Die hundert Jahre schlafende Prinzessin, die von einem Prinzen wachgeküsst wird. Der mutige junge Mann, der sich allen Gefahren entgegenstellt und anfänglich unmöglich erscheinende Aufgaben löst, um die schöne Königstochter zu retten. Das von seiner Stiefmutter schlecht behandelte Mädchen, das mithilfe seiner guten Fee zur Königin wird. Wer das hört, wird sofort an die allseits verbreiteten Märchen denken.
Schon seit Jahrhunderten sind solche Erzählungen bekannt, wenn sich die Varianten auch von Region zu Region unterschieden. Immer wieder wurde sich daran versucht, sie zu sammeln und zusammenzutragen. Die wohl bekannteste Märchensammlung ist die der Brüder Grimm. 1812 erschien die erste große Auflage, auf die zu Lebzeiten der Brüder Grimm noch sechs weitere sowie mehrere kleine Auflagen folgten. Viele der Märchen durchlebten darin eine Veränderung und Anpassung. Einige wurden später weggelassen, andere kamen hinzu.
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Frage, in welchen inhaltlichen Aspekten sich die Märchen der Brüder Grimm seit ihrer Urfassung verändert haben und welche Gründe sich dafür finden lassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Märchen der Brüder Grimm
3. Der Wandel im Märchen
3.1 Brüderchen und Schwesterchen
3.2 Schneewittchen
3.3 Rapunzel
3.4 Die zwölf Brüder
4. Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit der Analyse inhaltlicher Veränderungen in den Märchen der Brüder Grimm seit ihrer ersten Erfassung und den zugrundeliegenden Gründen für diese Anpassungen im Laufe der verschiedenen Auflagen.
- Entstehungsgeschichte der Grimmschen Märchensammlung
- Vergleichende Analyse ausgewählter Zaubermärchen über verschiedene Auflagen hinweg
- Untersuchung des Einflusses von öffentlicher Kritik auf die inhaltliche Gestaltung
- Analyse des Wandels in Bezug auf Gewaltdarstellungen und Obszönitäten
- Einfluss von Textkombinationen und narrativen Mustern auf die Märchenstruktur
Auszug aus dem Buch
3.1 Brüderchen und Schwesterchen
Am 10.03.1811 teilte Marie Hassenpflug den Brüdern Grimm das Märchen Brüderchen und Schwesterchen, woraufhin es 1812 in der ersten Auflage der großen Ausgabe als KHM 11 erschien. Ursprünglich hatte es den Titel Goldner Hirsch. Das Brüderchen und das Schwesterchen ist zwar auch in der Urfassung zu finden, doch dort wurde das Märchen, welches heute als Hänsel und Gretel bekannt ist, damit betitelt. Hier wäre zu bemerken, dass anhand dieser Umbenennungen eine erste Veränderung der Märchen zu erkennen ist, doch da jene nicht inhaltlicher, sondern formaler Natur ist, wird an dieser Stelle näher darauf eingegangen.
Für die zweite Auflage 1819 wurde die erste Fassung mit einer anderen Erzählung kombiniert. Es sind einige Unterschiede zu erkennen. So hieß es in der ersten Auflage, dass Brüderchen und Schwesterchen, nachdem sie weggelaufen waren, „in einen großen Wald [kamen], da waren sie so traurig und so müde, daß sie sich in einen hohlen Baum setzten und da Hungers sterben wollten“. In der zweiten Auflage war ebenfalls von dem Wald und hohlen Baum die Rede. Jedoch wollten die beiden dort nicht sterben, sondern schliefen vor Erschöpfung ein. Hier stellt sich die Frage, ob diese Änderung tatsächlich dem zweiten, kombinierten Text zuzuschreiben ist oder ob Wilhelm Grimms dichterische Freiheit dafür verantwortlich war.
Größere Unterschiede sind zu einem späteren Zeitpunkt des Märchens zu erkennen. Während das Brüderchen 1812 bereits von dem ersten Brunnen, an dem die Geschwister vorbeikamen, trank und sich in ein Reh verwandelte, tat es dies 1819 erst bei dem dritten. Hier sind die Einflüsse eines anderen Textes deutlich zu erkennen. Max Lüthi merkte an, dass die Dreizahl zudem als charakteristisches Mittel der Märchen gelte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung zur inhaltlichen Veränderung der Grimmschen Märchen vor und erläutert die Auswahl der betrachteten Zaubermärchen.
2. Die Märchen der Brüder Grimm: Das Kapitel beleuchtet die historische Entstehung der Sammlung, die Rolle von Beiträgern wie Marie Hassenpflug und die Intention der Brüder Grimm bei der frühen Sammeltätigkeit.
3. Der Wandel im Märchen: Hier wird der inhaltliche Wandel anhand spezifischer Fallbeispiele (Brüderchen und Schwesterchen, Schneewittchen, Rapunzel, Die zwölf Brüder) analysiert.
3.1 Brüderchen und Schwesterchen: Dieses Kapitel untersucht die Umbenennungen und die Zusammenfassung verschiedener Erzählungen, die den inhaltlichen Wandel zwischen den ersten Ausgaben prägten.
3.2 Schneewittchen: Hier liegt der Fokus auf der Entwicklung der Stiefmutter-Figur vom biologischen Elternteil zur bösen Gegenspielerin in den späteren Auflagen.
3.3 Rapunzel: Dieses Kapitel thematisiert die Anpassungen der Märcheninhalte als Reaktion auf öffentliche Kritik, insbesondere in Bezug auf obszöne Elemente und das Motiv des Wissens um eine Schwangerschaft.
3.4 Die zwölf Brüder: Der Abschnitt befasst sich mit der Darstellung von Gewalt und dem weiblichen Geschlecht, wobei aufgezeigt wird, dass die Grimms an der Gewaltdarstellung weitestgehend festhielten, während andere Aspekte umgeschrieben wurden.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Gründe für den Wandel zusammen, insbesondere die Kombination von Varianten, die Tilgung obszöner Elemente und die Reaktion auf öffentliche Rezeption.
Schlüsselwörter
Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen, Märchenanalyse, inhaltlicher Wandel, Zaubermärchen, Editionswesen, Gewaltdarstellung, literarische Bearbeitung, Marie Hassenpflug, Motivgeschichte, Rezeptionsgeschichte, Erzählformen, literarische Form, Textkombination, Überarbeitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht theoretisch und empirisch, wie sich die Inhalte bekannter Märchen der Brüder Grimm von der ersten bis zu späteren Auflagen verändert haben.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Forschung?
Im Zentrum stehen die Entstehungsgeschichte der Sammlung, die Einflüsse von Beiträgern, die Reaktion auf Kritik der Leserschaft sowie die literarische Gestaltungsfreiheit der Brüder Grimm.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für inhaltliche Anpassungen in der Märchensammlung zu identifizieren und zu belegen, warum bestimmte narrative Züge modifiziert oder entfernt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Die Arbeit stützt sich auf eine vergleichende Textanalyse, bei der verschiedene Auflagen der ausgewählten Märchen (KHM) gegenübergestellt werden, ergänzt durch literaturwissenschaftliches Fachwissen.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung explizit behandelt?
Der Hauptteil analysiert konkret die Entwicklung der Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“, „Schneewittchen“, „Rapunzel“ und „Die zwölf Brüder“ hinsichtlich Struktur, Moral und Explizitheit.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen gehören die Grimm-Editionen, der literarische Wandel, die Zensur von Obszönitäten sowie die Persistenz von Gewaltdarstellungen.
Warum wurde bei Rapunzel der gesellschaftliche Kontext der ersten Auflage so stark verändert?
Da das damalige Publikum ein als kindgerecht empfundenes Buch erwartete, wurden die erotischen Anspielungen und die Schwangerschaftssymbolik, die in der ersten Fassung noch deutlich vorhanden waren, in späteren Auflagen entfernt.
Wie gehen die Brüder Grimm laut der Analyse mit dem Thema Gewalt um?
Die Autorin zeigt auf, dass die Grimms das Thema Gewalt – im Gegensatz zu obszönen Inhalten – stark verteidigten, da sie Gewalt als einen unverzichtbaren Teil des Lebens betrachteten und daher in vielen Fällen kaum abschwächten.
- Citation du texte
- A. Mathei (Auteur), 2021, Die Märchen der Brüder Grimm und ihr inhaltlicher Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1381882