Inwieweit unterstützt die Verfremdung von Märchen im Unterricht die Schüler:innen dabei gewohnte Darstellungs- und Bedeutungszusammenhänge aufzulösen und unterschiedliche Perspektiven einzunehmen?
"Es war einmal..." - bei einem solchen Anfang weiß man, ob jung oder alt, sofort um welche literarische Form es sich handelt. Die meisten Menschen kommen bereits in ihrer frühen Kindheit mit vorgelesenen Märchen in Berührung. Nun machen sich die Wenigsten jedoch tieferreichende Gedanken darüber, was Märchen eigentlich sind, wie man über das Vorlesen hinaus weiterarbeiten kann und wie sie vor allem Kinder auf dem Weg ihrer Entwicklung begleiten und unterstützen können. Aus diesen Grund will sich diese Hausarbeit mit diesen Fragen auseinander setzten.
Kinder lieben Märchen und sind häufig fasziniert von deren Zauberwelt. In der Tatsache, dass bei Kindern und Erwachsenen einen breite Märchenkenntnis und ein großes Interesse an Märchen vorliegt sind sich sowohl Befürworter als auch Kritiker des Märchens einig.
Bei einer Allensbach-Umfrage wurden Kinder nach 17 "allgemein bekannten" Märchen befragt. Laut der Umfrage hatten nur 2% der Befragten überhaupt keine Erinnerung an eines der 17 Märchen. Zudem erwies sich unter zehn dieser Märchen durchschnittlich weniger als eines pro Kind als unbekannt. Märchen spielen auch im Schulwesen eine bedeutende Rolle und sollen daher einen festen Platz im Unterricht einnehmen.
Doch mit dem Wandel des Lernverständnisses in der heutigen Pluralgesellschaft, steigen aber auch die Anforderungen an die Schulen und insbesondere an Lehrkräfte. Um die Schülerinnen und Schüler mit den notwendigen Kompetenzen auszustatten, ist es wichtig, unterschiedliche Lernangebote zu schaffen und die verschiedenen Lernvoraussetzungen zu fördern. Um den Schülerinnen und Schülern einen diversitätsbewussten, kritischen und autonomen Zugang zu ihrer Umwelt zu ermöglichen, gibt es in der Schulpädagogik bereits verschiedene didaktische Lerntheorien.
Ein didaktisches Prinzip, welches sich dessen annimmt ist die Didaktik der Verfremdung. Doch was genau ist unter diesem Prinzip zu verstehen? Welche Rolle übernehmen die Lehrkräfte in diesem Ansatz und wie lässt sich diese Didaktik der Verfremdung von Märchen in der Praxis im Unterrichtsgeschehen realisieren?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Märchen im Unterricht
2.1 Begriffserklärung Märchen
2.2 Märchen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule
3. Verfremdung als didaktisches Prinzip
4. Verfremdung im Unterricht am Beispiel des Märchens „Rapunzel“ /Darstellung einer Unterrichtseinheit zum Thema „Verfremdung von Märchen“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit die Verfremdung von Märchen im Grundschulunterricht dazu beitragen kann, gewohnte Sichtweisen auf literarische Stoffe aufzubrechen, festgefahrene Deutungsmuster zu lösen und Schüler:innen die Einnahme unterschiedlicher Perspektiven zu ermöglichen.
- Bedeutung und Funktion von Märchen im kindlichen Lernprozess.
- Konzeptualisierung der „Verfremdung“ als didaktisches Prinzip.
- Entwicklung und Planung einer Unterrichtseinheit am Beispiel des Märchens „Rapunzel“.
- Förderung von Kreativität und kritischem Denken durch aktives Umschreiben von Gattungstraditionen.
- Prozess- und produktorientiertes Arbeiten im Deutschunterricht der Primarstufe.
Auszug aus dem Buch
3. Verfremdung als didaktisches Prinzip
Seit dem 20. Jahrhunderts sind Märchen eine literarische Quelle, zu der nicht nur Nähe sondern auch Distanz gesucht wird. So werden Märchen in ihrer sozialen Normen und Rollen in Frage gestellt. Dabei wird beispielsweise auf karikierende Weise Distanz zu den Originaltexten der Volksmärchen hergestellt (vgl. Thiele 2004: 179). In den 1970er Jahren wurden die (vermeintlich) konservativen und ideologischen Märchen als Folge einer generellen Politisierung kritisch bewertet und von ihrer Originalform verfremdet. In Folge dessen wurde vor allem die Eindimensionalität und Flächigkeit der Figuren verändert. So wurden im bewussten Rollentausch oder in absichtsvollen Abänderungen vorgegebene Handlungsverläufe zentrale Märchenmerkmale missachtet (vgl. ebd.).
Auch traditionelle Geschlechterrollen und deren sozialen Festschreibungen wurden durch Parodie und Komik aufgelöst. Seit den 1980er und 1990er Jahren werden zudem Märchen in veränderter, aktualisierte Zeiten und Kontexte gebracht. So wurde beispielsweise das Märchen der Brüder Grimm „Die Bremer Stadtmusikanten“ auf die Gegenwart und auf die Entwicklung der Medienkultur von Jörg Müller und Jörg Steiner entfremdet (vgl. Thiele 2004: 180).
Durch die postmoderne und komplexe Art des Zitieren, Parodierend, Modifizieren und Dekonstruierens von Bekannten werden subjektive Lesarten herausgefordert, die das Erzählen von Märchen verändern dürfen (vgl. Blei-Hoch 2007: 150). Anders als bei der Parodie, die sich noch innerhalb der Merkmale und Strukturen von Märchen verorten lässt, kann durch die Verfremdung eine Auflösung des Genres, der Kernaussage und der Strukturen von Märchen stattfinden und das Märchen kann in veränderte, neue Kontexte, Genres und Strukturen gesetzt werden (vgl. Thiele 2004: 180).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die anhaltende Faszination von Märchen für Kinder und führt in die zentrale Fragestellung ein, wie das Prinzip der Verfremdung als didaktisches Werkzeug zur Förderung von Kompetenzen eingesetzt werden kann.
2. Märchen im Unterricht: Dieses Kapitel klärt den Begriff des Märchens und analysiert dessen pädagogischen Wert sowie die vielfältigen Möglichkeiten, Märchen als Unterrichtsgegenstand in der Grundschule zu nutzen.
3. Verfremdung als didaktisches Prinzip: Das Kapitel definiert den Verfremdungsbegriff und erläutert dessen Potential, durch Distanzierung und Perspektivwechsel festgefahrene Denkmuster bei Schüler:innen aufzubrechen.
4. Verfremdung im Unterricht am Beispiel des Märchens „Rapunzel“ /Darstellung einer Unterrichtseinheit zum Thema „Verfremdung von Märchen“: Hier wird eine konkrete Unterrichtsplanung skizziert, die zeigt, wie Lernende durch das kreative Umgeschreiben eines etablierten Märchens Kompetenzen im Bereich der Sprache und Textgestaltung erwerben.
5. Fazit: Das Fazit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Verfremdung als gezielte didaktische Strategie in den Schulalltag zu integrieren.
Schlüsselwörter
Märchen, Verfremdung, Grundschule, Literaturdidaktik, Perspektivwechsel, Kreatives Schreiben, Unterrichtsplanung, Rapunzel, Textgattung, Gattungsmerkmale, Identifikation, Distanzierung, Didaktik, Kompetenzerwerb, Volksmärchen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das didaktische Potenzial der Verfremdung von Märchen als Methode, um Schüler:innen in der Grundschule neue Zugänge zu literarischen Texten und kritischem Denken zu eröffnen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind die Gattung Märchen, Märchenpädagogik, die theoretischen Grundlagen der Verfremdung (basierend auf literaturtheoretischen Ansätzen) und die praktische Umsetzung in einem kompetenzorientierten Unterricht.
Welches wissenschaftliche Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass durch das Verfremden von Märchen gewohnte Darstellungs- und Bedeutungszusammenhänge aufgelöst werden können, was wiederum die Flexibilität im Denken und die Empathiefähigkeit der Schüler:innen fördert.
Welche methodischen Ansätze werden zur Verfremdung vorgeschlagen?
Der Autor favorisiert eine methodische Vorgehensweise, die auf den Schlüsselbegriffen Identifikation, Distanzierung und Darstellung aufbaut und den Einsatz von Bildkarten sowie Tippkarten zur Unterstützung des kreativen Schreibprozesses nutzt.
Welchen inhaltlichen Schwerpunkt legt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische fundierte Begriffsdefinition des Märchens und der Verfremdung sowie in eine detaillierte Unterrichtssequenz, die als konkretes Praxisbeispiel am Märchen „Rapunzel“ dient.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten durch die Spannungsfelder zwischen Tradierung und Innovation, das didaktische Prinzip der Verfremdung, die Schülerorientierung und das kreative Schreiben beschreiben.
Wie genau soll das Märchen „Rapunzel“ praktisch verfremdet werden?
Die Planung sieht vor, dass Lernende ab einer definierten Ausgangssituation im Turm ein neues, eigenes Ende verfassen, wobei sie sich an kreativen Anpassungen von Figuren, Zeiten oder Handlungsweisen orientieren.
Warum ist die Unterscheidung zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen für das didaktische Konzept wichtig?
Die Unterscheidung ist deshalb entscheidend, weil Volksmärchen ihre spezifische Eindimensionalität besitzen, die durch Verfremdung gezielt aufgebrochen werden kann, um neue Bedeutungsebenen zu generieren.
Welche Rolle spielt die „Zwischenreflexion“ in der Unterrichtsplanung?
Sie dient dazu, den Lernprozess prozessorientiert zu begleiten, Schwierigkeiten bei der Neugestaltung des Märchenendes zu benennen und gegenseitige Inspiration innerhalb der heterogenen Kleingruppen zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Verfremdung von Märchen im Unterricht. Auflösung von gewohnten Darstellungs- und Bedeutungszusammenhängen und unterschiedliche Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1378096