Zunächst ein kleiner Einblick in die Parteienlandschaft Englands der 50er und 60er Jahre, die sich bis heute kaum verändert hat. Das dortige Parteiensystem ist durch die beiden großen Parteien gekennzeichnet: auf der einen Seite die konservativen Tories, auf der anderen die aus der Arbeiterbewegung entstandene Labour-Party. Es ist jedoch nicht immer leicht, das Zwei- vom Vielparteiensystem zu unterscheiden, da es neben den beiden großen Parteien vielfach noch kleinere Gruppen gibt. In England kann z.B. die liberale Partei auf eine lange und solide Tradition zurückblicken und entspricht auch heute noch der Einstellung eines bedeutenden Teils des britischen Volkes. Mehr als 2 600 000 Wähler schenkten ihr 1950 das Vertrauen. Aber eine größere Zahl von Wählern stand ihrer Sache zwar nahe, sah sich aber durch das Wahlsystem gezwungen, sich von ihr abzuwenden. Somit wurde in England das Prinzip des Zweiparteiensystems, auch Parteiendualismus genannt, nicht beeinträchtigt.
Inhaltsverzeichnis
A EINLEITUNG
B HAUPTTEIL
1. Parteiendualismus und Wahlsystem
2. Die Mehrheitspartei im britischen Wahlsystem
3. Besonderheiten des britischen Wahlsystems
4. Der Kampf um die Mitte
5. Die Willensbildung in den Parteien
6. Vorteile des britischen Wahlsystems
7. Nachteile des britischen Wahlsystems
C SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Auswirkungen des relativen Mehrheitswahlsystems auf das britische Parteiensystem in den 50er und 60er Jahren und analysiert, inwieweit dieses Wahlsystem einen Parteiendualismus begünstigt, zur Mäßigung der Parteiprogramme führt und die parlamentarische Stabilität beeinflusst.
- Mechanismen des relativen Mehrheitswahlsystems und ihre Auswirkungen auf die Parteienlandschaft
- Die Rolle der Mehrheitspartei und die psychologischen Effekte auf das Wahlverhalten
- Der "Kampf um die Mitte" und die resultierende politische Mäßigung
- Stärken und Schwächen des britischen Modells hinsichtlich Stabilität und Repräsentation
- Die Bedeutung der Opposition im Kontext eines Zweiparteiensystems
Auszug aus dem Buch
1. Parteiendualismus und Wahlsystem
Ein wichtiger Faktor bei der Entstehung eines Parteiendualismus ist das Wahlsystem, in diesem Fall die relative Mehrheitswahl. Es lässt sich ein fast allgemeiner Zusammenhang zwischen einfacher Mehrheitswahl und Zweiparteiensystem feststellen. Als Beispiel soll ein Wahlkreis in England dienen, in dem die Konservativen 35 000, die Arbeiterpartei 40 000 und die Liberalen 15 000 Stimmen erhalten haben. Hier wird klar, dass der Erfolg der Arbeiterpartei allein dem Bestehen der liberalen Partei zu verdanken ist. Wenn diese ihren Kandidaten zurückzöge, dann würde vermutlich die Mehrheit der für ihn abgegebenen Stimmen dem Konservativen zugute kommen, während eine Minderheit teils für den Labour Kandidaten stimmen, teils sich ihrer Stimme enthalten würde. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Entweder verständigt sich die liberale Partei mit den Konservativen, zieht ihren Kandidaten zurück und bekommt dafür einen entsprechenden Ausgleich in anderen Wahlkreisen. In diesem Fall ist der Dualismus durch Fusion oder eine der Fusion sehr nahe kommende Abmachung hergestellt. „Oder die liberale Partei besteht auf ihrem eigenen Kandidaten – dann werden die Wähler ihn allmählich verlassen, und der Dualismus stellt sich durch seine Ausschaltung her.“
Diese Ausschaltung ist wiederum das Resultat zweier zusammenwirkender Faktoren, eines mechanischen und eines psychologischen. Der erstere besteht in der unverhältnismäßigen Benachteiligung der dritten Partei, deren Anteil an Abgeordnetensitzen unter ihrem Stimmenanteil bleibt. Zwar wird der Unterlegene bei der Mehrheitswahl und dem Zweiparteiensystem im Verhältnis zum Sieger immer benachteiligt, aber im Falle einer dritten Partei ist deren Benachteiligung größer als die des Unterlegenen der beiden anderen Parteien. Solange also eine neue Partei, die versucht, mit den beiden alten zu konkurrieren, zu schwach ist, arbeitet das System gegen sie und „errichtet einen Wall gegen ihr Aufkommen“.
Zusammenfassung der Kapitel
A EINLEITUNG: Einführung in die britische Parteienlandschaft der 50er und 60er Jahre sowie Erläuterung des Prinzips des Parteiendualismus trotz der Existenz kleinerer Parteien.
1. Parteiendualismus und Wahlsystem: Analyse der mechanischen und psychologischen Faktoren, durch die das relative Mehrheitswahlsystem den Zweiparteienwettbewerb stabilisiert.
2. Die Mehrheitspartei im britischen Wahlsystem: Erörterung der soziologischen und politisch-psychologischen Unterscheidung zwischen einer potentiellen Mehrheitspartei und anderen Parteien.
3. Besonderheiten des britischen Wahlsystems: Darstellung der Annahmen von David Butler zur Wirkungsweise des Wahlsystems und Problematisierung übertriebener parlamentarischer Mehrheiten.
4. Der Kampf um die Mitte: Untersuchung der These, dass das Wahlsystem die Parteien zwingt, moderate, auf die politische Mitte ausgerichtete Positionen einzunehmen.
5. Die Willensbildung in den Parteien: Betrachtung der innerparteilichen Entscheidungsstrukturen und der Machtkonzentration bei der Parteiführung im Kontext der britischen Demokratie.
6. Vorteile des britischen Wahlsystems: Zusammenfassung der Vorzüge wie Stabilität, Handlungsfähigkeit der Regierung und die klare Rolle des Wählers bei Machtwechseln.
7. Nachteile des britischen Wahlsystems: Kritik an den hohen Hürden für neue Parteien und den auftretenden Verzerrungseffekten zwischen Stimmenanteilen und Parlamentssitzen.
C SCHLUSS: Einordnung der Rolle der Opposition als Institution im Zweiparteiensystem und Diskussion der Folgen langfristiger Vorherrschaft einer Partei.
Schlüsselwörter
Relatives Mehrheitswahlsystem, Zweiparteiensystem, Parteiendualismus, Großbritannien, Wahlverhalten, Labour Party, Konservative Partei, Politische Mitte, Parlamentarische Stabilität, Opposition, Wahlkreis, Stimmen-Mandats-Relation, Parteienwettbewerb, Regierungsbildung, Politische Mäßigung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem relativen Mehrheitswahlsystem und dem Parteiensystem in Großbritannien während der 1950er und 1960er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Entstehung eines Zweiparteiensystems, die psychologischen und mechanischen Effekte des Wahlsystems sowie die strukturellen Auswirkungen auf die politische Mäßigung und Regierungsstabilität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Es wird analysiert, wie das Mehrheitswahlsystem das politische System Großbritanniens beeinflusst hat, insbesondere im Hinblick auf den Kampf um die politische Mitte und die Funktionsweise von Regierung und Opposition.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine politikwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung etablierter Theorien (z.B. Duverger) und empirischer Befunde aus zeitgenössischen Untersuchungen zum britischen Wahlsystem.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in sieben Punkte, die von der Entstehung des Parteiendualismus über den "Kampf um die Mitte" bis hin zu den konkreten Vor- und Nachteilen des britischen Modells für das demokratische System reichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie relatives Mehrheitswahlsystem, Zweiparteiensystem, Parteiendualismus, politische Mäßigung und Regierungsstabilität beschreiben.
Warum wird im Text das "top down model" der britischen Parteien kritisch hinterfragt?
Es wird aufgezeigt, dass die Unterentwicklung innerparteilicher Demokratie oft mit der Notwendigkeit einer starken Regierungsführung begründet wird, was jedoch die direkte Mitbestimmung der Basis einschränkt.
Welchen Einfluss hat das Wahlsystem auf den "Kampf um die Mitte"?
Das System erzwingt eine moderate Programmatik, da Parteien darauf angewiesen sind, die gemäßigten Wähler in der Mitte zu gewinnen, um die für eine absolute Mehrheit notwendigen Stimmen zu erhalten.
- Citation du texte
- M.A. Piotr Grochocki (Auteur), 2003, Wirkungen des relativen Mehrheitswahlsystems im England der 50er und 60er Jahre, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137455