Worin liegen die Unterschiede im Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschen?


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2.1.1 Die mikrosoziologische Perspektive
2.1.2 Die makrosoziologische Perspektive
2.2 Der individualpsychologische Erklärungsansatz
2.3 Das Modell des rationalen Wählers (Rational Choice)

3.1 Parteien und ihre Bevölkerungsgruppen
3.2 Auflösung der traditionellen Parteibindungen in Westdeutschland
3.3 Die „Neue Mitte“
3.4 Die „neue Mitte“ und die Bundestagswahl 1998
3.5 Das Wählerverhalten in den neuen Bundesländern
3.6 Parteienlandschaft in den neuen Bundesländern

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Staatliche Einheit vollzogen, innere Einheit fraglich“[1] – so kann man den Einigungsprozess zwischen West- und Ostdeutschland[2] in Hinblick auf das politische Wahlverhalten am besten beschreiben. In dieser Arbeit soll die Entstehung von unterschiedlichem Wählerverhalten in West- und Ostdeutschland untersucht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage wie sich diese Unterschiede bei Wahlen, und im Parteiensystem auswirken. Auch soll die Frage ob das Wahlverhalten im Osten Deutschlands die Zukunft des Wahlverhaltens im Westen Deutschlands darstellt auf ihre Validität geprüft werden.

In dieser Arbeit werden in Punkt 2 zunächst drei Theorien des Wählerverhaltens kurz vorgestellt. In Punkt 3.1 werden die Bindungen zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen und bestimmten Parteien dargestellt. Bei Punkt 3.2 wird dargestellt, welche Auflösungserscheinungen die traditionellen Parteibindungen aufweisen. Die „neue Mitte“ Gesellschaft wird vom Autor in zwei Punkten besprochen. In Punkt 3.3 wird die Entstehung und die Eigenschaften der „neuen Mitte“ untersucht. In Punkt 3.4 wird die „neue Mitte“ im Kontext der Bundestagswahl 1998 betrachtet. Bei Punkt 3.5 werden die Facetten des Wahlverhaltens in den neuen Bundesländer beschrieben. Abschließend wird in Punkt 3.6 noch die Parteienlandschaft in den neuen Bundesländer dargestellt.

2.1.1 Die mikrosoziologische Perspektive

Die mikrosoziologische Perspektive legt einen besonderen Schwerpunkt auf die verhaltensrelevante Bedeutung des sozialen Umfeldes. Nach diesem Erklärungsmodell wird das Wahlverhalten eines Bürgers durch die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen mit festen politischen Verhaltensnormen determiniert. Je gleichgerichteter die Wahlnormen der Gruppen denen ein Wähler angehört sind, desto unwahrscheinlicher ist eine individuelle, den Gruppenpräferenzen gegenläufige Wahlentscheidung. Weisen die verschiedenen Gruppen im sozialen Umfeld grundsätzlich verschiedene Wahlnormen auf, führt dies zu einer Reduzierung des politischen Interesses des Wählers.

2.1.2 Die makrosoziologische Perspektive

Diese Perspektive bezieht sich auf langfristige Allianzen zwischen Parteien und bestimmten Bevölkerungsgruppen sowie auf die Analyse der Herausbildung und der Entwicklung von Parteiensystemen.

Naturgemäß gibt es in den verschiedenen Demokratien Westeuropas institutionelle sowie auch wahlrechtliche Unterschiede. In allen Parteiensystemen bildeten sich jedoch liberale, christdemokratische, sozialistische, sozialdemokratische und grüne Parteien mit jeweils eigener Wählerschaft heraus. Diese Bildung des westeuropäischen Parteiensystems findet seinen Ursprung in den Demokratisierungsprozessen im 19. und 20. Jahrhundert. In verschiedenen Auseinandersetzungen wie z. B. zwischen ländlich-agrarischen und städtisch-handwerklichen Gebieten koalierten politische Parteien mit den jeweils betroffenen Bevölkerungsgruppen. Auf Dauer festigten sich diese Koalitionen zwischen bestimmten Wählerschaften und Parteien.

2.2 Der individualpsychologische Erklärungsansatz

Bei diesem zweiten klassischen Erklärungsansatz findet ein Perspektivwechsel statt, bei diesem ist das „Wahlverhalten der Ausdruck einer individuellen psychologischen Beziehung zu einer Partei“[3]. Das Herzstück dieses Ansatzes ist das „Ann Arbor-“ oder „Michigan-Modell“. Bei der politischen Sozialisation durch Eltern, Freund oder

Mitgliedschaft in politischen Gruppen bildet sich die individuelle Parteiidentifikation, eine längerfristige emotionale Bindung des Wählers an eine Partei. Wenn diese Bindung einmal ausgeprägt ist, beeinflusst sie im hohen Maße die Wahrnehmung und Bewertung aktueller politischer Ereignisse.

Neben dieser Variablen langfristige Parteiidentifikation existieren noch zwei weitere, die persönliche Bewertung aller Kandidaten und die Einstellung zu aktuellen politischen Streitfragen („Issue-Orientierung“). Diese drei Variablen bestimmen nun die persönliche Wahlentscheidung, wobei die langfristige Parteiidentifikation in den meisten Fällen die Wahlentscheidung bestimmt. Allerdings kann es bei einzelnen Wahlen zu einer Unstimmigkeit zwischen den drei Variablen kommen, und eine Wahlentscheidung entgegen der langfristigen Parteiidentifikation herbeiführen.

2.3 Das Modell des rationalen Wählers (Rational Choice)

Beim dritten Erklärungsansatz wird der Blick ganz auf das individuelle Entscheidungskalkül des Wählers gerichtet. Die persönliche Wahlentscheidung wird bestimmt durch ihren maximal zu erzielenden politischen Nutzen in Bezug auf ein selbstgewähltes, dem eigenen Werturteil unterliegendem Ziel. Der rationelle Wähler kommt auf Grund eines Nutzendifferentials zu seiner Entscheidung, er vergleicht die Arbeit der Regierung in der vergangenen Legislaturperiode mit dem vermuteten Ergebnis welches die Opposition hervorgebracht hätte. Die Wahlentscheidung ist somit letztlich stark abhängig vom Erscheinungsbild von Regierung sowie Opposition. Elemente, wie längerfristige emotionale Parteineigungen, spielen eine untergeordnete Rolle.

Diese drei Erklärungsansätze ergänzen sich durch ihre unterschiedliche Schwerpunktsetzung und sollen das theoretische Fundament der nachfolgenden Ausführungen bilden.

3.1 Parteien und ihre Bevölkerungsgruppen

Bereits in der Einleitung wurde auf die relativ starke Kontinuität im Wahlverhalten der westdeutschen Bevölkerung hingewiesen. Dieser Umstand lässt sich am besten anhand der „makrosoziologischen Perspektive“[4] erklären. Das Wählerverhalten und Parteiensystem in Westdeutschland nach 1945 ist nur mit dem Hintergrund der Entwicklung der Koalitionen zwischen bestimmten Bevölkerungsgruppen und politischen Parteien zu verstehen. Fünf Hauptkonfliktlinien („Cleavages“), an denen sich der politische Wille der Bevölkerung scheidet, lassen sich ausmachen. Diese sollen nun zur Standortbestimmung von Parteien[5]

Die Sozialdemokratische Partei Deutschland (SPD) zeigte sich als Arbeiter- und Arbeitnehmerpartei. Mit dieser Festlegung bezog sie bei der Spannungslinie zwischen Kapital und Arbeit klar eine Seite, und sicherte sich dadurch eine breite Unterstützung durch die Arbeiter.

Mit der Christlich-Demokratischen Union (CDU) sowie ihrem bayrischen Pendant der Christlich-Sozialen Union (CSU), entstand eine Partei mit erkennbarer klerikaler Ausrichtung entlang der Konfliktlinie zwischen Staat und Kirche. Dadurch erhält sie starke Unterstützung von gläubigen Protestanten und Katholiken.

Die dritte Hauptkonfliktlinie, an derer sich eine Partei ausrichtete, ist der Gegensatz zwischen liberalen und konservativen Standpunkten. Die Freie Demokratische Partei (FDP) verkörpert den politischen Liberalismus und bezieht somit Position. Dadurch sichert sie sich eine gewisse Stammwählerschaft.

Im Jahre 1980 entstand die Partei der Grünen die 1983 in den Bundestag einzog, und sich dort als vierte Fraktion etablierte. Sie ist im wesentlichen ein spätes Ergebnis der Protestbewegung Ende der sechziger Jahre in Westdeutschland. Sie vertritt vor allem ökologische Standpunkte und wendet sich damit an die umweltbewussten Schichten der Bevölkerung. Nach der Wende vereinigte sich die Partei mit dem Bündnis 90 aus Ostdeutschland zu Bündnis 90/Die Grünen.

Ebenfalls nach der Wende entstand die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) sie ist die Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Die PDS spiegelt am besten die neue Konfliktlinie zwischen West- und Ostdeutschland wieder. In ihrem Selbstverständnis ist sie eine „Partei, die Ostdeutschland als Zukunftschance begreift.“[6] Die PDS tritt als sozialistische und pazifistische Partei auf. Ihre Anhänger sind fast ausschließlich in Ostdeutschland zu finden.

Als Verdeutlichung für die konstant enge Beziehung zwischen einem bestimmten Klientel und einer Partei soll die folgende Tabelle dienen, in der auch die damit verbundene überdurchschnittliche Wahlhäufigkeit der Partei durch dieses Klientel

Tabelle 1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Hartenstein, Wolfgang: Den Wählern auf der Spur, Sankt Ingbert, Röhrig Universitätsverlag, 2002, S.63

Die Beziehung zwischen den Stammwählern und einer Partei werden in diesem Schaubild durch Indexwerte dargestellt. Dieser Wert wird bei jeder Wahl mit 100 angesetzt, ein Indexwert von 160 besagt also, dass im Jahre 1976 die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter um 60 Prozent mehr SPD gewählt haben als die gesamte Wählerschaft.

[...]


[1] Institut für Politikwissenschaft der Uni Mainz 14. April 2003 16:45: Annäherung durch Wandel?,

< http://www.politik.uni-mainz.de/kai.arzheimer/btw98/BTW98.pdf > S.1

[2] Die umgangssprachliche Bezeichnung Ostdeutschland steht für das Beitrittsgebiet, also für die neuen Bundesländer Deutschlands: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die umgangssprachliche Bezeichnung Westdeutschland steht für die alten Bundesländer Deutschlands; das sind: Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Schleswig-Holsein.

[3] Korte, Karl Rudolf: Wahlen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Bundeszentrale für politische Bildung, 2000, S.89

[4] Vgl.: Punkt 2.1.2 Die makrosoziologische Perspektive

[5] Hier werden nur Parteien Untersucht die auch im Bundestag vertreten sind.

[6] PDS Online 15. April 2003 16:45: Programm der PDS zur Bundestagswahl 2002, S.2

< http://www.pds-online.de/wahlen/dokumente/wahlprogramm2002/index.htm >

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Details

Titel
Worin liegen die Unterschiede im Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschen?
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Einführung in die Politikwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V13809
ISBN (eBook)
9783638193597
Dateigröße
694 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Worin, Unterschiede, Wahlverhalten, Ost-, Westdeutschen, Proseminar, Einführung, Politikwissenschaft
Arbeit zitieren
Daniel Krause (Autor), 2003, Worin liegen die Unterschiede im Wahlverhalten von Ost- und Westdeutschen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13809

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