Mit 2,2 Milliarden Euro subventioniert der deutsche Staat pro Jahr die rund 150 öffentlichen Theater der Bundesrepublik Deutschland (Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“ 2007, 105f.). Im kulturpolitischen Diskurs finden sich zahlreiche Begründungen für die Aufwendung der beträchtlichen Fördersumme, die im Laufe der Zeit verschieden variiert und akzentuiert werden.
Die vorliegende Arbeit will eine qualitative Bestandsaufnahme der wichtigsten Begründungsstrategien für die staatliche Theaterförderung in der aktuellen Diskussion vornehmen. Dabei verfolgt sie einen integralen Ansatz und versucht einzelne Argumente zu fachspezifischen Begründungsmustern zu verdichten.
Im einleitenden, deskriptiven Teil soll grob skizziert werden, in welchem Kontext die Diskussion seit etwa zwanzig Jahren geführt wird und welche Bedeutung sie in der gegenwärtigen Lage hat.
Zur Systematisierung der Begründungsdimensionen orientiert sich die Arbeit am systemtheoretischen Gesellschaftsmodell des Soziologen Talcott Parsons, der die Gesellschaft in die vier Bereiche Politik, Wirtschaft, Soziales und Kultur untergliedert (vgl. Parsons 1971) . Analog dazu werden in den vier Unterkapiteln des Hauptteils die Begründungsstrategien, die sich aus der Logik der genannten Subsysteme ergeben, dargestellt.
In einer Schlussbetrachtung sollen die gewonnenen Erkenntnisse kurz zusammengefasst und kritisch analysiert werden. Die Arbeit endet mit Überlegungen zum zukünftigen Theorie-Praxis-Diskurs und zur kulturpolitischen Forschung.
Inhaltsverzeichnis
0 Vorbemerkungen
1 Relevanz der Diskussion
2. Begründungsstrategien staatlicher Theaterförderung
2.1 Die verfassungspolitische Begründungsdimension
2.1.1 Kultur als Aufgabe der Länder
2.1.2 Die Freiheit der Kunst
2.1.3 Kultur als Staatsziel
2.2 Ökonomische Begründungsdimension
2.2.1 Theater als defizitäre Betriebe
2.2.2. Theater als Wirtschafts- und Standortortfaktor
2.3 Soziale Begründungsdimension
2.3.1 Theater als Mittel zur Persönlichkeitsentwicklung
2.3.2 Theater als Mittel zur Demokratisierung
2.3.3 Theater als Schlüssel zur Gesellschaftsentwicklung
2.4 Kulturimmanente Begründungsdimension
2.4.1 Theater als Selbstzweck
2.4.2 Theater als Möglichkeit der Selbstverwirklichung
2.4.3 Theater als Ort zur Schärfung des Möglichkeitssinns
3 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit liefert eine qualitative Bestandsaufnahme der wichtigsten Begründungsstrategien für die staatliche Theaterförderung im aktuellen kulturpolitischen Diskurs. Ziel ist es, unter Anwendung des systemtheoretischen Gesellschaftsmodells von Talcott Parsons, verschiedene Argumentationsmuster zu systematisieren und deren Legitimität vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Kassen kritisch zu untersuchen.
- Verfassungspolitische Grundlagen und die Bedeutung der Kulturhoheit der Länder.
- Ökonomische Begründungen basierend auf der Unrentabilität von Theaterbetrieben.
- Soziale Funktionen des Theaters zur Persönlichkeitsbildung und Demokratisierung.
- Kulturimmanente Ansätze, die den Wert der Kunst jenseits rein ökonomischer Nutzenkriterien betonen.
- Herausforderungen einer modernen, aktivierenden Kulturpolitik.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Theater als defizitäre Betriebe
Als Ausgangspunkt der wirtschaftstheoretischen Diskussion um die Finanzierung der Theater dient die Studie „Performing Arts – The Economic Dilemma“ von Baumol und Bowen aus dem Jahr 1966, in der die weltweit zu beobachtenden Defizite im Kunstsektor unter ökonomischen Kriterien analysiert werden (Gottschalk 2006, 46). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass diese nicht durch Missmanagement ausgelöst werden, sondern in den spezifischen ökonomischen Strukturen des Kunstsektors begründet liegen (Fabel 1998, 141).
In einem stark vereinfachten Zwei-Sektorenmodell veranschaulichen Baumol und Bowen den Unterschied der Produktionsstrukturen im Kunstbereich zu anderen Sektoren: Ein produzierender Sektor wie etwa die Automobilbranche kann durch den Einsatz fortschrittlicher Technologien seine Produktivität steigern. Die Erhöhung der Arbeitsproduktivität führt dazu, dass die Lohnstückkosten sinken. Bei gleichbleibenden Bedingungen können deshalb höhere Löhne gezahlt werden, ohne dass die Gesamtkosten der Produktion steigen. Um die Qualität der Dienstleistung im Kunstsektor zu erhalten, müssen auch hier die Löhne angehoben werden. Gleichzeitig wird aber kein Produktivitätszuwachs erzielt, da im Kunstsektor (und speziell im Theater) von bestimmten Produktionsfaktoren nicht abgewichen werden kann (Gottschalk 2006, 47; Klein 2007, 29).
So lässt das Theater als „archaische Produktionsform“ und „life performing arts“ Rationalisierungseffekte durch Serienproduktion und Routineabläufe, wie sie im Fertigungsprozess des produzierenden Sektors erzielt werden können, nicht zu (vgl. Fabel 1998, 140; Wagner 2003, 49; Wahl-Ziegler 1978, 5). Schließlich, so Baumol und Bowen (1967, 167), stelle die Arbeit des Künstlers ein Ziel an sich dar und verkörpere das Endprodukt. Ein zweiter Grund für die prinzipielle Unrentabilität, die Kostenkrankheit („cost desease“) des Theaters, liegt in seiner außerordentlich personalintensiven Organisationsform. Die Ausgaben für das Personal machen mit 80-90% einen Großteil des Gesamtetats aus, sodass Tariferhöhungen eine massive Steigerung der Gesamtkosten zur Folge haben (Bolwin 2003, 86).
Zusammenfassung der Kapitel
0 Vorbemerkungen: Einleitung in die Thematik der staatlichen Theaterfinanzierung und Vorstellung der methodischen Vorgehensweise anhand des Modells von Talcott Parsons.
1 Relevanz der Diskussion: Darstellung der aktuellen Finanznot öffentlicher Haushalte und des damit verbundenen Legitimationsdrucks auf die Theaterförderung.
2. Begründungsstrategien staatlicher Theaterförderung: Systematische Untersuchung von Begründungsansätzen für die staatliche Theaterförderung, unterteilt in verfassungspolitische, ökonomische, soziale und kulturimmanente Dimensionen.
2.1 Die verfassungspolitische Begründungsdimension: Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen für Kultur als Staatsaufgabe, der Freiheit der Kunst und der Debatte über Kultur als Staatsziel im Grundgesetz.
2.2 Ökonomische Begründungsdimension: Erörterung der strukturellen Unrentabilität von Theaterbetrieben und der Wirkung des Theaters als Wirtschafts- und Standortfaktor.
2.3 Soziale Begründungsdimension: Untersuchung der theaterpädagogischen und gesellschaftspolitischen Funktionen, insbesondere im Hinblick auf Persönlichkeitsentwicklung und Demokratisierung.
2.4 Kulturimmanente Begründungsdimension: Analyse von Argumenten, die das Theater als einen Raum für ästhetische Erfahrung, Selbstverwirklichung und Reflexion jenseits ökonomischer Verwertungslogiken definieren.
3 Zusammenfassung und Ausblick: Kritische Synopse der Untersuchungsergebnisse und Überlegungen zu zukünftigen Entwicklungen der Theaterförderung.
Schlüsselwörter
Theaterförderung, Kulturpolitik, Staatsziel, Kunstfreiheit, Kostenkrankheit, Kulturbetrieb, Theatermanagement, Kulturhoheit, Demokratisierung, Persönlichkeitsentwicklung, Strukturwandel, Volkswirtschaft, Kulturfinanzierung, Theatervermittlung, Sozialstaat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Argumentationsmuster, mit denen die staatliche Subventionierung öffentlicher Theater in Deutschland vor dem Hintergrund knapper öffentlicher Mittel legitimiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Schwerpunkte liegen auf den verfassungsrechtlichen Grundlagen, den ökonomischen Strukturen der Theater, ihrem sozialen Mehrwert für die Gesellschaft sowie ihrem kulturimmanenten Stellenwert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist eine systematische qualitative Bestandsaufnahme, um zu klären, wie die staatliche Förderung in Zeiten von Finanzkrisen gegenüber der Öffentlichkeit und dem Staat argumentativ gerechtfertigt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung orientiert sich am systemtheoretischen Gesellschaftsmodell von Talcott Parsons, indem sie das soziale System in die Bereiche Politik, Wirtschaft, Soziales und Kultur unterteilt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Unterkapitel, die die Begründungsstrategien entlang der logischen Subsysteme (Politik/Recht, Wirtschaft, Soziales, Kultur) detailliert darstellen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Theaterförderung, Kulturpolitik, Finanzkrise, Kostenkrankheit des Theaters, kulturelle Vielfalt, Kunstautonomie, Standortfaktor und soziale Teilhabe.
Warum wird das Theater als „defizitärer Betrieb“ bezeichnet?
Basierend auf dem Modell von Baumol und Bowen wird das Theater als personalintensiv beschrieben, wobei Produktivitätssteigerungen durch technologische Innovationen aufgrund des „Life-Charakters“ der Aufführungen kaum möglich sind.
Welche Rolle spielt die „Kulturhoheit der Länder“ in der Debatte?
Sie wird als föderales Prinzip gewertet, das eine weltweit einzigartige Dichte an Kultureinrichtungen ermöglicht und den Schutz vor zentralistischer Instrumentalisierung bietet.
- Quote paper
- Anne-Marie Geisthardt (Author), 2009, Kulturpolitische Begründungsstrategien für die staatliche Theaterförderung in der Bundesrepublik Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137467