Die Faszination des Alltäglichen im Reality TV


Seminararbeit, 2003
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Hauptteil
1.Die Entwicklung von Real-Life Formaten im deutschen Fernsehen
2. Darstellungsmittel des Reality TV
3.Soziologische Erklärung
4. Deutschland sucht den Superstar

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

Wir schildern Alltägliches; aber das Alltägliche wird sonderbar, wenn es auf sonderbarer Grundlage gedeiht. Thomas Mann, Der Zauberberg.

I. Einleitung

Während gegen den Willen von Menschen aus der ganzen Welt der zweite Golfkrieg vorbereitet und durchgeführt wird und die Zeitungen von „embedded journalists“ berichten, die mit Live-Bildern aus dem Kampfgebiet „die bisher brutalste Reality-Show“ (Kleine-Brockhoff: 11) ins Wohnzimmer liefern, zieht ein anderes Ereignis gleichzeitig Millionen von Zuschauern hierzulande vor den Bildschirm. Die Rede ist von Deutschland sucht den Superstar. Diese Sendung, die ebenfalls dem Reality TV zuzuorden ist, scheint der gegenwärtige Höhepunkt einer Genre-Entwicklung zu sein, das seit seiner Einführung vor mehreren Jahren zum Teil äußerst kontrovers diskutiert, inzwischen aber zum fest etablierten Programmbestandteil der deutschen Fernsehlandschaft geworden ist. Wobei zu Beginn vor allem die emotionalisierende Darstellung von Gewalt in den Sendungen kritisiert wurde, ist inzwischen ein Themenwandel hin zur Darstellung des privaten Alltagsbereichs von Durchschnittspersonen zu beobachten. Hinzu kommt, daß die Medien immer mehr als Forum zur Selbstdarstellung und Selbstthematisierung genutzt werden. Um diese Beobachtung zu erklären, möchte ich die Frage stellen: welche gesellschaftlichen Entwicklungen sind dafür verantwortlich, daß die Inszenierung des Alltags gegenwärtig bei so vielen ZuschauerInnen auf Aufmerksamkeit stößt und warum machen so viele von der Möglichkeit zur Selbstdarstellung Gebrauch?

Diese Frage möchte ich beantworten, indem ich zunächst auf die Entwicklung des Reality TV eingehen und die dem Genre charakteristischen Darstellungsmittel aufzeigen werde. Dazu dienen mir vor allem aktuelle medienwissenschaftliche Arbeiten von Eberle, Lücke und Wegener. Daran werde ich eine soziologische Erklärung für die Thematisierung des Alltags von Privatpersonen anschließen. Hierzu werde ich die gegenwärtigen Tendenzen des Reality TV mit Texten zur Individualisierung von Beck und Soeffner in Zusammenhang bringen. Zum Schluß soll eine Analyse des Phänomens „Deutschland sucht den Superstar“ erfolgen und mit den gewonnenen Erkenntnissen verglichen werden.

II. Hauptteil

1.Die Entwicklung von Real-Life Formaten im deutschen Fernsehen

Seit der Einführung des dualen Rundfunksystems 1985 hat sich die deutsche Fernsehlandschaft einschneidend verändert und ist stetig darum bemüht, sich mit immer weiteren Programmvariationen zu erneuern. Von Anfang an waren die privaten Sender im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen darauf angewiesen, sich durch Werbeeinnahmen zu finanzieren und sich vor der Konkurrenz im Wettbewerb um die Gunst der Zuschauer zu behaupten. Aufgrund dieser Notwendigkeit, möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen, ging Anfang der neunziger Jahre ein bis dahin im deutschen Fernsehen neuer Sendetyp hervor, das Reality TV:

Reality TV [ist] eine Programmform..., die mit dem Anspruch auftritt Realitäten im Sinne der alltäglichen Lebenswelt anhand von Ereignissen darzustellen, die das Gewohnte der Alltagsroutine durchbrechen. Die Lebenswelt eines Individuums umfaßt den Bereich der immer wiederkehrenden Erfahrungen in Familie und Beruf sowie kritische Lebensereignisse, z.B. Geburt, Heirat, Krankheit und Tod, die jeder nur einmal oder nur selten durchlebt. (...)Reality TV ist daher Alltag im Ausnahmezustand, der zwar eine Teilwirklichkeit, keineswegs jedoch Wirklichkeit als Ganzes repräsentiert“ (Grimm in Lü>Vorbild hierfür waren Formate aus den USA. Dort waren aus den immer stärker emotionalisierenden Nachrichtensendungen lokaler Fernsehstationen, mit Namen wie Eyewitness - oder Action-News ab 1988 die ersten Sendungen unter dem Namen Reality TV entstanden. Die Sendungen erreichten äußerst hohe Einschaltquoten und waren aufgrund des benutzten Amateurvideo-Materials relativ billig zu produzieren. Als erste Sendungen dieses Genres wurden Anfang 1992 Polizeireport Deutschland auf Tele 5 und Notruf auf RTL im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Notruf arbeitete mit zum Teil von Original-Beteiligten nachgespieltem Filmmaterial um Geschichten von Menschen vorzustellen, die unter dramatischen Umständen aus lebensgefährlichen Situationen gerettet wurden. Das kurz darauf von RTL eingeführte Augenzeugen - Video war „- aufgrund der originalen Videoaufnahmen - eine der umstrittensten Sendungen des deutschen Reality-TV“ (Wegener: 22). Auf die Einführung der neuen Sendeform Reality TV folgte eine heftige und kritische Diskussion in der Öffentlichkeit. „Auslöser für die öffentliche Diskussion über Reality TV war der Bruch bisheriger Tabus medialer Darstellung“ (Eberle: 17) und vor allem auch die Konzentration auf Gewaltdarstellungen. So spricht Volker Lilienthal in der Zeitschrift medium von der „Seuche des Reality-TV“, die inzwischen schon alle Programmsparten infiziert habe.

Eine Konsequenz der öffentlichen Kritik war, daß die Bezeichnung Reality TV in Mißkredit kam (vgl. Eberle). Sendungen wie Augenzeugen Video wurden eingestellt, jedoch nicht nur weil sie in Verruf geraten waren, sondern vielleicht mehr noch, weil ihnen schlicht das Material ausgegangen war (vgl. Lilienthal). Während Wegener, die von einer engeren Definition des Begriffs ausgeht, Reality TV als „Schnee von gestern“ bezeichnet, weist Eberle darauf hin, daß sich dieses Genre inzwischen unter neuen Bezeichnungen, wie Talk-Show, Dokumentation oder Ratgebersendung, in der Fernsehlandschaft verfestigt und weiterentwickelt habe. In der darauffolgenden Zeit sind laut Lücke eine Unmenge von Sendungen im Fernsehen aufgetaucht, die Merkmale des Genres Reality TV aufweisen. Einige Beispiele sollen hier die Weiterentwicklung des Genres zeigen. Dabei fällt vor allem auf, daß zu der emotionalisienden Darstellung von Gewalt mehr Sendetypen hinzugekommen sind, die den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und den Alltag von Privatpersonen thematisieren. Alltag soll hierbei als Bereich der persönlichen Lebenswelt eines Individuums verstanden werden.

So führte SAT.1 schon 1993 die „Psycho-Talkshow“Ich bekenne ein, in der sich „ >>eine mehr oder weniger offen als pervers angekündigte Person<< (Moritz1996, 34) zu ihren Neigungen“ äußert (Lü>1998 führte das ZDF mit der Sendung OP. Schicksale im Klinikum wiederum eine neue Form des Reality TV ein. In dieser „Dokumentarischen Serie“, wurden Schicksale von Einzelpersonen im Krankenhaus dokumentiert und mit Authenzitätsanspruch erzählt. Somit läßt sich die Sendung in das Subgenre der „Docu Soap“ einordnen. Charakteristisch für diese Form des Reality TV ist, daß hier Einblicke hinter die Kulissen gewährt werden. Ein Kamerateam begleitet Durchschnittspersonen in ihrem Alltag zu Hause oder am Arbeitsplatz und hält Situationen fest, die in der Weise bisher nicht öffentlich zu sehen waren. Das Ganze wird den ZuschauerInnen in der Erzähltechnik einer Daily Soap in mehreren Folgen auf unterhaltsame Weise präsentiert. In der Folgezeit wurden, vor allem von den öffentlich-rechtlichen Sendern, eine Vielzahl von Docu Soaps aus unterschiedlichsten Bereichen des Alltags im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.

Im Jahr 2000 sorgte die Einführung der Sendung Big Brother von RTL II für heftigste Diskussionen in der Öffentlichkeit, vergleichbar mit den Reaktionen auf die gewaltzentrierten Reality TV Formate der frühen neunziger Jahre. Sie stellt einen „Meilenstein“ in der Entwicklung der Real Life-Formate dar und erzielte einen Marktanteil von 19,6 Prozent mit durchschnittlich 2,4 Millionen Zuschauern unter den 14-49jährigen (vgl. Lücke). Das Konzept der Sendung war relativ einfach: 10 KandidatInnen verbrachten zusammen unter dem Motto „back to the basics“ 100 Tage in einem Wohncontainer. Dieser war rundherum mit Kameras ausgestattet, die das Zusammenleben im von der Außenwelt abgeschotteten Container rund um die Uhr dokumentierten. Alle zwei Wochen wurden zwei der Kandidaten zur Abwahl nominiert. Wer von den beiden den Container verlassen mußte, wurde telefonisch oder über das Internet vom Fernsehpublikum selbst entschieden. Hierbei liegt wohl, unter anderem, das Erfolgsrezept der Sendung: das Miteinbeziehen der Zuschauerinnen und Zuschauer in das Format. Dieser Sendetyp wird von Lücke mit dem Begriff „Reality Soap“ charakterisiert.

Reality Soaps und Docu Soaps unterscheidet Lücke folgendermaßen: „Während in Docu Soaps die zu beobachtenden Menschen in ihrer gewohnten privaten oder beruflicher Umgebung begleitet werden, setzt man sie in Reality Soaps in ein künstlich arrangiertes Setting, d.h. sie werden aus ihrer natürlichen Umgebung in eine eigens für die Reality Soap entstandene Umgebung versetzt.“ (Lü>Im Lauf der Entwicklung des Realitätsfernsehen im letzten Jahrzehnt zeigt sich, daß es stets das Ziel war, die Aufmerksamkeit der ZuschauerInnen durch das Wecken von Emotionen und den Eindruck von Authentizität zu gewinnen. Während dies bei den ersten Sendeformen hauptsächlich durch die Abbildung von Gewalt und von außergewöhnlichen persönlichen Katastrophen erreicht wurde, zeichnet sich inzwischen eine Entwicklung ab, hin zur Alltagswelt und zum Privatleben von Durchschnittsmenschen. Daily Talk Shows bieten Menschen die Möglichkeit, ihren persönlichen Lebensbereich vor einem Millionenpublikum zum Thema zu machen. In den später populär gewordenen Real Life Soaps hält die Kamera selbst Einzug ins Privatleben und macht Alltagspersonen zu Darstellern ihrer eigenen Rolle, mit der Möglichkeit - wenigstens für wenige Augenblicke - zum Medienstar zu avancieren. Außerdem ist das direkte Miteinbeziehen der ZuschauerInnen ein weiterer wirkungsvoller Trend der Entwicklung.

2. Darstellungsmittel des Reality TV

Die Unterordnung all der im ersten Kapitel genannten Sendungen unter den Genrebegriff „Reality TV“ ist nicht ganz unumstritten. So ging Wegener 1994 zum Beispiel noch von einer sehr viel engeren Definition des Begriffs aus. Die Kategorisierung dieser Arbeit stützt sich jedoch hauptsächlich auf Lückes Definition des Reality TV-Begriffs. Sie weist darauf hin, daß es sich hierbei um ein äußerst hybrides Genre handele, wobei eine eindeutige Zuordnung nicht immer möglich sei. Maßgeblich für die Zugehörigkeit zum Reality TV ist für Lücke „der Inhalt dieser Sendungen, bei dem die privaten und teilweise intimen Beziehungsaspekte zwischen sich nahestehenden Personen zentral ist“ (Lü>Diese Darstellungsmittel des Reality TV sollen nun hier aufgezeigt werden. Insgesamt kann man feststellen, daß hauptsächlich versucht wird, Bezug zum Alltag und zur Lebenswelt der ZuschauerInnen herzustellen. Die Darstellungsmittel werden in den Arbeiten von Eberle, Fromm und Lücke auf ähnliche Weise beschrieben. Unter anderem sind dies: Auftreten von Nicht-Prominenten als Akteure, Personalisierung, Live-Charakter, Intimisierung, Stereotypisierung und Serien-Charakter.

Vielleicht das wichtigste Stilmittel und gleichzeitig auch Bedingung für das Reality TV ist das Auftreten von Nicht-Prominenten als Akteure oder social actors, im Gegensatz zu den meisten fiktionalen Spielfilmen oder den früher üblichen Talks mit Prominenten. Am Kommunikationsstil und der persönlichen Fassade der Darsteller wird dem Zuschauer deutlich, daß es sich hierbei um „normale“ Alltagspersonen handelt und nicht um Schauspieler. Oftmals wird auch durch einen kurzen Hintergrundbericht über das private Leben die alltägliche Herkunft der Person unterstrichen oder deutlich gemacht, daß die Leute aus einem öffentlichen Casting, bei dem sich jeder bewerben konnte hervorgegangen ist.

Weitgehend in allen RTV-Sendungen hat das Auftreten der Akteure die Funktion, Schicksale oder Geschichten am Beispiel von Einzelpersonen zu veranschaulichen. Durch das Mittel der Personalisierung ist es besonders einfach, beim Zuschauer Emotionen hervorzurufen oder die Möglichkeit zur Identifikation zu bieten. Auch das Gefühl der Glaubwürdigkeit der Akteure wird dadurch verstärkt, daß diese, zum Beispiel in den Daily Talks, „ihre ganz persönliche Geschichte“ erzählen und dabei ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Neben der Personalisierung gibt es noch weitere Mittel, die einen Eindruck von Authentizität bei den ZuschauerInnen erzielen sollen und den Live-Charakter der Sendung unterstreichen. Oft, zum Beispiel in Talkshows, erfüllt ein Publikum von Studiogästen diese Funktion. Es wird bewußt in die Handlung miteinbezogen und reagiert auf die Äußerungen der Akteure mit Applaus, Abneigungsbezeugungen oder auch Zwischenfragen. In besonders dramatischen Momenten zeigt die Kamera auch mal Nahaufnahmen mit gefühlsbewegten Gesichtern aus dem Publikum. Die Ungeübtheit der Akteure im öffentlichen Auftritt und daraus entstehende Pannen verstärken zudem den Live-Charakter. Auch filmische Mittel, wie zum Beispiel die living camera werden zur Verstärkung der Authentizitätswirkung eingesetzt. Eine Möglichkeit sogar die Zuschauenden den Handlungsverlauf mitbestimmen zu lassen sind „interaktive“ Angebote , wie die telefonische Abstimmung. Letztlich kann man sich so als Zuschauer nie ganz sicher sein, welche Szenen tatsächlich die Realität widerspiegeln. Jedoch sollte man sich darüber klar sein, daß jede Filmszene, bei der sich die Akteure einer Kamerapräsenz bewußt sind immer auch als inszenierte Wirklichkeit verstanden werden muß.

Wie schon weiter oben festgestellt, haben sich die Themen des Reality TV mit der Zeit mehr und mehr in Richtung der Intimsphäre verschoben. So scheint es zum Beispiel mit besonderem Interesse verbunden zu sein, Privatgespräche im Big Brother-Container zu verfolgen. Fromm merkt an, daß eine wichtige Voraussetzung für die Intimisierung im Medium Fernsehen selbst begründet liege: seine Technik mache es erst möglich, daß Millionen von Zuschauerinnen und Zuschauer Einblick in das Privatleben einer ihnen völlig fremden Person erlangen könnten. Außerdem scheint es inzwischen auch für Jedermann machbar, selbst persönliche Belange im Fernsehen zu offenbaren. Wie Fromm am Beispiel der Daily Talks untersucht hat, kreisen die Hauptthemen in den neueren Formen des Realitätsfernsehens hauptsächlich um Familie, Beziehungen, Gesundheit, Sex und Körper (vgl. Fromm: 87). Somit haben sich auch die Grenzen dieser Themen vom Privaten in den öffentlichen Bereich verschoben. Wegener deutet hierzu auch auf Richard Sennett hin, der in Die Tyrannei der Intimität befürchtet, daß „Intimität letztlich zum einzigen Glaubwürdigkeitskriterium verkommt“ (Wegener: 54).

Ein weiteres Stilmittel des Realitätsfernsehens ist die Stereotypisierung. Für eine möglichst effektvolle und leicht nachzuvollziehende Darstellung von Personen und Handlung ist es dienlich, diese auf einige wenige Merkmale zu reduzieren. Somit entsteht ein pauschalisiertes Bild der Wirklichkeit, auf dessen Hintergründe meist nicht näher eingegangen wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Faszination des Alltäglichen im Reality TV
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar Soziologie des Alltags
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V13820
ISBN (eBook)
9783638193658
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faszination, Alltäglichen, Reality, Proseminar, Soziologie, Alltags
Arbeit zitieren
Peter Brüstle (Autor), 2003, Die Faszination des Alltäglichen im Reality TV, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13820

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