Das Lagersystem Vichy-Frankreichs und dessen Thematisierung im Buch „Unsentimentale Reise“ von Albert Drach


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung: Vichy-Frankreich

2 Exilland Frankreich
2.1 Die Situation der Flüchtlinge im Vichy Regime

3 Das französische Lagersystem

4 Albert Drach – „Unsentimentale Reise“

5 Die Stationen Albert Drach`s im französischen Exil
5.1 Les Milles in Aix-en-Provence
5.2 Rivesaltes
5.3 Nizza

6 Bibliographie und Bildnachweis
6.1 Sekundärliteratur:
6.2 Quellen:
6.3 Bildnachweise:

1 Einführung: Vichy-Frankreich

Am 10. Mai 1940 wurde Holland und Belgien von Hitlers Truppen angegriffen, bald danach am 14. Juni marschierte die Wehrmacht in Paris ein, was eine Massenflucht der vor allem jüdischen Bevölkerung in den Süden des Landes verursachte. Nach dem Blitzkrieg 1940 gegen Brigadegeneral Charles de Gaulle wurde der frühere Botschafter in Spanien, Marschall Philippe Pétain durch das französische Parlament als französischer Staatspräsident bestätigt. Am 17. Juni gab Pétain seine Verhandlungsbereitschaft mit Hitler und die Waffenstillstandsbedingungen bekannt. Ziel der Kollaboration mit den Deutschen Besatzern war es, den Handlungsspielraum durch vorauseilenden Gehorsam zu erweitern. Ein Bestandteil des Waffenstillstandvertrages war die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wobei anfangs „nur“ die ausländischen und neueingewanderten Juden betroffen waren. Der antijüdische Vernichtungsprozess in Frankreich war demnach ein Produkt des deutsch-französischen Waffenstillstandes[1]. Die ideologisch-politische Zusammenarbeit bedingte außerdem die Teilung Frankreichs in eine besetzte und eine unbesetzte Zone. Die nördlichen Teile und das Gebiet entlang der Atlantikküste stand unter deutscher Verwaltung, während der südliche Abschnitt unter französischer Kontrolle blieb. In der besetzten Zone lag die oberste Gewalt beim Militärbefehlshaber, dessen Anordnungen von der französischen Verwaltung ausgeführt wurden. Der ideologische Hintergrund für die Abänderung der Verfassung Frankreichs und somit die Auflösung einer rational konzipierten Gesellschaft mit rechtlich definierten vertragsmäßigen Beziehungen war das Streben nach einem „gesunden Volkskörper“[2] der neuen Regierung, was den Ausschluss sogenannter antinationaler Elemente erforderte. Die Internierung von Ausländern, insbesondere ausländischer Juden, Kommunisten und Freimaurern, die als „innere Feinde“ galten, wurde als politisches Ziel definiert. Als „ausländische Feinde“ galten jüdische Flüchtlinge, die in den zwanziger Jahren aus Polen, Russland, Rumänien und später aus Nazideutschland geflohen sind, ebenso spanische Flüchtlinge sowie deutsche und österreichische Antifaschisten. Zu diesen „wirklichen“ Ausländern kamen Kategorien, die das Regime selbst schuf, vor allem die neuen Staatenlosen, die im Anschluss an die Revision der Einbürgerungen gemäß dem Staatsangehörigkeitsgesetz von 1927 ihre Staatsbürgerschaft verloren haben[3]. Die Vichyregierung arbeitete aber permanent mit der Unterscheidung zwischen französischen Juden, die Franzosen blieben, aber ihre Bürgerrechte verloren hatten und ausländischen Juden, die aus dem Land vertrieben werden sollten. Mehr als zwei Drittel der Opfer waren ausländische Juden.

Grundlage für diese Entwicklung war eine Identitätskrise der französischen Regierung in den 1930er Jahren, die durch umstrittene Standpunkte hinsichtlich französischer Außen- und Innenpolitik ausgelöst worden war. Bereits zwischen 1938 und 1940 erließ die autoritäre Regierung Èduard Daladirs Gesetze zur Kontrolle und Ausgrenzung von 2,7 Millionen in Frankreich lebenden Ausländern[4], ab 1939 kam es zu Verhaftungen und Internierungen.

Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandes verschärften sich die Bedingungen für Ausländer in den besetzten Zonen, aber auch in Vichy-Frankreich, das nach dem Kurort Vichy benannt wurde, unterstützte man mit Hilfe der französischen Verwaltung die Ziele der Besatzungsmacht. Im Mai 1940 präsentierte Pétain sein Programm der „Nationalen Revolution“, das auf einer sozialen Hierarchie beruhte und sich gegen die Gleichheit des Menschen richtete. Die demokratischen Fundamente Frankreichs „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ wurden durch die Devise „Arbeit, Familie, Vaterland“ ersetzt[5]. Ergebnis war die systematische Ausgrenzung von Ausländern, die Abschaffung des Asylrechts und die Verfolgung und Auslieferung der jüdischen Bevölkerung. Am 4. Juli 1940 wurde die Verfassung von 1885 dahingehend verändert, dass die Erlaubnis zur Errichtung von Arbeitslagern vorgesehen wurde.

Am 3. Oktober 1940 wurde das so genannte Judenstatut (Lois sur le statut des Juifs) auf Eigeninitiative der Vichyregierung erlassen, welche den Begriff „Jüdische Rasse“ ohne genaue Definition verwendet. Die Folge war ein Berufsverbot für Juden in der Film- und Theaterbranche, im Bereich Rundfunk, Presse und öffentlicher Kommunikation, ebenso waren Beschränkungen in den freien Berufen vorgesehen. Im Mai 1941 beschloss das „Commisseriat géneral aux questions juives“ die Enteignung jüdischen Besitzes. Im Juni 1941 verschärft das zweite Judenstatut die Verbote des vorangegangenen Gesetzes und beschloss des Ausschluss von Juden aus dem Staatsdienst.

Es kam zu ersten Internierungen in Drancy, Pithiviers, Beaune-la-Rolande, Gurs, Rivesaltes, Noé und Les Milles. Ab März 1942 fanden die ersten Deportationen in Vernichtungslager statt und das öffentliche Tragen eines Judensterns wurde verpflichtend. Ziel der Aktionen war die Vernichtung der größten jüdischen Gemeinde der westlichen Länder. Im April 1940 ordnete Alois Brunner, SS-Hauptsturmführer und Mitarbeiter Adolf Eichmanns, die Festnahme aller Juden französischer Nationalitäten an, mit Ausnahme derer, die in Mischehen lebten. 6000 Juden wurden in der Endphase in die Vernichtungslager deportiert[6].

2 Exilland Frankreich

Der „Anschluss“ Österreichs an das „Dritte Reich“ bedeutete für viele Künstler wie Robert Musil, Alfred Polgar und Stefan Zweig aus unterschiedlichen Gründen das Exil. Frankreich war als traditioneller Gegenspieler Deutschlands ein beliebtes Transit- und Niederlassungsland für österreichische Intellektuelle, bzw. Durchgangsstation für die Flucht in andere Länder. Bereits vor 1848 fanden 60000 Flüchtlinge, darunter Intellektuelle wie Heine, Büchner oder Marx Schutz in Paris. Auch 1933 hatte Frankreich den Ruf eines liberalen und toleranten Staates. Zahlreiche Flüchtlingswellen strömten aufgrund der liberalen Einreisebedingungen und der Nähe zu Deutschland nach Frankreich. Ab 1938 entwickelte sich Paris zum Zentrum des österreichischen Exils in Frankreich.

„Frankreich wurde zum Land der Hoffnungslosigkeit“[7] aus dem ca. 2000 Österreicher in den Osten deportiert wurden. Albert Drach konnte sich wie viele österreichische Emigranten mit Hilfe der „Zentralvereinigung Österreichischer Emigranten“ der Deportation entziehen.

Die „Federation des émigrés provenant d`Autriche“ wurde 1938 als überparteiliche Organisation gegründet. Ihre Aufgabe bestand in der Beratung bezüglich juristischer Angelegenheiten, Unterstützung bei finanziellen Problemen, moralischem Beistand, Information zu Einreisebestimmungen und Asylgesetze, sowie der Beratung für österreichische Männer der Fremdenlegion. Finanziert wurde die Organisation aus Spendengeldern.

Im März 1938 kamen die ersten Personen der Flüchtlingswelle nach Frankreich, im September erfolgten die ersten Internierungen. Diese kurze Zeitspanne verbrachten die Flüchtlinge mit Bürokratie zur Erlangung der „Carte d`Identité“, die beim zuständigen Bürgermeister gelöst werden musste und für zwei Jahre gültig war. Die Bezugspersonen mussten sich wöchentlich bei der Polizei melden. Der Erhalt dieses Dokuments war nach 1938 nahezu unmöglich. Die Emigranten konnten nur mehr den sogenannten „Récipissé“, einen Vormerkschein für die „Carte d`Identité“ erhalten. Währenden deutsche und staatenlose Einwanderer einen Sichtvermerk für die Einreise benötigten, konnten Österreicher Anfangs ohne Visum nach Frankreich immigrieren[8]. Nach dem „Anschluss“ existierte Österreich nicht mehr als Staat, österreichische Staatsbürger erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft, was die Einreise als Flüchtling nach Frankreich unmöglich machte. Es bestand allerdings die Möglichkeit, den Status des „Ex-Autrichiens“ zu erhalten. Diese „Exösterreicher“ hatten eher eine Chance auf Aufnahme. Allerdings standen diese Personen nicht unter dem Schutz des deutschen Konsulats in Frankreich, eine Verlängerung oder Neuausstellung dieses Passes war nicht möglich. Das bedeutete, dass man durch den Zusatz „Ex-Autrichien“ nach Ablauf des Passes zu einer staatenlosen Person werden konnte. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich wurden diese Personen als „feindliche Ausländer“ tituliert[9]. Aufgrund der Sprachprobleme und fehlender Dokumente verlieren sich die Emigranten in der Bürokratie, viele Bewerber leiden unter der Willkür der zuständigen Beamten. Des weiteren bestand Arbeitsverbot für Asylanten, was die Abhängigkeit von Hilfsorganisation oder Verwandten und Bekannten zur Folge hatte. Schwarzarbeit wurde mit der sofortigen Abschiebung bestraft.

[...]


[1] Hilberg Raul, Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Berlin 1982, S. 420, 2. Spalte.

[2] Schmidt Gerhard (Hg.), Frankreich Lexikon, Berlin 2005, S 999.

[3] Rousso Henry, Vichy: Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944, München 2009, 83.

[4] Barbara Vormeier, Einige Aspekte zur Lage der Ausländer. Juden und Emigranten in Vichy-Frankreich (Juni 1940 - Sommer 1942. In: Werfel Ruth, Gehetzt. Südfrankreich 1940. Deutsche Literaten im Exil, Zürich 2007, S32.

[5] Barbara Vormeier, Einige Aspekte, wie Anm. 4, S. 34.

[6] Hilberg Raul, Die Vernichtung, wie Anm. 1, S. 453.

[7] Pils Agnes, Albert Drach im französischen Exil, Wien 2002, S10.

[8] Pfoser-Schewig Kristina, „Hier trifft sich alles“ Frankreich als Transit- und Niederlassungsland für österreichische Intellektuelle, in: Stadler Friedrich, Vertriebene Vernunft, Bd. 2, Wien 2004, S 935.

[9] Pils, Albert Drach, wie Anm. 7, S 26.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Lagersystem Vichy-Frankreichs und dessen Thematisierung im Buch „Unsentimentale Reise“ von Albert Drach
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V138258
ISBN (eBook)
9783640468454
ISBN (Buch)
9783640468683
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lagersystem, Vichy-Frankreichs, Thematisierung, Buch, Reise“, Albert, Drach
Arbeit zitieren
Veronika Pichl (Autor), 2009, Das Lagersystem Vichy-Frankreichs und dessen Thematisierung im Buch „Unsentimentale Reise“ von Albert Drach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/138258

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