„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Bereits dieses Theorem Watzlawicks verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit und Komplexität kommunikativer Vorgänge. Kommunikation ist ein grundlegender Bestandteil jeder Gesellschaft und manifestiert sich auf unterschiedliche Art und Weise mit unterschiedlichen Funktionen. Dies geschieht nicht nur in realen Gesellschaften, sondern ebenso auf fiktiver Ebene in utopischen Gesellschaftsformen. Aus diesem Grunde untersucht die vorliegende Arbeit unterschiedliche Formen von Kommunikation in Aldous Huxleys Brave New World, George Orwells Nineteen Eighty-Four, Ray Bradburys Fahrenheit 451 und Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale.
Die aktuelle Sekundärliteratur bietet häufig nur marginale Bemerkungen zu Kommunikationsformen in literarischen Utopien. Dort wo gezielt auf Kommunikation eingegangen wird, liegt der Schwerpunkt oftmals auf Orwells Newspeak und vernachlässigt Einblicke hinsichtlich dieser Thematik in übrige Werke. Daher scheint es sinnvoll, in dieser Untersuchung diese vier Dystopien des 20. Jahrhunderts einander vergleichend gegenüberzustellen und Abweichungen sowie Gemeinsamkeiten hinsichtlich auftretender Kommunikationsformen zu veranschaulichen. Es ist somit Ziel dieser Untersuchung mittels eines soziologischen Ansatzes herauszuarbeiten, auf welche Weise sich der totalitäre Staat als politisches System Kommunikation nutzbar macht und welche Konsequenzen daraus für die Masse, aber auch für den Widerstand der Rebellen resultieren.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
I. BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART
II. KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES TOTALITÄREN STAATES
1. Manipulation interpersoneller, verbaler Kommunikation
1.1 Manipulation des Sprachsystems
1.2 Auswirkungen auf Kommunikationssituationen
2. Manipulation durch Mediensysteme
2.1 Funktionen Traditioneller Medien
2.2 Funktionen Neuer Medien
III. KOMMUNIKATION ALS MITTEL INDIVIDUELLEN WIDERSTANDES
1. Widerstand durch Schriftlichkeit
1.1 Das Tagebuch
1.2 Identitätsstiftende Literatur
2. Widerstand durch verbale Kommunikation
2.1 Subversiver Sprachgebrauch
2.2 Das Streitgespräch
FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Formen und Funktionen von Kommunikation in den Dystopien "Brave New World", "Nineteen Eighty-Four", "Fahrenheit 451" und "The Handmaid’s Tale". Das primäre Ziel ist es, mittels eines soziologischen Ansatzes aufzuzeigen, wie totalitäre Systeme Kommunikation manipulieren, um Macht über die Bevölkerung auszuüben und wie diese Mechanismen gleichzeitig den Widerstand der Individuen beeinflussen.
- Manipulation von Sprache und Sprachsystemen durch die Herrschenden.
- Die Rolle von Mediensystemen (Traditionelle vs. Neue Medien) bei der Massenkontrolle.
- Individueller Widerstand durch subversiven Sprachgebrauch und Schriftlichkeit.
- Die Bedeutung von Literatur als identitätsstiftende Kraft in totalitären Regimen.
- Kommunikative Divergenzen in Streitgesprächen zwischen Rebellen und Vertretern der Regierung.
Auszug aus dem Buch
1.1 Manipulation des Sprachsystems
Sprache spielt in literarischen Utopien, die sich mit einer wie auch immer gearteten Totalitarismuskritik befassen, eine gewichtige Rolle. Stephan Meyer veranschaulicht die Macht der Sprache unter Bezug auf Roland Barthes: Die Sprache wird bei Barthes als Zwangssystem betrachtet, das bei Strafe der Unverständlichkeit verbietet, sie frei zu variieren. Ihr Zwangscharakter beruht darin, dass sie ein gesellschaftliches Produkt ist, das als Zwangsapparat durch gesellschaftlichen Konsens entsteht. Im antiutopischen Roman wird dieser (möglichst freie) gesellschaftliche Konsens aber zudem noch negiert. Die Sprache wird von den Machthabern so gestaltet, daß sogar die kleinen noch erhaltenen Freiräume ganz ausgemerzt werden.
In der Sprache schlagen sich bestimmte Entwicklungen des gesellschaftlichen Wandels somit zwangsläufig nieder. Darüber hinaus wirkt sie als grundlegendes Instrument der Kommunikation bei der Bewusstseinsbildung erheblich mit. Wie bedeutend Sprache für die Verwirklichung der Ziele der Machthaber der dystopischen Gesellschaften ist, veranschaulicht auf soziolinguistischer Ebene die Sapir-Whorf-Theorie, die besagt, dass verschiedene Sprachgemeinschaften die außersprachliche Realität auf unterschiedliche Weise erfassen. [...] Für jene Lebensbereiche, die in einem Kulturkreis von zentraler Bedeutung sind, stellt die Sprache, die in diesem Kulturkreis entstanden ist, auch die entsprechenden Wörter und damit die Möglichkeiten einer Differenzierung der Wirklichkeit bereit, die für die jeweiligen Lebensverhältnisse notwendig sind.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Kommunikation in dystopischen Werken und Vorstellung der Forschungsziele.
I. BEGRIFFSKLÄRUNGEN NACH BURKART: Definition zentraler kommunikationswissenschaftlicher Begriffe auf Basis soziologischer Ansätze.
II. KOMMUNIKATION ALS MACHTINSTRUMENT DES TOTALITÄREN STAATES: Untersuchung der Manipulation von Sprache und Medien durch totalitäre Regimes zur Kontrolle der Bevölkerung.
III. KOMMUNIKATION ALS MITTEL INDIVIDUELLEN WIDERSTANDES: Analyse der Möglichkeiten des Widerstands gegen totalitäre Systeme durch schriftliche und verbale Ausdrucksformen.
FAZIT: Reflexion der gewonnenen Erkenntnisse und Ausblick auf weiterführende Forschungspotenziale.
Schlüsselwörter
Kommunikation, Dystopie, totalitärer Staat, Sprachmanipulation, Medienkontrolle, Widerstand, Newspeak, Individualität, Literaturzensur, Massenkommunikation, Sprachverlust, Ideologie, Machtausübung, gesellschaftliche Kontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Kommunikationsformen in den vier Dystopien "Brave New World", "Nineteen Eighty-Four", "Fahrenheit 451" und "The Handmaid’s Tale" und deren Funktion innerhalb dieser totalitären Systeme.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Manipulation des Sprachsystems, der Rolle der Medien sowie den Möglichkeiten des individuellen Widerstands durch Sprache und Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, wie totalitäre politische Systeme Kommunikation als Machtinstrument nutzen und welche Konsequenzen dies für die Masse sowie für den Widerstand der Individuen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen soziologischen Ansatz, gestützt auf den begrifflichen Apparat der Kommunikationswissenschaft, um die literarischen Dystopien vergleichend zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kommunikation als Machtinstrument des Staates (durch Sprachmanipulation und Mediensysteme) sowie als Mittel des individuellen Widerstands (durch Schriftlichkeit und verbale Kommunikation).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Kommunikation, totalitärer Staat, Sprachmanipulation, Medienkontrolle, Widerstand, Literaturzensur und Ideologie.
Wie unterscheidet sich die Sprachkontrolle bei Orwell von der bei Huxley?
Während Orwell die Einführung einer komplett neuen Sprache (Newspeak) als Instrument zur Denk- und Realitätssteuerung beschreibt, setzt Huxley eher auf eine frühzeitige Konditionierung und die Bedeutungsverschiebung bestehender Begriffe.
Welche Rolle spielt die Bibel in "The Handmaid’s Tale"?
Die Bibel dient in Gilead als das höchste, vom Staat monopolisiert interpretierte Medium, welches zur Legitimation der männlichen Herrschaft und Unterdrückung der Frauen verwendet wird.
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- Magistra Artium Marion Meerpohl (Author), 2005, Formen der Kommunikation in "Brave New World", "Nineteen Eighty-Four", "Fahrenheit 451" und "The Handmaid's Tale", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137713