Obwohl uns das Nibelungenlied in einer reichen handschriftlichen Überlieferung erhalten ist - teils vollständig, teils fragmentarisch -, bleibt dessen endgültige Entstehungsgeschichte weitestgehend immer noch im Verborgenen. Das hat vor allem mit der Editionsproblematik zu tun, das heißt, dass lange unklar blieb, welche Handschrift dem Original am nächsten kommt. Und auch heute kann man noch nicht hundertprozentig sagen, welche Handschrift nun die einzig Richtige sei.
Der Inhalt des Nibelungenliedes bezieht sich im Wesentlichen auf die Völkerwanderungszeit, also die Zerstörung des Burgundenreichs durch den weströmischen Heermeister Aëtius (436) und (im zweiten Teil) auf den Hunnenkönig Etzel/Atli († 453).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historische Ansatzpunkte
2.1 Die Merowingische Geschichte bietet Hinweise für den ersten Teil des Epos:
2.2 Die Burgunden als historischer Ansatzpunkt für den zweiten Teil des Epos:
3. Die Entstehungsgeschichte
3.1. Die Entstehungszeit
3.2 Der Entstehungsort
3.3 Erzähler, Verfasser
4. Überlieferte Handschriften
5. Gattungsproblematik
6. Hartmann von Aues Iwein und Erec
6.1. Allgemeines
6.2 Erec
6.3 Iwein
7. Der Anfang
8. Die Form
9. Der Held/ Die Helden
10. Autor, Erzähler, Narration
11. Stoff
12. Abschließende Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit des Nibelungenliedes durch einen komparativen Ansatz, bei dem das Werk als Heldenepos den Gattungsmerkmalen des höfischen Romans, repräsentiert durch Hartmann von Aues Erec und Iwein, gegenübergestellt wird.
- Historische und zeitgeschichtliche Bezüge des Nibelungenliedes
- Gattungstypologische Unterschiede zwischen Heldenepik und höfischem Roman
- Strukturelle und inhaltliche Differenzen in Form und Erzählweise
- Die Rolle des Helden und des Erzählers im Vergleich
- Einflüsse höfischer Elemente auf die Heldenepik
Auszug aus dem Buch
7. Der Anfang
Der höfische Roman beginnt mit einer Störung des ordo der höfischen Welt. Der Ritter beginnt eine âventiure, die meist zweigeteilt ist.
Die âventiure [...] ist nicht mehr willkürliches Geschick, das dem Helden zustößt, sondern eine von ihm aus eigenem Antrieb gesuchte und durch wunderbare Fügung für ihn allein bestimmte gefahrvolle Bewährungsprobe.
Die âventiure geht vom Hof aus und führt dorthin auch wieder zurück. Dadurch entsteht ein Kreisverlauf, welcher auch Prinzip der Doppelung bzw. Doppelter Cursus genannt wird (Beispiel: Erec). Der Vertreter der höfischen Gesellschaft verlässt den Hof, um seine verlorene Ehre und die der Adelsgesellschaft wieder zu rehabilitieren. Sein Abenteuer besteht darin, in Isolation zu leben und sich zugleich individuell auf die Probe zu stellen. Die Vereinsamung im Roman ist also selbstgewählt und dient dazu, sich für die Gesellschaft zu opfern und deren Ordnungsgefüge wieder herzustellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtung der unklaren Entstehungsgeschichte des Nibelungenliedes und der damit verbundenen Editionsproblematik sowie der historischen Bezüge.
2. Historische Ansatzpunkte: Darstellung historischer Grundlagen in der Merowinger- und Burgundengeschichte, die als Vorlagen für das Epos dienen könnten.
3. Die Entstehungsgeschichte: Analyse von Zeit, Ort und möglicher Verfasserschaft unter Einbeziehung wissenschaftlicher Theorien.
4. Überlieferte Handschriften: Bewertung der Bedeutung und Qualität der wichtigsten Handschriften A, B und C für die Textrekonstruktion.
5. Gattungsproblematik: Einführung in die Diskussion, ob das Nibelungenlied primär als Heldendichtung oder höfischer Roman einzuordnen ist.
6. Hartmann von Aues Iwein und Erec: Vorstellung der beiden Vergleichswerke als Prototypen des höfischen Romans.
7. Der Anfang: Analyse des Beginns höfischer Romane durch die Störung des ordo und den Begriff der âventiure.
8. Die Form: Kontrastierung der metrischen und formalen Struktur von Nibelungenstrophe und Reimpaarversen.
9. Der Held/ Die Helden: Gegenüberstellung des Heldenbildes in Heldengemeinschaften und des individuellen Artusritters.
10. Autor, Erzähler, Narration: Vergleich der anonymen Erzählweise des Nibelungenliedes mit der expliziten Autorenpersönlichkeit Hartmanns von Aue.
11. Stoff: Untersuchung inhaltlicher Differenzen bezüglich Realitätsnähe, Minne-Verständnis und der Gestaltung festlicher Anlässe.
12. Abschließende Stellungnahme: Zusammenfassung der Ergebnisse, die das Nibelungenlied als Heldenepos mit punktuellen, vermutlich nachträglichen höfischen Einflüssen einordnen.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Heldenepos, Höfischer Roman, Hartmann von Aue, Erec, Iwein, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Gattungsproblematik, Handschriften, Heldenethik, Artusroman, Völkerwanderung, Literaturgeschichte, âventiure
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Gattungszugehörigkeit des Nibelungenliedes im Kontext zwischen traditioneller Heldenepik und dem aufkommenden höfischen Roman.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Entstehungsgeschichte, formale Aspekte der Textgestaltung, das Heldenbild, die Erzählweise sowie der Vergleich mit Hartmann von Aues Artusromanen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch einen Vergleich mit den Prototypen Erec und Iwein zu klären, inwieweit das Nibelungenlied trotz höfischer Einflüsse primär dem Genre des Heldenepos zuzuordnen bleibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse, bei der das Nibelungenlied den Gattungsmerkmalen des höfischen Romans gegenübergestellt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in historische Analysen, formale Untersuchungen (Metrik), Helden- und Erzählervergleiche sowie eine inhaltliche Differenzierung hinsichtlich Stoff und Struktur.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Heldenepos, Höfischer Roman, Hartmann von Aue, Gattungsproblematik, Nibelungenlied und Literaturgeschichte des Mittelalters.
Warum wird Hartmann von Aue als Vergleich herangezogen?
Hartmann von Aue gilt als Begründer des deutschsprachigen Artusromans und bietet mit Erec und Iwein ideale Referenzwerke für die Merkmale des höfischen Romans.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur Gattungsfrage?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass das Nibelungenlied ein Heldenepos mit eingestreuten höfischen Akzenten ist, wobei die höfischen Elemente vermutlich erst nachträglich hinzugefügt wurden.
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- Sabine Reinwald (Author), 2009, Das Nibelungenlied. Heldenepos oder Höfischer Roman?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138027