Zur Repräsentation des islamischen Fundamentalismus in Merzak Allouaches „Bab el-oued City“


Hausarbeit, 2009
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Essentielle Vorarbeiten zur Untersuchung des „Emplotments“ in Bab el-Oued City
2.1. Islamischer Fundamentalismus und traditionell-gemäßigter Islam
2.2. Auf dem Weg in die Krise: Ein Blick auf die Geschichte Algeriens
2.2.1. Auf dem Weg zum islamischen Fundamentalismus in Algerien
2.2.2. Der islamische Fundamentalismus und die Oktoberrevolte
2.3. Zwischenfazit

3. Filmanalyse
3.1 Struktur- und Handlungsanalyse
3.2. Figurenanalyse
3.2.1. Boualem und Said als Repräsentanten gegensätzlicher gesellschaftlicher Strömungen Ende der 80er Jahre
3.2.2. Repräsentationen der islamischen-fundamentalistischen Kräfte
3.2.3. Repräsentation der Durchdringung der Bevölkerung durch den islamischen Fundamentalismus

4.Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Film „Bab el-Oued City“ thematisiert der Regisseur Merzak Allouache die gesellschaftliche Situation in Algier nach den Unruhen von 1988. Anhand der Geschichte des jungen Bäckergesellen Boualem eröffnet Allouache dem Zuschauer einen Blick auf eine Gesellschaft, deren Jugend in Stagnation und Perspektivlosigkeit gefangen scheint. Dieses Amalgam bildet den Nährboden für einen erstarkenden islamischen Fundamentalismus, dessen Charakter und Konfliktlinien anhand des Lebens in Bab el-Oued abgesteckt werden.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Darstellung des geschichtlich belegten Wandels der islamistischen Glaubensrichtung in Algerien anhand des vorliegenden Films zu untersuchen. Dabei stellen sich vorab zwei wesentliche Fragen, die im ersten Teil der Arbeit beantwortet werden sollen. Um den wissenschaftlichen Charakter der Filmanalyse im letzten Teil zu wahren, gilt es erstens, die in dem Film „narrativ modellierte“ Geschichte darzustellen und zweitens den, spätestens seit den Anschlägen des 11. September, problematischen Fragen nach einer definitorischen Erfassung der Termini „Islamismus“ und „(islamischer) Fundamentalismus“ nachzugehen. Zweifellos kann und soll angesichts des Umfangs der hierzu verfassten Literatur in dieser Arbeit keine abschließende Antwort gegeben werden. Die Problematisierung dieser Punkte ist jedoch essentiell, um der anschließenden Analyse des Films ein klares Referenzsystem zugrunde zu legen. Auf der Basis des oben beschriebenen Abschnittes, soll im Analyseteil das „emplotment“1 der Geschichte im Sinne Hayden Whites mit besonderer Fokussierung des Fundamentalismus untersucht werden2. Durch eine Analyse der Struktur- und Handlungsebene soll zunächst die Frage nach dem „Was?“ geklärt werden, welche Geschichte also thematisiert wird. Durch eine Analyse der Figuren, des Raumes und der filmischen Mittel soll herausgearbeitet werden, „Wie?“ das Einsickern des Fundamentalismus dargestellt wird. Wie aus dieser Arbeitsplanung ersichtlich wird, wird vom Autor ein filmimmanentes Vorgehen angestrebt, welches externe Faktoren, wie z.B. die Rezeption des Filmes, weitgehend ausschließt.

Im Schlussteil sollen die Ergebnisse kurz diskutiert werden und ein Ausblick gegeben werden.

2. Essentielle Vorarbeiten zur Untersuchung des „Emplotments“ in Bab el-Oued City

Wie bei jeder wissenschaftlichen Untersuchung ist es erforderlich, den gewählten Betrachtungsfokus zu definieren. Für diese Arbeit bedeutet dies zunächst, die zu untersuchenden Begrifflichkeiten des „Islamismus“ zu definieren, um dann sein Auftreten in der Geschichte Algeriens zu untersuchen. Diese Vorarbeit wird es in der anschließenden Filmanalyse erlauben, der Frage nachzugehen, wie in der Verfilmung dieser Aspekt der Vergangenheit narrativ eingearbeitet wurde.

2.1. Islamischer Fundamentalismus und traditionell-gemäßigter Islam

In der deutschsprachigen politikwissenschaftlichen und historiographischen Fachliteratur wurde der Begriff „Fundamentalismus“ in den letzten Jahren bewusst vermieden3, bzw. von zahlreichen Autoren verwendet, ohne eine genaue Definition des Terminus zu verwenden4.

Die Relevanz einer genauen Definition dieser für die Analyse hochrelevanten Begrifflichkeiten leitet sich aus der Thematik des Filmes ab. Wie weiter unten noch genauer erörtert werden wird, fokussiert der Regisseur die Situation Algeriens in der Zeit nach den Unruhen von 1988. Für ein westlich-europäisches Publikum im Jahre 2009 (zu dem sich auch der Autor zählt), acht Jahre nach den Anschlägen des 11. September 2001 und der darauf folgenden Stigmatisierung des „Islams“ als eine dem religiösen Terror „nahe stehende“ Glaubensrichtung durch die Medien, scheint eine unvoreingenommene Rezeption des hier untersuchten Filmes kaum möglich5. Genauer gesagt: das Verhältnis zwischen „traditionellem Islam“ und „fundamentalistischem Islamismus“ ist für einen „normalen“ Kinobesucher nicht ohne weiteres erkennbar. Vielmehr scheint es, als sei in den vergangenen Jahren eine angenehm große Schublade geschaffen worden, in der beide Konzepte synonym ihren Platz finden. So konstatiert Lina Khatib, die sich eingehend mit eben dieser Thematik im westlichen und arabischen Kino beschäftigt hat, dass sich während der letzten zwanzig Jahre eine Tendenz zur undifferenzierten Darstellung von Muslimen/Arabern als „ruthless, faceless, Islamic fundamentalist killers“6 ergab.

Was ist also Fundamentalismus, bzw. islamischer Fundamentalismus in Abgrenzung von einer normalen traditionell-islamischen Lebensweise?

Peter Barth liefert zur Beantwortung dieser Frage einen wichtigen Anhaltspunkt. Der Terminus Fundamentalismus als Bezeichnung für eine bestimmte Weltsicht hat seinen Ursprung nicht im Nahen Osten, sondern in den Vereinigten Staaten, wo er zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine „evangelikalen Erweckungsbewegung“ der „protestantischen Kirche“ verwendet wurde. Fundamentalistisch war die Bewegung insofern, als dass sie sich auf die „Bibel als Gottes Wort, im buchstäblichen Sinne“ berief. Gleichzeitig war die Bewegung jedoch eine auf einen kirchlichen Rahmen begrenzte Bewegung und hatte ergo keinen Anspruch, die politische Ordnung in ihrem Sinne umzugestalten7. Vergleicht man diese Definition von Fundamentalismus mit den Zielsetzungen und Handlungen von islamischen Fundamentalisten wie zum Beispiel derFront Islamique du Salut8, wird klar, dass der islamische Fundamentalismus über die religiöse Sphäre hinausgeht9.

Ohne ihn einem bestimmten Land zuzuordnen, präzisiert Wilhelm Maas, dass der islamische Fundamentalismus sich durch eine Abkehr von einer fast eineinhalb Jahrtausende „gewachsenen [islamischen] Tradition“ auszeichnet, die von den Fundamentalisten als ein Abfall vom „heiligen Ursprung“ angesehen würde10. Als anzustrebendes Ideal wird laut Claude Cahen die im 7. Jahrhundert von Mohammed geschaffene Urgemeinde in Medina angesehen, in der „Religion und Staat in [einer unauslöslichen Verbindung]“ standen11. Der islamische Fundamentalismus im weiteren Sinne zeichnet sich daher durch die Verabsolutierung dieses Gedankengutes aus, wobei die ursprüngliche Form des Islam „als einzig tragfähiges Fundament menschlicher Existenz“12 angesehen wird.

Islamischer Fundamentalismus ist also gemeinhin mehr als eine auf den religiösen Raum beschränkte Rückwärtsbewegung zu den Wurzeln des Islam (in Form des Korans). Vielmehr beinhaltet er eben wegen dieser Bewegung einepolitisch-religiöse Komponente, die sich durch einen Lenkungs- und Wahrheitsanspruch in allen sozialen Bereichen und eine grundsätzlich antipluralistische Haltung gegenüber Andersorientierten auszeichnet13. Mit Kategorien der Politikwissenschaft14 könnte man den islamischen Fundamentalismus somit als eine totalitäre Ideologie einordnen, wie dies auch Bassam Tibi gezeigt hat.15 Diese Definition des islamischen Fundamentalismus als totalitäre Ideologie mit umfassendem Geltungsanspruch muss aufgrund der inhaltlich unberücksichtigten fundamentalistischen Strömungen16 abstrakt bleiben. Sie soll jedoch für die Analyse weiter unten als problematisierender Reflexionsanstoß dienen, um bei der Untersuchung des Films einerseits nicht in den oben angesprochenen, simplifizierenden „Schubladenreflex“ zu verfallen und andererseits die narrative Modellierung der Fundamentalisierung genau nachzuvollziehen. Nachdem also gezeigt wurde, worum es sich bei islamischem Fundamentalismus handelt, erschließt sich, dass mit dem Begriff des „traditionellen Islams“ die nicht fundamentalistisch überzeichneten Formen des alltäglich praktizierten Islamohne politischeKomponente gemeint sein sollen.

2.2. Auf dem Weg in die Krise: Ein Blick auf die Geschichte Algeriens

Um in der Filmanalyse weiter unten herausarbeiten zu können, wie bzw. welche Aspekte der Vergangenheit Algeriens durch Allouache verarbeitet wurden, soll in diesem Abschnitt unter besonderer Berücksichtigung der Thematik des islamischen Fundamentalismus kurz auf die Geschichte Algeriens eingegangen werden.

Der Film „Bab el-Oued City“ spielt im Frühjahr nach den Oktoberunruhen von 1988. Während der Oktoberunruhen waren es vor allem Jugendliche (vorwiegend männliche), die gegen die seit der Unabhängigkeitserklärung Algeriens 1962 herrschende Einheitspartei revoltierten. In diesem Ausnahmezustand stellten sich die bis dato nur inoffiziell wirkenden islamischen Gruppen vor die Bewegung der Jugendlichen und machten sich zu ihrem Sprachrohr.17 Der Konflikt zwischen dem regierenden Regime der Front de Libération Nationale (FLN) und der stärker werdenden Front Islamique du Salut (FIS) bekam bis zu den ersten Wahlen 1992 einen zunehmend islamisch-fundamentalen Charakter. Als die FIS, die im Anschluss an die Oktoberunruhen als politische Kraft zugelassen wurde, den ersten Wahlgang der Wahlen gewann, wurde sie kurzer Hand vom Militär abgesetzt und somit in den Untergrund verbannt. Diesem kurzen demokratischen Intermezzo folgten Jahre des islamisch-fundamentalistisch legitimierten Terrors, der Algerien nachhaltig destabilisierte.

Für die Analyse des Films, der die kurze Zeit des scheinbaren Aufatmens in Algier nach den Oktoberunruhen thematisiert, soll hier nun der Frage nachgegangen werden, wie die Situation in dieser Zeitspanne aussah und wieso es zu einer Ausbreitung des islamischen Fundamentalismus kam.

2.2.1. Auf dem Weg zum islamischen Fundamentalismus in Algerien

Die Gründe für die Unruhen von 1988 und das Einsickern des islamischen Fundamentalismus in die islamische Gesellschaft sind vielschichtig und werden in der Fachliteratur bis auf die koloniale Besetzung durch Frankreich zurückgeführt. Während der 132 Jahre kolonialer Okkupation Algeriens (1830-1962) durch Frankreich setzten die Franzosen zur Beherrschung der algerischen Bevölkerung auf die rechtliche Unterscheidung zwischensujet françaisundcitoyen français. Der Rechtsstatus dessujetbeinhaltet dabei in Abgrenzung zumcitoyennur einen Bruchteil der Freiheiten des „echten“ Bürgers. Da Algerien durch den rechtlichen Anschluss an die Metropole (Algerien bestand aus drei rechtlich gleichgestellten Departements) der normalen französischen Rechtsprechung unterlag, sah sich die französische Kolonialmacht genötigt, Diskriminierungslinien zur Unterdrückung der kolonisierten Bevölkerung zu ziehen, die durch den Rückgriff auf die Religionszugehörigkeit objektivierbar wurde18. Auf diese Weise wurde eine Trennungslinie durch das französische Algerien gezogen, die die Muslime den Christen und Juden (mit dem „décret Crémieux“ wurden 1870 die 37.000 algerischen Juden eingebürgert19) gegenüberstellte. Dieser Übergang von Glaubenszugehörigkeit zu einem gemeinsamen Rechtsstatus hatte eine veränderte Bedeutung des Islam zur Folge. Die durchaus heterogene Bevölkerung Algeriens wurde durch die kollektive Diskriminierung des Besatzers anhand des Glaubens zu einem gemeinsamen identitären Bezugspunkt20. Schon bei der ersten als nationalistisch zu bezeichnenden, politischen Formation, dem Étoile Nord Africaine, wurde klar, wie die „arabische Sprache und islamische Religionszugehörigkeit [...] zur Grundlage der algerischen Persönlichkeit und zum Faktor der Integration und der Einheit der Algerier [wurde]“21. Eine weitere tragende Kraft für den algerischen Nationalismus war die „Association des Ouléma Réformistes d’Algérie“. Auch sie stand bereits lange vor der Unabhängigkeit Algeriens für einen islamischen Nationalismus und ging davon aus, dass der Islam als jüngste monotheistische Religion im Besitz der unverfälschten Wahrheit sei, also eine klare Abgrenzung von den christlichen Kolonialherren hatte. Mit der obigen Definition des islamischen Fundamentalismus abgeglichen, ist für die Bewegung eine eindeutige Tendenz in politisch-religiöse Richtung festzustellen. Ausgehend von diesen Weichenstellungen ist die spätere Entwicklung Algeriens im Befreiungskrieg der FLN besser zu verstehen, da zur Mobilisierung des Volkes auf das identitätsstiftende Gedankengut der Ouléma zurückgegriffen wurde22.

Nachdem Algerien die Unabhängigkeit erlangt hatte, kam es ab den 1960er Jahren zu einem entwicklungspolitischen-ideologischen Spagat. Unter der Herrschaft FLN, die unter Houari Boumedienne ein Einparteiensystem installiert hatte, wurde einerseits eine industrielle Entwicklung durch diverse Großprojekte angestrebt. Andererseits sollte auch eine Arabisierung der islamischen Gesellschaft (zur Schaffung einer gemeinsamen Identität) in Abgrenzung zu den ehemaligen Kolonialherren geschaffen werden23.

Diese Politik führte in den 60er und 70er Jahren zunächst zu einer effektiven Verbesserung der Lebensumstände der Algerier. Die Basis dieses wirtschaftlichen Aufschwungs stellten jedoch die Erlöse aus den Kohlenwasserstoffexporten des Landes dar, mit dem das Regime seine Technisierungspolitik und ein Sozialsystem finanzieren konnte, das seine Bürger finanziell absicherte. Diese finanzielle Absicherung verdeckte jedoch große Missstände, die unter anderem für die Oktoberunruhen von 1988 verantwortlich waren.

[...]


1 Vgl. White (1991), 21ff.

2 Bemerkung des Autors: Wegen des begrenzten Rahmens dieser Arbeit soll die im Seminar erarbeitete Theorie von Hayden White hier als bekannt vorausgesetzt werden und nicht weiter erklärt werden.

3 Vgl. Gumppenberg (2003), S. 107.

4 Vgl. Riedel (2003), S. 2.; Vgl. auch Khatib (2006), S. 168 ff.

5 Vgl. Khatib (2006), S. 165 ff.

6 Khatib (2006), S. 166.

7 Vgl. Barth (1992), S. 4.

8 http://www.bismillah-debats.net//article.php3?id_article=188.

9 Vgl. Münch-Heubner (2005), S. 38.

10 Vgl. Maas (1999), S. 158ff.

11 Vgl. Cahen (1998), S. 18f.

12 Vgl. Steinbach, U.: Ideengeschichte, S. 138.

13 Vgl. Bauer (1999), S. 10 ff.

14 Vgl. Brooker (2008), S. 149.

15 Vgl. Tibi (1995), S. 1995.

16 Vgl. Sayyid (1997), S. 36 f.

17 Vgl. Ruf (1997), S. 78.

18 Vgl. Ruf (1997), S. 20.

19 http://www.herodote.net/histoire/evenement.php?jour=18701024

20 Vgl. Schmid (2005), S. 91 ff.

21 Vgl. Ruf ( 1997), S. 50.

22 Vgl. Gharib (1997), S. 67.

23 Vgl. Schmid (2005), S. 111ff.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Zur Repräsentation des islamischen Fundamentalismus in Merzak Allouaches „Bab el-oued City“
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Repräsentationen von Geschichte im Film
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V137527
ISBN (eBook)
9783640597512
ISBN (Buch)
9783640597871
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Terrorismus, islamischer Fundamentalismus, Algerien, Filmanalyse, Bab el-oued City, Merzak Allouache, Arbeitslosigkeit, Frauenbild, Islamismus, Religion
Arbeit zitieren
Alexej Schlotfeldt (Autor), 2009, Zur Repräsentation des islamischen Fundamentalismus in Merzak Allouaches „Bab el-oued City“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137527

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