Die Begriffe "System und Norm" nach Eugenio Coseriu


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Die Unterscheidung von Norm und System durch Coseriu

3. Begriffsdefinitionen und Erläuterungen
3.1 System
3.2 Norm
3.3 Die Relation von Norm und System zueinander

4. Realisierungen der Norm
4.1 Semantik
4.2 Phonetik
4.3 Lexik
4.4 Morphologie

5. Wortbildung und Norm
5.1 Beschränkungen der Zahl der tatsächlich realisierten Wortbildungen durch Normphänomene
5.1.1 Semantische Restriktionen
5.1.2 Phonologische Restriktionen
5.1.3 Etymologische Restriktionen
5.1.4 Syntaktische Restriktionen
5.1.5 Morphologische Restriktionen
5.1.6 Pragmatische Restriktionen

6. Diskussion

7. Abschließende Stellungnahme

8. Bibliographie

1. Vorbemerkung

Diese Arbeit befasst sich mit dem von Eugenio Coseriu aufgestellten Begriffspaar System und Norm. Dieses beschreibt metalinguistisch die einzelnen Bereiche des Sprechens. In einem ersten Teil wird dargelegt werden, wie Coseriu diese Kategorien entwickelte. Nach der Klärung der Begrifflichkeiten und deren Erläuterung wird sich die Arbeit schwerpunktmäßig auf das Phänomen der Norm konzentrieren und zunächst einige Beispiele für Realisierungen derselben in der Sprache des durchschnittlichen Sprechers aufzeigen. Im Anschluss daran wird insbesondere auf die Einflussnahme der Norm auf die Wortbildung eingegangen werden.

Wie alle abstrakten und weniger abstrakten Versuche, metalinguistische Aussagen zu treffen, wirft auch das im Zentrum stehende Begriffspaar Kritik und neue Fragestellungen auf. Auf diese soll in einem sich anschließenden Punkt eingegangen werden, bevor die Arbeit in einer endgültigen Zusammenfassung ihren Abschluss findet.

Bezug nimmt die Arbeit zu einem Großteil auf das schriftliche Vermächtnis von Eugenio Coseriu, so wie auf ausgewählte Werke von Ernst Burgschmidt, der sich mit der Thematik ausführlicher befasste.

2. Die Unterscheidung von Norm und System durch Coseriu

Eugenio Coseriu entwickelt die Unterscheidung von System und Norm aus dem Saussure´schen Bergriffspaar langue und parole: Saussure gibt der langue als Norm für die parole den Vorzug: Das Sprechenkönnen realisiert sich in der langue, die alles Kollektive normiert, die parole ist lediglich ihre individuelle Realisierung. Auch Chomsky stellt fest, dass (in seiner Terminologie) die Kompetenz die Performanz normiert.

Für Coseriu reduzieren jedoch sowohl Saussure als auch Chomsky die Analyse der Sprachkompetenz auf die Ebene der Einzelsprache. Seine Hauptkritik an beiden bezieht sich darauf, dass bei einer Unterscheidung von funktionellem System auf der einen Seite, also der langue, und der Realisierung, also parole, auf der anderen verschiedene Faktoren unberücksichtigt bleiben müssen, d. h. dass das Begriffspaar langue/parole unzureichend ist zur Erfassung der ganzen Realität der Sprache.

Institutionalisierte und lexikalisierte komplexe Lexeme gehören laut Coseriu[1] eindeutig weder zur Stufe der langue noch zur Stufe der parole, sondern eher zu einem dazwischenliegenden Bereich. Eine entsprechende Stufe zwischen beiden schlug er 1951 vor und nannte sie die Norm einer Sprache. Diese ist nicht auf einzelne Bereiche der Sprache wie z. B. die Lexik beschränkt, sondern ist auch verantwortlich für die konventionelle, unsystematische Verwirklichung gewisser Klänge (sounds) und in der Morphologie für unregelmäßige Flexionen wie die Plurale oxen und brethren oder die Formen sang und took. Besonders sinnvoll erscheint es jedoch, dieses neue Konzept auf Lexikologie und Wortbildung anzuwenden. Die Norm ist hier verantwortlich für die Wahl zwischen alternativ möglichen Wortbildungstypen (to nationalize, to clean, aber nicht * to nationalify, *to national), für lexikalische Lücken, und für die häufig auftretenden nicht regelhaften Zuordnungen semantisch gleichbedeutender aber lexikalisch unterschiedlicher Ausdrücke (oder auch umgekehrt), wie z. B. von sleeping tablet und headache tablet, oder deutsch Schweinebraten und Jägerbraten. Ebenso in diese Gruppe fällt die häufig zitierte lexikalische Unterscheidung zwischen school of fish, flock of sheep etc. (Auf Normrealisierungen in der Wortbildung wird in Kapitel 4 und 5 näher eingegangen: S. 9-16.) Laut Lipka gehören auch die Ergebnisse des Prozesses der Idiomatisierung, also Idiome unterschiedlichster Arten, zur Norm einer Einzelsprache.[2]

Auf allen Gebieten der Sprache müssen bei der „Technik der Rede“ vier verschiedene Ebe­nen unterschieden werden: die Rede (d.h. die konkrete Realisierung der Sprachtechnik, also das Sprechen an sich), und die sich daraus ableitenden Formalisierungsebenen dieser Technik: Norm, System und Typ der Sprache.[3] Auf der Ebene des Sprach typ s werden Oppositionsklassen und lexikalische Unterscheidungen oder deren Präferenzen in einer Sprache festgestellt. So finden wir beispielsweise auf der Ebene des Typus das Prinzip der Flexion, auf der Ebene des Systems aber dessen unterschiedliche Ausprägungen, wie z. B. Deklination, Konjugation, Komparation.

Im Folgenden sollen die Begriffe Norm und System kurz definiert und charakterisiert wer­den.

3. Begriffsdefinitionen und Erläuterungen

3.1. System

System definiert sich als das, was in einer Sprache möglich ist aufgrund der als unterscheidend feststellbaren Züge, die diese Sprache enthält, und aufgrund der Verfahren, die sie zum Ausdruck der entsprechenden Unterscheidungen hat. System ist also kurz gesagt das, was aufgrund der Regeln einer Sprache möglich ist.[4] Im Sprachsystem ist nur das vorhanden, was oppositionell notwendig ist, z. B. minimal pairs: würde die Unterscheidung zwischen /b/ und /h/ nicht existieren gäbe es keine Möglichkeit, eine Bedeutungsdifferenzierung zwischen /bat/ und /hat/ zu erkennen bzw. zu realisieren.

Ernst Burgschmidt definiert „System“ in Sprachwissenschaftliche Termini für Anglisten wie folgt:

„geordnete Darstellung der strukturierbaren Bestandteile einer Sprache; meist im Sinne der Systematisierung von Teilbereichen der Sprachdeskription, so Phonem-System, System der Wortbildungsmorpheme, Teilsysteme der Grammatik (generatives System, etc.)“[5]

Satzbildungen, die ungrammatisch sind, können somit durch Restriktionen im System erklärt werden. Sätze, die dem System nach grammatisch richtig sind, können teilweise aber dennoch als nicht akzeptabel einzustufen sein; die Gründe hierfür sind in der Norm zu suchen, wobei einem einzigen System verschiedene Sprachnormen entsprechen können (vgl. Kap. 5, S. 12).

3.2 Norm

Die Sprach norm enthält all das, was in einer Sprache üblich, traditionell, allgemein und beständig ist, nämlich alles, was man „so und nicht anders“ sagt[6] (und versteht), d. h. „in der Norm wird festgelegt, welche der vom System zugelassenen inhaltlichen und formalen Varianten die übliche ist und welche ungebräuchlich sind oder einen bestimmten Stilwert besitzen“[7] (z. B. bei der Wahl zwischen Synonymen → vgl. S. 9). Die Norm existiert dabei – wie auch das System – nicht nur im lautlichen, sondern in allen Bereichen der Sprache.

Ernst Burgschmidt definiert „Norm“ als

„als Sprachnorm tatsächliche Realisierung des systematisch grundsätzlich Möglichen und oppositiv Systematisierbaren; so sind viele Allophone zu einem Phonem einer Einzelsprache denkbar, aber nur wenige realisiert (diese aber überidiolektisch); viele Wortbildungen denkbar, aber ohne eigentlich erkennbare Systemrestriktionen nicht bildbar; Sätze mit 8 eingebetteten Relativsätzen sind systematisch möglich, aber in der Norm nicht realisiert“[8]

Norm ist dabei auch regelhaft – in dem Sinne, daß sie Gruppenverhalten zeigt (vgl. hierzu die Versuche einer Einteilung in Kap. 4). Regelverletzung ist hier unter dem Gesichtspunkt der Akzeptabilität und kommunikativer Toleranz oder Sanktion zu sehen[9], d. h. wenn das Gesagte in einer Sprache nicht akzeptabel ist, empfindet der Sprecher es nicht als seiner Sprache zugehörig.

„Auf der Stufe der lexikalischen Struktur entscheidet die Norm […] Coseriu zufolge zwischen verschiedenen Eigenschaften des Wortschatzes: die Verwendung von Neubildungen, die Bedeutung von Komposita und Derivaten, die Frequenz von einzelnen Einheiten [wie deutsch aufmachen, zumachen gegenüber öffnen, schließen; siehe hierzu Kap. 4.1], die Form von lexikalischen Klischees“[10] (also Kollokationen wie blond girl und fair dog, aber nicht umgekehrt).

Im Hinblick auf Produktivität in der Wortbildung lässt sich festhalten, dass die Norm einer Sprache „eine Untermenge von akzeptablen Bildungen aus der größeren Gruppe systematisch möglicher Bildungen wählt und andere ausschließt.“[11] (Dieser Problematik widmet sich Kap. 5, S. 11-16.)

[...]


[1] vgl. Lipka, 1990: 96

[2] vgl. ebd.

[3] vgl. Coseriu, 1970a: 37f

[4] vgl. Coseriu, 1988b: 52

[5] Burgschmidt, 1976: 190

[6] vgl. Coseriu, 1988a: 297

[7] Coseriu, 1988b: 271

[8] Burgschmidt, 1976: 128f

[9] vgl. Burgschmidt, 1975: 99

[10] Lipka, 1972: 129

[11] ebd.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Begriffe "System und Norm" nach Eugenio Coseriu
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für anglistische Linguistik)
Veranstaltung
HS Idiomaticity & Creativity
Note
2,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V13810
ISBN (eBook)
9783638193603
ISBN (Buch)
9783638758062
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Begriffe, System, Norm, Eugenio, Coseriu, Idiomaticity, Creativity
Arbeit zitieren
Astrid Schaumberger (Autor), 2003, Die Begriffe "System und Norm" nach Eugenio Coseriu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13810

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