In seinem Film „Bab el-Oued City“ thematisiert der Regisseur Merzak Allouache die gesellschaftliche Situation in Algier nach den Unruhen von 1988. Anhand der Geschichte des jungen Bäckergesellen Boualem eröffnet Allouache dem Zuschauer einen Blick auf eine Gesellschaft, deren Jugend in Stagnation und Perspektivlosigkeit gefangen scheint. Dieses Amalgam bildet den Nährboden für einen erstarkenden islamischen Fundamentalismus, dessen Charakter und Konfliktlinien anhand des Lebens in Bab el-Oued abgesteckt werden.
Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Darstellung des geschichtlich belegten Wandels der islamistischen Glaubensrichtung in Algerien anhand des vorliegenden Films zu untersuchen. Dabei stellen sich vorab zwei wesentliche Fragen, die im ersten Teil der Arbeit beantwortet werden sollen. Um den wissenschaftlichen Charakter der Filmanalyse im letzten Teil zu wahren, gilt es erstens, die in dem Film „narrativ modellierte“ Geschichte darzustellen und zweitens den, spätestens seit den Anschlägen des 11. September, problematischen Fragen nach einer definitorischen Erfassung der Termini „Islamismus“ und „(islamischer) Fundamentalismus“ nachzugehen. Zweifellos kann und soll angesichts des Umfangs der hierzu verfassten Literatur in dieser Arbeit keine abschließende Antwort gegeben werden. Die Problematisierung dieser Punkte ist jedoch essentiell, um der anschließenden Analyse des Films ein klares Referenzsystem zugrunde zu legen. Auf der Basis des oben beschriebenen Abschnittes, soll im Analyseteil das „emplotment“ der Geschichte im Sinne Hayden Whites mit besonderer Fokussierung des Fundamentalismus untersucht werden. Durch eine Analyse der Struktur- und Handlungsebene soll zunächst die Frage nach dem „Was?“ geklärt werden, welche Geschichte also thematisiert wird. Durch eine Analyse der Figuren, des Raumes und der filmischen Mittel soll herausgearbeitet werden, „Wie?“ das Einsickern des Fundamentalismus dargestellt wird. Wie aus dieser Arbeitsplanung ersichtlich wird, wird vom Autor ein filmimmanentes Vorgehen angestrebt, welches externe Faktoren, wie z.B. die Rezeption des Filmes, weitgehend ausschließt.
Im Schlussteil sollen die Ergebnisse kurz diskutiert werden und ein Ausblick gegeben werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Essentielle Vorarbeiten zur Untersuchung des „Emplotments“ in Bab el-Oued City
2.1. Islamischer Fundamentalismus und traditionell-gemäßigter Islam
2.2. Auf dem Weg in die Krise: Ein Blick auf die Geschichte Algeriens
2.2.1. Auf dem Weg zum islamischen Fundamentalismus in Algerien
2.2.2. Der islamische Fundamentalismus und die Oktoberrevolte
2.3. Zwischenfazit
3. Filmanalyse
3.1 Struktur- und Handlungsanalyse.
3.2. Figurenanalyse
3.2.1. Boualem und Said als Repräsentanten gegensätzlicher gesellschaftlicher Strömungen Ende der 80er Jahre
3.2.2. Repräsentationen der islamischen-fundamentalistischen Kräfte
3.2.3. Repräsentation der Durchdringung der Bevölkerung durch den islamischen Fundamentalismus
4.Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Repräsentation des islamischen Fundamentalismus in Algerien anhand von Merzak Allouaches Film „Bab el-Oued City“. Ziel ist es, den geschichtlich belegten Wandel der islamistischen Glaubensrichtung durch eine filmimmanente Analyse der Handlungsstruktur und der Figurendarstellung zu dekonstruieren, ohne dabei externe Rezeptionsfaktoren einzubeziehen.
- Historischer Kontext der algerischen Oktoberunruhen von 1988
- Definitorische Abgrenzung zwischen traditionellem Islam und islamischem Fundamentalismus
- Strukturelle Analyse der narrativen Modellierung im Film
- Figurenanalyse als Spiegel gesellschaftlicher Strömungen in Algier
- Untersuchung der sozialen Dynamiken und des zunehmenden Drucks auf die Bevölkerung
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Boualem und Said als Repräsentanten gegensätzlicher gesellschaftlicher Strömungen Ende der 80er Jahre
Bereits in der ersten Szene der Haupthandlung wird die über allem stehende Macht der Religion durch eine Reihung von Weitaufnahmen von einem Dach über die Stadt verdeutlicht. Die Religion wird symbolisiert durch die über einen Lautsprecher übertragende Stimme des Imam, welche über die Stadt hallt und in alle Häuser eindringt (Abbildung 1). Die Hauptfigur Boualem dringt in diese von der Religion dominierte Sphäre ein und reißt mit einem erschöpft und ängstlich anmutenden Gesichtsausdruck den Lautsprecher von dem Dach herunter, während er von Yamina dabei beobachtet wird (Abbildung 2). Wie Faulstich betont, ist der erste Auftritt einer Figur von besonderem Interesse, da sie meist die wichtigste Charakterisierung der Figur darstellt. Im Falle Boualems deutet die erste Szene bereits auf den weiteren Konfliktverlauf im Film hin, indem er zwar die offene Auseinandersetzung mit den islamischen Fundamentalisten sucht, ihnen aber hoffnungslos unterlegen ist. So wie bereits in der ersten Szene nach der Zerstörung des einen Lautsprechers noch 15 weitere bleiben, so verliert er auch den späteren, unfairen Kampf mit Said.
Im Hinblick auf die obige Definition von islamischem Fundamentalismus erscheint es trotz allem paradox, dass Boualem seinen Unmut über seine Lebensumstände gegen den Lautsprecher richtet, da aus ihm der Imam (der eben kein Fundamentalist ist) spricht. Für Lina Khatib, die sich ebenfalls mit der Analyse des Films beschäftigt hat, zählt auch die Stimme des Imams als eindeutiges Symbol für die Kontrolle des Viertels durch die islamischen Fundamentalisten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage und das methodische Vorgehen vor, bei dem der Film „Bab el-Oued City“ als zentrale Quelle für die filmimmanente Analyse der politischen Situation Algeriens dient.
2. Essentielle Vorarbeiten zur Untersuchung des „Emplotments“ in Bab el-Oued City: In diesem Kapitel werden die theoretischen Begrifflichkeiten des Islamismus und Fundamentalismus definiert und in den historischen Kontext der algerischen Geschichte eingeordnet.
3. Filmanalyse: Hier erfolgt die detaillierte Untersuchung der filmischen Mittel, wobei die Handlungsphasen und die Rollenverteilung der Charaktere als Repräsentanten politischer Strömungen analysiert werden.
4.Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass der Film ein akkurates, historisch fundiertes Bild der algerischen Krise zeichnet und den Übergang von einem gemäßigten zu einem fundamentalistischen gesellschaftlichen Klima verdeutlicht.
Schlüsselwörter
Algerien, Bab el-Oued City, islamischer Fundamentalismus, Merzak Allouache, Islamismus, Oktoberunruhen 1988, Filmanalyse, gesellschaftliche Krise, FLN, FIS, Figurenanalyse, soziale Stagnation, politische Ideologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie der Regisseur Merzak Allouache den Aufstieg des islamischen Fundamentalismus im Algerien der späten 1980er Jahre in seinem Spielfilm „Bab el-Oued City“ narrativ verarbeitet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der historischen Aufarbeitung der Oktoberunruhen, der Unterscheidung zwischen traditioneller Religion und totalitärer Ideologie sowie der filmischen Darstellung gesellschaftlicher Spaltung.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Ziel ist es zu zeigen, wie die historische Realität des „Einsickerns“ fundamentalistischer Strukturen durch spezifische filmische Erzählweisen und Figurenkonstellationen für den Zuschauer sichtbar gemacht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen filmimmanenten Ansatz, gestützt auf die Theorie zur Filmanalyse von Werner Faulstich, um die „narrative Modellierung“ der Geschichte zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Handlungsanalyse (Phasenmodell) und eine detaillierte Figurenanalyse, in der die Charaktere nach ihrer politischen Verortung in Bezug auf den Fundamentalismus gruppiert werden.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit maßgeblich?
Zu den Schlüsselbegriffen zählen „Fundamentalismus“, „Islamismus“, „Octoberunruhen“, „Narrative Modellierung“ und „Algerische Geschichte“.
Welche Funktion haben die „Herren im BMW“ im Film?
Sie symbolisieren eine ominöse, übergeordnete Kraft im Hintergrund, deren Auftreten eine Omnipräsenz des Fundamentalismus suggeriert und auf die Komplexität der politischen Machtstrukturen hinweist.
Warum wird die Rolle der Frauen als „neutral“ eingestuft?
Die meisten Frauenfiguren sind – abgesehen von Mardina – von den politischen Geschehnissen entkoppelt und auf häusliche Tätigkeiten beschränkt, was die traditionelle Geschlechterrollenverteilung und ihre soziale Marginalisierung widerspiegelt.
- Citation du texte
- Alexej Schlotfeldt (Auteur), 2009, Zur Repräsentation des islamischen Fundamentalismus in Merzak Allouaches „Bab el-oued City“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137527