Der platonische Idealstaat - Fundament des Totalitarismus?


Hausarbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung: “Politeia” als kontroverses Werk der Politischen Philosophie

2. Theorie: Der platonische Idealstaates

3. Merkmale des Totalitarismus
3.1 Definition nach Friedrich und Brezezinski
3.2 Definition nach Karl R. Popper

4. Vergleich und Widerlegung
4.1 Die Ideologie
4.2 Die Massenpartei
4.3 Das Terrorsystem
4.4 Die Monopolisierung
4.5 Die Zentralwirtschaft

5. Zusammenfassung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Hinführung: “Politeia” als kontroverses Werk der Politischen Philosophie

Platons Idealstaat ist jenseits von Raum und Zeit, er hat kein Hier und kein Jetzt. Er ist ein Paradigma, eine Norm und ein Vorbild für menschliche Handlungen.[1]

( Ernst Cassirer )

Platon (427-347 v. Chr.) setzte nicht nur mit seinem Hauptwerk “Politeia” Maßstäbe in Philosophie und Wissenschaft. Dennoch wurde seinem Spätwerk, welches im Deutschen mit “Der Staat” übersetzt wird, bis heute die größte Aufmerksamkeit beigemessen. Zum einen weil er dort mit seiner Ideenlehre ein Gedankengebäude errichtete, welches wie kein anderes die abendländische Philosophie geprägt hatte. Nicht umsonst schreibt A.N. Whitehead, das alle abendländische Philosophie “als Fußnoten zu Platon[2] zu verstehen sei. Zum anderen beruht die Aufmerksamkeit, auf der Tatsache, dass es den Mittelpunkt eines lang anhaltenden Streits unter Philosophen bildet.

In “Politeia” beschäftigt sich Platon mit der Suche nach dem Wesen der Gerechtigkeit und entwirft dabei “(...) eine ideale Seelenverfassung sowie analog dazu ein Idealbild des Staates.[3] Vor allem im 20. Jahrhundert, im Zuge der Entwicklungen in Mitteleuropa seit 1921 und in Osteuropa seit 1917, wurde die Kritik an dem Platonischen Staatsentwurf, aufgrund seiner autoritären Elemente immer größer. Platons Ideen von Besitzlosigkeit, der Philosophenherrschaft, aber auch der Umgang mit Frauenn und Kindern erregten in dieser Zeit der totalitaristischen Systeme, man denke nur an Hitler-Deutschland und die UdSSR, die Gemüter. In diesem Streit etablierte sich der Philosoph Karl R. Popper, während des Zweiten Weltkrieges mit seinem Werk “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde”, als einer der schärfsten Platonkritiker. Im ersten Band stellt sich Popper massiv gegen Platons Staatsphilosophie, da er in ihr “(...) eine der Ursachen totalitaristischer Strömungen, die bis heute Einfluss ausüben und einen gefährlichen Angriff auf die moderne westliche Gesellschaftsform (...)”[4] sieht. Zwar gab es bereits im 19. Jahrhundert Kritik an den vom Humanismus geprägten Interpretationen der Platonischen Texte, aber den Höhepunkt erlangte diese Kontroverse erst später, als die Verbindung von totalitären Staatsformen und Platonischer Philosophie, sogar von den Nationalsozialisten selbst gezogen wurde. Diese beriefen sich bei vielem, besonders in der Eugenik, auf Platon als Ahnherrn.[5] Neben Karl R. Popper, zählen auch R.H.S. Crossman, A.J. Toynbee und B. Russel zu den bekanntesten Kritikern der Platonischen Staatsphilosophie. Popper fußt seine Totalitarismuskritik gegen Platon auf drei wesentliche Punkte der Platonischen Philosophie.

Den “Historismus”, den “Essentialismus” und Platons “Holismus”. Unter “Historismus” versteht Popper, dass die Geschichte nach bestimmten Regeln und Gesetzmäßigkeiten verläuft. Platon ist seiner Meinung ein gemäßigte Historizist. Jede Veränderung würde die staatliche Lage verschlechtern, deshalb ist Platon um die Etablierung und Fixierung seines Idealstaates bemüht.

Dies gelingt nur mit Hilfe des “Essentialismus”, welcher für sich beansprucht, “(...), durch die Beschreibung des unveränderlichen Wesens der Dinge zu ewigen Wahrheiten zu gelangen, (...)”[6]. Diese können nur von den wenigen Eingeweihten erkannt werden, welche daraus Dogmen und später sogar Ideologien ableiten. Hierbei spielt Popper auf Platons Idealismus an, welcher davon ausgeht, dass Ideen objektiv und unabhängig von unserer Kenntnisnahme existieren. Sie entspringen also nicht dem Bewusstsein sondern werden nur von diesem erkannt.[7] Popper wirft Platon und seiner Philosophenherrschaft vor durch Ideologisierung der Bürger, die gesellschaftliche Fixierung zu festigen.[8] Dies dient aber nur dem Machterhalt der Herrscherklasse.

Der Holismus beschreibt das Prinzip der Unterordnung des Einzelnen gegenüber dem Staat. Dies ist nötig damit der Idealstaat erhalten bleibt und sich so wenig wie möglich verändert. Dem Volk wird also die Eigenständigkeit abgesprochen und dies führt laut Popper zu einem Kollektivismus und einer kollektivistischen Ethik.

Diese drei oben genannten Elemente führen nach Popper also zwangsweise zum Totalitarismus. Ferner unterstellte Popper, Platon aufgrund seiner Biographie, sich selbst als Philosophenherrscher einsetzen und seine Macht und die seiner Klasse, den Philosophenherrschern, sichern zu wollen.

Aus diesen Vorwürfen ergibt sich nun die Frage: Der platonische Idealstaat – Fundament des Totalitarismus?

Die folgende Hausarbeit versucht die Frage zu beantworten, ob es sich bei dem platonischen Idealstaat um das Fundament des Totalitarismus handelt. Zunächst wird im theoretischen Teil dieser Arbeit erörtert wie sich Platon seinen Idealstaat vorstellte. Hierbei wird auch die diesbezügliche Ontologie Platons erörtert. Um dabei nicht, das Hauptziel der Arbeit aus den Augen zu verlieren, beschränkt sich die ontologische Untersuchung nur auf themenrelevante Elemente. Anschließend wird der Begriff des Totalitarismus genauer verortet, da dies für die Beantwortung der Frage von großer Bedeutung ist. Da es eine Vielzahl unterschiedlichter Definitionen gibt, die sich mal mehr mal weniger gleichen, werde ich mich aus Gründen der Übersichtlichkeit auf die von Carl J. Friedrich und Zbigniew Brzezinskis beschränken. Im Hauptteil wird der platonische Idealstaat mit den Merkmalen eines totalitaristischen Systems abgeglichen. Hierbei greife ich die wichtigsten Kritikpunkte Karl Poppers mit auf, da dieser der schärfste Kritiker der platonischen Staatsphilosophie ist. Zudem wurde diesem Thema in neuerer Zeit nur noch wenig Beachtung geschenkt, da sich selten jemand auf die Popper`sche Platonkritik bezieht. Abschließend möchte ich meine Ergebnisse in einem kurzen Fazit zusammenfassen und versuchen die Rolle des Mittlers zwischen den Platonikern und Antiplatonikern zu übernehmen.

Da ich mich vorwiegend mit der Popper`schen Platonkritik auseinandersetze, werde ich nicht tiefer auf andere Kritiker wie Russel oder Crossman eingehen. Des Weiteren werde ich die Popper`sche Kritik nur auf die Merkmale des Totalitarismus nach Friedrich und Brezezinski untersuchen. Ferner werde ich nicht, auf die anderen Kritikpunkte eingehen sondern mich nur mit Platons Staatsphilosophie beschäftigen.

Bei meiner Recherche konnte ich auf ein gutes Angebot an Literatur zurückgreifen. Hervorheben möchte ich hier das Werk von Friedrich und Brezezinski die für meinen Theorieteil von großer Bedeutung waren. Genau wie Platons “Politeia” und deren Zusammenfassungen wie beispielsweise von Klaus Roth oder Oberndörfer. Vor allem im Hauptteil konnte ich auf zwei sehr gute Werke zurückgreifen. Zum einen spielte Konstantins Shiemerts Buch zur Platonkritik eine wichtige Rolle, genau wie Poppers Standartwerk “Die offene Gesellschaft und ihre Feinde”.

2. Theorie: Der platonische Idealstaates

Um Platons Vorstellungen eines Idealstaates verstehen zu können, muss man sich zunächst mit Platons Welt- und Menschenbild auseinander setzen. Platon setzt sein dualistisches Weltbild, aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt und der übersinnlichen Ideenwelt zusammen. Wobei die Welt des Körperlichen, der Ideenwelt untergeordnet ist, da diese ja nur ein Abbild dessen ist.[9]

Der Mensch setzt sich ebenfalls aus zwei Komponenten zusammen. Zum einen der unsterblichen Seele, die den selben Ursprung wie die ewigen Ideen besitzt. Zum anderen der vergängliche Leib, der sich der Herrschaft der Seele unterordnen muss.[10]

Die Seele besteht aus drei unterschiedlichen Teilen, wobei auch hier der dualistische Ansatz (übersinnlich/sinnlich) berücksichtigt wird. Hierbei handelt es sich um: Vernunft; Mut und Begierde. Diesen drei Seelenteilen ordnet Platon jeweils eine Tugend zu.

Die Tugend der Vernunft ist die Weisheit, die des Mutes die Tapferkeit und die der Begierde die Mäßigung. Kommt jeder dieser Seelenteile seiner zukommenden Aufgabe nach, so kommt die Tugend der Gerechtigkeit hinzu. Diese ist den anderen übergeordnet und entsteht durch die Harmonie der restlichen Seelenteile. Zusammen bilden sie die sogenannten “vier Kardinaltugenden”.

Wesentlicher Bestandteil des idealen Staates, ist die Analogie zum Individuum. Genau wie die Seele des Einzelnen aus drei unterschiedlichen Teilen besteht, setzt sich der Staat aus drei verschiedenen Ständen zusammen. Dem Lehrstand, welcher herrschen soll und sich aus Philosophen zusammensetzt, wird die Vernunft zugeordnet. Dem Wehrstand, der sich um die Sicherheit und die Verteidigung des Staates, sowohl nach außen wie auch nach innen kümmert und aus Wächtern besteht, wird der Mut zugesprochen. Der letzte Stand ist der sogenannte Nährstand. Dieser setzt sich aus dem einfachen Volk, Bauern und Handwerkern zusammen. Ihm wird die Begierde zugeschrieben.

Der Erziehung, die für Platon die Grundlage des Staates bildet kommt eine zentrale Rolle zu. Sie ist selektiv und versucht durch eine ausgewogene, gleichberechtigte musische und gymnastische Erziehung einen edlen Charakter zu formen[11]. Aber auch Mathe, Philosophie und andere Komponenten spielen eine entscheidende Rolle. Um aber die Erziehung steuern zu können und das gewünschte Ergebnis zu erhalten, findet eine staatliche Zensur in den bereichen Musik, Literatur und Kultur statt. Ziel ist es, die idealen Philosophenherrscher auszubilden, in denen sich “(...) Weisheit mit der Macht verbinden.[12] ”. Da es keine Beschränkung der Herrschaftsmacht gibt, “(...) liegt allein in ihrer durch die Ausbildung erworbenen Einsicht das Wohl des Staates begründet.[13] Dies wird durch ein strenges Auswahlverfahren erreicht, dass von Kindesbeinen an beginnt. Um eine gewisse Stabilität im Staat zu erreichen und die Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen zu rechtfertigen schafft Platon den “Metall-Mythos”. Dieser Mythos handelt von der Erschaffung der Menschen durch Gott. Dabei mischt Gott jedem Menschen ein Metall bei der Erschaffung bei. Den Herrschern Gold, den Wächtern Silber und den Bauern Eisen.

[...]


[1] Platon, “Der Staat”, Einleitung, Stuttgart 2000, Seite 76

[2] Kunzman Peter, dtv-Atlas Philosophie, München 2007, Seite 39

[3] Schimert, Konstantin, Platonkritik Karl Poppers: Untersuchungen hinsichtlich der Einbeziehung philosophischer Voraussetzungen Platons, Neuried 2003, Seite 13

[4] Ebenda, Seite 13

[5] Vgl. Platon, “Der Staat”, Einleitung, Stuttgart 2000, Seite 77

[6] Schimert, Konstantin, Platonkritik Karl Poppers: Untersuchungen hinsichtlich der Einbeziehung philosophischer Voraussetzungen Platons, Neuried 2003, Seite 15

[7] Vgl. Kunzman Peter, dtv-Atlas Philosophie, München 2007, Seite 39

[8] Vgl. Schimert, Konstantin, Platonkritik Karl Poppers: Untersuchungen hinsichtlich der Einbeziehung philosophischer Voraussetzungen Platons, Neuried 2003, Seite 16

[9] Vgl. Kunzman Peter, dtv-Atlas Philosophie, München 2007, Seite 39

[10] Vgl. Ebenda, Seite 43

[11] Vgl. Platon, Der Staat, Stuttgart 2000, 411e

[12] Kunzman Peter, dtv-Atlas Philosophie, München 2007, Seite 45

[13] Ebenda, Seite 45

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der platonische Idealstaat - Fundament des Totalitarismus?
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V138064
ISBN (eBook)
9783640465026
ISBN (Buch)
9783640462155
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politikwissenschaft, Philosophie, Platon, Idealstaat, Popper, Totalitarismus
Arbeit zitieren
Dominik Iwan (Autor), 2009, Der platonische Idealstaat - Fundament des Totalitarismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138064

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