Der Einfluss der Suezkrise auf den Sechstagekrieg

Eine Rational-Choice-Betrachtung der israelisch-ägyptischen Auseinandersetzungen


Hausarbeit, 2009

21 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Suezkrise 1956

3 Der Sechstagekrieg 1967

4 Der Einfluss der Suezkrise auf Entscheidungen vor dem Sechstagekrieg
4.1 Entscheidungsfindung ägyptischer Machthaber in der Post- Sinai- Phase
4.2 Entscheidungsfindung israelischer Machthaber in der Post- Sinai- Phase
4.3 Ergebnisse

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Nahostkonflikt beherrscht die Medien über einen langen Zeitraum hinweg, wie kaum ein anderes Thema. Diese Präsenz ist den immer fortwährenden neuen Eskalationen geschuldet, die dieser Konflikt hervorbringt. Solange dieser Konflikt das Zeitgeschehen mitbestimmt, so hoch ist auch seine Komplexität. Über Jahrzehnte haben sich die Fronten verhärtet, die Anlässe gewandelt, die Strategien geändert. Um aktuelle Geschehnisse und auch vergangene Ereignisse zu verstehen, ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Konflikts vonnöten. Es bedarf der Darstellung einzelner Vorgänge und der Analyse von Strategien der Machthaber.

In der vorliegenden Arbeit möchte ich genau diesen Versuch unternehmen. Anspruch ist es, den Einfluss der Suezkrise im Jahr 1956 auf den Sechstagekrieg im Jahr 1967 zu untersuchen und darzustellen. Zunächst soll der Ablauf der beiden Auseinandersetzungen zwischen Israel und Ägypten kurz erläutert werden. Dies wird Thema des zweiten und dritten Kapitels sein, um eine Einordnung in die Geschichte des Konflikts darzulegen. Die Darlegung soll kurz und präzise gehalten werden, um im anschließenden Kapitel vier eine ausführliche Analyse des Entscheidungs­verhaltens der beiden Parteien zu versuchen. In der Analyse stütze ich mich auf die Rational- Choice- Theorie und versuche damit Aktionen und Reaktionen der ägyptischen und israelischen Machtinhaber zu erklären. Ziel wird es sein aufzuzeigen, wie die Suezkrise oder auch Sinaifeldzug genannt, auf das Entscheidungsverhalten vor dem Sechstagekrieg gewirkt hat. Im Zentrum der Analyse stehen die Minister der damaligen Regierung in Israel und der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser. Die immer wiederkehrende Eskalation zwischen diesen beiden Nationen kann jedoch nicht allein durch das Verhalten der Entscheidungsträger erklärt werden. Eine Fülle verschiedener komplexer Ereignisse und Einstellungen muss über die Analyse hinaus herangezogen werden, um eine Erklärung zu liefern, wie die beiden geschichtlichen Ereignisse in Zusammenhang stehen. Zu diesen Ereignissen und Einstellungen gehören bspw. der arabische Nationalismus, die Rolle des Kalten Krieges, die panarabische Bündnispolitik und die Nichtanerkennungspolitik des israelischen Staates der arabischen Welt. Weitere Aspekte, wie die Rolle der westlichen Mächte, vor allem die von Frankreich und Großbritannien, werde ich, wegen Platzmangels versuchen möglichst kurz zu halten und das Hauptaugenmerk auf Ägypten und Israel richten.

Im Fazit werden alle Argumente und Erklärungen zusammengefasst, um deutlich zu machen, was Israel 1967 zu einem Überraschungsangriff bewogen hat, warum die ägyptische Führung unter Nasser solch einen anti-israelischen Kurs eingeschlagen hat und wie diese Ereignisse mit Zuhilfenahme der Rational- Choice- Theorie einzuordnen und zu verstehen sind.

2 Die Suezkrise 1956

Um die Auseinandersetzung zwischen Ägypten und Israel zu verstehen, die sich 1956 ereignete, muss man sich die Bedeutung des Suezkanals vor Augen führen. Der Kanal, der 1859 bis 1869 gebaut wurde, ist eine der wichtigsten Wasserstraßen der Erde (Vgl. Ruge 1967: 282).[1] Nach seiner Inbetriebnahme wurde er von der „Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez“ betrieben, die seit 1888 ein Nutzungsrecht auf 99 Jahre hatte. Nach Ablauf dieser Jahre sollte dann der Kanal an die Ägypter fallen. Obwohl es einen britisch-arabischen Vertrag gab, der festlegte, dass der Kanal für jeden und zu jeder Zeit befahrbar sein müsse, war er für die israelische Schifffahrt jedoch seit 1950 durch eine ägyptische Anordnung gesperrt, was der israelischen Wirtschaft einen erheblichen Schaden einbrachte (Vgl. Ruge 1967: 282 und Krautkrämer 2003: 62). Durch eine Verkettung mehrer Ereignisse sah sich der ägyptische Präsident Nasser gezwungen den Suezkanal zu verstaatlichen (Vgl. Krautkrämer 2003: 61).[2] Von Frankreich und Großbritannien wurde die Nationalisierung des Kanals als Rechtsbruch aufgefasst, was sie dazu veranlasste politische und militärische Besprechungen einzuberufen, um einen militärischen Eingriff in Ägypten vorzunehmen und den Suezkanal zu sichern (Vgl. Ruge 1967).

Für Israel wurde die Lage in dieser Zeit zunehmend angespannter: Seit dem ersten israelisch-arabischen Krieg 1947- 49 war Israel einer ständigen Bedrohung ausgesetzt. Die Regierung reagierte auf diese Bedrohung mit der Definition von fünf Kriegsgründen, die 1956 alle erfüllt wurden: Die dauerhafte Störung des öffentlichen Lebens war gegeben durch andauernde Terrorakte auf das israelische Grenzgebiet, die Straßen südlich von Elat waren dauerhaft gesperrt, das militärische Gleichgewicht war durch Waffenlieferungen der Sowjetunion an Ägypten empfindlich gestört, es waren arabische Truppen in Jordanien stationiert und Ägypten, Syrien und Jordanien hatten eine militärische Allianz unter einem gemeinsamen Oberkommando gegründet (Vgl. Lozowick 2006: 158 und Wallach 1999: 181). Israel sah sich gezwungen gegen die Terrorakte, die an den Grenzen zu Jordanien, Syrien und Ägypten mit der Zeit drastisch zunahmen, mit Vergeltungsschlägen vorzugehen, was wiederum zur Folge hatte, dass Ägypten seine Truppen auf der Sinaihalbinsel zusammenzog (Vgl. Ruge 1967: 283).

Zusammen mit Frankreich und Großbritannien bereitete Israel sich auf einen militärischen Schlag gegen Ägypten vor. Die aktuelle politische Lage in Ungarn nutzend, gab David Ben Gurion, der israelische Premierminister, den Befehl zur Mobilmachung, da er die Sowjetunion gebunden sah (Vgl. Ruge 1967: 286). Innerhalb weniger Tage besetzten israelische Truppen die Sinaihalbinsel und den Gazastreifen, während Frankreich und Großbritannien mit ihrem Veto den UN-Sicherheitsrat blockierten und Kairo und Port Said bombardierten (Krautkrämer 2003: 62) Der militärische Erfolg Israels war dadurch gegeben, dass die Ägypter nicht erwogen hatten, dass die Mobilmachung dazu führte, dass sie angegriffen würden. Durch die gespannte Lage an der Grenze zu Jordanien war ein Angriff auf Jordanien eher wahrscheinlich. In der Tat wurden auch israelische Truppen an der Grenze zu Jordanien stationiert, da ein eventuelles Eingreifen nach den Angriffen auf Ägypten möglich gewesen wäre (Vgl. Krupp 2004: 51). Im Gegensatz zu den israelischen Erfolgen standen die Misserfolge der Großmächte Frankreich und Großbritannien.[3] Die Konsequenz war, dass die Sowjetunion eine neue Rolle im Nahen Osten einnahm, und die USA die Rolle der Franzosen und Briten übernahm (Vgl. Moharram 1999: 197 und Tibi 1991: 83f). Die Sowjetunion nutzte den Angriff auf Ägypten aus, indem sie damit die Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn tarnten und darüber hinaus als Friedensmacht auftraten, indem sie Frankreich und Großbritannien drohten (Vgl. Ruge 1967: 286). Die Drohungen beunruhigten die USA, die sich vermehrt dafür einsetzten, dass die Invasionstruppen sich zurückzogen (Vgl. Krautkrämer 2003: 62). Nach einer UN-Vollversammlung mussten die Truppen abgezogen werden und die UNEF[4] wurde eingesetzt, um die besetzten Gebiete, vor allem die israelisch-ägyptische Grenze zu sichern (Vgl. Krautkrämer 2003: 62). Wegen des hohen Drucks seitens der USA und der UN auf Israel, aber auch wegen massiver Drohungen aus Moskau, akzeptierte die israelische Regierung einen Waffenstillstand am 5. November 1956. Darauf folgte eine Phase der Verhandlungen, in denen beschlossen wurde, dass der Golf von Akaba und die Straße von Tiran internationale Gewässer seien, auf denen jedem Staat das Recht der freien Schifffahrt garantiert werden müsse. Würde dieses Recht unterbunden werden, sähe Israel dies als Kriegsgrund an und behielt sich weiterhin Handlungsfreiheit vor. Am 11. Februar 1957 wurde beschlossen, dass die israelischen Truppen zurückgezogen würden, dass eine freie Schifffahrt nach Elat gesichert würde und dass UN-Truppen im Gazastreifen und an der Straße von Tiran stationiert würden (Vgl. Seligmann 1982: 41ff).

3 Der Sechstagekrieg 1967

Ausschlaggebend für den Sechstagekrieg waren verschiedene Provokationen, die von syrischer und ägyptischer Seite aus geplant und durchgeführt wurden. Vor Ausbruch des Krieges vermehrten sich die Angriffe auf israelisches Territorium. Sowohl an der Grenze zu Syrien, aber auch im Gaza- Streifen kam es wiederholt zu gewaltsamen Aktionen gegen Israelis (Vgl. Tibi 1991: 92). Die neue linksgerichtete Regierung Syriens verfolgte eine offensivere Politik gegenüber Israel. Durch die zunehmende sowjetische Unterstützung wandelte sich das syrische Selbstverständnis, so dass die Regierung verstärkt die Auseinander­setzung mit Israel suchte (Vgl. Seligmann 1982: 54). Auch ein Beistands­abkommen zwischen Syrien und Ägypten hatte zur Folge, dass sich die Konflikte an den israelischen Grenzen spürbar mehrten (Vgl. Krautkrämer 2003: 63). Maßgebend für eine kriegerische Eskalation der gespannten Situation zwischen Israel und seinen Nachbarstaaten waren einige Provokationen von Seiten Nassers. Dieser hatte veranlasst, dass ägyptische Truppen sich an der israelisch-ägyptischen Grenze stationierten und kurz darauf, dass die UN-Friedenstruppen die besetzten Gebiete verließen, so dass sich Israel und Ägypten erstmalig seit dem Suezkrieg 1956 wieder, ohne trennende Friedenstruppen, direkt gegenüber standen (Vgl. Churchill/Churchill 1967: 37 und Flug/Schäuble 2007). Als kurz darauf die Meerenge von Tiran im Golf von Akaba für den israelischen Schiffsverkehr gesperrt wurde, trat der casus belli für Israel ein (Vgl. Mor 1991: 359). Eine scheinbar klare Absicht für eine militärische Operation zeigte sich auch in dem schnellen Vorrücken ägyptischer Einheiten in den Sinai, sowie die geschlossenen Militärbündnisse zwischen Syrien und Ägypten und die Zusage zur militärischen Solidarität des Iraks (Vgl. Tibi 1991: 93). Diesen Unrechtmäßigkeiten folgten diverse Hetzkampagnen gegen den jüdischen Staat, sowie verbale Attacken, die zum Vernichtungskrieg gegen Israel aufriefen (Vgl. Krautkrämer 2003: 63). Da Israel nicht mit einem sofortigen Gegenschlag reagierte, wähnten sich die arabischen Staaten in Sicherheit, so dass auch Jordanien einen Verteidigungspakt mit Ägypten unterzeichnete. Die abwartende Haltung Israels änderte sich am 4. Juni mit dem Angriff auf die ägyptische Luftwaffe. Der Kriegsausgang war in den ersten sechs Stunden des Krieges entschieden, da etliche Flugzeuge am Boden zerstört wurden, die nun auch nicht mehr die anderen Truppen unterstützen konnten (Vgl. Krupp 2004: 75). Erschwerend kam hinzu, dass die Bodentruppen der ägyptischen Armee schlecht auf diesen Krieg vorbereitet waren und ebenso wie die Luftwaffe versagten (Vgl. Tibi 1991: 88). Einen ähnlichen Verlauf nahmen auch die Angriffe auf Syrien und Jordanien. Lediglich die irakische Luftwaffe wurde nicht außer Gefecht gesetzt. Nur ein einzelner Bomber wurde während seines Angriffs auf israelisches Gebiet abgeschossen, woraufhin die Angriffe der Luftwaffe eingestellt wurden. Die Luftwaffenbasen konnten von den israelischen Flugzeugen nicht angegriffen werden, da diese sich außerhalb der Reichweite befanden und somit sicher waren (Vgl. Tibi 1991: 100).

[...]


[1] Der Suezkanal verbindet das Mittelmeer und das rote Meer, sodass ein Umfahren des afrikanischen Kontinents nicht mehr nötig ist. Durch den Kanal wird der Handel zwischen Europa und Asien erleichtert. Mehr zur Geschichte und Bedeutung des Suezkanals siehe: Flug/Schäuble 2007: 72-73, Birk/ Müller 1925: 87- 108.

[2] Wegen des Vorhabens den Assuanstaudamm zu bauen, wandte sich Nasser an den Westen in der Hoffnung, finanzielle Unterstützung dafür zu erhalten. Die USA, Großbritannien und die Weltbank sagten eine solche Hilfe zu, zogen ihr Angebot allerdings zurück, als Nasser auch mit der Sowjetunion in Verhandlungen trat. Wegen der fehlenden Hilfe und der nur vagen Zusage der Sowjetunion, sah Nasser die finanzielle Lösung des Problems in der Verstaatlichung des Kanals (Vgl. Mansfield 1992: 256)

[3] Frankreich und Großbritannien sahen diesen militärischen Einsatz eher als „Kolonialexpedition alter Art“ (Ruge 1967: 284) und hatten bloß Nassers Absetzung und die Sicherung des Kanals im Blick, ohne die Folgen zu bedenken. Auch waren die Angriffe zu starr, langwierig und noch an Strategieplänen des zweiten Weltkrieges ausgelegt, die für völlig andere Bedingungen konzipiert waren (Vgl Ruge 1967: 285)

[4] UNEF steht für United Nations Emergency Forces.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der Suezkrise auf den Sechstagekrieg
Untertitel
Eine Rational-Choice-Betrachtung der israelisch-ägyptischen Auseinandersetzungen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für politische Wissenschaft )
Note
2.0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V138169
ISBN (eBook)
9783640475339
ISBN (Buch)
9783640475391
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suezkrise, Sechstagekrieg, Nasser, Israel, Ägypten, Rational- Choice
Arbeit zitieren
Anna Caroline Paeßens (Autor), 2009, Der Einfluss der Suezkrise auf den Sechstagekrieg , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138169

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