Der Dictatus Papae


Hausarbeit, 2003

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hildebrand - Gregor .

2. Der Dictatus Papae
2 .1 . Herkunft, Inhalt und Resonanz des Dictatus Papae
2 .2 . Befolgung, Verschärfung und Bruch der Tradition
2 .3 . Einordnung in den historischen Kontext und die Forschungsdebatte

3. Der Dictatus Papae als „Regierungsprogramm" Gregors

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Hausarbeit hat den Dictatus Papae Gregors VII. zum Thema, der zugleich auch die wich-tigste Quelle dieser Arbeit darstellt . Um den Dictatus Papae zu verstehen, kommt man nicht umhin, auch die Gestalt Hildebrands/Gregors VII. zu beleuchten . Deshalb betrachten wir zunächst den Werdegang Gregors, seinen Pontifikat sowie seine Persönlichkeit und sein Den-ken. Hierbei ziehen wir vor allem die neueren biografischen Werke Blumenthals und Cowdreys heran . Mit Gregors historischer GröBe beschäftigt sich Schieffer in einem Aufsatz, während wir uns fiir die Darstellung der Persönlichkeit Gregors hauptsächlich auf Goez stiit-zen .

Mit diesem Wissen im Hintergrund gehen wir im Kapitel 2 .1 . näher auf die Herkunft, den Inhalt und die Resonanz des Dictatus Papae ein . Dabei griinden wir unsere Darstellung vor allem auf Hoffmann, der sich mit der Echtheit und Herkunft des Registers Gregors auseinan-dersetzte, und auf einen allgemeinen Artikel Mordeks zum Dictatus Papae. Fiir eine Kategorisie-rung der Dictatus-Paragrafen verwenden wir Hofmanns rechtsgeschichtliche Erklärung der Sätze . Bei der Frage nach der Resonanz des Dictatus Papae sind wir auf Gilchrist und einen Aufsatz Schieffers iiber die Verbreitung von Rechtstexten im Mittelalter angewiesen . Dies fiihrt uns im Abschnitt 2 .2 . zu der Frage, auf welchen Traditionen der Dictatus Papae griindete und wie Gregor dieses Herkommen in seinem Sinne behandelte, wobei Hofmanns Werk zur rechtsgeschichtlichen Erklärung des Dictatus Papae und Fuhrmanns Aufsätze unsere Grundlage bilden . AnschlieBend sollen in einem dritten Unterpunkt die wichtigsten Einordnungsversuche Hofmanns und Koebners fiir die „27 päpstlichen Leitsätze" umrissen und knapp diskutiert werden, indem wir ihren Vorschlägen Fuhrmanns und Cowdreys Kritik gegeniiberstellen .

Im dritten Teil untersuchen wir die Frage, ob Gregor mit dem Dictatus Papae wirklich ein Re-gierungsprogramm aufstellte, wie Tellenbach und Schneider zu erkennen glaubten . Zur Uber-priifung ziehen wir Meulenberg, der diese Frage ebenfalls streifte, und Nitschke, der den Zu-sammenhang von Glauben und politischem Handeln bei Gregor betrachtete, heran .

1. Hildebrand - Gregor VII.

Auch wenn Hildebrand, der spätere Gregor VII ., einer der bekanntesten Päpste war und ist, so weiB man iiber sein Leben vor dem Beginn seines Pontifikats nur sehr wenig, da er in sei-nen Briefen auf seine Kindheit und Jugend fast gar nicht einging und auch seine Familie nie erwähnte .1

Geboren wurde Hildebrand um 1020/25 in der siidlichen Toskana . Sein Geburtsort ist unge-wiss, möglicherweise handelt es sich um Sovana . Da sich Hildebrand iiber seine Familie nicht äuBerte, kann man nur feststellen, dass er nicht der Oberschicht entstammte . Schon friih kam er nach Rom und wuchs dort in einer religiösen Gemeinschaft auf.2 Seine Erziehung empfing er wahrscheinlich im domus S. Petri oder im Lateran durch Lehrer wie Theophylakt (Benedikt IX.), Johannes Gratian von S . Giovanni a Porta Latina (Gregor VI .) und den exilierten Erzbi-schof Laurentius von Amalfi. Ende Dezember 1046 oder Anfang Januar 1047 begleitete Hil­debrand Gregor VI ., den Heinrich III. am 20 . Dezember in Sutri abgesetzt hatte, ins Exil nach Köln. Vor diesem Zeitpunkt weihte ihn Gregor VI . noch zum Kapellan . In Köln lebte Hilde­brand im dortigen Erzstift, das als eines der beriihmtesten und strengsten im Reich galt, nach den Regeln eines Kanonikers .

Anfang 1049 kehrte Hildebrand mit Leo IX. (1049-1054) nach Rom zuriick, in dessen Umge-bung er keine fiihrende Rolle spielte, aber durchaus die Wertschätzung Leos genoss . 1050 ernannte Leo IX. Hildebrand zum Rektor des Klosters S . Paolo fuori le mura und zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt weihte ihn der Papst zum Subdiakon . Leo IX. verlieh Hildebrand den speziell fiir ihn geschaffenen Titel des Kardinal-Subdiakons . Im April/Mai 1054 hielt er als päpstlicher Legat ein Konzil in Tours ab . Noch im selben Jahr weilte er von Oktober/November 1054 bis März 1055 am kaiserlichen Hof in Deutschland, um zusammen mit Bonifaz von Albano und Humbert von Silva Candida die Nachfolge Leos zu regeln, der am 19 . April 1054 verstorben war .3 Unter Leos Nachfolger Viktor II . (1055-1057) wurde Hil­debrand Leiter der päpstlichen Kanzlei . In den Pontifikat Viktors fällt auch Hildebrands zwei-te Legation nach Frankreich 1056 . Ende des folgenden Jahres reiste er wieder als Legat nach Deutschland. Zwischen dem 29 . März 1058, dem Tode Papst Stephans IX., und dem 24 . Ja-nuar 1059, der Inthronisation Papst Nikolaus II ., wurde Hildebrand zum Archidiakon ge-weiht .4 Unter Nikolaus II . nahm Hildebrand im April 1059 an der Lateransynode teil, die das Papstwahldekret verabschiedete, und leitete nach Nikolaus' Tod die Verhandlungen zwischen den Kardinälen und den römischen Adelsparteien um die Wahl und Inthronisation Alexanders II . (1061-1073) . Unter diesem gewann Hildebrand immens an Einfluss, da er als Stellvertreter Alexanders in Rom fungierte, wo Alexander sich nur einen Teil des Jahres aufhielt. War Ale- xander in Rom anwesend nahm Hildebrand eine Schliisselstellung im Papstgefolge ein . Am 21 . April 1073 starb Alexander II . Bei seiner Beerdigung am nächsten Tag erhob die Menge Hil­debrand in tumultartiger Weise zum Papst - zwar unter Missachtung des Papstwahldekrets, aber nach damaligem Verständnis durch den Heiligen Geist dazu inspiriert . Seine Priesterwei-he erhielt Hildebrand am 22 . Mai 1073 und wurde am 30 . Juni 1073 als Gregor VII. zum Papst geweiht .5

Gregors Pontifikat war dadurch geprägt, dass er aus seiner Wahl die Pflicht ableitete, die per-sönliche Verantwortung fiir das Seelenheil aller Christen zu tragen, was unter anderem sein verstärktes Eingreifen in den weltlichen Bereich verständlich macht, da ein schlechter Herr-scher auch das Seelenheil seiner Untergebenen gefährdete und Gregor sich auch fiir das See-lenheil der Herrscher verantwortlich fiihlte . Dies macht deutlich, dass Gregor kein politischer, sondern eher ein religiös motivierter Papst war, der aufgrund seiner Wahl durch den Heiligen Geist mit einem starken Sendungsbewusstsein ausgestattet war.6 Weiterhin standen die Fort-fiihrung der Kirchenreform, die Verwirklichung des römischen Primats und vor allem die Auseinandersetzung mit dem deutschen König im Mittelpunkt des Pontifikats Gregors .

Im Zuge des Konflikts mit Heinrich IV. bannte Gregor diesen in beispielloser Weise auf der Fastensynode 1076 und ein zweites Mal auf der Herbstsynode 1080 . Nachdem aber Anfang 1084 die Römer und 13 Kardinäle von Gregor abgefallen waren, konnte Heinrich IV. in Rom einziehen, das er vorher vergebens versucht hatte zu erobern . Auf einer Synode in Rom wähl-te man den 1080 in Brixen nominierten Erzbischof Wibert von Ravenna zum Gegenpapst . Gregor, der sich auf die Engelsburg zuriickgezogen hatte, wurde von den Normannen unter Robert Guiscard befreit, die allerdings so schwere Verwiistungen anrichteten, das Gregor mit ihnen nach Salerno ins Exil fliehen musste, wo er am 25 . Mai 1085 verstarb .7

Da Gregor seit Leo IX. unter den Reformpäpsten gedient hatte, fiihrte er deren Kirchenpoli-tik zunächst fort, indem er auf den Fastensynoden 1074 und 1075 ihre Bestimmungen iiber Simonie und Priesterehe erneuerte . Eigene Schwerpunkte setzte er auf der Herbstsynode 1078 und auf der zwei Jahre später stattfindenden Fastensynode .8 1078 verbot die Synode erstmals ausdriicklich die Laieninvestitur, wobei auch Kaiser und Könige zu den Laien gezählt wurden . 1080 ergingen verschärfte Bestimmungen, indem man dem investierenden Herrscher mit dem Bann drohte .9 Neu begegnet uns bei Gregor auch der Gedanke eines Kreuzzugs, den er aller- dings nicht realisieren konnte .10 Der sogenannte Aufruhrkanon, der die Laien zum Messeboy-kott gegeniiber unkanonisch lebenden Priestern aufrief, schloss als Neuerung die Anwendung von Gewalt nicht aus .11

Im Zentrum Gregors Denkens und Handelns standen die rOmische Kirche und der Apostel-fiirst Petrus . Aufgewachsen im Lateran hatte diese Umwelt wohl viel mehr Einfluss auf Gre-gors Persönlichkeit als seine Familie . Dazu passt, dass Gregor seine Familie nicht erwähnte, sondern von der romischen Kirche als seiner Mutter sprach .12 Darin wird sein Verhältnis zur Kirche besonders deutlich, da nur die Metapher der Mutter in Gregors schriftlichen AuBerun-gen Wärme und Geborgenheit ausstrahlt im Gegensatz zu anderen Metaphern, die meist ein diisteres Bild vermitteln . Aus dem Erleben der liturgischen Gebräuche Roms und dem Leben unter den Päpsten erwuchs Gregor eine tiefe religiose Uberzeugung sowie die romische Kir-che und vor allem Petrus als die alles iiberragenden GroBen. Seine Uberzeugung bedurfte kei-ner kanonistischen Begriindung. So fiihrte Gregor selten Belege an, und wenn er dies tat, wa-ren sie oft unstimmig. Hinzu kommt, dass Gregor in der kirchenrechtlichen Literatur und den Uberlieferungen seiner Vorgänger nicht sehr belesen war und so immer wieder auf die Bibel zuriickgriff.13 Gregors religiose Grundhaltung und seine Verbundenheit mit der Kirche Roms ermoglichten ihm wohl auch, mit einer radikalen Denkweise eine Neuwertung oder sogar den Bruch von Traditionen zu vollfiihren, wenn ihm dies durch den Vorteil fiir die Kirche ge-rechtfertigt schien . Gregor war Neuem gegeniiber aufgeschlossen und zeigte sich auch in rei-fem Alter noch zu einer Wandlung seiner Anschauungen bereit .14

Das Verhältnis Gregors zu seinen Mitmenschen war ebenfalls durch seinen Glauben be-stimmt . Den Gehorsam, den er Gott erwies, erwartete er unterschiedslos von jedem anderen ihm und Gott gegeniiber, was aus seinen iiber 300 Gehorsamsaufforderungen an sich und andere ersichtlich wird . Dieser Umstand machte ihn jedoch unfähig, Freundschaften aufzu-bauen, da er sein Verhältnis zu seinem Gegeniiber immer nach dessen Verhalten gegeniiber Gott beurteilte . So verbrachte Gregor seinen Pontifikat in Einsamkeit.15 Kraft bezog er hinge-gen aus seiner sogenannten Petrus-Mystik, der personlichen Identifikation mit Petrus, als des-sen Stellvertreter er sich empfand . Dadurch, dass Petrus ihm zur Seite stand, konnte er an-scheinend die Last seines Amts schultern .16

Somit wird, wie oben schon erwähnt, klar, dass Gregors politisches Handeln aus seinen religi-ösen Grundsätzen hervorging.

[...]


1 Blumenthal, Uta-Renate, Gregor VII. Papst zwischen Canossa und Kirchenreform (Gestalten des Mittelalters und der Renaissance; 1), Darmstadt 2001, S . 3, 24; Goez, W., Zur Persönlichkeit Gregors VII ., RQ 73 (1978), S 193-216, S . 199.

2 Cowdrey ist der Meinung, dass Hildebrand in seiner Jugend Mönch im Marienkloster auf dem Aventin wurde, vgl . Cowdrey, Herbert E . J ., Pope Gregory VII. 1073-1085, Oxford 1998, S . 28f. Goez glaubt, dass Hildebrand in diesem Kloster erzogen wurde, dass er aber in einem nicht näher bestimmbaren Kloster die Profess ablegte, vgl . Goez, S . 204 . Entgegen diesen Vermutungen, wies Blumenthal nach, dass Hildebrand kein Mönch, sondern Kanoniker war, s . Blumenthal, S . 31-43 .

3 Cowdrey zieht in Betracht, dass Hildebrand im Juli 1054 Heinrich IV. mit zum deutschen König akklamierte, Cowdrey, S . 34 . Hingegen stellt dies fiir Blumenthal nur eine bloBe Hypothese dar, Blumenthal, S . 81 .

4 Cowdrey erweitert den Zeitraum, in dem die Weihe stattfand, bis zum Sommer/Herbst 1059 und favorisiert diesen späteren Zeitpunkt als Weihedatum, Cowdrey, S . 38f.

5 Bis zu Hildebrands Papsterhebung stiitze ich mich auf Blumenthal, S .16-138 sowie auf Cowdrey, S . 27-49 und S . 71-74 .

6 Schieffer, R., Gregor VII. — Versuch iiber die historische GröBe, HJb 97/98 (1978), S . 87-107, S . 99, 104 und Cowdrey, S . 583.

7 Hartmann, W., Der Investiturstreit (EDG 21), Miinchen 21996, S . 25-30 .

8 Cowdrey, S . 71; Blumenthal, S . 185 und Schieffer, Versuch, S . 93f.

9 Hartmann, S . 28 .

10 Schieffer, Versuch, S . 94 und Hartmann, S . 23 .

11 Blumenthal, S . 167-172 und Schieffer, Versuch, S . 92.

12 Blumenthal, S . 28, 43f.

13 Blumenthal, S . 52; Goez, S . 208, 213f.; Schieffer, Versuch, S . 99, 104

14 Blumenthal, S . 59, 129f.; Schieffer, Versuch, S . 98; Goez, S . 207 .

15 Goez, S . 201-203 .

16 Blumenthal, S . 14; Goez, S . 211; Schieffer, Versuch, S . 99 .

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Dictatus Papae
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar: Der Investiturstreit
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
15
Katalognummer
V137830
ISBN (eBook)
9783640464289
ISBN (Buch)
9783640461455
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dictatus, Papae
Arbeit zitieren
Sebastian Seng (Autor:in), 2003, Der Dictatus Papae, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137830

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