Es gibt viele Gründe für, aber auch einige Gründe gegen eine gemeinsame Unterbringung von Geschwistern. Um die Frage der gemeinsamen oder getrennten Fremdunterbringung von Geschwistern beantworten zu können, ist zunächst die Definition der Geschwisterbeziehung sowie die Darstellung verschiedener Beziehungstypen notwendig. Darüber hinaus soll erarbeitet werden, welche Auswirkungen Geschwisterkinder auf die psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe bei einer Fremdplatzierung haben können. Hierfür werden zuerst die Grundbedürfnisse nach Grawe erörtert. Auf dieser Grundlage setzt sich die Arbeit damit auseinander, welche Belastung und welche Ressourcen aus Geschwistern resultieren können und welche Belastung und welche Ressourcen sich aus der Fremdunterbringung ergeben können. Ziel der Hausarbeit ist es, sowohl Ressourcen als auch Belastungsaspekte, die durch Geschwister entstehen können, herauszuarbeiten. Zudem soll geklärt werden, in welchen Fällen eine gemeinsame oder eine getrennte Unterbringung sinnvoll ist.
Die Beziehung zu Geschwistern nimmt Einfluss auf das gesamte Leben. Beispielsweise wird sowohl die Paarbeziehung als auch das Konfliktverhalten eines Menschen durch frühere Beziehungserfahrungen mit seinen Geschwistern geprägt. Beim Allgemeinen Sozialdienst kommt man täglich mit Geschwisterkindern in Kontakt. Ein Großteil der zu betreuenden Familien hat mehr als ein Kind. Die Zahl der Geschwisterkinder, die gemeinsam oder getrennt in stationären Einrichtungen untergebracht werden, wird statistisch nicht erfasst. Fachkräfte müssen sich bei der Herausnahme von Geschwisterkindern aus der Herkunftsfamilie die Frage stellen, ob die Geschwister getrennt oder gemeinsam untergebracht werden sollen. Die Praxis erweckt den Anschein, dass viele Geschwisterkinder getrennt untergebracht werden, da Wohngruppen, Kinderhäuser oder Pflegefamilien nicht genügend Kapazitäten haben und dementsprechend nicht auf die Aufnahme von Geschwisterkindern vorbereitet sind. Bei der hier genannten Fremdunterbringung handelt es sich um eine Unterbringung im Sinne der Hilfen zur Erziehung. Die rechtliche Grundlage bietet § 27 iVm. § 33 oder § 34 SGB VIII.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschwisterbeziehung
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Typen
3. Psychische Grundbedürfnisse nach Grawe
4. Geschwister in der Fremdunterbringung
4.1 Belastung
4.2 Ressourcen
4.3 Konklusion
5. Fazit
6. Quellen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Geschwisterbeziehung auf Kinder in einer Fremdunterbringungssituation. Ziel ist es zu erarbeiten, welche Auswirkungen die Unterbringung auf die psychischen Grundbedürfnisse der Kinder hat und inwieweit die Beziehung zu Geschwistern dabei als Ressource oder Belastung fungieren kann, um Handlungsempfehlungen für die Praxis abzuleiten.
- Grundlagen und Definitionen der Geschwisterbeziehung
- Analyse psychischer Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe
- Untersuchung von Belastungsfaktoren bei Fremdunterbringung
- Identifikation von Geschwisterbeziehungen als psychologische Ressource
Auszug aus dem Buch
Geschwisterbeziehung
Menschen, die von denselben Eltern abstammen, bezeichnet man in der Regel als Geschwister. Differenziert wird hier zwischen leiblichen, also vollblütigen Geschwistern und Halb- bzw. halbblütigen Geschwistern. Weiterhin zählen auch minderjährig adoptierte Kinder zu Geschwistern (Vgl. Brockhaus 2008, S.823). Geschwisterbeziehungen sind gewöhnlich die längsten Beziehungen im Leben eines Menschen. Diese Art der Beziehung besteht naturgemäß, indem man in diese hineingeboren wird. Zudem kann die Beziehung nicht aufgelöst werden. Somit handelt es sich bei Geschwisterbeziehungen, genau wie bei Eltern-Kind-Beziehungen, um Primärbeziehungen.
Durch die frühe Entstehung und die sozial-emotionale Bedeutsamkeit, beeinflussen Geschwister alle künftigen Kontakte und Beziehungen sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext (vgl. Frick 2015, S.13). Eltern-Kind-Beziehungen und Geschwister-Geschwister-Beziehungen laufen parallel ab und sind gleichwertige Beziehungen. Geschwisterbeziehungen tragen als bedeutsame Sozialisationsfaktoren zur wesentlichen Persönlichkeitsentwicklung bei (vgl. Frick 2015, S.23). Geschwisterbeziehungen tragen entscheidend zur Identitätsentwicklung von Kindern bei. Für die sozial-emotionale Entwicklung eines Kindes sind die Grundfaktoren „Bindung“ und „Autonomie“ besonders signifikant. Die Geschwisterloyalität bildet einen bislang wenig beachteten Schutzfaktor, durch den ungünstige Elterneinflüsse gemildert werden können (vgl. Frick 2015, S.14).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt in das Thema Geschwister ein, beleuchtet die Relevanz der Thematik für Fachkräfte im Sozialdienst und definiert die Zielsetzung der Arbeit.
2. Geschwisterbeziehung: Hier werden Definitionen sowie verschiedene Typen und Konstellationen der Geschwisterkonstellation theoretisch fundiert dargestellt.
3. Psychische Grundbedürfnisse nach Grawe: Das Kapitel erläutert das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe, welche als diagnostischer Rahmen für die weiteren Analysen dienen.
4. Geschwister in der Fremdunterbringung: Dieser Teil untersucht spezifisch die Belastungen und Ressourcen, die aus dieser besonderen Lebenssituation für Geschwister resultieren, sowie eine abschließende konkludierende Einschätzung.
5. Fazit: Das Fazit stellt die wesentliche Erkenntnis heraus, dass jede Geschwisterbeziehung individuell betrachtet werden muss und eine pauschale Trennung in der Praxis zu vermeiden ist.
6. Quellen: Auflistung der verwendeten Literatur und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Geschwisterbeziehung, Fremdunterbringung, psychische Grundbedürfnisse, Bindung, Autonomie, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Geschwisterloyalität, Kindeswohl, Jugendhilfe, Resilienz, Traumatisierung, Sozialarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung der Geschwisterbeziehung bei einer Fremdunterbringung von Kindern und Jugendlichen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich auf die theoretischen Grundlagen von Geschwisterbeziehungen, die psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe und die Auswirkungen der Fremdunterbringung auf das Geschwistergefüge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welchen Einfluss Geschwister bei einer Fremdunterbringung aufeinander haben und inwieweit diese Beziehung als Ressource oder Belastung wirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Ausarbeitung, die auf Fachliteratur, psychologischen Theorien und sozialpädagogischen Konzepten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen zu Geschwisterbeziehungen spezifisch die psychosozialen Grundbedürfnisse analysiert und in den Kontext der Fremdunterbringung und deren Belastungs- sowie Ressourcenfaktoren gesetzt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Geschwisterbeziehung, Fremdunterbringung, psychische Grundbedürfnisse, Geschwisterloyalität und Kindeswohl.
Warum wird die Geschwisterbeziehung als Primärbeziehung bezeichnet?
Sie gilt als Primärbeziehung, da sie meist die längste Beziehung im Leben eines Menschen darstellt, eine natürliche Herkunft hat und nicht auflösbar ist.
Welche Rolle spielt das Konzept nach Klaus Grawe?
Das Konzept der psychischen Grundbedürfnisse nach Grawe dient als analytische Grundlage, um zu verstehen, wie soziale Interaktionen und die Umgebung das Wohlergehen der Kinder beeinflussen.
Was ist die zentrale Empfehlung für die Praxis der Fremdunterbringung?
Die Arbeit empfiehlt, den Einzelfall individuell zu betrachten und eine gemeinsame Unterbringung von Geschwistern bevorzugt anzustreben, um weitere Bindungsabbrüche zu verhindern.
- Arbeit zitieren
- Sophia Willwohl (Autor:in), 2021, Welchen Einfluss können Geschwister bei einer Fremdunterbringung aufeinander haben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1378057