Unter welchen Bedingungen steht ein anderes Land Deutschland „nahe“ genug, um in die Nachrichten deutscher Medien zu gelangen? Oder spielt Nähe in der Auslandsberichterstattung überhaupt keine Rolle?
Diesen Fragen nähert sich die vorliegende Arbeit auf theoretischer Ebene. Um den Nachrichtenfaktor Nähe in das Gesamtbild der Nachrichtenwerttheorien in der europäischen Forschung einordnen zu können, werden zuerst wichtige Nachrichtenfaktoren-Kataloge vorgestellt. Anschließend werden die Arbeiten, die sich sowohl mit Auslandsberichterstattung als auch dem Faktor Nähe beschäftigen, analysiert. Es wird untersucht, in welche Ausprägungen der Nachrichtenfaktor Nähe differenziert wird, wie er definiert und operationalisiert wird, und – bei den Arbeiten, die seinen Einfluss prüfen – welche Bedeutung ihm und seinen Ausprägungen im Vergleich mit anderen Faktoren und untereinander zugewiesen wird.
„Also, ein Umsturzversuch in Bosnien ist uns nachrichtlich so viel wert wie ein Umsturzversuch in Bolivien“, sagte Thomas Hinrichs 2007, damals zweiter Chefredakteur von ARD-aktuell. Über Bolivien und allgemein ganz Lateinamerika wird selten in deutschen Medien berichtet. Für das Interesse der meisten Nachrichtenkonsumenten scheint der südliche Teil Amerikas zu weit weg, um sich dafür zu interessieren. Die Nachrichtenwerttheorie begründet diese Selektion mit dem Nachrichtenfaktor geografische Nähe. Aber Bosnien-Herzegowina liegt über zehnmal näher an Deutschland als Bolivien. Warum ist Bosnien dann – zumindest laut Hinrichs – genauso wenig interessant? Das liegt daran, dass in der Auslandsberichterstattung unter dem Nachrichtenfaktor Nähe nicht nur die räumliche Entfernung verstanden wird, sondern mitunter auch die politische, wirtschaftliche und kulturelle Nähe einbezogen wird. Unter diesen Aspekten scheint Bosnien-Herzegowina ebenfalls weit entfernt von Deutschland: Das Land ist noch kein Mitglied der EU, kein bedeutender Handelspartner für die Bundesrepublik und steht Deutschland auch kulturell nicht nahe, zum Beispiel über die Sprache.
Aber wenn geografische Nähe in diesem Fall dem Umsturzversuch in Bosnien keinen höheren Nachrichtenwert verleiht, ist sie dann überhaupt relevant?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Übersicht über die wichtigsten Nachrichtenfaktoren-Kataloge
3 Der Nachrichtenfaktor Nähe, seine Ausprägungen und sein Einfluss
3.1 Das Nachrichtenmerkmal Nähe bei Östgaard (1965) und Galtung/Ruge (1965)
3.2 Die Nachrichtenfaktoren-Dimension Nähe bei Schulz (1976)
3.3 Nähe-Nachrichtenfaktoren bei Staab (1990)
3.4 Die Nachrichtenfaktoren-Dimension Nähe bei Westerståhl/Johansson (1994)
3.5 Das Ländermerkmal Nähe bei Hagen et al. (1998)
3.6 Nähe-Nachrichtenfaktoren bei Ruhrmann et al. (2003) und Stengel/Maier (2009)
3.7 Nähe-Nachrichtenfaktoren bei Scherer et al. (2006)
3.8 Nähe-Nachrichtenfaktoren bei Ruhrmann/Göbbel (2007)
4 Diskussion und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht theoretisch, welche Bedeutung der Nachrichtenfaktor "Nähe" innerhalb der europäischen Forschungstradition zur Nachrichtenwerttheorie hat. Ein zentrales Ziel ist es, nachzuzeichnen, wie verschiedene Forscher diesen Faktor über die Jahrzehnte hinweg definiert, operationalisiert und gewichtet haben, um zu klären, unter welchen Bedingungen Ereignisse aufgrund ihrer Nähe in die Berichterstattung gelangen.
- Historische Entwicklung der Nachrichtenfaktoren-Kataloge seit 1965
- Differenzierung des Faktors "Nähe" in geografische, politische, kulturelle und wirtschaftliche Komponenten
- Analyse der Operationalisierungsmodi in verschiedenen wissenschaftlichen Studien
- Vergleich der empirisch ermittelten Einflussstärken von Nähe im Kontext der Auslandsberichterstattung
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Nachrichtenfaktoren-Dimension Nähe bei Schulz (1976)
Bei Schulz (1976, 33) war Nähe anders als bei Östgaard und Galtung/Ruge nicht eine Unterkategorie eines Faktors, sondern eine von sechs Nachrichtenfaktoren-Dimensionen, die vier unterschiedliche Nachrichtenfaktoren enthielt: räumliche Nähe, politische Nähe, kulturelle Nähe und Relevanz. In der Dimension Nähe wurden „alle geographisch, kulturell, politisch, sozial und psychologisch begründeten Faktoren für Nähe oder Affinität zusammengefaßt“ (Schulz 1976, 33).
Die Nachrichtenfaktoren politische Nähe und kulturelle Nähe seien nur auf außerdeutsche Ereignisse anwendbar (vgl. ebd., 41f.). Räumliche Nähe wurde von Schulz je nach Bezug auf außer- oder innerdeutsche Nachrichten anders operationalisiert. Für diese Arbeit ist nur die Operationalisierung bezüglich Auslandsnachrichten relevant. Dabei nahm Schulz die höchste Intensitätsstufe – von insgesamt vier Stufen – an, wenn es sich um ein „Ereignis in einem Land, das eine gemeinsame Grenze mit der BRD hat“ (ebd., 41), handelte, und die niedrigste Intensitätsstufe bei einem „Ereignis außerhalb des europäischen, nahöstlichen und afrikanischen Raumes“ (ebd., 41). Der Grad politischer Nähe war bei Schulz am höchsten, wenn das „Ereignis in einem Land mit Zugehörigkeit zu EG, NATO sowie zu den wichtigsten Handelspartnern der BRD (nach Import/Export-Anteil)“ (ebd., 41) stattfand. Die kulturelle Nähe zu Deutschland war besonders hoch, wenn es um ein „Ereignis in einem Land mit Deutsch als Landessprache, über 60 Prozent christlicher Bevölkerung und mehr als 100 Titeln der Bücherproduktion, die pro Jahr ins Deutsche übersetzt werden“ (ebd., 42), ging.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz des Faktors Nähe anhand praktischer Beispiele und skizziert das theoretische Vorgehen der Arbeit im Rahmen der europäischen Nachrichtenwertforschung.
2 Übersicht über die wichtigsten Nachrichtenfaktoren-Kataloge: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über fundamentale Definitionen von Nachrichtenfaktoren und ihre historische Einordnung in die Forschung, beginnend mit Lippmann bis hin zu den bedeutsamen Katalogen von Östgaard, Galtung/Ruge und Schulz.
3 Der Nachrichtenfaktor Nähe, seine Ausprägungen und sein Einfluss: Das Hauptkapitel analysiert detailliert die verschiedenen Ansätze zur Definition und Messung von Nähe durch zahlreiche Forscher, wobei die jeweilige Operationalisierung und der festgestellte Einfluss auf die Berichterstattung im Mittelpunkt stehen.
4 Diskussion und Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der analysierten Studien zusammen, vergleicht kritisch die unterschiedlichen Forschungsansätze und gibt einen Ausblick auf den wissenschaftlichen Konsens bezüglich der Rolle des Faktors Nähe.
Schlüsselwörter
Nachrichtenwerttheorie, Nachrichtenfaktor, Näher, Auslandsberichterstattung, geografische Nähe, kulturelle Nähe, politische Nähe, wirtschaftliche Nähe, Nachrichtenmedien, Journalistik, Nachrichtenselektion, Inhaltsanalyse, Medienforschung, europäische Forschungstradition, Ereignisrelevanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die theoretische Auseinandersetzung mit dem Nachrichtenfaktor "Nähe" innerhalb der Nachrichtenwerttheorie mit Fokus auf die europäische Forschung seit 1965.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Identifikation und Definition von Nähe-Ausprägungen sowie deren Einfluss auf die Nachrichtenauswahl in der internationalen Berichterstattung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die systematische Aufarbeitung und der Vergleich verschiedener wissenschaftlicher Kataloge und deren operationalisierter Nähe-Faktoren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der existierende Studien, Kataloge und empirische Befunde chronologisch und vergleichend betrachtet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Ansätze bedeutender Forscher wie Östgaard, Schulz, Staab, Hagen et al. und Ruhrmann et al. detailliert analysiert und deren Operationalisierungen gegenübergestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören vor allem Nachrichtenfaktor, Nähe, Nachrichtenwerttheorie und Auslandsberichterstattung.
Warum spielt die wirtschaftliche Nähe heute eine so große Rolle?
Laut den analysierten Studien, etwa von Westerståhl/Johansson, hat sich der Fokus der Berichterstattung historisch entlang der Informationsströme zu Wirtschaftsbeziehungen entwickelt.
Gibt es einen Konsens über den Einfluss von geografischer Nähe?
Ja, die Forschung ist sich weitgehend einig, dass klassische geografische Distanz durch verbesserte Kommunikationstechnologien an Bedeutung verloren hat und wirtschaftliche Faktoren relevanter sind.
Warum differieren die Ergebnisse von JOURNALISTENBEFRAGUNGEN von Inhaltsanalysen?
Die Studie vermutet, dass Befragte Schwierigkeiten haben, ihre Selektionsentscheidungen im Alltag präzise retrospektiv und nach wissenschaftlichen Kategorien einzuschätzen.
- Arbeit zitieren
- Sandra Schaftner (Autor:in), 2017, Der Nachrichtenfaktor Nähe in der Auslandsberichterstattung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1380880