Die intensive Arbeit, die O’Neill in seine Tragödie gesteckt hat, zahlt sich aus. Obwohl manche Passagen in dem Stück sich sofort selber erklären, anstelle ungesagt in der Luft zu liegen, bleiben doch noch sehr viele Stellen, über die es sich lohnt nachzudenken. Es erscheint, als gäbe es keinen einzigen Satz in Mourning Becomes Electra, der nicht unmittelbar eine Bedeutung für das Stück in sich trägt. Man bemerkt die intensive Arbeit, die O’Neill sich damit gemacht hat. Im Verlauf dieser Arbeit wurde mir bewusst, wie komplex diese Tragödie ist. An welchem Punkt man auch ansetzt, man stolpert immer über die Schuld und Schicksalsfrage. Als wäre man hilflos einem Wasserstrudel ausgesetzt, kreist man immer um die selben Themen, kommt ihnen immer näher, kann sie aber nie so ganz ergreifen. Der Vergleich der Orestie mit Mourning Becomes Electra führt zu einigen Unterschieden der beiden Stücke. Diese Abweichungen sind unumgänglich für O’Neill, lebt er doch in einem völlig anderem Zeitalter als Aischylos. Trotzdem hält er sich sehr eng an das griechische Original. Der Schwerpunkt dieser Arbeit vergleicht die Personen und deren Handlung von O’Neills Mourning Becomes Electra mit denen von Aischylos Orestie. Hierbei wurden vor allem die ersten zwei Teile der Tragödie durchleuchtet, da sie die meisten Hauptdarsteller beinhalten und dort auch die Hauptursachen ihrer Handlungen festgelegt wird. Außerdem sind diese zwei Teile näher am griechischen Stück, als es der dritte ist. Obwohl O’Neill durch maskenhafte Gesichter und begrenzten Merkmalen seiner Hauptdarsteller versucht, sie nicht zu vollen Charakteren entwickeln zu lassen, haben seine Personen doch mehr Ausdruck und Gefühle, als ihre griechischen Konterparts. Das macht den Vergleich der Handlung und der Personen relativ unausgewogen. Alle Zitate aus Mourning Becomes Electra sind der Ausgabe des Royal National Theaters entnommen. Am Ende jeder Belegstelle steht die Seite des Buches auf der das Zitat zu finden ist.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 EUGENE O’NEILL UND AISCHYLOS ORESTIE
3 ZUSAMMENFASSUNG DER ORESTIE
4 PERSONEN
5 HANDLUNGSORT
6 HANDLUNG
6.1 Homecoming
6.1.1 Ezra
6.1.2 Adam Brant
6.2 The Hunted
6.2.1 Lavinia
6.2.2 Orin
6.2.3 Christine
6.3 The Haunted
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die strukturellen und inhaltlichen Parallelen sowie die signifikanten Abweichungen zwischen Eugene O’Neills Tragödie "Mourning Becomes Electra" und der antiken "Orestie" von Aischylos, mit dem Ziel, die psychologische Tiefe der Charaktere und die Modernisierung der Schicksalsfrage zu verdeutlichen.
- Analyse der Charaktere und ihrer Handlungsweisen im Vergleich zum griechischen Original.
- Untersuchung der räumlichen Gestaltung (Handlungsort) als symbolträchtige Bühnenkulisse.
- Vergleich der Mordmotive und der Rolle der göttlichen Vorhersehung versus individueller Verantwortung.
- Beleuchtung der spezifischen Rolle von Elektra/Lavinia als treibende Kraft der Rache.
Auszug aus dem Buch
6.1.1 Ezra
Wie in der Orestie, beginnt O’Neill seine Tragödie mit der Heimkehr des Oberhauptes der Familie. In seinem Zeitalter sind Könige Vergangenheit und das Publikum kann sich nur noch schwerlich mit ihnen identifizieren. Daher wählte er Ezra Mannon, einen hochangesehenen, erfolgreichen, begüterten Richter, der auch als Soldat von Bedeutung ist. Während O’Neill Mourning Becomes Electra vorbereitet und schreibt, ist der erste Weltkrieg gerade erst vorbei. Vor einem Soldaten, der für sein Vaterland gekämpft hat, haben die Menschen Achtung.
Meistens ist es die Oberschicht, wie Ärzte, Richter und Rechtsanwälte, die ein Theater besucht, also sozial Gleichgestellte mit der Familie Mannon. Ezra Mannon kehrt wie Agamemnon aus dem Krieg zurück. Beide Männer werden von ihren Frauen erwartet, allerdings nicht voll Liebe. Sowohl Klytämnestra wie auch Christine haben sich während der Zeit des Krieges einen Liebhaber genommen und erwarten nun den störenden Ehemann zurück, den sie bei der nächsten Gelegenheit umbringen wollen. Die Rückkehr der beiden Männer unterscheidet sich trotzdem. Ezras Heimkehr ist sehr leise. Er scheint nachdenklich zu sein und etwas Zeit zum Nachdenken zu benötigen, bevor er seiner Familie begegnen wird..“( LAVINIA (seeing the man’s figure stop in the shadow[...]) MANNON (stepping forward into the moonlight). It’s I.” (S.43)
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in O’Neills intensive Arbeit an der Trilogie und die Zielsetzung des Vergleichs mit der Orestie.
2 EUGENE O’NEILL UND AISCHYLOS ORESTIE: Betrachtung von O’Neills Interesse am griechischen Drama und seine Intention, antike Mythen modern psychologisch zu adaptieren.
3 ZUSAMMENFASSUNG DER ORESTIE: Inhaltlicher Abriss der drei Teile der antiken Tragödie: Agamemnon, Chorephore und Eumeniden.
4 PERSONEN: Analyse der Figurenkonstellationen und O’Neills Entscheidung, die Rolle der Stadtbewohner als Chor zu etablieren.
5 HANDLUNGSORT: Untersuchung der Bedeutung der Schauplätze, insbesondere des Hauses der Mannons im Vergleich zum antiken Palast.
6 HANDLUNG: Detaillierte Gegenüberstellung der dramatischen Ereignisse in den drei Akten der Tragödie.
6.1 Homecoming: Vergleich der Heimkehr von Ezra Mannon und Agamemnon sowie der unterschiedlichen Voraussetzungen für den Mord.
6.1.1 Ezra: Fokussierung auf die spezifische Charakterisierung von Ezra Mannon als moderner, tragischer Kriegsheld.
6.1.2 Adam Brant: Analyse der Rolle von Adam Brant als modernem Pendant zu Ägisthus.
6.2 The Hunted: Untersuchung des zweiten Teils, in dem die Rachepläne der Kinder und der Mord an Brant im Zentrum stehen.
6.2.1 Lavinia: Analyse der treibenden, manipulativen Rolle von Lavinia im Rachegeschehen.
6.2.2 Orin: Charakterisierung von Orin, seiner Kriegstraumatisierung und seiner emotionalen Abhängigkeit von der Mutter.
6.2.3 Christine: Betrachtung von Christines Selbstmord und ihrem inneren psychologischen Zusammenbruch.
6.3 The Haunted: Analyse des Finales, in dem der Fluch der Familie nicht durch ein Göttergericht, sondern durch Selbstzerstörung endet.
Schlüsselwörter
Eugene O’Neill, Aischylos, Orestie, Mourning Becomes Electra, griechische Tragödie, Schuld, Schicksal, Rache, psychologisches Drama, Ezra Mannon, Lavinia, Orin, Christine, Familiendrama, Schuldfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die moderne Adaption der griechischen Orestie durch Eugene O’Neill in seinem Werk "Mourning Becomes Electra", wobei ein besonderer Fokus auf den Unterschieden und Gemeinsamkeiten bei Personen und Handlungsabläufen liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die psychologische Motivierung der Charaktere, die Umsetzung der Schicksals- und Schuldfrage im 20. Jahrhundert und der symbolische Gebrauch von Handlungsorten.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie O’Neill durch psychologische Profilierung der Protagonisten das griechische Schicksalskonzept in eine moderne, menschlich verantwortete Tragödie überführt.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Vergleich, der auf der Analyse von Originaltexten, Tagebucheinträgen O’Neills und einer Gegenüberstellung der antiken Vorlage mit der modernen Bearbeitung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch nach den Akten der Tragödie, beginnend bei der Heimkehr des Vaters über den Racheakt der Kinder bis hin zum tragischen Ende im finalen Teil.
Welche Keywords charakterisieren diese Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Schuld, Sühne, psychologisches Drama, O’Neill, Aischylos, Rache, Schicksal und Familienkonflikte.
Welche Rolle spielt Lavinia in der Interpretation der Autorin?
Die Arbeit arbeitet heraus, dass Lavinia bei O’Neill nicht bloß ein Opfer ist, sondern die treibende, manipulative Kraft der Rache, die ihren Bruder Orin aktiv zum Mord anstiftet.
Wie unterscheidet sich das Ende bei O’Neill von dem antiken Vorbild?
Während bei Aischylos das Göttergericht Athene eine Lösung bietet, gibt es bei O’Neill keine göttliche Erlösung: Orin wählt den Selbstmord und Lavinia entscheidet sich für ein "lebendiges Begraben" im eigenen Haus, was die Unausweichlichkeit des individuellen Gewissens betont.
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- Patricia Zimmermann (Author), 2001, Die Hauptdarsteller und Handlung von O'Neills Mourning Becomes Electra verglichen mit Aischylos Orestie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13741