Diese Arbeit ist wie folgt gegliedert: Zunächst wird Johan Galtungs Ansatz der strukturellen Gewalt vorgestellt werden und durch Pierre Bourdieus Konzept der symbolischen Gewalt ergänzt werden, um mithilfe dieser zwei Ansätze den theoretischen Rahmen aufzuspannen und in die unsichtbaren Manifestationen von Gewalt in der Gesellschaft einzuführen. Beide Konzepte sind sich im Kerngedanken recht ähnlich und passen sehr gut zum Fokus der Hausarbeitsfragestellung, weshalb sie sich für eine Einbeziehung anbieten. Im Anschluss sollen die verwendeten Theorien auf das Racial Profiling übertragen und im Kontext der Wechselwirkung mit sozialer Ungleichheit untersucht werden. Es soll aufgezeigt werden, wieso Racial Profiling als Ausprägung struktureller bzw. symbolischer Gewalt verstanden werden kann und wie diese Praxis der polizeilichen Kontrolle die Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit beeinflusst, und so die Fragestellung beantwortet werden. Schließlich folgt ein Fazit mit einer Schlussbetrachtung und einem Ausblick.
Der Begriff Racial Profiling beschreibt ein auf Stereotypen begründetes Klassifizieren von Personen durch Polizeibeamt*innen und andere Ordnungsinstanzen, welches nicht direkt auf das tatsächliche Verhalten der betroffenen Person zurückzuführen ist, sondern auf äußerlichen Merkmalen basiert. Darunter fallen in erster Linie die Haut- und Haarfarbe sowie die
(vermutete) ethnische, nationale und religiöse Zugehörigkeit.
Racial Profiling ist dann gegeben, wenn polizeiliche Maßnahmen wie etwa Personenkontrollen oder anderweitige Ermittlungen überproportional häufig bei Individuen eines bestimmten ethnischen Hintergrunds durchgeführt werden, ohne dass ein akuter Tatverdacht gegen diese Personen vorliegt. Die Bezeichnungen Racial Profiling ebenso wie das synonyme Ethnic Profiling stammen ursprünglich aus den USA, wo Polizeigewalt, insbesondere Afroamerikaner*innen gegenüber, bereits seit Jahrzehnten ein vielfach aufgegriffenes und konfliktreiches Thema ist.
Auch im europäischen Raum sowie konkret im deutschen Kontext stellen Racial Profiling und rassistische Strukturen innerhalb der Polizei eine seit Jahren aktuelle Thematik dar. Prominente Beispiele für eine solche gesellschaftliche Debatte sind etwa die Fälle des Asylbewerbers Oury Jalloh, der 2005 in einer Polizeizelle mutmaßlich durch Brandstiftung ums Leben kam, oder die Silvesternacht 2016/17, in der die Kölner Polizei systematisch hunderte so bezeichnete "Nafris" kontrollierte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorstellung der verwendeten Theorien
2.1. „Gewalt ohne Gesicht“: Die unsichtbaren Zwänge
2.2. Die strukturelle Gewalt (Johan Galtung)
2.3. Die symbolische Gewalt (Pierre Bourdieu)
3. Anwendung der Theorien
4. Fazit und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Racial Profiling als spezifische Form struktureller bzw. symbolischer Gewalt und analysiert, wie diese Praxis zur Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten beiträgt.
- Analyse von Gewaltkonzepten nach Galtung und Bourdieu
- Theoretische Einordnung von Racial Profiling als institutioneller Rassismus
- Untersuchung der Verschleierung und Naturalisierung von Diskriminierung
- Wechselwirkung zwischen polizeilicher Praxis und sozialer Ungleichheit
- Bedeutung staatlicher Institutionen bei der Stabilisierung von Herrschaftsverhältnissen
Auszug aus dem Buch
Die strukturelle Gewalt (Johan Galtung)
Johan Galtung ist ein norwegischer Politikwissenschaftler und Soziologe, der als Begründer der Friedens- und Konfliktforschung gilt. In den 1970er Jahren führte er den Begriff der strukturellen Gewalt ein und erweiterte damit das Verständnis des Gewaltbegriffs in der Wissenschaft, welches sich bis dato überwiegend auf die physischen Aspekte von Gewalt beschränkte. Galtung hingegen lehnt dieses enggefasste Begriffsverständnis ab, da sich bei einer rein körperlichen Deutung von Gewalt im Gegenschluss auch extrem ungerechte und inhumane Gesellschaftsordnungen mit der daraus resultierenden Definition von Frieden vereinbaren ließen (vgl. Galtung 1975, S. 9). In der Folge setzt Galtung sich für einen deutlich umfassenderen Gewaltbegriff ein, den er wie folgt versteht:
Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflußt werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung. […] Gewalt wird hier definiert als die Ursache für den Unterschied zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen, zwischen dem, was hätte sein können, und dem, was ist. Gewalt ist das, was den Abstand zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen vergrößert oder die Verringerung dieses Abstandes erschwert. (ebd., S. 9)
Als Beispiel nennt Galtung den Tod eines an Tuberkulose Erkrankten, der vor einigen Jahrhunderten mit damaligen Mitteln und Wissen unvermeidbar gewesen wäre, der Definition zufolge läge in diesem Fall also keine Gewalt vor. Wenn hingegen im heutigen, überwiegend hoch technisierten und medizinisch fortschrittlichen Zeitalter ein Mensch an Tuberkulose stirbt, würde Galtung diese Umstände als Gewaltverhältnis auslegen (vgl. ebd., S. 9). Entscheidend bei dieser Definition ist, dass sie nicht die Resultate, sondern die Bedingungen der Gewalt in den Fokus nimmt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik rassistisch motivierter Praktiken ein und verknüpft diese mittels künstlerischer Textbeispiele mit wissenschaftlichen Fragestellungen zu sozialer Ungleichheit.
2. Vorstellung der verwendeten Theorien: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der „strukturellen Gewalt“ nach Johan Galtung und der „symbolischen Gewalt“ nach Pierre Bourdieu detailliert dargelegt.
3. Anwendung der Theorien: Hier werden die vorab beschriebenen Konzepte auf das Racial Profiling übertragen, um dessen Funktion als Instrument institutioneller Diskriminierung und Herrschaftssicherung aufzuzeigen.
4. Fazit und Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Racial Profiling als Mittel zur Normalisierung und Reproduktion sozialer Ungleichheitsverhältnisse dient.
Schlüsselwörter
Racial Profiling, Strukturelle Gewalt, Symbolische Gewalt, Institutioneller Rassismus, Pierre Bourdieu, Johan Galtung, Soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Habitus, Polizeiarbeit, Machtstrukturen, Gesellschaftliche Reproduktion, Stigmatisierung, Herrschaftssicherung, Normalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Analyse von Racial Profiling als ein spezifisches Instrument zur Aufrechterhaltung und Reproduktion sozialer Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind sozialwissenschaftliche Gewaltkonzepte, die Rolle gesellschaftlicher Institutionen wie der Polizei sowie die Mechanismen des institutionellen Rassismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, inwiefern Racial Profiling als Form struktureller bzw. symbolischer Gewalt verstanden werden kann und welche Auswirkungen diese Praxis auf benachteiligte Bevölkerungsgruppen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse soziologischer Konzepte von Johan Galtung und Pierre Bourdieu, die auf das aktuelle gesellschaftliche Phänomen des Racial Profilings angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in die Gewaltbegriffe sowie deren praktische Anwendung auf die Realität polizeilicher Kontrollmaßnahmen und deren rechtliche sowie soziale Hintergründe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird maßgeblich durch Begriffe wie Racial Profiling, strukturelle Gewalt, symbolische Herrschaft, institutioneller Rassismus und soziale Ungleichheit definiert.
Wie trägt der Habitus-Begriff zur Erklärung von Racial Profiling bei?
Laut Bourdieu werden rassistische Klassifikationsschemata in den Habitus inkorporiert, was dazu führt, dass diskriminierende Praktiken bei allen Beteiligten als normal und legitim wahrgenommen werden.
Warum wird die Polizei als zentrale Institution in der Arbeit hervorgehoben?
Die Polizei fungiert als verlängerter Arm des Staates, der das Gewaltmonopol innehat und durch seine Handlungen zur Legitimierung und Stabilisierung bestehender gesellschaftlicher Machtverhältnisse beiträgt.
Inwiefern ist Racial Profiling eine Form von „Gewalt ohne Gesicht“?
Es wird als solche bezeichnet, da die Diskriminierung nicht unbedingt auf einer individuellen Absicht beruht, sondern tief in den strukturellen Abläufen und Gesetzen verankert ist und somit unsichtbar bleibt.
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- Jannika Baars (Author), 2019, Inwiefern trägt das Racial Profiling als spezifischer Aspekt struktureller bzw. symbolischer Gewalt zu einer Produktion und Reproduktion sozialer Ungleichheiten bei?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1382845