1884 begann das deutsche Kaiserreich mit der Einnahme deutscher Kolonialgebiete in Afrika und Asien. Im Zuge der Eroberungskämpfe wurde 1890 der deutsche Offizier Tom von Prince mit der Bekämpfung des Wahehe Stammes in Deutsch-Ostafrika beauftragt. Seine Ehefrau Magdalene von Prince folgte ihm 1896 in die Kolonie und wurde von Oberbefehlshaber Herrmann von Wissmann mit der Dokumentation ihres Alltags betraut.
Dort verfasste sie in regelmäßigen Abständen Einträge über ihr Leben als Hausfrau und Offiziersgattin, Safaris durch das unerschlossene Kolonialgebiet Deutsch-Ostafrikas sowie Kriegserlebnissen und Versklavungen afrikanischer Ureinwohner in Folge des Wahehe Kriegs. Ihre Aufzeichnungen wurden 1903 vom E. S. Mittler & Sohn Verlag in Berlin als Reisetagebuch unter dem Titel „Eine deutsche Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas“ publiziert.
Unter kritischer Berücksichtigung des historischen Kontextes und ihrer Absicht, deutsche Familien für die Erschließung des Kolonialgebiets nach Deutsch-Ostafrika anzuwerben, zählt das autobiografische Werk der Magdalene von Prince aufgrund der weiblichen Erzählperspektive zu einer seltenen Tradition des 20. Jahrhunderts und trägt es in einer von Männern dominierten Berichterstattung über die deutsche Kolonialzeit zur alternativen Geschichtsschreibung bei.
Anlässlich der Darstellung vieler Ereignisse aus weiblicher Sicht stellt sich die Frage, wie Magdalene von Prince ihr weibliches Rollenbild wahrnahm und wie sie die Rolle indigener Frauen interpretierte. Um den Leser:innen einen Einblick in die geschichtlichen Hintergründe zu ermöglichen, wird anhand dieser Arbeit zunächst die Selbstwahrnehmung der Autorin als deutsche Kolonialfrau in den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts eingeordnet und anschließend mit ihrer Fremdwahrnehmung indigener Frauen in Relation gesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Biografie von Magdalene von Prince
3. Verständnis des weiblichen Rollenbildes aus der Perspektive von Magdalene von Prince
3.1. Eigeninterpretation ihrer Rolle als deutsche Kolonialfrau
3.2. Fremdwahrnehmung indigenen Frauen
4. Fazit
5. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht anhand des Reiseberichts „Eine Frau im Innern Deutsch-Ostafrikas“ von Magdalene von Prince, wie die Autorin ihr eigenes weibliches Rollenbild als deutsche Kolonialfrau wahrnahm und wie sie gleichzeitig die Rolle indigener Frauen interpretierte, um die zugrunde liegenden kolonialen Ideologien ihrer Zeit aufzudecken.
- Autobiografische Analyse kolonialer Reiseberichte
- Die Konstruktion weiblicher Rollenbilder im deutschen Kaiserreich
- Selbstwahrnehmung als deutsche Kolonialfrau
- Interaktion und Fremdwahrnehmung von indigenen Frauen
- Vergleich von kulturellen Identitäten und Schönheitsidealen im Kolonialkontext
Auszug aus dem Buch
3.1 Selbstwahrnehmung ihrer Rolle als deutsche Kolonialfrau
Frauen hatten im deutschen Kaiserreich des 19. Jahrhunderts eine vergleichsweise niedrigere Stellung als Männer. Das damalige Rollenbild der Frau sah es vor, sich einem Dasein als Hausfrau und Mutter zu verschreiben, weshalb ihre Erziehung und Sozialisation auf ganzer Linie darauf ausgerichtet war. 1870 wurde Magdalene als Kind einer schlesischen Adelsfamilie geboren. Dort muss ihr trotz ihres Geschlechts Zugang zu Bildung ermöglicht worden sein, worauf einigen Tagebuchpassagen hindeuten. Beispielsweise fügt Magdalene ihren Einträgen hin und wieder französische Phrasen wie „embarras de richesse“ hinzu und verglich die afrikanische Natur mit Darstellungen aus „Lederstrumpf“ Romanen ihrer Jugend, was ein Indiz für den Zugang zu Bildung und Literatur darstellt. Folglich können Magdalenes Adels- und Bildungsstand als Basis für ihr selbstbewusstes Frauenbild interpretiert werden. Als ihr Verlobter Tom nach Deutsch-Ostafrika übersiedelte, hatten beide nur sporadischen Kontakt. In ihrem Tagebuch erwähnt sie, dass sie sich während Toms Abwesenheit regelmäßig durch Kolonialzeitungen über die Entwicklungen in Deutsch-Ostafrika informierte. Es ist nachvollziehbar, dass die junge Magdalene unter unstetigen Zukunftsaussichten und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung, Ehefrau und Mutterschaft zu werden, litt und sich daher verstärkt an mediale Botschaften über Tom klammerte. Vermutlich um sich auf ihr Eheleben mit Tom im deutschen Kolonialgebiet vorzubereiten, beschäftigte sie sich daher mit Kolonialpresse, was ihre Selbstwahrnehmung als deutsche Kolonialfrau geprägt haben muss. Bestätigt wird diese Annahme durch ihren Tagebucheintrag, in dem sie die Wartezeit auf Tom als „intensive Vorbereitungszeit auf ihr späteres Dasein als Offiziersgattin“ beschreibt. Neben ihrer eigenen Wahrnehmung als pflichtbewusste Ehefrau eines Offiziers, hat die einseitige Berichterstattung dieser Kolonialmedien vermutlich bereits zu unbewussten Stereotypisierung indigener Frauen und einem Empfinden von „rassenbedingter“ Überlegenheit beigetragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den historischen Kontext des deutschen Kolonialismus dar und stellt die Forschungsfrage nach den weiblichen Rollenbildern in den Aufzeichnungen der Autorin.
2. Biografie von Magdalene von Prince: Dieses Kapitel skizziert den Lebensweg von Magdalene von Prince von ihrer Kindheit in Schlesien bis zu ihrer Rolle als Ehefrau im kolonialen Deutsch-Ostafrika.
3. Verständnis des weiblichen Rollenbildes aus der Perspektive von Magdalene von Prince: Hier wird analysiert, wie die Autorin ihre eigene Rolle als deutsche Kolonialfrau definierte und wie diese mit spezifischen Pflichten verbunden war.
3.1. Eigeninterpretation ihrer Rolle als deutsche Kolonialfrau: Dieser Abschnitt untersucht, wie Magdalene von Prince ihr Leben als Offiziersgattin aktiv gestaltete und durch inländische Erwartungen und koloniale Ideologien prägte.
3.2. Fremdwahrnehmung indigenen Frauen: Dieses Kapitel analysiert die Sicht der Autorin auf lokale Frauen, welche stark durch die koloniale Hierarchie und rassistische Stereotype ihrer Zeit beeinflusst war.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und verdeutlicht, dass die Selbstwahrnehmung der Autorin eng mit einer paternalistischen Haltung gegenüber der indigenen Bevölkerung verknüpft war.
5. Quellen- und Literaturverzeichnis: Hier werden sämtliche für die Arbeit herangezogene Fachliteratur sowie diePrimärquelle übersichtlich aufgelistet.
Schlüsselwörter
Magdalene von Prince, Deutsch-Ostafrika, Kolonialfrau, Weibliches Rollenbild, Autobiografie, Kolonialgeschichte, Fremdwahrnehmung, Selbstwahrnehmung, 19. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Kolonialideologie, Deutsche Kolonialzeitung, Rassenbewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die autobiografischen Aufzeichnungen von Magdalene von Prince, um zu verstehen, wie deutsche Kolonialfrauen ihr eigenes Rollenbild im Kontext des kolonialen Afrikas konstruierten.
Welche zentralen Themenbereiche werden behandelt?
Die zentralen Themen sind koloniale Identitätsbildung, das gesellschaftliche Frauenbild des 19. Jahrhunderts, interkulturelle Wahrnehmungsprozesse und die Ideologie, die hinter der deutschen Präsenz in Ostafrika stand.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung als „zivilisatorische Kraft“ und der gleichzeitigen Fremdwahrnehmung der einheimischen Bevölkerung in den Texten von Magdalene von Prince offenzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine biografische Analyse einer Primärquelle (dem Reisebericht) unter kritischer Betrachtung des historischen und gesellschaftlichen Kontextes der damaligen Kolonialzeit.
Was steht im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Selbstverständnisses der Autorin (inklusive ihrer Vorbereitung auf das Leben in der Kolonie) und ihre wertende Perspektive auf indigene Frauen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten beschreiben?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Kolonialidentität, Geschlechterrollen im Kaiserreich, kulturelle Überlegenheit, rassistische Stereotype und die Funktion autobiografischer Reiseberichte als Propagandainstrumente.
Wie bewertete Magdalene von Prince ihre Mitmenschen in Deutsch-Ostafrika?
Ihre Bewertungen waren stark hierarchisch geprägt; während sie europäische Ideale als Maßstab setzte, ordnete sie Einheimische oft als unterlegen oder „unkultiviert“ ein, wobei sie bei Araberinnen teilweise eine differenziertere Sichtweise zeigte.
Welche Rolle spielten die damaligen Medien für die Autorin?
Kolonialzeitungen und mediale Botschaften dienten Magdalene von Prince als zentrale Informationsquelle und prägten ihr Bild über das Leben in der Kolonie bereits vor ihrer Abreise maßgeblich.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit über die Rolle des Spiegels?
Die Nutzung (oder Nicht-Nutzung) des Spiegels wird als Ausdruck eines kulturellen Selbstverständnisses interpretiert: Die Abkehr vom Spiegel wurde von ihr als Form der Anpassung und gleichzeitig als moralische Grenze wahrgenommen.
- Arbeit zitieren
- Lisa Turan (Autor:in), 2022, Die Selbst- und Fremdwahrnehmung des weiblichen Rollenbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1379689