Söhne ohne Väter

Kindheit und Älterwerden der Kriegsgeneration


Hausarbeit, 2006
20 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Allgemeine Situation im Nachkriegsdeutschland
1.2 Methode und Vorgehensweise

2 Entwicklungspsychologische Funktionen
2.1 Rolle des Vaters und Folgen der Vaterlosigkeit
2.2 Rolle der Mutter bei fehlendem Vater

3 Kindheit ohne Vater in der Nachkriegszeit
3.1 Zahlen und Situation der betroffenen Familien
3.2 Erziehung durch die Mütter
3.3 Ersatzväter – Vater-Ersatz?
3.4 Vorbilder und Helden
3.5 Erinnerungen an den Vater

4 Die Söhne von damals – heute
4.1 „Im Alter rückt die Kindheit wieder näher.“
4.2 Eigenschaften, Kompetenzen, Charakterzüge
4.3 Umgang mit dem eigenen Körper
4.4 Ablösung von der Mutter
4.5 Beruf und Karriere

5 Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Allgemeine Situation im Nachkriegsdeutschland

Krieg ist Männersache - die Abwesenheit von Vätern in Kriegs- und Nachkriegszeiten somit eine erschreckende Selbstverständlichkeit.[1]

Zwei Weltkriege innerhalb weniger Jahrzehnte hat Deutschland erlebt und „kriegsbedingte Vaterlosigkeit“[2] ist die Folge. Zwei Generationen wurden von meist recht jungen und häufig überforderten Müttern aufgezogen, die selbst die Schrecken des Krieges nicht richtig verarbeiten konnten.[3]

Der 2. Weltkrieg hat nicht nur Häuser und Straßen, sondern auch unzählige Familien zerstört. Ohne einen Mann als Familienoberhaupt mussten die Frauen ungewollt die Rolle des Ernährers einnehmen, und besonders den Söhnen fehlte in ihrer Entwicklung eine männliche Identifikationsfigur.[4]

Der Aufbau des zerstörten Landes und der Infrastrukturen ließ nicht viel Aufmerksamkeit für die Kleinsten übrig. Die Mütter waren froh, wenn sich ihre Kinder anständig verhielten und nicht noch zusätzliche Arbeit und Ärger machten. So waren die Kinder weitgehend auf sich allein gestellt und wurden schon früh selbstständig. Von ihnen wurde erwartet, dass auch sie zum täglichen Überleben etwas beitrugen und mitarbeiteten.[5] Das „oberste(s) Bestreben war, sich und die Kinder satt zu bekommen.“[6]

Jedoch darf man nicht davon ausgehen, dass alle Kinder dieser Generationen dasselbe Schicksal erlitten. Im Bezug auf die hier betrachtete Vaterlosigkeit kann man grob drei Gruppen unterscheiden:

Rund 45% der Kinder waren kaum beeinträchtigt und lebten in stabilen familiären, sozialen, materiellen und wohnlichen Verhältnissen. Weitere 25-30% der Kinder wuchsen zeitweise ohne Vater und unter zeitweilig eingeschränkten Lebensbedingungen auf. In der dritten Gruppe jedoch wuchsen 25-30% der Kinder lang anhaltend oder dauernd ohne Vater und meist auch unter zugleich langfristig beschädigten Lebensumständen auf.[7]

Die Lage vieler Familien im Nachkriegsdeutschland wurde außerdem von zwei Faktoren bestimmt: Hunger und Wohnungsnot.

Millionen Deutsche waren bis in die 50er Jahre hinein unterernährt und besonders die Kinder zeigten in der Folge körperliche Fehlentwicklungen.[8] Eine weitere psychische Belastung für die Familien stellte die allgemeine Wohnungsnot dar. In allen deutschen Städten fehlte infolge der Bombardierungen ausreichender Wohnraum, so dass meist mehrere sich fremde Familien auf engstem Raum zusammenleben mussten:[9] „zufällig-zwangsweise waren da plötzlich viele neue Gesichter“[10]. Besonders Flüchtlinge und Vertriebene, die ihren gesamten Hausrat verloren hatten, waren stark betroffen.

Es ist deutlich, dass die Vaterlosigkeit bei diesem betroffenen Teil der Kinder nicht die einzige Beeinträchtigung war. Denn zu den Kriegsfolgen wie Flucht und Vertreibung, Bombardierungen und direkten Gewalterfahrungen kamen Erkrankungen und Behinderungen sowie Tod von anderen Familienmitgliedern und Freunden. Bei vielen Kindern dürften sich diese Faktoren kumuliert haben, in der Stadt allerdings im stärkeren Maße als auf dem Land, weil Wohnungsnot und Hunger dort nicht so ausgeprägt waren.[11]

1.2 Methode und Vorgehensweise

Diese Hausarbeit entstand als Weiterführung eines Referats zu Ausschnitten des Buches „Söhne ohne Väter. Erfahrungen der Kriegsgeneration“. Die drei Autoren Hermann Schulz (Romanautor), Hartmut Radebold (Psychoanalytiker) und Jürgen Reulecke (Historiker) haben sich in diesem Buch erstmals der Entwicklung von Söhnen gewidmet, die nach dem 2. Weltkrieg ohne Vater aufgewachsen sind. Sie kommen zu dem Schluss, dass die „kriegsbedingte Vaterlosigkeit“ das Leben der Betroffenen nachhaltig beeinflusst hat und deren Biographien Gemeinsamkeiten erkennen lassen.

Ausgehend von diesem Buch habe ich weitere Literatur bearbeitet, die sich mit dem Thema Kindheit ohne Vater in der Nachkriegszeit und den spezifischen Folgen der Vaterlosigkeit beschäftigt.

Der erste Teil der folgenden Arbeit beschäftigt sich mit der Funktion des Vaters aus Sicht der Entwicklungspsychologie und speziell der Psychoanalyse. Die Rolle des Vaters und der Mutter für die Sozialisation und psychische Entwicklung der Söhne wird kurz dargestellt.

Der zweite Teil schildert die Kindheit und die Lebenssituation in der Nachkriegszeit. Die vorherrschende Rolle der Mutter und der so genannten „Ersatzväter“ wird dargestellt. Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang außerdem die Helden aus Kinder- und Abenteuerbüchern wie z.B. von Karl May und Mark Twain.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit den Folgen der speziellen Sozialisation. Was wurde aus den Söhnen ohne Väter? Lassen sich Gemeinsamkeiten in ihren Werdegängen sowie spezielle Eigenschaften und Charakterzüge erkennen, die sich mit der Vaterlosigkeit in Verbindung bringen lassen? Und wenn ja, welche? Und warum beschäftigen sich die Betroffenen gerade jetzt mit ihrer Kriegs- und Nachkriegskindheit?

2 Entwicklungspsychologische Funktionen

2.1 Rolle des Vaters

Der Vater ist in der kindlichen Entwicklung von zentraler psychologischer Bedeutung und er repräsentiert das erste Modell „Mann“, welches das Kind kennen lernt.[12] Es ist hierbei wichtig, in welchem Alter sich die Vaterlosigkeit einstellt. Fehlt der Vater in den entwicklungssensiblen ersten drei Lebensjahren, hat das meist weiterreichendere Folgen, als wenn der Vater erst in der frühen Kindheit oder sogar erst in der Adoleszenzzeit die Familie verlässt.

Als erste Beziehung nach der Geburt bildet sich grundsätzlich die so genannte Mutter-Kind-Dyade. Neben der Mutter spielt der Vater dann aber schon im ersten Lebensjahr des Kindes als Dritter in der so genannten Triangulierung eine sehr wichtige Rolle. Triangulierung bedeutet, dass aus dem sich selbst als ungeschlechtlich empfindendem Kind ein Mensch mit gesicherter Geschlechtsidentität wird.[13] Fehlt eine männliche Bezugsperson, „wird die Mutter allein zum Maßstab und Modell für die Entwicklung von Geschlechtsidentität.“[14] In der Folge zeigen die vaterlos aufgewachsenen Jungen häufig mehr „weibliche Verhaltensweisen“, ihnen fehlt eine eigene gefühlte „männliche Identität“[15]. Dies ist darauf zurückzuführen, dass im Alltag der männliche Körper, die männliche Stimme, männliche Interaktionsformen usw. fehlen und somit den Kindern, und auch noch dem späteren Erwachsenen, bis zu einem gewissen Grad fremd bleiben.[16]

Im Laufe der Adoleszenz richtet sich das Kind nicht mehr nur nach den gewünschten sozialen Werten und Normen, sondern versucht einen eigenen Werte-Rahmen zu finden. Der Vater ist für den Sohn dabei eine besonders wichtige Person, an der er seine Aggressionen erproben kann, Grenzen auslotet und lernt, Konkurrenz zu ertragen. Väter haben dabei die schwierige Aufgabe, liebevoll und beschützend, aber auch stark und konsequent mit ihren Söhnen umzugehen. Idealtypisch steht der Vater dem Sohn als ein erlernbares Modell „Mann“ zur Verfügung – nicht nur in der Pubertät, sondern während seines gesamten Lebens.[17]

Im weiteren Lebensverlauf ist der Vater dem Sohn immer ca. 25 bis 30 Jahre voraus und bietet ihm ein vorgelebtes Beispiel, wie sich das Leben entwickeln und wie man mit Problemen umgehen kann. Der Vater zeigt dem Sohn Möglichkeiten auf, wie man sich in wichtigen Lebensabschnitten verhalten kann. Das muss nicht unbedingt als positives Vorbild geschehen, aber eben als eine realistische Vorstellung überhaupt. Dieses „vorgelebte Männer-Bild“ fehlt einem vaterlos aufgewachsenen Sohn.[18] Die „Abwesenheit des Vaters hat häufig Idealisierung, manchmal aber auch eine massive Entwertung des Vaterbildes zur Folge.“[19] Direkte Folgen sind zudem eine „erschwerte und verzögerte Loslösung und Individuation“[20] von der Mutter.

Im weiteren Lebensverlauf sehen sich die vaterlos aufgewachsenen Söhne vor Probleme gestellt, wenn sie selbst eine Familie gründen möchten. Häufig wissen sie nicht, wie sie sich in der Rolle des Vaters zu verhalten haben.[21] Folge ist eine große Unsicherheit im Umgang mit den eigenen Kindern aufgrund der fehlenden Erfahrungen.[22]

[...]


[1] Michael Bode, Christian Wolf: Still-Leben mit Vater. Zur Abwesenheit von Vätern in der Familie. Hamburg 1995, S. 36.

[2] Hermann Schulz, Hartmut Radebold, Jürgen Reule>

[3] Ebd., S. 133.

[4] Ebd., S. 151.

[5] Ulf Preuss-Lausitz, Helga Zeiher, Dieter Geulen: Was wir unter Sozialisationsgeschichte verstehen. In: Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. 3. Aufl. Weinheim und Basel 1991, S. 21.

[6] Yvonne Schütze, Dieter Geulen: Die „Nachkriegskinder“ und die „Konsumkinder“: Kindheitsverläufe zweier Generationen. In: Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Kriegskinder, Konsumkinder, Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. 3. Aufl. Weinheim und Basel 1991, S. 35.

[7] Schulz/Radebold/Reule>

[8] Sabine Bode: Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen. München 2005, S. 58.

[9] Merith Niehuss: Kontinuität und Wandel der Familie in den 50er Jahren. In: Axel Schildt, Arnold Sywottek (Hrsg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre. Bonn 1993, S. 321-322.

[10] Ulf Preuss-Lausitz: Vom gepanzerten zum sinnstiftenden Körper. In: Ulf Preuss-Lausitz (Hrsg.): Kriegskinder. Konsumkinder. Krisenkinder. Zur Sozialisationsgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg. 3. Aufl. Weinheim und Basel 1991, S. 92.

[11] Schulz/Radebold/Reule>

[12] Schulz/Radebold/Reule>

[13] Lothar Schon: Sehnsucht nach dem Vater ... Die Bedeutung des Vaters und der Vaterlosigkeit in den ersten drei Lebensjahren. In: Kornelia Steinhardt, Wilfried Datler, Johannes Gstach (Hrsg.): Die Bedeutung des Vaters in der frühen Kindheit. Gießen 2002, S. 20.

[14] Ebd., S. 23.

[15] Guy Corneau: Abwesende Väter – Verlorene Söhne. Die Suche nach der männlichen Identität. Solothurn und Düsseldorf 1993, S. 11-12.

[16] Schon: Sehnsucht nach dem Vater, S. 23.

[17] Schulz/Radebold/Reule>

[18] Ebd., S. 124-126.

[19] Schon: Sehnsucht nach dem Vater, S. 26.

[20] Ebd., S. 26.

[21] Ebd., S. 27.

[22] Schulz/Radebold/Reulecke: Söhne ohne Väter, S. 139.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Söhne ohne Väter
Untertitel
Kindheit und Älterwerden der Kriegsgeneration
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Geschichts- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Die 50er Jahre. Als wir wurden, wer wir sind.
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V137812
ISBN (eBook)
9783640464210
ISBN (Buch)
9783640461387
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nachkriegszeit, Kriegskinder, Vaterlosigkeit, Kriegstraume, Kriegswaisen, Waisenkinder, Weltkrieg
Arbeit zitieren
Marie Schrader (Autor), 2006, Söhne ohne Väter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137812

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