Grenouille, Kunstfigur oder sentimentaler Held

Die Darstellung von Sinneswahrnehmung und Motiven in den Medien Roman und Film anhand Patrick Süskinds "Das Parfum"


Hausarbeit, 2009
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1) Zu Struktur und methodischem Vorgehen

2) Süskinds postmoderner Künstler- und Unterhaltungsroman

3) Die Kunstfigur Grenouille
3.1) Grenouilles vergebliche Suche nach Identität
3.2) Das olfaktorische Genie

4) Die Romanverfilmung

5) Vergleich verschiedener Szenen
5.1) Die Szene mit dem Mirabellenmädchen
5.2) Die Szenen mit Laure bzw. Laura, die Herznote des Parfums
5.3) Das Bacchanal

6) Schlussbetrachtung

7) Literaturverzeichnis

1) Zu Struktur und methodischem Vorgehen

Patrick Süskinds Roman Das Parfum erschien im Jahre 1985 und gilt seitdem als einer der erfolgreichsten Romane in deutscher Sprache. Zwei Jahrzehnte später ist das Werk schließlich verfilmt worden, obwohl ihm lange Zeit nachgesagt wurde, es sei unverfilmbar aufgrund der Schwierigkeit, eine Welt von Düften auf ein Medium zu übertragen, das sich auf optische und akustische Wahrnehmung beschränkt.

Der Roman ist in die Literaturepoche der Postmoderne einzuordnen. Im folgenden Kapitel soll erörtert werden, inwiefern die postmodernen Kriterien, die Süskinds Roman erfüllt, den Erfolg des Parfums ausmachen und weshalb es sich dabei sowohl um einen Künstler- als auch um einen Unterhaltungsroman handelt. Der Fokus soll in den nächsten Kapiteln auf die Hauptfigur Grenouille gesetzt werden. In Kapitel drei wird zunächst Grenouilles zentrales Motiv dargelegt, die Suche nach einer eigenen Identität, welche jedoch zum Scheitern verurteilt ist. Sein Genie beschränkt sich auf die Wahrnehmung von Gerüchen, einem von anderen Menschen unterschätzter Sinn, weshalb im zweiten Teil des Kapitels untersucht werden soll, auf welche Weise die Sprache im Medium des Romans Grenouilles Geruchswelt darstellt. Die Romanverfilmung knüpft weitestgehend an die Handlung der Vorlage an. Kapitel vier gibt eine Einführung des Films und erläutert die Art und Weise, wie hier die verschiedenen Düfte und Grenouilles Wahrnehmung der Gerüche filmisch umgesetzt werden. Entscheidend ist die Darstellung der Hauptfigur im Vergleich zwischen Roman und Film. Im fünften Kapitel werden die Szenen mit dem ersten Mordopfer, dem Mirabellenmädchen, dem letzten Opfer Laure Richis und das Bacchanal, im Roman und Film gegenübergestellt. Im Vergleich der Szenen sollen die verschiedenen Mittel zur Geruchswahrnehmung Grenouilles und insbesondere die unterschiedliche Darstellung seines Charakters herausgearbeitet werden.

Ziel dieser Hausarbeit ist zu zeigen, wie in den Medien Buch und Film die olfaktorische Wahrnehmung durch den Ausdruck anderer Sinne umgesetzt und die Hauptfigur der Verfilmung so dargestellt wird, dass sie im Gegensatz zur Romanfigur teilweise menschliche Züge erhält.

2) Süskinds postmoderner Künstler- und Unterhaltungsroman

Der große Erfolg des Romans Das Parfum hängt vor allem damit zusammen, dass er für ein Leserpublikum geschrieben ist, dessen Rezeptionsverlangen ebenso durch Trivialliteratur als auch durch die Lektüre des künstlerisch Anspruchsvollen befriedigt wird.

Süskinds Roman ist ein Werk der Postmoderne, welches keinen Anspruch auf Authentizität erhebt. Die Postmoderne verweigert sich der Suche nach Wahrheit, denn sie lehnt „jedwede Totalität“ ab und sieht sich somit keiner moralischen Konzepte verpflichtet.[1] Die Literatur zeichnet sich dabei häufig durch einen ironischen Erzählstil und das Spielen mit Lesererwartungen aus.

Die Erstausgabe des Parfums erweckt zunächst, was das Cover und den Titel anbelangt, nicht den Eindruck eines Romans, der für ein elitäres Publikum geschrieben sein könnte. Das von einer nackten Frau gezierte Cover, einem Gemälde von Antoine Watteau entnommen, und der Untertitel Die Geschichte eines Mörders rufen die Erwartung an einen Kriminalroman um einen Lustmörder hervor.[2] Das Gemälde von Watteau trägt den Namen Jupiter und Antiope und bei der schlafenden Frau handelt es sich um Antiope, an die sich der als Satyr verwandelte Jupiter heranschleicht, um sie zu verführen.[3] Es ist also naheliegend, auch bei der Hauptfigur des Parfums einen Mörder zu erwarten, der seine Opfer womöglich zuvor verführt. Der Roman fällt in den Verdacht der reinen Unterhaltungsliteratur, bei der im Bereich Kriminalroman zu erwarten ist, dass dem Mörder ein ebenbürtiger Gegner beispielsweise in der Figur des Detektivs auf die Spur kommt. Erwartungen dieser Art, die der Leser an den scheinbar trivialen Roman hegt, gehen allerdings nicht auf. Selbst dem aufgeklärten Antoine Richis, der die Vorgehensweise des Mörders weitgehend durchschaut hat, gelingt es nicht, den letzten Mord, und damit den Mord an seiner eigenen Tochter, zu verhindern. Das für den Kriminalroman typische Duell zwischen Jäger und Gejagtem ist eine Farce, denn in Wahrheit ist Grenouille dem schlauen Detektiv von Anfang an, zwar nicht intellektuell, aber dank seines übernatürlichen Geruchssinns überlegen.[4]

Auch die Erwartung an brutale Szenen oder erotische Beweggründe des Mörders werden nicht erfüllt. Weniger die Morde selbst, als deren Vorbereitung wird detailliert beschrieben. Von den Morden berichtet der Erzähler nur rückblickend und im Zeitraffer, wie in einem historischen Bericht.[5] Es geht nicht um die Morde an sich, sondern um deren Zweck, und dieser offenbart sich in der spektakulären Szene des Bacchanals, in welcher deutlich wird, dass der Mörder Grenouille von Sexualität nichts versteht.

Der Erzähler bewahrt Distanz zur erzählten Welt, indem er allwissend über den Geschehnissen steht und diese oft spöttisch kommentiert. Keine der Figuren ist besonders ernst zu nehmen, da der ironische Erzählstil keine Sympathie für sie zulässt.[6] Daher erweckt sogar der oft abrupte Tod dieser „flachen und sich ähnelnden Charaktere“ weniger Mitleid als Komik.[7] Vor allem Grenouille, die Hauptfigur, bietet dem Leser von Anfang an keine Identifikationsfläche. Dafür ist er nicht menschlich genug, denn er ist „durch und durch böse“.[8] Grenouilles Entwicklung ist desillusionierend, denn abgesehen von der Parfumeurskunst entwickelt er sich geistig nicht weiter. Eine solch undifferenzierte Kategorisierung zum puren Bösen verstärkt das Künstliche des Romans; er wirkt viel mehr wie ein düsteres Märchen als eine Geschichte, die so tatsächlich passiert sein könnte.

Der Mangel an Authentizität, das Spiel mit den Lesererwartungen und der ironische Erzähler machen Das Parfum zu einem sehr unterhaltsamen Kunstwerk. Die Geschichte des bösen Scheusals ist derart künstlich und unwahrscheinlich, dass auch seine Verbrechen jeder Sentimentalität entbehren und im Sinne der postmodernen Literatur kein Anspruch auf moralische Einsichten erhoben wird.

3) Die Kunstfigur Grenouille

3.1) Grenouilles vergebliche Suche nach Identität

Die Zentralfigur des Parfums ist ebenso künstlich wie der Roman selbst, und dabei auch eine sehr widersprüchliche Figur. Deshalb ist auch Grenouilles Suche nach Identität eine zum Scheitern verurteilte Suche.

Die größte Tragödie in Grenouilles Leben ereignet sich, als das Geruchgenie entdecken muss, dass er keinen Eigengeruch hat. Das Fehlen seines Geruches wird ihm im Traum von Nebeln versinnbildlicht, die ihn zu ersticken drohen. Er beginnt zu verstehen, warum er von der Gesellschaft gemieden wird, denn ohne einen eigenen Geruch besitzt er offenbar auch keine Identität. Die Beschäftigung mit der eigenen Identität ist das Kriterium, was einen Künstler stets vorantreibt und Grenouille ist ein solcher Künstler.[9] Also zieht er nach sieben Jahren Einsamkeit los mit dem Ziel, von den Menschen geliebt zu werden und sich eine übermenschliche Identität zu verschaffen.[10] Dieses Ziel wird sich jedoch als unerreichbar erweisen, denn die Zentralfigur ist ein Muster an Widersprüchlichkeiten, was sich bereits in seinem Namen deutlich macht. Jean-Baptiste Grenouille verdankt seinen Vornamen Johannes dem Täufer, während Grenouille die französische Übersetzung für Frosch ist.[11] Der Name versinnbildlicht nicht nur das Halbmenschliche und Halbtierische an dem Protagonisten. Der christliche Vorname ist zudem auch stark ironisch konnotiert, da Grenouille von Gott zuerst gar nichts versteht und später sogar glaubt, selbst ein größerer Gott zu sein[12]. Als selbsterklärter Konkurrent Gottes ist Grenouille ein zweiter Prometheus. Er ist übernatürlich und verkörpert die unterschiedlichsten Wesensarten, sei es als Tier, Teufel oder parasitärer Zeck, aber auch als Genie und Künstler. Diese Doppelnatur zwischen Mensch und Bestie wird auch in dem widersprüchlichen Ziel, das Grenouille anstrebt, deutlich. Seine Verachtung gegen die Menschen und deren Gestank steht im Gegensatz dazu, dass er sich nach ihrer Liebe sehnt. Dieser Widerspruch wird ihm schließlich bewusst, als er sie mit seiner Kreation des Parfums überwältigt, die Liebe der Menschen ihm jedoch nichts als Ekel verursacht, da er sie hasst.[13] Sein Lebensziel, die Menschen mit seinem Parfum zu manipulieren, kann ihn also nicht befriedigen und ist damit verwirkt.

Die Gesellschaft erkennt in Grenouille niemals das, was er in sich selbst zu sehen glaubt. Er bleibt das verkannte Genie ohne Eigengeruch, und daher ohne Identität. Am Ende verschwindet er im Nichts und bleibt niemandem in Erinnerung, sowie die Gerüche, die er kreiert hat, in Vergessenheit geraten.

3.2) Das olfaktorische Genie

Grenouille ist ein Wesen, das mehr tierische als menschliche Eigenschaften besitzt. Auf der anderen Seite aber ist er ein Genie auf einem Gebiet, das von den Menschen weitgehend unterschätzt wird. Der von der Gesellschaft als niedrigster und tierischster Sinn abgewertete Geruchssinn ist Grenouilles große Stärke, die ihn allen anderen Menschen überlegen macht, ohne dass diese es wissen.

Seine Beschränkung auf den Geruchssinn bewirkt, dass Grenouille alle anderen Sinne für zwecklos hält und das Riechen diese auch weitgehend ersetzt. Vor allem das Sehen kompensiert Grenouille durch seinen Geruchssinn, sodass die Augen für ihn so gut wie unbrauchbar sind. Als er Laure Richis das erste Mal riecht, denkt er an die Dummheit der Menschen, die „alles und jedes mit ihren Augen zu erkennen glauben“ und sich einbilden, der Schönheit des Mädchens verfallen zu sein, wobei es in Wahrheit ihr besonderer Duft ist.[14] Es wird eine Überbewertung des optischen Sinns suggeriert. Die Menschen verkennen daher Grenouilles ungewöhnlichen Geruchssinn, was ihm in seinem Handeln große Vorteile einbringt. Antoine Richis, der glaubt, Grenouille als einen „Sammler von Schönheit“ entlarvt zu haben, ist so sehr auf die optischen Reize seiner Tochter fixiert, dass er sich keine Vorstellung davon macht, dass es dem Mädchenmörder um etwas anderes gehen könnte als ihre Schönheit.[15] Somit erweist sich auch die Flucht vor Grenouille als zwecklos, denn er riecht den Weg, den sein nächstes Opfer genommen hat, über Meilen hinweg.

[...]


[1] Arnold: Von Erdäpfeläckerchen und goldenen Flakons, S. 13.

[2] Frizen und Spancken: Interpretation, S. 42.

[3] Kissler und Leimbach: Alles über Patrick Süskinds Das Parfum, S. 102.

[4] Frizen und Spancken: Interpretation, S. 44.

[5] Frizen und Spancken: Interpretation, S. 43.

[6] Ebd., S. 43.

[7] Arnold: Von Erdäpfeläckerchen und goldenen Flakons, S. 84.

[8] Ebd., S. 177.

[9] Kissler und Leimbach: Alles über Patrick Süskinds Das Parfum, S. 110.

[10] Süskind: Das Parfum, S. 176.

[11] Kissler und Leimbach: Alles über Patrick Süskinds Das Parfum, S. 106.

[12] Süskind: Das Parfum, S. 271.

[13] Ebd., S. 272.

[14] Süskind: Das Parfum, S. 194.

[15] Ebd., S. 231.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Grenouille, Kunstfigur oder sentimentaler Held
Untertitel
Die Darstellung von Sinneswahrnehmung und Motiven in den Medien Roman und Film anhand Patrick Süskinds "Das Parfum"
Hochschule
Universität zu Köln  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Literatur und Film
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V138175
ISBN (eBook)
9783640476404
ISBN (Buch)
9783640476299
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Fokus dieser Arbeit soll auf die Hauptfigur Grenouille gesetzt werden. Im Vergleich einiger Szenen sollen die verschiedenen Mittel zur Geruchswahrnehmung Grenouilles und insbesondere die unterschiedliche Darstellung seines Charakters herausgearbeitet werden. Ziel dieser Hausarbeit ist zu zeigen, wie in den Medien Buch und Film die olfaktorische Wahrnehmung durch den Ausdruck anderer Sinne umgesetzt und die Hauptfigur der Verfilmung so dargestellt wird, dass sie im Gegensatz zur Romanfigur teilweise menschliche Züge erhält.
Schlagworte
Grenouille, Kunstfigur, Held, Darstellung, Sinneswahrnehmung, Motiven, Medien, Roman, Film, Patrick, Süskinds, Parfum
Arbeit zitieren
Franziska Scholz (Autor), 2009, Grenouille, Kunstfigur oder sentimentaler Held, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138175

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