Der Glaube an monströse Völker oder auch Wunderwesen, die im Osten leben, ist im Mittelalter weit verbreitet:
"Ein allgemein menschliches Denkschema scheint es zu sein, die Ferne und Fremde mit Wesen zu bevölkern, die entweder weit unter oder weit über dem normalen menschlichen Maß liegen."(1) Die westliche Vorstellung über Wesen in der Fremde geht zurück auf das Weltbild der Griechen und biblische Überlieferungen. Es existiert eine vorwissenschaftliche Weltkunde, die ihre ganze Entfaltung in der mittelalterlichen Weltkarte der mappa mundi zeigt. Sie weist keine praktisch geographische Verwendbarkeit auf, sondern “veranschaulicht aus christlich-heilsgeschichtlicher Perspektive das Weltbild”(2). Aufgeteilt ist die sogenannte T-O-Karte in drei Erdteile Asien, Europa und Afrika. Am westlichen Rand der Karte entdeckt man die Amazonen und am Randgebiet des Ostens, Indien bildet das breiteste Reservoir, findet man die unterschiedlichsten monströsen Völker.
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2. Der wunderlîche Alexander
“Rîcher chunege was genûc.
Daz ne saget uns nehein pûch
noh neheiner slahte mâre, [...]
sô der wunderlîche Alexander.”(3) Was aber verschafft Alexander den Beinamen wunderlîch (vgl. StrA u.a. 845, 1821, 2046, 2665, 2854)? Matthias Lexer übersetzt das Wort unter anderem mit “aussergewöhnlich” und “erstaunlich”(4). Dies kann sowohl im positiven als auch im negativen Sinn gemeint sein. Seine staunenswerten Taten zeigen sich in erster Linie auf seinen Eroberungsfahrten, die er “mit listen oder mit mahten” (VA 57) für sich entscheidet.
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1) Kragl, Florian: Die Weisheit des Fremden, S. 148.
2) Weddige, Hilkert: Einführung in die germanistische Mediävistik, S. 58.
3) Pfaffe Lambrecht: Alexanderroman. Stuttgart: Reclam, 2007. VA 35-45.
4) Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 328.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der wunderlîche Alexander
3. Die Wunder des Orients
3.1 Die Natur als Mangelzustand
3.1.1 Die Lebensführung der Occidraten
3.1.2 Auseinandersetzungen mit der “Antinatur”
3.2 Von der Natur zur Kultur
3.2.1 Alexander in der Welt der Blumenmädchen
3.2.2 “Feudaler Herrschaftshandel” und die Candacis-Episode
3.3 Das irdische Paradies und Alexanders Umkehrung
4. Fazit
5. Quellennachweis
6. Obligatorische Erklärung zu Hausarbeiten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktion von Wunderwesen im Straßburger Alexander und analysiert, wie diese fantastischen Elemente im Kontext von Alexanders Eroberungszügen als Korrektiv für sein machtgieriges Handeln fungieren. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwiefern der „fabulöse Raum“ des Orients eine Relativierung kultureller Standpunkte bewirkt und Alexander zur notwendigen Tugend der „mâze“ führt.
- Die Darstellung und Bedeutung von monströsen Völkern im Mittelalter
- Alexanders Charakterisierung als „wunderlîcher“ Protagonist
- Die Gegenüberstellung von naturgegebenem Mangel und höfischer Kultur
- Die Entwicklung Alexanders vom kriegerischen Eroberer zum bekehrten Herrscher
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Lebensführung der Occidraten
Nach den Eroberungsabschnitten im Alexanderroman kommt es zu verschiedenen Begegnungen mit der fremden und fabulösen Welt des Ostens. Kommunikationsbarrieren scheint es offensichtlich nicht zu geben und so kommt es zu ersten Berührungen mit den Wundern, im Sinne von “seltsame Phänomene der Natur”, des Orients.
Alexander reist in das Land Occitratis und begegnet einem Volk, das besitzlos ist und auf den ersten Blick ebenso kulturlos zu sein scheint: “Si lebent jêmerlîche.” (StrA 4332). Dennoch wissen sie um Alexanders Person und der König sendet ihm Geschenke und einen Brief, in dem er Alexander erklärt, dass er hier keinen “rûm” (4351) erringen wird. Der König weiß, dass Alexander für gewöhnlich in Länder einreist, um Tribut zu fordern und sie zu bedwingen. “Der Objektgier des Herrschers wird die Bedürfnislosigkeit der nackten Weisen gegenübergestellt” und so versichert Alexander in friedlicher Absicht gekommen zu sein und dass er mehr über die Bräuche der Occidraten erfahren möchte. Als Alexander dem Volk eine Bitte erfüllen möchte, fordern sie von ihm das ewige Leben, da sie davon ausgehen, dass auch Alexander unsterblich ist: “ober selbe ouh solde sterben, warumber an der erden wunder alse manicfalt sô lange hête gestalt; er mohtiz gerne lâze: Alles dingis mâze gezimet manneglîche.” (4416-4422)
Die Occidraten können Alexanders Lebensführung, die dem Besitz und der Aneignung der Welt zugeschrieben ist, nicht nachvollziehen und raten ihm zur “christlichen Tugend” mâze, im Sinne von “Bescheidenheit”, da er doch sowieso sterben müsse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet den mittelalterlichen Glauben an monströse Völker im Osten im Kontext von Weltkarten und der antiken sowie biblischen Überlieferung.
2. Der wunderlîche Alexander: Dieses Kapitel analysiert Alexanders Beinamen „wunderlîch“ und untersucht, wie seine Geburtsvorzeichen und tiermerkmale seine außergewöhnliche, aber auch maßlose Natur legitimieren.
3. Die Wunder des Orients: Der Hauptteil beleuchtet Alexanders Begegnungen mit fremden Völkern und Wunderwelten, die seine bisherige Weltaneignung infrage stellen.
3.1 Die Natur als Mangelzustand: Es wird untersucht, wie Alexander auf die besitzlosen Occidraten trifft und dort erstmals mit einer radikal anderen Lebensweise konfrontiert wird.
3.1.1 Die Lebensführung der Occidraten: Dieses Kapitel vertieft den Konflikt zwischen Alexanders Eroberungsdrang und der Bedürfnislosigkeit der Occidraten, die ihn zur christlichen Tugend der „mâze“ ermahnen.
3.1.2 Auseinandersetzungen mit der “Antinatur”: Hier wird beschrieben, wie die lebensfeindlichen Aspekte der Natur während der Orientfahrt Alexander als Grenze seines militärischen Könnens vor Augen geführt werden.
3.2 Von der Natur zur Kultur: Die Analyse fokussiert sich auf den Übergang von der bloßen Konfrontation mit fremden Wesen hin zur Erfahrung höfischer Kulturräume in der Fremde.
3.2.1 Alexander in der Welt der Blumenmädchen: Dieses Kapitel thematisiert die Zeitlosigkeit und die Macht der Minne, die Alexander für einen Moment seine Weltgier vergessen lässt.
3.2.2 “Feudaler Herrschaftshandel” und die Candacis-Episode: Es wird analysiert, wie die Begegnung mit Candacis durch künstlerische List und höfische Kultur Alexander zur Relativierung seiner eigenen Identität zwingt.
3.3 Das irdische Paradies und Alexanders Umkehrung: Das letzte Kapitel schildert das Scheitern Alexanders beim Versuch, das Paradies zu erobern, und seine daraus folgende Bekehrung zur Demut.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Orientreise für Alexander einen „Raum der Korrekturmöglichkeit“ bietet, der ihn letztlich von seinem maßlosen Streben abkehrt.
5. Quellennachweis: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
6. Obligatorische Erklärung zu Hausarbeiten: Formale Bestätigung der eigenständigen Leistung.
Schlüsselwörter
Straßburger Alexander, Pfaffe Lambrecht, Wunderwesen, Orient, Alexander der Große, Mittelalter, Natur, Kultur, mâze, Minne, Weltgier, Monströse Völker, Relativierung, höfische Kultur, Bekehrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung und Funktion von Wunderwesen im Straßburger Alexander des Pfaffen Lambrecht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Begegnung des Protagonisten mit dem Fremden, die Gegenüberstellung von Natur und Kultur sowie die Entwicklung von Alexanders Herrschaftsverständnis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Übernatürliche und das Wunderbare im Orient genutzt werden, um Alexander zur Einsicht und zur „mâze“ (Mäßigung) zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes unter Berücksichtigung etablierter Forschungsliteratur zur mittelalterlichen Weltkunde und Alexandertradition.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Stationen der Orientfahrt, von der Konfrontation mit den Occidraten bis hin zum irdischen Paradies und der entscheidenden Bekehrung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Wunderwesen, mâze, Orient, Weltgier und die erzählerische Struktur der Orientfahrt.
Warum wird Alexander im Text als „wunderlîcher“ bezeichnet?
Der Beiname verweist sowohl auf seine außergewöhnlichen Geburtsvorzeichen und Taten als auch auf seinen maßlosen Eroberungsdrang, der ihn in Konflikt mit natürlichen und göttlichen Grenzen bringt.
Welche Rolle spielen die Blumenmädchen für Alexander?
Sie repräsentieren einen höfischen „Minneraum“, der für Alexander einen Kontrast zur kriegerischen Eroberung bildet und ihn temporär seine Weltgier vergessen lässt.
Welche Funktion hat die Begegnung mit Candacis?
Candacis fungiert als Korrektiv, da ihre „künstlerische List“ und ihr höfisches Verhalten die militärische Überlegenheit Alexanders relativieren.
Wie endet der Lernprozess Alexanders?
Alexander erkennt seine Sterblichkeit und begrenzte Macht an, wendet sich von seiner Gier ab und findet schließlich durch die Ausübung von „gûter mâzen“ zu einer gottgefälligen Lebensführung.
- Arbeit zitieren
- Nadine Schwarz (Autor:in), 2009, Wunderwesen im Mittelalter und ihre Funktion am Beispiel des Straßburger Alexanders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137858