Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Beantwortung der Frage, warum Heinrich geschehen muss, was ihm geschieht. Die Frage zielt auf die Begründung des Handlungsverlaufs durch logische Argumente ab und soll diese aufschlüsseln. Hierzu werden verschiedene Thesen aufgestellt. Die erste These besagt, dass Hartmanns von Aue Der arme Heinrich in seinem Verlauf einem auf Logik basierenden Plan folgt. Diese Logik orientiert sich an der zweiten These, dass der Autor eine Wirkung mit seiner Erzählung erreichen möchte, die sich bei den Rezipienten durch die Mitverfolgung des Handlungsverlaufes einstellt. Die Wirkung erzielt er, indem er Heinrich und seinen anfänglichen Glücksbegriff durch die in der Erzählung enthaltenen Wendungen zu einem neuen Glücksbegriff führt. Diese Wandlung stellt die dritte These dar.
Um die Thesen zu erhärten soll am Beispiel Hartmanns von Aue Der arme Heinrich gezeigt werden, welchen Plan der Autor verfolgt, was seine Ziele sind und wie er sie erreicht. Diese Überprüfung erfolgt in folgenden Schritten. Eingangs werden die Begrifflichkeiten und deren Verwendung in dieser Arbeit erläutert. Die zentralen Begriffe sind der Zufall, die Kontingenz und die narrative Logik, die es zu nennen gilt. Der Zufall spielt innerhalb der Erzählung eine entscheidende Rolle, da sich durch ihn Veränderungen ergeben, die ein Fortschreiten der Handlung erst ermöglichen. Da Zufälle nur im Handlungsraum der Kontingenz möglich sind, worin ich mich der Aussage Makropoulos anschließe, soll auch der Begriff Kontingenz in seiner Bedeutung für diese Arbeit erklärt werden. Der anschließenden formalen Analyse des Armen Heinrich folgt die inhaltliche Untersuchung der Erzählung. Diese Untersuchung erarbeitet den Handlungsverlauf und stellt das Auftreten der Kontingenz in den Vordergrund. Um die Logik der Erzählung zu erarbeiten werden die Wendepunkte im Anschluss auf deren Begründbarkeit hin untersucht. Die Begründbarkeit wird aus dem Wissensstand der Figuren, der Rezipienten und des Autors und den erklärenden Hinweisen des Erzählers zum Zeitpunkt der Situation abgeleitet. Ziel der Analyse ist die Erarbeitung des Ziels der Erzählung, der erwünschten Wirkung und deren Umsetzung durch den Erzähler.
Zusammenfassend werden das Ziel der Erzählung, die eingesetzten Mittel zur Erreichung, der veränderte Glücksbegriff Heinrichs und die erwünschte Wirkung dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Abgrenzung der Begriffe Zufall, Kontingenz und Narrative Logik
2.1 Was sind Zufall und Kontingenz
2.2 Räume der Kontingenz in der Literatur
2.3 Narrative Logik
3 Der arme Heinrich
3.1 Formale Parameter der Erzählung
3.2 Struktur des Handlungsverlaufs
3.3 Inhaltliche Untersuchung des Handlungsverlaufs
3.3.1 Prolog (Vers 1 – 28)
3.3.2 Heinrichs Leben vor der Krankheit (Vers 29 – 132)
3.3.3 Heinrichs Erkrankung (Vers 119 f.)
3.3.4 Heinrichs Reaktion auf die Krankheit (Vers 133 – 266)
3.3.5 Heinrichs Ankunft und Leben auf dem Meiershof (Vers 266 – 349)
3.3.6 Heinrichs Schuldbekenntnis (Vers 349 bis 458)
3.3.7 Nächtliches Gespräch I (Vers 481 bis 508)
3.3.8 Nächtliches Gespräch II (Vers 539 bis 854)
3.3.9 Die zweite Reise nach Salerno (Vers 1063 bis 1376)
3.3.10 Heinrichs Leben nach der Krankheit (ab Vers 1387)
3.4 Interpretation
3.4.1 Prolog
3.4.2 Heinrichs Leben vor der Krankheit
3.4.3 Die Erkrankung und Heinrichs Reaktion
3.4.4 Das Leben auf dem Meierhof und die Figur der maget
3.4.5 Das Schuldbekenntnis
3.4.6 Die nächtlichen Gespräche
3.4.7 Die Entscheidung der maget
3.4.8 Die Reise nach Salerno II
3.4.9 Die Opferszene
3.4.10 Heinrichs Leben nach der Krankheit
3.5 Die Logik des Autors
3.5.1 Ziel des Autors
3.5.2 Der Glücksbegriff Heinrichs
3.5.3 Wissensstand der Beteiligten bzgl. Schuld und Lösung
4 Fazit
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit analysiert die narrative Struktur von Hartmanns von Aue "Der arme Heinrich", um zu klären, ob der Handlungsverlauf einer inneren Logik folgt oder zufälligen Ereignissen unterliegt. Dabei wird untersucht, wie der Autor durch die bewusste Inszenierung von Zufällen und Kontingenzen ein erzieherisches Ziel verfolgt, das den Protagonisten Heinrich und die Rezipienten zu einer neuen, gottgefälligen Lebensweise führen soll.
- Untersuchung der narrativen Logik und der Funktion von Kontingenz im Text.
- Analyse der antithetischen Figurenkonstellation zwischen Heinrich und der maget.
- Dekonstruktion des Handlungsverlaufs anhand von Wendepunkten und Erkenntnisprozessen.
- Herausarbeitung des Glücksbegriffs und der religiösen Zielsetzung des Autors.
Auszug aus dem Buch
3.4.9 Die Opferszene
Hartmann steigert die Spannung durch die drastische Beschreibung der Situation mit der detailierten Operationsbeschreibung und die unverblümte Beschreibung der Figuren. Die maget sieht nur ihre Erlösung vom weltlichen Dasein und verachtet die Schmerzen, Heinrich hingegen sieht seiner Heilung entgegen und denkt nicht an den Tod der maget. Beide Figuren sind auf ihren Wegen verhaftet und streben ihrem jeweiligen Ziel entgegen. Der Arzt versucht durch Nachfragen und Beschreibungen des Bevorstehenden den Blick der Figuren zu erweitern, scheitert aber. Erst der Anblick der nackten maget in ihrer Vollkommenheit löst in Heinrich ein Umdenken aus. Kurz bevor er die Opferung der maget zulässt gelangt er zu seiner Erkenntnis. Er findet zu Gott und entgeht dadurch einer verwerflichen Tat. Durch den Anblick der Schönheit der maget wird ihm die Vollkommenheit und Allgegenwärtigkeit Gottes bewusst. Er erkennt seine „innere und äußere Verderblichkeit“ und gewinnt einen „niuwen muot“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit erläutert die Fragestellung nach der Logik des Handlungsverlaufs und stellt Thesen zum Plan des Autors auf.
2 Abgrenzung der Begriffe Zufall, Kontingenz und Narrative Logik: Es werden die theoretischen Grundlagen definiert, um Zufall und Kontingenz als Handlungsräume in der Literatur zu bestimmen.
3 Der arme Heinrich: Das Hauptkapitel umfasst die formalen Parameter, die strukturelle Untersuchung des Handlungsverlaufs, eine detaillierte Interpretation der Szenen und die Analyse der Logik des Autors.
4 Fazit: Die Arbeit resümiert, dass der Erzählverlauf einem sorgfältig geplanten, logischen Plan folgt und keinem Zufall unterliegt.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Der arme Heinrich, narrative Logik, Kontingenz, Zufall, Mittelalter, Schuld, Heilung, Erlösung, Gott, Glücksbegriff, Literaturwissenschaft, Tugend, Opferbereitschaft, Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum der Protagonist Heinrich im Werk "Der arme Heinrich" das Schicksal erleidet, das ihm zuteilwird, und ob dies einem logischen Plan des Autors folgt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind das Verhältnis zwischen Zufall und Kontingenz, die Rolle der göttlichen Vorsehung, der Wandel des Glücksbegriffs sowie die Gegenüberstellung von weltlichem und geistlichem Leben.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass der Handlungsverlauf der Erzählung nicht zufällig ist, sondern als bewusst konstruierter Plan des Autors Hartmann von Aue verstanden werden muss, um eine bestimmte erzieherische Wirkung beim Publikum zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse des Textes unter Einbeziehung philosophischer Begriffe zur Kontingenz sowie einer Untersuchung der erzählerischen Strategien.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Strukturanalyse, eine detaillierte inhaltliche Untersuchung der einzelnen Episoden sowie eine Interpretation, die den Wissensstand der Figuren und des Autors gegenüberstellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind narrative Logik, Kontingenz, Erlösung, Glücksbegriff, Tugendlehre und die Analyse der antithetischen Figuren Heinrich und maget.
Welche besondere Bedeutung hat der "Meiershof" im Text?
Der Meiershof fungiert als Ort der Kontingenz im Wald, der neue Möglichkeiten eröffnet und Heinrich mit der Figur der maget zusammenbringt, die als sein religiöses Gegenideal dient.
Wie erklärt die Arbeit den Sinneswandel von Heinrich in der Opferszene?
Der Wandel wird durch den Anblick der Vollkommenheit der maget eingeleitet, der Heinrich seine eigene Gottesferne und die Sündhaftigkeit seines Vorhabens erkennen lässt, wodurch er zu einem neuen "muot" findet.
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- Lars Blisch (Author), 2009, Die Logik des Zufalls in Hartmanns von Aue 'Der arme Heinrich', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138010