Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten – eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis


Facharbeit (Schule), 2009

13 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

1.: Einleitung

2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer „Bewusstseinskontrolle“?
2.1.1: Begriffsdefinition „Bewusstseinskontrolle“
2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und pseudo-religiöse Gruppen
2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen
2.2.1: Identitätsdiffusion
2.2.2: Selbstwahrnehmung
2.2.3: Entwicklungshemmung
2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen
2.3: Motivationen
2.3.1: vereinfachte Realität und Sinn
2.3.2: soziale Bindung
2.3.3: weitere Motive

3.1: Wenn der Zweifel kommt
3.1.1: Kognitive Dissonanz
3.1.2: „Der Wohlfühlfaktor“
3.2: Abwehrmechanismen
3.2.1: Heuristiken
3.2.2: Schuld
3.2.3: Reinheit
3.2.4: Compliance
3.2.5: Reaktanz

4.1 Aussteiger in der Beratung
4.2 Mögliche Symptome der Ausstiegsproblematik
4.3 Die Grenzen der Beratung

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Religiöse Rand- oder Sondergruppen und Kulte nehmen in der psychologischen Beratung eine Sonderstellung ein, die unter anderem darin begründet liegt, dass das einzelne Mitglied das Weltbild, welches seine Kirche oder Organisation jeweils vertritt, als einzig gültige „Wahrheit“ verinnerlicht und oftmals vollständig internalisiert hat.

Die intellektuelle sowie seine emotionale Beurteilung seiner Wahrnehmung der Außenwelt sowie alle kognitiven und inneren Vorgänge sind untrennbar mit dem moralischen, ethischen und religiösen Verständnis seiner Kirche verknüpft.

Damit ergeben sich besondere Herausforderungen für die psychologische Beratung, da es unumgänglich ist, diese Besonderheiten zu berücksichtigen, möchte man als Berater effektive Hilfestellung bei dem Anliegen des Klienten leisten, der mit einer religiösen oder pseudo-religiösen Gemeinschaft verbunden ist.

Ich verzichte in meinen Abhandlungen bewusst auf den Begriff „Sekte“, da er überwiegend negativ assoziiert ist und damit ein Urteil transportiert. Angesichts der Unmöglichkeit, den Begriff „Sekte“ treffend und umfassend zu definieren sowie der Vielzahl der Organisationen mit religiöser Prägung oder Zielsetzung verwende ich einfach den Begriff „Gemeinschaft“. Selbstverständlich können einige der thematisierten Symptome auch bei Mitgliedern der „etablierten“ Kirchen auftreten oder in ursächlichem Zusammenhang mit ihren Problemen stehen.

Der Einfachheit halber verwende ich durchgehend den Begriff „Berater“ im männlichen Singular bezogen auf die Funktion und nicht auf die natürliche Person.

2.1: Unterliegen Mitglieder religiöser Minoritäten einer „Bewusstseinskontrolle“?

Der nicht unumstrittene Begriff „Bewusstseinskontrolle“ tauchte nach dem zweiten Weltkrieg auf und findet seither Anwendung auf verschiedenste Systeme. Da jeder Mensch naturgemäß Einflüssen seiner Umwelt unterliegt, stellt sich die Frage, ab wann man von einer gezielten Manipulation des Einzelnen oder einer Gruppe spchen kann, bei der das Verhalten und die Einstellungen eines Menschen nachhaltig verändert werden, während der Betreffende überzeugt ist, selber Ursache dieser Veränderungen zu sein. Deshalb möchte ich zunächst dem Begriff „Bewusstseinskontrolle“ Inhalt verleihen.

2.1.1: Begriffsdefinition „Bewusstseinskontrolle“

Unter Bewusstseinskontrolle versteht man „ein System von Einflüssen, mit dem die Identität des Individuums (seine Überzeugungen, sein Verhalten, sein Denken und Fühlen) …durch eine neue Identität ersetzt wird.“ (S. Hassan, S.25). Das System besitzt eine Plausibilitätsstruktur, die in sich völlig stimmig ist und sich selbst aufrechterhält (Quelle: Berger& Luckmann, 1980). Subjektive Irritationen und Unstimmigkeiten haben demzufolge immer ihre Ursache im Individuum, niemals aber im System. Es existiert i. d. R. ein internes Kontrollsystem wie z. B. die Verpflichtung der Mitglieder, „Verfehlungen“ oder Regelverstöße der Führung zu melden, sowie geeignete Maßnahmen, derartig Verstöße zu ahnden (vgl. Deckert, S. 77).

2.1.2: Elemente der Bewusstseinskontrolle und Übertragung auf religiöse und pseudo- religiöse Gruppen

1.: Verhaltenskontrolle: Verhalten und Ziele werden formuliert, die die Freizeit beschränken; es findet eine Regulierung des Alltags mit Elementen der Gruppe statt. Es existiert eine hierarchische Struktur. Auffällig ist die sog. „Milieukontrolle“, bei der die Kommunikation des Mitgliedes mit seiner Umwelt beschränkt oder vorgegeben wird. Die Demonstration von Konformität sichert das Ansehen innerhalb der Gruppe und wird als erstrebenswert idealisiert, womit die Unterdrückung von Zweifeln eine positive moralische Bedeutung erhält.

2.: Gefühlskontrolle: Durch die Glaubenslehre der Gruppe wird ein „Feindbild“ geschaffen, das die Welt in „drinnen und draußen“ unterteilt, der sog. „in-out-group Effekt“. Das Gewissen des Einzelnen muss dem kollektiven weichen, welches die Doktrin zur alleinigen Wahrheit und dem göttlichen Maß-Stab erhebt. Dabei sind zwei Hauptgewichtungen erkennbar:

- Glück: Gemeinschaft nur innerhalb der Gruppe, Heilsverspchen bei Loyalität
- Loyalität: keine Kritik an der Führung, nur an sich selber

3.: Informationskontrolle: Hierbei wird der Zugang zu kritischer Information stigmatisiert oder dämonisiert (z.B. Abtrünnige (ehemalige Mitglieder) sind grundsätzlich bösartig motiviert und nutzen geschickte Techniken der Irreführung; Literatur religiöser Art, die nicht von der Gemeinschaft stammt, ist „Speise am Tisch der Dämonen“, wenn auch diese selber in ihren Schriften daraus zitiert), Stückelung von Informationen, es existieren verschiedene Wahrheitsebenen innerhalb der Gemeinschaft. In Bezug auf eine christlich orientierte Glaubensgemeinschaft schreibt Raymond Franz: „Die Glaubensgemeinde wird vollständig isoliert und geistig abgeriegelt von allen biblischen Materialquellen, die nicht mit der Stimme der Organisation spchen. Man sagt (ihnen), dass sei der einzige Weg, sie vor Irreführung zu bewahren. Das Ziel ist eine ansteckungsfreie Atmosphäre, in der die Ansichten und Auslegungen der Organisation zirkulieren können, ohne sich kritische Fragen stellen zu müssen.“ (Franz, S. 375). Es fehlt zumindest bezüglich der Glaubensdoktrin völlig an einer Diskussionskultur; abweichende Meinungen sind ein Zeichen von Stolz oder Unreife und führen schlimmstenfalls zur Isolation. Das führt dazu, dass das Mitglied seine eigene Urteilskraft latent in Zweifel zieht. Meist ist auch die Konsultation psychotherapeutischer Hilfe unterschwellig negativ assoziiert.

4.: Gedankenkontrolle: Die Ideologie der Gruppe wird als einzige gültige Wahrheit verinnerlicht, die göttliche Legitimation besitzt, außerdem ist eine Hauptaufgabe formuliert. Es existiert eine geladene Sprache, d.h. es gibt bestimmte (biblische) Begriffe, denen eine neue, Gruppeninterne Bedeutung zugewiesen wird und die z. T. komplexe Gedankenverbindungen assoziieren und damit die Realität vereinfachen, antizipieren oder etikettieren. Durch diese „kognitive Verschanzung“ wird Kritik erschwert, Zweifel diskreditiert, nicht wahrgenommen oder geleugnet.

Noch differenzierter sind die Elemente der "Thought Reform" nach Robert J. Lifton (Lifton, Robert J. (1961): Thought Reform and the Psychology of Totalism), die sich wie folgt darstellen:

- Milieukontrolle – Es wird eine starke Abgrenzung zu Nichtmitgliedern gefordert
- mystische Manipulation, geplante Spontaneität (hierzu zählen Gruppenerlebnisse, deren psychodynamische Wirkung als „Geist Gottes“ interptiert wird, u. ä.)
- Forderung nach Reinheit (Dabei wird das Schuldgefühl des Menschen manipuliert und den Anforderungen und Interptationen der Gruppe angepasst Das ist meist verbunden mit irgendeiner Form des Sündenbekennens) Eng damit verbunden ist ein
- Bekennerkult, der den Alltag und das Denken des Mitglieds beherrscht
- heilige Wissenschaft
- geladene Sprache („loadet language“). Hierbei werden Begriffe mit einer Kultinternen Bedeutung versehen.
- Vorrang der Lehre vor dem Menschen. Der Mensch muss seine Wahrnehmung der Doktrin unterordnen. Zweifel sind mit Schuld assoziiert. Es wird eine endlose Wiederholung von Schuld, Scham und Angst initiiert.
- Dispensierung der Existenz [Zu- bzw. Aberkennung des Existenzrechts]. Dieses Kriterium besagt, kurz gesagt, dass jeder, der nicht Teil der Gemeinschaft ist, implizit zur Welt des „Bösen“ gehört. Eng damit verbunden ist meist die Angst vor dem Gericht Gottes.

(Quelle: „BITE- Modell“ 2000 by Steven Hassan - veröffentlicht von Freedom of Mind

Press, Somervill MA)

2.2: Auswirkungen Bewusstseinsmanipulierender Faktoren auf den Einzelnen

Die gesamte Palette der Auswirkungen einer Bewusstseinskontrolle auf die Psyche ist sehr umfassend und eine eingehende Betrachtung würde den vorhandenen Rahmen spngen. In jedem Falle entwickelt das Mitglied eine neue Identität, ein „neues Selbstverständnis, auf Basis der Heilstheorie und der Gruppenbedürfnisse“ (H. Stamm, S.98). Vorweg muss auch unterschieden werden, ob das Mitglied geworben wurde oder innerhalb der Gemeinschaft aufgewachsen ist. Im letzteren Fall kommt es häufig zu einer Identitätsdiffusion.

2.2.1: Identitätsdiffusion

Identitätsdiffusion beschreibt das Problem der Zersplitterung der eigenen Ich-Identität (Selbstbild). Sie beruht auf den Zweifeln der eigenen z. B. ethnischen, sozialen oder geschlechtlichen Identität entstanden durch Unsicherheiten im eigenen Handeln und Entscheidungen bzw. Orientierungslosigkeit.

Es sind Unsicherheiten in Bezug darauf, ob der „richtige“ Weg gewählt wurde oder Ängste, nicht zu wissen zu wem man sich in der Zukunft entwickelt oder auch welche Werte und Normen als die eigenen übernommen werden sollen. Diese Diffusion betrifft die meisten Jugendlichen und löst sich im Laufe einer normalen Entwicklung auf. Jedoch in extremen Fällen kann eine Nichtbewältigung von latenten Krisen zu ernsthaften Entwicklungsstörungen führen, die sich erst im frühen Erwachsenenalter bei der Ausübung von sozialen Interaktionen (Intimität) aufzeigen.

Der von Erikson erwähnte Prozess der Integration in Gleichaltrigennetze, der für die Individuation sowie die sozialkognitive Entwicklung Heranwachsender maßgeblich ist, kann durch die geforderte elementare Abgrenzung von Andersgläubigen erheblich gestört werden.

Insbesondere das Erfahrungsfeld Peer Group ist aus sozialisatorischer Perspektive wichtig für die Entwicklung der Selbstdefinition und des Selbstverständnisses sowie einer eignen Moral- und Wertvorstellung.

In totalitären Organisationen und manipulativen Gruppen ist diese Entwicklung gehemmt. Der Betreffende hat auch im Erwachsenenalter nur einen begrenzten Zugang zu seinen innersten Wünschen und ist oft unfähig, diese, sofern bewusst, anzuerkennen oder zuzulassen. Dies kann im Extremfall zu einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung führen.

Der Berater sollte in dieser Hinsicht verstehen, dass das Kultmitglied viele seiner Gedanken und Gefühle von vornherein nicht zulässt oder zumindest bewertet und gegebenenfalls als „böse“ brandmarkt. Durch einfühlsames Fragen kann man den Klienten möglicherweise erkennen lassen, dass es sich bei gewissen Gefühlen um konditionierte und nicht um authentische Reaktionen handelt und ihm damit einen Zugang zu seinem Selbst zu verhelfen.

2.2.2: Selbstwahrnehmung

Ähnlich wie bei der Identitätsdiffusion ist die Selbstwahrnehmung durch die Glaubensdoktrin der Gemeinschaft derart geprägt, dass der Betroffene sich dauernd an diesem fremdbestimmten und verallgemeinernden Maßstab misst. Bei geworbenen Mitgliedern kann man beobachten, dass die Lebensgeschichte in der Zeit vor dem Beitritt zur Gemeinschaft dahingehend umgedeutet wird, als dass sie als vergeudet, unrein oder sinnlos hingestellt wird. Erst durch den Beitritt in die Gemeinschaft erhielt man Aussicht auf Erlösung, Perspektive, wahre Freunde, etc. In der Folge dessen nimmt der Betroffene sich selbst als unzureichend wahr, er verdankt seinen (Lebens-) Wert der Zugehörigkeit seiner Kirche oder Gemeinschaft. Er fühlt sich angewiesen auf die Lenkung durch die geistige Führung seiner Gruppe. Das innere Bewusstsein wird zum Spiegelbild der Gruppenideologie. Um die Führerschaft hingegen herrscht eine Aura aus Bedeutung, Vollkommenheit, sodass der Einzelne im blinden Vertrauen seine Verpflichtung zum Gehorsam anerkennt (Vgl. Underwood, S.240).

Darüber hinaus ist die Annerkennung und damit auch die Liebe innerhalb der Gruppe bedingt. Der Einzelne erfährt diese nur, wenn er den Anforderungen der Ideologie entspricht. Die Mitglieder lernen, dass ihr Wert als Mensch für sich alleine unzureichend ist; erst durch ihre Haltung zur Ideologie und die damit verbundene Leistung erleben sie sich als „würdig“. Die Selbstachtung kann also weitestgehend vom Grad der Integration des Betreffenden abhängig sein (Vgl. Stamm, S.82).

Der Berater kann helfen, indem er das Vertrauen eines betroffenen Klienten in sein eigenes Urteilsvermögen stärkt, möglicherweise mit Bezugnahme auf dessen Fachwissen, Sozialkompetenz oder Lebenserfahrung.

2.2.3: Entwicklungshemmung

Auch bei diesem Punkt finden sich Parallelen zur Identitätsdiffusion. Bedingt durch die reglementierte Weltsicht durch die Autorität der Gemeinschaft hat das Mitglied sehr wahrscheinlich gewisse Merkmale seiner Persönlichkeit sowie Interessen und Ambitionen im Allgemeinen unterdrückt. Dadurch hat es sich der Möglichkeit beraubt, durch die Ausübung dieser Betätigungen, sei es beruflich, geistig oder freizeitlich, sein Selbstwertgefühl zu steigern und seine Ich-Identität selbstbestimmt zu formen. Teilweise offensichtliche Potentiale liegen brach.

In der Beratung sollte man berücksichtigen, dass der Klient möglicherweise eine Reihe von Interessen oder Ambitionen, gegen die an sich nichts einzuwenden ist, als nicht wünschenswert, „weltlich“ oder hinderlich betrachtet.

2.2.4: Wahrnehmungsverzerrungen

Unter religiösen Gruppen ist eine Wahrnehmungsverzerrung am häufigsten: die Stereotypisierung. Aufgrund des umfassenden Lehrgebäudes solcher Gruppen, welches kein Thema unerklärt lässt, stehen dem Mitglied zu jeder Situation Erklärungsmodelle bereit. Es werden Deutungsmuster gebildet, die scheinbar alle Bereiche des Lebens abdecken. Damit wird, wie erwähnt, die vieldimensionale Realität auf ein einfaches Grundmuster reduziert und weiteres Hinterfragen und ein tieferes Durchdringen der Problematik verhindert. Die Wahrnehmungsverzerrung dient also im Prinzip dem Erhalt des Selbstwertes.

Dem Klienten zu helfen, an für ihn ungewohnter Stelle weiter zu hinterfragen, kann seinen Blickwinkel erweitern. Der Berater sollte auch bemüht sein, das (eingeschränkte) Weltbild des Klienten für diesen spürbar zu akzeptieren, da es sonst zu einer Urteilsstabilisierenden Interaktion des Klienten kommen kann, was seiner weiteren Öffnung im Wege stehen würde.

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten – eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V137608
ISBN (Buch)
9783640759415
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mitglieder, Sondergruppen, Kulten, Problemstellung, Beratungspraxis
Arbeit zitieren
Marcus Zeller (Autor), 2009, Mitglieder religiöser Sondergruppen und Kulten – eine besondere Problemstellung in der Beratungspraxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137608

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