Oberschlesien war nach dem Fund eines neuen polnischen Mobilisationsplanes groß, und Schleicher daher unbedingt für eine schnelle Übereinkunft mit Hitler. Um diese Annäherung voranzutreiben traf er sich Anfang Oktober zu einem ersten Antasten mit Hitler. Diese Fühlungsnahme brachte noch keine Ergebnisse, doch Schleicher gewann den Eindruck, dass er mit der Zeit zu einer Übereinkunft mit dem „Führer“ gelangen könne.

Dies hielt Brüning für eine Illusion. Durch seine schwache Position sah er jedoch keine Möglichkeit dem Vorgehen Schleichers entgegenzuwirken. Da er fürchtete Hindenburg mit einer Beschwerde über den General zu verstimmen, entschied er sich dafür dem Präsidenten Hitlers Halsstarrigkeit vor Augen zu führen um so Schleichers Absichten abzuwehren. Hätte Hindenburg erst einmal selbst begriffen, dass es mit Hitler zu keiner Zusammenarbeit kommen könne, hätte Brüning dadurch wieder eine stärkere Stellung. So arrangierte er ein Treffen zwischen dem Reichspräsidenten und Hitler, in der Zuversicht Hindenburg würde Hitler so abstoßend finden, dass er eine Hugenberg-Hitler-Regierung[21], die auf dem Harzburger Treffen[22] gefordert worden war, sofort ablehnen würde.[23]

4.1 Der 10. Oktober 1931

Am 10. Oktober 1931, genau einem Tag vor dem Treffen der „Nationalen Opposition“ in Harzburg, traf Hitler auf Hindenburg. Es trat das ein was Brüning sich erhofft hatte, die Unterhaltung war kein Erfolg. Hitler fühlte sich in der Gegenwart des alten Reichspräsidenten nicht wohl, und dieser fühlte sich seinerseits von Hitlers ausführlichen Loyalitätsbekundungen und bitterbösen Beschwerden abgestoßen. Auf die Bitte Hindenburgs, Hitler solle doch eine tolerantere Haltung gegenüber der Regierung einnehmen, reagierte dieser zurückhaltend. Aufgebracht über so wenig Willen zur Kooperation weigerte sich der Präsident am nächsten Tag bestimmt, dass ihm jemals wieder „dieser böhmische Gefreite“ vor Augen zu bringen sei.

So unglücklich dieses Treffen auch verlaufen war, allein die Tatsache dass der Reichspräsident Hitler empfangen hatte, erhöhte dessen Ansehen ungemein.[24]

Etwas anders deutet Wolfram Pyta das erste Zusammentreffen zwischen dem Reichspräsident und Hitler. Für Hindenburg war Hitler ein unbeschriebenes Blatt, dem man keinesfalls sofort den höchsten Regierungsposten anvertrauen konnte. Doch könne er ja reifen und sich so langsam für die Reichskanzlerschaft qualifizieren. So war dieses Treffen für Hindenburg eine Gelegenheit herauszufinden ob Hitler sich überhaupt für solch ein Amt eignete. Dieser sah seinerseits die Chance den Reichspräsidenten von der NS-Bewegung und seiner Person zu überzeugen. Im Verlauf der zweistündigen Unterhaltung gelang es Hitler die Beschwerden Hindenburgs über das ungeheuerliche Verhalten der Nationalsozialisten weitgehend auszuräumen. Er tat dies geschickt, indem er Hindenburg auf militärischer Ebene ansprach. „Der mit dem Eisernen Kreuz dekorierte Frontkämpfer, der nach Ansicht der Reichspräsidenten im Weltkrieg seine untadelige nationale Gesinnung unter Beweis gestellt hatte, trat mit Ehrerbietung vor den ehemaligen Generalfeldmarschall und schlug auf diese Weise eine kommunikative Brücke…“[25] Durch den großen Rangunterschied war es nicht zu erwarten gewesen, dass Hitler in der Achtung des Reichspräsidenten soweit gestiegen war, das er für eine Regierungsposition in Frage kam. Doch sprang, um in der Sprache Hindenburgs zu sprechen, eine „Beförderung Hitlers zum Unteroffizier mit Portepee bei diesem ersten persönlichen Treffen doch heraus.“[26]

Hitler hatte Eindruck auf den Reichspräsidenten gemacht. Es „klang bereits die Arbeitsteilung an zwischen dem Feldmarschall als verehrungswürdigem Symbol nationaler Einheit und dem Gefreiten als Repräsentant der Frontkämpfergeneration und Vollender der von Hindenburg verkörperten Mission, die am 30. Januar 1933 Gestalt annahm. Erste Konturen dieses Arrangements schimmerten bereits am 10. Oktober 1931 durch, wenngleich Hitler sich zunächst weiter bewähren […] musste, bis ihm der Reichspräsident schließlich das höchste Kommando verlieh.“[27] Doch musste Hitler dafür zunächst das Hindernis seiner österreichischen Herkunft aus dem Weg räumen, da Hindenburg aufgrund seiner Erfahrungen mit der Donaumonarchie Österreich gegenüber negativ eingestellt war.[28]

[...]


[1] Dorpalen 1966

[2] Pyta [2]2007

[3] Rauscher 1977

[4] Hubatsch 1966, S. 77

[5] Vgl. Latour: Auch Hindenburg war einmal jung. In: Geschichte historisches Magazin, 1.Jg.,
1975 Heft 3, S. 12-25

Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/HindenburgPaul/index.html, Zugriffsdatum: 11.12.2007
Vgl. Hubatsch 1966, S. 69-74

[6] Vgl. Dorpalen 1966, S. 92 - 93

[7] Hubatsch 1966, S. 85

[8] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/HitlerAdolf/index.html, Zugriffsdatum: 11.12.2007

[9] Dorpalen 1966, S. 193

[10] Dorpalen 1966, S. 195

[11] Vgl. Dorpalen 1966, S. 192 – 198

[12] Informationen zur politischen Bildung „Nationalsozialismus I“ , S.7

[13] Informationen zur politischen Bildung „Weimarer Republik“, S.18 - 33

[14] Hubatsch 1966, S.100

[15] Vgl. Hubatsch 1966, S. 95 - 109

[16] Hubatsch 1966, S. 111

[17] Hubatsch, 1966, S.113

[18] Vgl. Hubatsch 1966, S. 111 - 119

[19] http://www.dhm.de/ausstellungen/bildzeug/32.html, Zugriffsdatum: 12.06.2008

[20] Dorpalen 1966, S. 230

[21] Alfred Hugenberg war seit 1928 Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei. Auf seine Initiative wurde
das Harzburger Treffen arrangiert,
Vgl. Möller 1985, S. 94, Vgl. Krummacher / Wucher 1965, S. 318 - 324

[22] Die Harzburger Front war ein Bündnis antidemokratischer Nationalisten gegen das zweite Kabinett Brüning,
Vgl. Dorpalen 1966, S. 224 - 225

[23] Vgl. Dorpalen 1966, S. 230 - 231

[24] Vgl. Dorpalen 1966, S. 231 – 232

Vgl. Meissner 1991, S. 232 - 234

[25] Pyta 22007, S. 636

[26] Pyta 22007, S. 637

[27] Ebd.

[28] Vgl. Pyta 22007, S. 635 - 637

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Das politische Verhältnis Hindenburg - Hitler
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V137359
ISBN (eBook)
9783640454648
ISBN (Buch)
9783640454082
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschichte, Hitler, Hindenburg, politisches Verhältnis, Weimarer Republik, Reichspräsident, Reichskanzler, 30. Januar 1933, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Sarah Bender (Autor), 2009, Das politische Verhältnis Hindenburg - Hitler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137359

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