Seit der Staatsgründung 1830, stehen sich zwei völlig unterschiedliche Volksgemeinschaften gegenüber und wagten den Versuch eines gemeinsamen Einheitsstaates. Ein neuer Nationalstaat wurde erschaffen, um die Interessen anderer Staaten zu schützen, den Frieden in Europa zu sichern und das europäische Mächtegleichgewicht zu bewahren. Aufgrund der weltanschaulichen und sprachlichkulturellen Unterschiede wurde der Zusammenschluss zwischen den niederländischsprachigen Flamen und den französischsprachigen Wallonen als reines Kunstprodukt bezeichnet. Der Sprachenstreit in Belgien, wird gern als Anlass für sämtliche Auseinandersetzungen zwischen Flamen und Wallonen angesehen. Aber es ist meiner Ansicht nach ein Trugschluss, diesen Konflikt allein auf den Sprachkonflikt zurück zu führen. Mit dem Sprachenkonflikt ist der Kulturstreit untrennbar verbunden, da er Ursache und Wirkung zugleich ist. Als Folgeerscheinung der unterschiedlichen Kulturen bildeten sich differente Religionen und Weltanschauungen aus. Ein wichtiger Faktor im flämisch-wallonischen Konflikt, stellte die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in beiden Regionen da. Neben den Diskriminierungen der sprachlichen und kulturellen Identität der Flamen hatten die Diskrepanzen in der Wirtschaftspolitik entscheidenden Anteil am zustande kommen der Staatsreformen ab 1962.In folgendem Verlauf werde ich die historisch und ideologisch geprägten Unterschiede zwischen den flämischen und frankophonen Gruppierungen aufzeigen und die Ergebnisse der Sprachgesetze von 1962 näher erläutern. Die Sprachgesetze sollten den flämisch- wallonischen Konflikt eindämmen und helfen, dass sich die zerstrittenen Gebiete in Belgien gegenseitig respektieren. Doch können bloße Sprachgesetze alleinig nicht als ausreichend angesehen werden, um zwei völlig unterschiedliche Regionen zusammen zu führen.
Gliederung der Hauptseminararbeit
I. Einleitung
II. Situation vor der Unabhängigkeit Belgiens
III. Der Prozess des Nation-Building
1. Der Begriff des Nationalstaats
2. Der Weg zum belgischen Nationalstaat
VI. Die Entwicklung des belgischen Konflikts
1. Die Flämische Bewegung
2. Die Wallonische Bewegung
3. Die Sprachproblematik und Etablierung der Sprachgesetze
V. Der politische Konflikt 2007
VI. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Genese und die aktuellen Spannungsfelder des belgischen Nationalstaats unter dem Aspekt des Nation-Building-Prozesses. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit Belgien als künstlich geschaffener, kulturell-sprachlich geteilter Staat trotz interner politischer Krisen und ethnischer Divergenzen Bestand haben kann.
- Historische Entwicklung des belgischen Staatsgebiets und der Unabhängigkeit.
- Analyse des Nation-Building-Prozesses und der Rolle der Sprache als Identitätsmerkmal.
- Die Entwicklung der flämischen und wallonischen Bewegungen als kulturelle und politische Gegenpole.
- Untersuchung der politischen Krise von 2007 und der Herausforderungen des belgischen Föderalismus.
Auszug aus dem Buch
II. Situation vor der Unabhängigkeit Belgiens
1477 übernahmen die Habsburger mit der Heirat Maximilians von Österreich und der Herzogin Maria von Burgund das Gebiet der 17 Provinzen, deren weitgehende Eigenständigkeit nun durch Fremdherrschaft ersetzt wurde. Dieses Gebiet der 17 Provinzen umfasste das gesamte Territorium der heutigen BeNeLux-Staaten sowie den Nordosten Frankreichs. Unter Philipp II., dem König von Spanien, wurden die 17 Provinzen von Madrid aus zentralistisch regiert. Insbesondere der im Norden und städtischen Westen der Niederlande stark vertretene Protestantismus wurde von Philipp II. mit harter Hand bekämpft. Dies führte dazu, dass 1581 die sieben nördlichen Provinzen in Utrecht ihre Unabhängigkeit von Spanien deklarierten.
Im Jahre 1648 wurden die so entstandenen Niederlande im „Westfälischen Frieden“ von Münster erstmals international anerkannt. Während einer fast 150 Jahre währenden Periode zwischen 1648 und 1795 bildete sich in den südlichen Provinzen erstmals eine gemeinsame Identität heraus. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts fand der Terminus „Belgique“ für das Gebiet der südlichen Niederlande seine öffentliche Verbreitung.
Im November 1792 wurden die Österreichischen Niederlande und das Prinzbistum Lüttich von Frankreich besetzt, später am 01. Oktober 1795 endgültig annektiert und in das politische System Frankreichs implantiert. Französisch wurde als Einheitssprache in allen Provinzen eingeführt, Flämisch hingegen abgeschafft und in der Folgezeit selbst in Flandern nach und nach aus allen öffentlichen Lebensbereichen entfernt. Die französische Sprache wurde als ein Vehikel der Ideologie der Französischen Revolution angesehen. Den unteren Schichten blieb der damit verbundene soziale Aufstieg hingegen durch die auftretenden Sprachprobleme verwehrt. Nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo (heutiges Belgien) 1815 vereinigte die internationale Diplomatie die nördlichen und südlichen Niederlande auf dem „Wiener Kongress“ 1814/1815 zu einem neuen Staat, dem Königreich der Vereinten Niederlande.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des belgischen Einheitsstaates ein und stellt den kulturell-sprachlichen Konflikt als zentralen Faktor der nationalen Instabilität dar.
II. Situation vor der Unabhängigkeit Belgiens: Das Kapitel beleuchtet die historische Ausgangslage der 17 Provinzen unter habsburgischer und französischer Herrschaft, die zur Formung einer belgischen Identität beitrug.
III. Der Prozess des Nation-Building: Es werden theoretische Grundlagen des Nationalstaatsbegriffs erläutert und der Weg Belgiens zu einem staatlichen Gebilde beschrieben, das ohne ein einheitliches ethnisches Nationalgefühl auskommen musste.
VI. Die Entwicklung des belgischen Konflikts: Dieser Abschnitt analysiert das Aufkommen der flämischen und wallonischen Bewegungen sowie die Etablierung von Sprachgesetzen zur Konflikteindämmung.
V. Der politische Konflikt 2007: Hier wird die akute politische Regierungskrise von 2007 als Ausdruck tiefsitzender historischer Ressentiments und wirtschaftlicher Diskrepanzen zwischen Flandern und Wallonien dargestellt.
VI. Fazit: Das Fazit resümiert, dass Belgien als Ergebnis machtpolitischer Interessen entstand und die interne Spaltung durch den Föderalismus und politische Blockaden eine ständige Herausforderung für den Fortbestand des Staates bleibt.
Schlüsselwörter
Belgien, Nation-Building, Nationalstaat, Flandern, Wallonien, Sprachkonflikt, Sprachgesetze, Föderalismus, Identität, politische Krise, Geschichte, Unabhängigkeit, 1830, Yves Leterme, Zentralismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Belgien als einen künstlich geschaffenen Nationalstaat und untersucht die historischen und soziopolitischen Ursachen für die anhaltenden Spannungen zwischen den Volksgruppen der Flamen und Wallonen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte Belgiens seit dem 19. Jahrhundert, die Theorie des Nation-Building, die Rolle der Sprache als Identitätsmerkmal sowie die Auswirkungen politischer Reformen auf die Stabilität des Landes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu ergründen, warum der im 19. Jahrhundert geschaffene belgische Staat trotz unterschiedlicher kultureller und sprachlicher Identitäten als Nationalstaat existiert und welche Faktoren heute seine Zerfallstendenzen begünstigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche und historische Analyse, die auf der Auswertung von Fachliteratur, offiziellen Dokumenten und zeitgenössischen Presseberichten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Herleitung der belgischen Unabhängigkeit, die theoretische Einordnung des Nationalstaatsbegriffs, die Analyse der flämischen und wallonischen Identitätsbewegungen sowie die Untersuchung der politischen Krise von 2007.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Nationalstaat, Flandern, Wallonien, Sprachkonflikt, Identität, Föderalismus und die spezifische belgische Krise, die sich in einer andauernden Regierungslosigkeit manifestiert.
Warum spielt der Wahlbezirk Brüssel-Halle-Vilvoorde eine so zentrale Rolle im Konflikt?
Der Streit um diesen Wahlbezirk symbolisiert den tiefen Konflikt um die sprachliche Vorherrschaft: Während flämische Parteien die Aufspaltung zur Sicherung ihrer kulturellen Identität fordern, sehen Frankophone darin eine Schwächung ihrer Minderheitenrechte.
Welche Rolle spielt der König in diesem politischen System?
Der Monarch fungiert historisch und symbolisch als das verbindende Element, das den zerstrittenen Staat zusammenhalten soll, auch wenn der tatsächliche politische Einfluss im Vergleich zu den zerstrittenen Parteien begrenzt ist.
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- Ludwig Späte (Author), 2009, Nation-Building am Beispiel von Belgien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137777