„Ich wollte, es gäbe gar kein Alter zwischen zehn und dreiundzwanzig ... Denn dazwischen ist nichts, als ... die Alten ärgern, stehlen, balgen“ Dieser knapp 400 Jahre alte Ausspruch lässt sich problemlos auch heute noch gut nachvollziehen. Die Diskussion über neue gesellschaftliche Reaktionen auf Jugenddelinquenz ist vielerorts voll im Gange. Das dieses gesellschaftliche Problem stetig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit dringt, beweisen auch die kontinuierlich steigenden Zahlen der Gesamtkriminalität jugendlicher Straftäter in den letzten Jahrzehnten. Aber es wird auch immer deutlicher, dass diese Straffälligkeit nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtkomplex von Fehlentwicklungen junger Heranwachsender ist, denen dann mit staatlicher Repression und veralteten Bestimmungen begegnet wird. Dabei ist nicht unbedingt von der episodenhaften oder anders ausgedrückt, der „normalen“ Jugendkriminalität während der Pubertät die Rede, welche sich von selber wieder legt, sondern die Entwicklung die sich hinter soziökonomischen Belastungen, defizitären Erziehungsstilen, familiäre Gewalt, Bildungsarmut und sozialer Randständigkeit heraus entwickelt. Schweres und langfristiges kriminelles Handeln ergibt sich erst, wenn die genannten Risiken kumulieren. Nach und nach verfestigen sich dann diese sozialen Erfahrungen und gleichzeitig verringern sich die Möglichkeiten nicht- deviante Entwicklungschancen wahrzunehmen. Kriminellen Jugendlichen offenbart sich ein ganzes Bündel aus sozialen, ideologischen und seelischen Zerrüttungen. Am Ende steht trotz allem eine Endkonsequenz: der Jugendstrafvollzug. Trotz neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse, dass Wegsperren von jungen Menschen kontraproduktiv ist und die hohe Rückfallwahrscheinlichkeit, welche der Jugendstrafvollzug mit sich bringt, plädieren politischen Entscheidungsträger nach wie vor für Maßnahmen wie Strafvollzug oder Arrest. Aber bevor die Gesellschaft allzu schnell selbstgefällig mit dem Finger auf die Jugend zeigt, sollte sie sich daran erinnern, mit welchen Bedingungen und Situationen die jungen Heranwachsenden belastet sein können. Man sollte sich fragen, welche Zukunft man den jungen Menschen geben kann, die am Rande der Gesellschaft stehen und wie man verantwortungsbewusst an dieser Zukunftsgestaltung mitwirken kann. Ist der Bau von Gefängnismauern dafür das Richtige?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Resozialisation und Strafvollzug
2.1. Resozialisation als Vollzugsziel jugendlicher Straftäter und bestehende Problemfelder
2.2. Allgemeine Aufgaben des Strafvollzuges zur Zielerreichung „Resozialisation“
2.3. Zur Umsetzung des Strafvollzugszieles der „Resozialisierung“
2.4. Probleme bei der Umsetzung der Resozialisation im Strafvollzug insbesondere für Jugendliche
2.4.1. Statuswechsel und Degradierung
2.4.2. Haftdeprivation und Verlust der Freiheit
2.4.3. Subkultur und Prisionierung
2.4.5. Stigmatisierung
2.5. Resümee
3. Theoretische Hintergründe zur Entstehung abweichenden Verhaltens
3.1. Ursachen und Entstehung von Kriminalität und Begriffsbestimmungen
3.2. Delinquenz in der Entwicklung
3.3. Der Labelingansatz
3.4. Theorie der differentiellen Assoziation
3.5. Die Subkulturtheorie nach COHEN
3.6. MERTON`S Anomietheorie
3.7. Zusammenfassung und Bewertung der Theorien
4. „Berufsbezogene Jugendhilfemaßnahme“ als handlungsorientierte Erfahrungsintegration eines gemeinnützigen Vereins München
4.1. Projektbeschreibung und Werte der „berufsbezogene Jugendhilfemaßnahme“
4.1.1. Einführung
4.2. Hintergründe und Entstehungsgeschichte
4.3. Klientel
4.3.1. Halten in der Maßnahme
4.3.2. Zugangsvoraussetzungen
4.3.3. Migrationshintergrund
4.3.4. Delinquenz
4.3.5. Kosten der Maßnahme
4.3.6. Integration in die Gesellschaft
4.3.7. Finanzierung der Maßnahme
4.4. Ziel der Maßnahme und Projektdefinition
4.5. Therapeutische und pädagogische Maßnahmen zur Resozialisierung von schwerst delinquenten Jugendlichen
4.5.1. Boxen als körpertherapeutischer Ansatz
4.5.2. Aktivierung innerer Kräfte: Arbeiten
4.5.3. Konfrontationspädagogik
4.5.4. Familientherapeutische Arbeit
4.5.5. Pferdeseminare
4.5.6. Grenzerfahrungen und Erlebnispädagogik
4.5.7. Einzelgespräche und Paradoxe Intervention
4.6. Werte und Zukunftsvisionen
4.6.1. Eigene Werte der Maßnahme
4.6.2. Zukunftsvisionen
5. Untersuchungsdesign
5.1. Fragestellung der Untersuchung und Forschungsansatz
5.1.1. Fragestellung und Zielsetzung
5.2. Methodische Einordnung der Untersuchung
5.2.1. Beschreibung der angewandten Erhebungsmethode
5.2.1.1. Das Leitfadeninterview
5.3. Vorgehensweise bei der Datenerhebung
5.4. Die Befragungspersonen
5.4.1. Der Jugendliche
5.4.2. Die Leiter der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“
5.4.3. Der Psychologe
5.4.4. Der Arbeitgeber
5.4.5. Der Sozialpädagoge im Jugendstrafvollzug
6. Vorgehensweisen und Problematik bei der Auswertung der gewonnenen Daten
6.1. Methode und Vorgehensweise bei der Interviewauswertung
6.1.1. Inhaltsanalyse nach Mayring
6.2. Kritische Betrachtungen der Erhebungsmethode
7. Auswertung der Ergebnisse und Diskussion
7.1. Inhaltsanalysen der geführten Interviews
7.1.1. Inhaltsanalyse des Interviews mit dem Mitbegründer der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ Herrn E.H.
7.1.2. Inhaltsanalyse des Interviews mit dem Psychologen der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ Herrn B.N.
7.1.3. Inhaltsanalyse und Interpretation des Interviews mit dem Sozialpädagogen der JVA „Nordheide“, Herrn R.S.
7.1.4. Inhaltsanalyse des Interviews mit dem Arbeitgeber Herrn H.
8. Diskussion der Problemstellung
8.1. Hintergründe, Bedingungen und Methodenrepertoire beider Resozialisierungsformen im Vergleich
8.2. Problemfelder
8.3. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern alternative, berufsbezogene Jugendhilfemaßnahmen als effektivere und kostengünstigere Resozialisierungsmöglichkeit gegenüber dem klassischen Jugendstrafvollzug fungieren können, um die hohe Rückfallquote bei mehrfach straffälligen Jugendlichen zu senken.
- Vergleich zwischen staatlichem Jugendstrafvollzug und alternativen Jugendhilfemaßnahmen
- Analyse der Entstehung von Jugendkriminalität und abweichendem Verhalten durch kriminologische Theorien
- Untersuchung der strukturellen Bedingungen, die zu einer erfolgreichen Reintegration führen
- Herausarbeitung der Bedeutung von individueller Betreuung, Konfrontationspädagogik und dem Aufbau von sozialen Kompetenzen
- Evaluation des untersuchten Projekts anhand von qualitativen Experteninterviews
Auszug aus dem Buch
4.5.1. Boxen als körpertherapeutischer Ansatz
Oft hörte das Team von der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ zweifelnde Äußerungen, ob denn Boxen das Geeignete sei, um jugendlich- aggressives Verhalten in richtige Bahnen zu lenken. Dieses scheinbare Paradox ist oft der einzige Weg, um das gewaltbereite Klientel aus wenig veränderungsmotivierten und noch weniger kooperativen Jugendlichen zu erreichen. Das Boxen ist in der Verhaltenstherapie ein noch recht junger Ansatz, welcher nach wie vor nur auf praktischer Erfahrung beruht.
Auch nach ausgiebiger Literaturrecherche, habe ich nur sehr wenig über diese Richtung der Therapie gefunden und auch nicht für das Boxen explizit. Somit kann ich mich in diesem Punkt nur auf die Aussagen aus dem Interview oder aus Gesprächen von Herrn E.H. berufen, welcher als Familientherapeut und Boxinstructor diese Methode in der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ anwendet. Für Boxen als brutalem Prügelsport ist in der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ allerdings kein Platz. Vielmehr dient der Boxsport dazu, die Jugendlichen mental zu unterstützen und stark zu machen. Wenn sie in den Boxring steigen, steigen sie symbolisch in ein Leben ein, in dem sie sich nach fairen Regeln ihren Weg bahnen müssen. Es geht auch nicht darum, einen Gegner zu „vernichten“ oder zu besiegen, es geht um den Sieg über sich selbst und darum, sich selbst kritisch zu beobachten und auch zu kontrollieren. Boxen wird bei der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ als „Charakterschulung“ betrachtet, die dazu beiträgt, seinen „inneren Schweinehund“ zu überwinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der steigenden Jugendkriminalität und die weitgehende Ineffektivität des Jugendstrafvollzugs bei der Resozialisierung.
2. Resozialisisation und Strafvollzug: Das Kapitel analysiert das Vollzugsziel der Resozialisierung, dessen Umsetzungsschwierigkeiten bei Jugendlichen sowie die negativen Auswirkungen wie Stigmatisierung und Prisionierung.
3. Theoretische Hintergründe zur Entstehung abweichenden Verhaltens: Es werden zentrale kriminologische Theorien wie der Labelingansatz, die differentielle Assoziation, die Subkulturtheorie und die Anomietheorie zur Erklärung delinquenten Verhaltens vorgestellt.
4. „Berufsbezogene Jugendhilfemaßnahme“ als handlungsorientierte Erfahrungsintegration eines gemeinnützigen Vereins München: Dieses Kapitel beschreibt das Konzept, die Zielgruppen und die pädagogischen sowie therapeutischen Methoden des untersuchten Projekts.
5. Untersuchungsdesign: Hier wird der methodische Ansatz der Diplomarbeit erläutert, insbesondere die Wahl des explorativen Charakters und die Durchführung von Experteninterviews.
6. Vorgehensweisen und Problematik bei der Auswertung der gewonnenen Daten: Die angewandte Methode der Inhaltsanalyse nach Mayring wird begründet und kritisch reflektiert.
7. Auswertung der Ergebnisse und Diskussion: Die durchgeführten Interviews mit Leitern, Psychologen, einem Sozialpädagogen und einem Arbeitgeber werden ausgewertet und mit der Theorie verknüpft.
8. Diskussion der Problemstellung: Eine abschließende vergleichende Diskussion der beiden Resozialisierungsformen führt zu einem Fazit hinsichtlich der Wirksamkeit und der Verbesserungsmöglichkeiten.
Schlüsselwörter
Resozialisierung, Jugendstrafvollzug, Jugendkriminalität, Jugendhilfemaßnahme, Konfrontationspädagogik, Labelingansatz, Anomietheorie, Subkulturtheorie, berufliche Integration, Delinquenz, soziale Kompetenz, Familientherapie, Arbeitstherapie, Rückfallquote, Integration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie kriminelle Jugendliche erfolgreich in die Gesellschaft reintegriert werden können und untersucht dabei die Effektivität des klassischen Jugendstrafvollzugs im Vergleich zu einer speziellen, handlungsorientierten Jugendhilfemaßnahme.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf kriminologischen Theorien zur Entstehung von Delinquenz, den negativen Auswirkungen der Haft ("Prisionisierung") und der Vorstellung eines innovativen Konzepts, das auf körpertherapeutischen und berufsbezogenen Ansätzen basiert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, dass herkömmliche Haftstrafen für viele Jugendliche kontraproduktiv wirken, und stattdessen alternative Wege zur sozialen und beruflichen Integration zu evaluieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin nutzte ein exploratives Untersuchungsdesign mit qualitativen Leitfadeninterviews, die nach der Methode von Mayring ausgewertet wurden, um tiefere Einblicke in die Perspektiven der beteiligten Akteure zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen (Theorien abweichenden Verhaltens) erarbeitet, gefolgt von einer detaillierten Projektbeschreibung der „berufsbezogenen Jugendhilfemaßnahme“ und einer anschließenden Analyse der Experteninterviews.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Resozialisierung, Jugendkriminalität, Konfrontationspädagogik, soziale Integration, berufliche Förderung und die Abkehr vom klassischen Strafvollzug.
Warum wird im Rahmen der Maßnahme Boxen als therapeutisches Mittel eingesetzt?
Boxen dient nicht als Kampfsport, sondern als Werkzeug zur Charakterschulung. Es hilft Jugendlichen, Aggressionen in kontrollierte Bahnen zu lenken, Fairness zu lernen und Selbstbeherrschung sowie Körperwahrnehmung zu entwickeln.
Welche Rolle spielt das familiäre Umfeld bei der Resozialisierung?
Das familiäre Umfeld wird als zentraler Angelpunkt betrachtet. Die Arbeit betont, dass durch familientherapeutische Unterstützung Blockaden gelöst werden können, die den Jugendlichen sonst an einer erfolgreichen Integration hindern.
Warum wird der klassische Jugendstrafvollzug kritisiert?
Kritikpunkte sind unter anderem die hohe Rückfallquote, die Stigmatisierung durch den Haftaufenthalt, die Bildung von Subkulturen innerhalb der Anstalten und der Mangel an individueller Betreuung durch personelle Engpässe.
Was bedeutet der Begriff „Halten“ in diesem Kontext?
„Halten“ beschreibt einen pädagogischen Grundsatz, bei dem Jugendliche trotz Fehlverhaltens als Person wertgeschätzt werden. Es bedeutet, klare Grenzen zu setzen, aber den Kontakt nicht abzubrechen und dem Jugendlichen als verlässliche, väterliche Bezugsperson zur Seite zu stehen.
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- Iris Hecker (Author), 2007, „Work and Box Company“ statt Jugendstrafvollzug. Alternative Resozialisierung als Weg aus schwerer Jugenddelinquenz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138197