Massentheoretische Modelle im Vergleich

Sichtweisen von Le Bon, Freud, Ortega y Gasset und Canetti


Hausarbeit, 2008
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Massen in der Geschichte
1.2 Forschungen und Theorien über Massenphänomene
1.3 Fragestellung und Vorgehensweise

2 Darstellung der ausgewählten theoretischen Texte
2.1 Le Bon: Psychologie der Massen (1895)
2.2 Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921)
2.3 Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen (1930)
2.4 Canetti: Masse und Macht (1960)

3 Gegenüberstellung ausgewählter Aspekte
3.1 Das Individuum in der Masse
3.2 Masse und Führer
3.3 Die Rolle der Religion

4 Fazit und Ausblick

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Massen in der Geschichte

Massen spielen spätestens seit dem 19. Jahrhundert als gesellschaftlicher und damit politisch relevanter Faktor in unserer Geschichte eine bedeutende Rolle. Sie können sowohl die Macht eines Herrschers festigen als auch innerhalb kurzer Zeit Herrschaftsverhältnisse gewaltsam verändern. Unberechenbarkeit im Verhalten von Massen machen sie für Machthaber gefährlich und unverzichtbar zugleich. Seit jeher versuchen die Mächtigen die Massen zu lenken und nach ihrem Willen zu beeinflussen, entsprechend der Erkenntnis: „Gegen die Überzeugungen der Masse streitet man ebenso wenig wie gegen Zyklone.“[1]

Neben den häufig beschriebenen negativen Aspekten der Verhaltensweisen von Massen gibt es auch zahlreiche positive Elemente. Das Massenereignis wird vom Einzelnen häufig sehr positiv und geradezu lustvoll erlebt. Als Teil einer Masse fühlt er sich unbesiegbar und erlebt ein Gefühl von Freiheit und Macht, das ihm erlaubt Dinge zu tun, die er alleine kaum wagen würde. Religiöse Massenerlebnisse (Lourdes, Mekka) und Rituale werden vom Individuum ebenso positiv empfunden wie die Teilnahme am Woodstock Flowerpower Revival 1969 oder am Rolling-Stones-Konzert in Altamont, USA 1964 mit jeweils mehr als 100.000 euphorischen Teilnehmern.

Im heutigen 21. Jahrhundert, in dem Massenproduktion und Massenkonsum unsere westliche Gesellschaft alltäglich bestimmen, gehört die Masse zur Normalität. Massenerlebnisse werden in riesigen Sportstadien oder bei großen Rockkonzerten zu manipulierbaren Konsum-Events. Kommunikation und öffentliche Meinung sind durch Massenmedien aller Art geprägt, was die Beeinflussung breiter Bevölkerungsteile erleichtert. Nach wie vor üben Massenereignisse eine magische Wirkung aus, auf die wir nicht verzichten möchten. Ob heute bei großen Sportveranstaltungen, Karnevalsumzügen, Demonstrationen, kommerziellen „Events“ oder früher bei Hinrichtungen, Prozessionen, Militär-Aufmärschen oder politischen Kundgebungen: Teil einer Masse zu sein und sich in einen als angenehm empfundenen hypnotischen Rauschzustand versetzen zu lassen, hat nichts von seiner Anziehungskraft auf den Menschen verloren.

1.2 Forschungen und Theorien über Massenphänomene

Der Begriff „Masse“ scheint auf den ersten Blick keine besondere Definition zu benötigen, wird allerdings je nach Kontext unterschiedlich verwendet. Eine allgemeine Definition lautet:

„Masse bezeichnet einmal eine überschaubare, aber nicht gegliederte Menge (Ansammlung) von Menschen in gemeinsamer Aktion; zum zweiten meint man damit einen großen Bevölkerungsanteil, der sich im Denken und Entscheiden gleichförmig verhält. Weiter wird das Wort Masse im gesellschaft-swissenschaftlichen Bereich für die große Mehrheit einer Gesellschaft gesetzt, die sich an die vorherrschenden Normen hält.“[2]

Massenphänomene treten zuallererst dort auf, wo sich Massen physikalisch überhaupt erstmals bilden können: In den durch das Bevölkerungswachstum entstandenen europäischen Städten im 17. Jahrhundert. Eine weitere wichtige Voraussetzung für das Ansteigen der Zahl von Massenphänomenen steht im Zusammenhang mit der Einführung von Zeitungen im 19. Jahrhundert und des Hörfunks im 20. Jahrhundert. Die Verbreitung dieser Massenmedien bot zunehmend Möglichkeiten zur Beeinflussung der Masse.

Die Entwicklung von Theorien über Massenphänomene beginnt folglich als Reaktion auf entsprechende historische Ereignisse, bezeichnend die Revolutionen von 1789 und 1848. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wird politisch und kulturell ein wachsender Teil der Bevölkerung in der Gesellschaft sichtbar. Insbesondere die Arbeiterbewegungen und der Marxismus tragen zum Entstehen von „organisierter Masse“[3] bei. Im Laufe der Forschungen entsteht in der Individualpsychologie das ergänzende Teilgebiet der Massenpsychologie, in der die besonderen Gesetzmäßigkeiten im Verhalten, Handeln und Fühlen der Massen untersucht werden.

1.3 Fragestellung und Vorgehensweise

Diese Hausarbeit entstand als Weiterführung eines Seminars über Massenrituale von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart. Für die theoretische Einordnung der historischen Ereignisse wurde mit den Ansichten von Gustave Le Bon, José Ortega y Gasset und Elias Canetti gearbeitet.

Ich möchte in dieser Arbeit einen Überblick über die unterschiedlichen Theorien der Autoren zu Massenphänomenen erarbeiten und sie anschließend anhand einiger ausgewählter Gesichtspunkte gegenüberstellen. Durch die Ergänzung der ursprünglichen Autorenauswahl mit Sigmund Freuds psychoanalytischer Sichtweise ergeben sich zusätzliche Erkenntnisse.

Im Hauptteil stelle ich chronologisch nach Erscheinen zunächst das massentheoretische Werk des jeweiligen Autors vor. Darauf folgt eine Gegenüberstellung einiger interessanter Aspekte, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Theorien aufzuzeigen. Die Hausarbeit endet mit einem Fazit und Ausblick.

2 Darstellung der ausgewählten theoretischen Texte

2.1 Le Bon: Psychologie der Massen (1895)

Das Buch „Psychologie der Massen“ des französischen Soziologen, Psychologen und Arztes Gustave Le Bon aus dem Jahre 1895 gilt als Grundstein für die Beschäftigung mit Massenphänomenen. Wegen seiner Ausführungen zur „Massenseele“[4] ist Le Bon allgemein als Begründer der Massenpsychologie anerkannt. Beeinflusst durch die historischen Ereignisse der Französischen Revolution, der Jakobinerherrschaft und Napoléon untersucht Le Bon methodisch den Charakter und die Eigenschaften der Masse. In der Einleitung seines Textes warnt Le Bon vor dem „Zeitalter der Massen“[5], in dem die „blinde Macht der Masse“[6] die gegenwärtige Kultur und Gesellschaft zerstören werde.

Der erste Teil des Buches erläutert die laut Le Bon gesetzmäßige seelische Einheit der Masse, die das Entstehen der „Massenseele“ begründet. Eine psychologische Masse ist für Le Bon nicht nur Summe oder Durchschnitt der einzelnen Individuen, sondern es entsteht eine Gemeinschaftsseele mit gänzlich neuen Eigenschaften.[7] Er beschreibt diesen Vorgang wie folgt: „Die bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert.“[8]

Die Massenseele bewirkt beim Einzelnen, dass dieser „in ganz andrer Weise fühlen, denken und handeln, als jeder von ihnen für sich fühlen, denken und handeln würde.“[9]

Le Bon vermutet, dass die Charaktereigenschaften der Massenseele vom unbewussten Seelenleben beherrscht werden, welches den Gegenpart zum bewussten Geistesleben bildet. Die unbewussten Eigenschaften der Einzelnen sind in der gemeinsamen „Rassenseele“ ähnlich ausgeprägt und bilden so die kollektive Grundlage in der Masse. Diese „Vergemeinschaftlichung“ erklärt auch, warum die Masse keine Kritikfähigkeit und besondere Intelligenz besitzt, da diese hauptsächlich vom bewussten Geistesleben gesteuert werden.[10]

Die Ursachen für dieses „Auftreten besonderer Charaktereigentümlichkeiten“ sieht Le Bon einerseits im real gesteigerten Machtgefühl des Einzelnen in der Masse, als auch im Wirken geistiger Übertragung, durch die sich Gefühle und Handlungen auf hypnotische Art in der Masse verbreiten. Allgemein sind Massen durch eine hohe Suggestibilität gekennzeichnet, die Le Bon auf diesen hypnotischen Zustand zurückführt.[11] In dieser Situation ist die Masse ein „Automat“[12] ohne eigenen Willen, der nur „Spielball aller äußeren Reize“[13] ist.

Ebenso ist die Masse leichtgläubig und beeinflussbar, weil die Logik der Vernunft nicht wirkt und nichts für sie unwahrscheinlich ist.[14] Die Masse kennt „nur einfache und übertriebene Gefühle, Meinungen, Ideen, Glaubenssätze und lässt keinerlei Zweifel zu, weil es für sie nur unbedingte Wahrheiten oder Irrtümer gibt.[15] Le Bon weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass viele der besonderen Eigenschaften der Masse – Triebhaftigkeit, Reizbarkeit, Unfähigkeit zum logischen Denken, Mangel an Urteil und kritischem Geist – ebenfalls bei primitiven Wilden und Kindern zu beobachten sind.[16]

Le Bon beschreibt die Masse allerdings nicht nur negativ und von Zerstörungstrieben angetrieben, sondern er spricht ihr anhand historischer Beispiele auch die Fähigkeit zu, eine besondere Sittlichkeit – etwa in Form von Ergebenheit, Uneigennützigkeit oder auch Selbstaufopferung – zu entwickeln.
Die Masse wird also nicht ausschließlich von niederen Instinkten beherrscht, sondern es kann im Gegenteil sogar zu einer „Versittlichung“ des Einzelnen durch die strengen moralischen Grundsätze der Masse kommen. Le Bon ergänzt dazu, dass die Masse gerade im Krieg eher Opfer als Täter ist. Der Einzelne zieht keinerlei persönlichen Nutzen aus dem Krieg und opfert sich dennoch in der Masse für ihren Führer, ihr Vaterland, ihren Glauben oder für eine andere Idee.[17]

[...]


[1] Gustave Le Bon: Psychologie der Massen. Stuttgart 1968. [1895], S. 135.

[2] Sociolexikon: Masse. <http://www.sociologicus.de/lexikon> [Abruf vom 28.02.2008].

[3] Le Bon: Psychologie der Massen, S. 10.

[4] Le Bon: Psychologie der Massen, S. 9.

[5] Ebd., S. 1.

[6] Ebd., S. 5.

[7] Ebd., S. 12-13.

[8] Ebd., S. 10.

[9] Le Bon: Psychologie der Massen, S. 13.

[10] Ebd., S. 14-15.

[11] Ebd., S. 15-16.

[12] Ebd., S. 17.

[13] Ebd., S. 19.

[14] Ebd., S. 22.

[15] Ebd., S. 33.

[16] Ebd., S. 19.

[17] Le Bon: Psychologie der Massen, S. 35-37.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Massentheoretische Modelle im Vergleich
Untertitel
Sichtweisen von Le Bon, Freud, Ortega y Gasset und Canetti
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Massenrituale
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
21
Katalognummer
V137810
ISBN (eBook)
9783640464197
ISBN (Buch)
9783640461363
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Masse, Massenkultur, Massenseele, Massenphänomen, Massenpsychologie, Massentheorie
Arbeit zitieren
Marie Schrader (Autor), 2008, Massentheoretische Modelle im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137810

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