Diese Hausarbeit möchte den Prozess der gemeinsamen Sinnkonstitution in wechselnden Sprechhandlungen zweier Gesprächspartner:innen unter die Lupe nehmen und Schritt für Schritt theoretisch analysieren.
Befindet man sich im verbalen Gespräch mit einer anderen Person, so steht zwischen Sprecher:in und Hörer:in immer die Sprache als Mittler. Nur mit Hilfe dieser Sprache, die als konventionelles Mittel agiert, können die Akteur:innen ihr Gegenüber verstehen. Dennoch denkt man im Gespräch kaum über diesen Sachverhalt nach, man befindet sich in vermeintlich direktem Kontakt mit dem/der Gesprächspartner:in. Dieser direkte Kontakt kann jedoch durch verschiedene Ursachen auf sprachlicher Ebene gestört werden. Im Moment des (vermeintlichen) Missverstehens tritt die Sprache in den Vordergrund, die Beteiligten werden sich, mindestens unterschwellig, bewusst, dass die Sprache im Gespräch immer zwischen ihnen steht. Sie haben nun das Ziel, den störungsfreien Kontakt schnellstmöglich wiederherzustellen.
Dieser Prozess der gesprochenen Sprache soll in der Hausarbeit also anhand der Theorie von Karl Bühler als Grundlage aufgerollt und mit den Arbeiten von Ludwig Jäger verknüpft werden. Auch die Arbeiten des Sprachphilosophen Herbert Paul Grice können hier produktiv zum Erkenntnisgewinn beitragen.
Als Ausgangsfrage der Hausarbeit ergibt sich damit, wie der scheinbar direkte Kontakt in der Kommunikation als sprachlich vermittelt aufgedeckt wird und darauf aufbauend, wie es danach gelingt, die Kommunikation und damit einhergehend das gegenseitige Verstehen aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. Zusätzlich stellt sich die Frage, wie sich an diese Theorie anknüpfend, exemplarisch das Auftreten von Problemen und deren Auflösung nach ironischem Sprachgebrauch betrachten lässt.
Dazu wird zunächst einmal die Theorie Bühlers aus den Werken Die Krise der Psychologie und Sprachtheorie - Die Darstellungsfunktion der Sprache dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf die Themen gelegt wird, die für die Beantwortung der Ausgangsfrage aufschlussreich sind. Der Fokus liegt hier auf der Darstellungsfunktion der Sprache, besonders auf dem sogenannten Kontakt höherer Ordnung, verbunden mit Kontakt- und Wahrnehmungstiefe. Anschließend soll der (vermeintlich) direkte Kontakt in der menschlichen Kommunikation erläutert werden. Darauf aufbauend folgt ein Kapitel zur Ironie in der Kommunikation.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bühlers Entfaltung der Sprachtheorie in Krise der Psychologie und Sprachtheorie – Die Darstellungsfunktion der Sprache
2.1 Ausdruck, Appell und Darstellung: Die Funktionen des sprachlichen Zeichens
2.2 Kontaktverstehen: Kontakttiefe und Wahrnehmungstiefe
3. Weiterentwicklung von Bühlers Ansatz aufbauend auf Ludwig Jägers Störung und Transparenz
3.1 Die Begriffe Störung und Transparenz
3.2 Synthese der Theorien von Karl Bühler und Ludwig Jäger
4. Modi der Störung und Transparenz am Beispiel der Ironie in der Kommunikation mit Hilfe von Grices Implikaturtheorie
4.1 Grices Implikaturtheorie mit dem Schwerpunkt Ironie
4.2 Die Rolle des Beispiels der Ironie bezogen auf die Theorien Bühlers und Jägers
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Prozess der gemeinsamen Sinnkonstitution in der Kommunikation, insbesondere wie ein vermeintlich direkter Kontakt bei Störungen als sprachlich vermittelt aufgedeckt wird und wie die Kommunikation danach wiederhergestellt werden kann.
- Sprachtheoretische Grundlagen nach Karl Bühler (Organon-Modell, Kontaktverstehen)
- Ludwig Jägers Konzepte von Störung und Transparenz des Mediums
- Analyse des Modus-Wechsels bei Störungen in der Kommunikation
- Anwendung der Implikaturtheorie von Herbert Paul Grice am Beispiel der Ironie
Auszug aus dem Buch
2.1 Ausdruck, Appell und Darstellung: Die Funktionen des sprachlichen Zeichens
Zunächst ist festzuhalten, dass sprachliche Zeichen laut Bühler als Werkzeuge der Verständigung in einer Sprachgemeinschaft dienen. In der sprachlichen Kommunikation benötigt es immer mindestens eine:n Kundgeber:in und eine:n Kundnehmer:in. Die Semantik hat ihren Ursprung nicht im Individuum, sondern in der Gemeinschaft, so Bühler (vgl. Bühler 2000, S. 53 u. 59). Bühler spricht hier von der „unentbehrlichen Zweieinigkeit von Zeichengeber und Zeichenempfänger“ (vgl. ebd., S. 63). Jäger stellt in seinem Beitrag zu Bühlers Schaffen diesen Ansatz besonders heraus. Bühler war es, der vom sozialen Subjekt in der Kommunikation ausging und feststellte, dass der Ausdruck nur als Kundgabe in einer sozialen, kommunikativen Handlung verstanden werden kann (vgl. Jäger 2010, S. 8). Der Ausdruck an sich hat im Individuum keine Bedeutung, dies wird erst auf der Bühne des sozialen Handelns generiert (vgl. ebd.).
Im Sprechereignis zweier beteiligter Akteure kommen nun drei Elemente zusammen, wie Wunderlich in seiner Ausarbeitung zur Sprachtheorie Bühlers zusammenfasst: „Sprecher, Angesprochener (oder Hörer) und die Gegenstände oder Sachverhalte, über die gesprochen wird. Sie werden durch ein viertes Element, das ist eine Folge von Zeichen, miteinander in Beziehung gesetzt“ (Wunderlich 2005, S.61). Die drei erstgenannten Elemente enthalten die semantischen Funktionen des sprachlichen Zeichens, so Bühler:
„Es ist Symbol kraft seiner Zuordnung zu Gegenständen und Sachverhalten, Symptom (Anzeichen, Indicium) kraft seiner Abhängigkeit vom Sender, dessen Innerlichkeit es ausdrückt, und Signal kraft seines Appells an den Hörer, dessen äußeres oder inneres Verhalten es steuert wie andere Verkehrszeichen“ (Bühler 1965, S. 28).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Forschungsfrage nach den Prozessen der Sinnkonstitution bei gestörtem Kontakt dar und skizziert das methodische Vorgehen unter Einbezug von Bühler, Jäger und Grice.
2. Bühlers Entfaltung der Sprachtheorie in Krise der Psychologie und Sprachtheorie – Die Darstellungsfunktion der Sprache: Das Kapitel analysiert Bühlers Konzept der Sprachfunktionen sowie die Unterscheidung zwischen Kontakt- und Wahrnehmungstiefe.
3. Weiterentwicklung von Bühlers Ansatz aufbauend auf Ludwig Jägers Störung und Transparenz: Hier werden Jägers Begriffe der Störung und Medientransparenz erläutert und mit Bühlers Theorie synthetisiert.
4. Modi der Störung und Transparenz am Beispiel der Ironie in der Kommunikation mit Hilfe von Grices Implikaturtheorie: Dieses Kapitel veranschaulicht den Wechsel zwischen transparentem und gestörtem Modus anhand der ironischen Kommunikation und Grices Kooperationsprinzip.
5. Fazit: Das Fazit reflektiert die Erkenntnisse über den interaktiven Verstehensprozess und die Produktivität von Störungen bei der gemeinsamen Aushandlung von Bedeutung.
Schlüsselwörter
Sprachtheorie, Karl Bühler, Ludwig Jäger, Herbert Paul Grice, Kommunikation, Störung, Transparenz, Sinnkonstitution, Implikaturtheorie, Ironie, Sprachverstehen, Kontaktverstehen, Medialität, Sprechhandlungen, Metakommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Prozess der menschlichen Kommunikation und untersucht, wie Gesprächspartner ein gegenseitiges Verstehen erreichen, insbesondere wenn der scheinbar direkte Kontakt durch Missverständnisse oder sprachliche Störungen unterbrochen wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Sprachtheorie von Karl Bühler, das Konzept der Medientransparenz und Störung nach Ludwig Jäger sowie die Implikaturtheorie von Herbert Paul Grice.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es aufzudecken, wie der vermeintlich direkte Kontakt als sprachlich vermittelt erkannt wird und wie es nach Störungen gelingt, die Kommunikation und das gegenseitige Verstehen wiederherzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt einen terminologischen und theorienverknüpfenden Ansatz, bei dem verschiedene sprachtheoretische Modelle kombiniert und an einem praktischen Beispiel (Ironie) analysiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung von Bühlers und Jägers Ansätzen, deren Synthese und schließlich die Anwendung dieser Erkenntnisse auf die ironische Kommunikation als Fallbeispiel einer produktiven Störung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind insbesondere Sprachtheorie, Störung, Transparenz, Sinnkonstitution, Kooperationsprinzip und ironischer Sprachgebrauch.
Welche Rolle spielt die Ironie in der Argumentation?
Die Ironie dient als Fallbeispiel für eine "produktive Störung". Sie zeigt auf, wie ein Verstoß gegen kommunikative Maximen die Beteiligten dazu zwingt, metasprachlich aktiv zu werden, um die eigentliche Bedeutung zu entschlüsseln.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Arten von Störungen?
Unter Bezugnahme auf Ludwig Jäger unterscheidet die Arbeit zwischen der Störung mit dem Index "Unfall" (kommunikativer Defekt) und der Störung mit dem Index "transkriptiv" (notwendige Ausfaltung der Redeintention).
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2023, Der Verstehensprozess in der Kommunikation. Störung des vermeintlich direkten Kontakts der Gesprächspartner:innen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1379198