Evelyn Habal, die Lilith der Zukunft, in Villiers de l'Isle-Adams Roman - Die Eva der Zukunft.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsangabe

Vorwort

Mythos Rezeption

Erklärung des Physiognomiebegriffes

Erklärung der Hauptfiguren
Thomas Alva Edison
Lord Ewald
Alicia Clary
Hadaly
Evelyn Habal
Any Anderson/Sowana

Kurzzusammenfassung der Handlung des Buches
Darstellung und Erklärung der benutzen Frauentypen bei Villiers
Eva I.
Eva II.
Lilith
Hadaly, Eva I. Vor dem Sündenfall
Alicia Clary, Eva II. Nach dem Sündenfall

Evelyn Habal, Lilith /Tochter Liliths
Any Anderson/Sowana
Evelyn Habal, die Lilith der Zukunft.
Lilith, der Ursprung
Evelyn, die Geschichte in der Geschichte

Leserrezeption zu Villiers und unserer heutigen Zeit.

Nachwort

Literaturliste

Vorwort:

Gearbeitet wird hier mit dem Buch „die Eva der Zukunft" von Jean-Marie-Philippe-Auguste Comte de l’Isle-Adam, einem französischem Romancier, Dramatiker und Kritiker, der auch Kurzgeschichten schrieb, geboren am 07.11.1838 in Saint-Brieuc. Teile des Romans wurden 1883 in „Le Gallois“ und 1884 in „La Vie Moderne“ veröffentlicht, es existieren Gerüchte, dass Villiers durch eine wahre Begebenheit zu dem Buch inspiriert wurde, denen zu folge sich angeblich ein englischer Gentlemen unsterblich in das Aussehen einer Wachspuppe verliebte.[1] Das Buch selber erschien erst 1886 in Paris als Erstausgabe unter dem Titel „L'Eve future" knapp drei Jahre vor dem Tode Villiers de l'Isle-Adams, der am 18.08.1889 in Paris verstarb. Die deutsche Ausgabe wurde 1909 unter dem Titel „Edisons Weib der Zukunft" veröffentlicht. Verwendet wird hier allerdings die neue deutsche Fassung von 1972, die mit ihrem Titel dem Original auch näher kommt und nochmals in der Übersetzung überarbeitet wurde.[2] In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts fand auch die letzte Auflage dieses, an sich sehr guten und vorausschauenden, Buches statt. Es ist für mich recht erstaunlich, wie ein über 115 Jahre altes Buch trotzdem in seiner Thematik noch so fesselnd sein kann. Villiers Werk kann man ohne weiteres als Science-Fiction Roman bezeichnen, der sicherlich auch heute noch seine Anhängerschaft bei einer Neuveröffentlichung hätte und dessen Thematik ungebrochen ist. Denn die Wissenschaft strebt weiterhin unermüdlich nach der menschlichen Perfektion. Wie viele Bücher und Filme wurden schon mit Träumen und Utopien von perfektionierten, idealen Androiden gefüllt, die Gefühle haben und auf der Suche nach ihrer Seele sind. Und müssen wir uns nicht gerade heute, im Zeitalter der Gentechnik, und dem Zeitalter der künstlichen Intelligenzen mit den Träumen und Wünschen, aber auch Risiken und Gefahren um ein ideales menschliches Wesen auseinandersetzen? In Japan war vor einigen Jahren eine computeranimierte Sängerin ein Star der Musikbranche, der jedes junge Mädchen nacheiferte und die Massenhysterien auslöste. Vor gut zwei Jahren spielte Robin Williams in „Der 200 Jahre Mann" einen Hausandroiden der seine Menschlichkeit erkämpft. In den nächsten Wochen läuft in unseren Kinos der Film „Künstliche Intelligenz" an, über eine Gesellschaft, die Androiden zu ihrem Nutzen erschaffen hat. Eine der Hauptfiguren ist ein männlicher Gigolo-Androide, der auf Wunsch Aussehen und Temperament ändert, und ein kleiner Androiden-Junge, der einen todkranken Sohn ersetzen soll. Nicht umsonst setzt Villiers seinem Buch jene Widmung voraus „Den Träumern", die mit Androiden eine glorreiche Zukunft sehen, und „Den Spöttern"[3], die die Gefahr erkennen und die Utopien verspotten. Er schrieb sein Buch in einer Zeit, als man schon von diesen künstlichen Intelligenzen träumte, von Robotern und Androiden, sie aber noch als Unmöglichkeit verspottete. Er selbst lässt Edison in seinem Roman die mechanischen Nürnberger Puppen ansprechen und über sie lachen. Jene unvollkommenen Vorläufer, die aber mit ihrem Vorhandensein Vorstellungskraft weckten und nach etwas Besseren streben ließen.

In meiner Arbeit werde ich allerdings weniger auf die technische Welt und den Aufbau der Androiden eingehen, obwohl Villiers gerade der Schaffung seiner künstlichen Frau seitenweisen Detailreichtum widmet.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt vor allem bei den Frauentypen, die der Autor auf das Feld der Literatur führt. Nicht umsonst hat er seinem Buch den Titel „Die Eva der Zukunft" gegeben und arbeitet mit dem Mythos dieser Urfrau. Der angeblich ersten Frau, wenn man sich an die Vorgaben der kanonischen Bibel hält. Es tauchen allerdings auch andere, wesentliche Frauenfiguren auf, bei denen man eine Zuordnung zu mythologischen Urtypen der Frau vornehmen kann.

Mein besonderes Interesse gilt hier nicht so sehr Hadaly als der neuen Eva, sondern ihrem Gegenstück Evelyn Habal, als die neue Lilith. Hadaly wird erst nach den schlechten Erfahrungen mit Evelyn geschaffen. Genauso wie Eva, nach jüdischer Tradition, erst nach dem Desaster mit Lilith, dem geflügelten Dämon, aus Adam geschaffen wird. Die These Eva = Hadaly und Lilith = Evelyn scheint sich mir hier geradezu aufzudrängen. Ebenso sehe ich Evelyn als Hadalys Gegenpart im Handlungsablauf. Die Romanfiguren haben eine unzweifelhafte Verbindung, auch wenn sie sich in chronologischer Sicht nie begegnen. Auch die Namen sind ähnlich gewählt worden. Benennt man die Androide so, wie sie im Buchtitel genannt wird, und stellt beide Frauennamen gegenüber, macht sich dies deutlich: >>Eva Hadaly<< und >>Evelyn Habal<<.

Eva wird zu Eve, bei Evelyn ist lediglich eine Verniedlichungsform angehängt. Bei den Nachnamen wird die Namensähnlichkeit noch größer. Aus Hadaly wird Habal, der letzte Buchstabe fällt weg und das >>d<< wird zu einem >>b<< gespiegelt.

Ich gehe von der Annahme aus, das Villiers den Lilith-Mythos gekannt haben muss, dies beweist sein eigenes Vorwort. Ausdrücklich geht er dort auf Goethes Faust und die literarische und historische Figur des Doktor Faustus ein. Villiers sucht dort Rechtfertigung für seine Hauptfigur Edison. Wenn man es unter diesem Gesichtspunkt betrachtet und nach Parallelen sucht, so ist eine gewisse Verwandtschaft von Edison mit Mephistopheles nicht von der Hand zu weisen. Beide suchen den Pakt mit ihren männlichen Verbündeten, wegen einem Weib. Obwohl bei Edison ein Dualismus auszumachen ist, Schöpfer und Teufel in einem. Aber am wichtigsten hierbei ist wohl das Villiers das Werk wohl bekannt war, und dass in der Walpurgisnachtszene Faust auf Lilith trifft.

„FAUST: Wer ist denn das?

MEPHISTOPHELES: Betrachte sie genau! Lilith ist das.

FAUST: Wer?

MEPHISTOPHELES: Adams erste Frau.

Nimm dich in acht vor ihren schönen Haaren,

Vor diesem Schmuck, mit dem sie einzig prangt.

Wenn sie damit den jungen Mann erlangt,

So läßt sie ihn so bald nicht wieder fahren.“[4]

Goethe, der hier wohl von der Sicht der Lilith im Talmud inspiriert wurde, inspirierte hiermit wohl auch Villiers zur Schaffung eines nächtlichen, verführerischen Geschöpfes der Nacht, der Sünde in Person, Evelyn Habal.

Mythos Rezeption

Viele Kulturen besitzen mythologische Erzählungen, die ähnliche Strukturen aufweisen. Nennenswert sind hier zum Beispiel die Erschaffungsmythen, die oft eine große Sinnverwandtschaft implizieren und im Aufbau weitgehend gleich sind.

Diese Erschaffungsmythen waren für die alten Völker und sind es in unserer heutigen Zeit teilweise immer noch, wirklichkeitsbildend. Sie wirkten auf ethnische oder gesellschaftliche Gruppierungen identitäts- und gruppenbildend.

Der Mythos diente dazu, einen komplexen Zusammenhangssinn in eine einfache, verständliche Form zu bringen. Eine Geschichte, die für das Volk verständlich ist.

Noch heute bilden die Mythen und Legenden für unsere Kunst ein unerschöpfliches Reservoir, mit dem diese arbeiten kann. Mit Hilfe dieser Geschichten werden Werke chiffriert, wird eine Metaebene mit Hintergrundsinn geschaffen, die sich dem Adressaten erst eröffnet, wenn er den rechten Schlüssel für das Werke besitzt, den Mythos.

Wie bildete sich Mythologie..? Einige Wissenschaftler nehmen heute an, dass Mythen in Generationen entstandene Erklärungen für bestimmte Dinge sind[5] die sich in der damaligen Welt ereigneten, als die Engel und Geister für die Menschen noch magisch fassbar waren und mit ihnen zusammen über die Erde wandelten. Unerklärliches, wie ein plötzlicher Sturm, ein Gewitter, Jesus am See Genezareth, der im Boote ruhig schlummerte, während sich ein Sturm entlud, ein riesiger Baum von gewaltiger Größe, wurden mit den Mythen und Legenden der Götter erklärbar gemacht. Dinge wie diese schufen eine Glaubenswelt, eine eigene Weltsicht.

Mit der Aufklärung kam zunächst das Ende der Mythen und Sagenwelt. Die Aufklärung - sie brachte Licht in die finsteren Ecken unseres Geistes. Das Unfassbare wurde rationalisiert und erklärbar gemacht. Der donnernde, angsteinflößende Blitz war nicht länger das Grollen eines verstimmten Gottes, der eine Jungfrau zum Opfer forderte, sondern eine Entladung sich zusammenbrauender Energien in der Hemisphäre.

Neuerungen in unserer Welt, Erklärungen der Dinge, die damals Glauben und Lebenswelten schufen. Der plötzliche Sturm am See Genezareth, eine örtliche Begebenheit, rückführbar auf die geografischen Umstände, die manchmal dieses Phänomen hervorrufen.

Scheinbar wurde die Magie erklärt, die den Mythen vorgängig ist und diese entstehen lässt. Doch die Aufklärung und die damit einhergehende Entmystifizierung schuf neue Legenden und Mythen, selbst noch in unserer heutigen Zeit.

Villiers weist bewusst in seinem Vorwort darauf hin. Er lässt das Volk in seinem Buche Edison den Magier von Menlo Parkbezeichnen. Bewusst spielt er diese Karte aus, obwohl die angeblichen magischen Kräfte dieser Hauptfigur im Buch durch seinen Erfindungsgeist und die Kräfte der Elektrizität erklärt werden. In den ersten Kapiteln schildert er mit magisch anmutenden Worten die Umgebung Edisons, sein Labor, den Ort in dem er schaffend wirkt und schöpferisch tätig wird. Ein Gott in seiner Welt, der Stimmen über Kilometer übertragen kann, metallne Tiere zum Leben erweckt. Licht, das gefangen in einem Stück Glas ist. Errungenschaften der damaligen Technik, die dem Volke wohl allseits bekannt, aber an die das Volk noch nicht wirklich im Alltag gewöhnt war. Der Arm, dessen Sinn für den Leser zunächst noch verborgen ist, der grauenerweckend auf dem Tische liegt und Lebendigkeit vorgaukelt.

„Es war ein menschlicher Arm, der auf einem Kissen von bläulich-violetter Seide ruhte. Nach der Schulter zu schien das Blut zu stocken, kaum daß einige Blutstropfen von einer eben erfolgten Operation zeugten. Es waren der linke Arm und die linke Hand einer jungen Frau.“[6] Ein Mythos für das einfache Volk... Magie, gottgleiche Macht, was kann es sonst sein?

Villiers benutzt diese Bilder mit voller Absicht, um eine magische, eine mythische Atmosphäre und Legendenbildung um diesen Mann herum dazustellen und aufzuzeigen. Denn die scheinbar magischen Dinge aus dem Hexerlabor werden von ihm erklärt und erläutert mit einem Hang zur detaillierten Genauigkeit. Ebenso wird Hadalys Körper und dessen Erschaffung auf das Genaueste beschrieben und auseinander genommen. Edison beherrscht sogar den Geist anderer Menschen und kann diese gegen ihren Willen beeinflussen, wie am Beispiel der Evelyn Habal später noch deutlich wird. Ebenso teuflisch unbekannt scheint der Pakt zu wirken, den Edison und Lord Ewald im Laboratorium abschließen. Die Szene erinnert bizarr an Faust I.

Vor einem schreckt aber selbst Edison zurück und sucht keine Erklärung, der Fähigkeit der Any Sowana, die wirkliche mentale Fähigkeiten besitzt, hier gesteht sich selbst der aufklärerische Mann ein wenig Grusel ein und den Widerwillen dieser Fähigkeit auf den Grund zu gehen.

„Wahrhaftig, murmelte Edison, obwohl ich an das Phänomen gewöhnt bin, kann ich mich eines schwindeligen Gefühles nicht ganz erwehren. Und statt es zu ergründen, ziehe ich entschieden vor, an all die ... unerhörten Worte wieder zu denken [...]“[7]

Villiers de l'Isle-Adam hat begriffen, dass die Menschen für alles eine Erklärung suchen und hierbei oft und gerne mythische Phantasien heraufbeschwören. Er selbst trägt seinen Teil zur Entmystifizierung seiner Zeit bei, dennoch bleibt nicht alles fassbar und einen Teil des Glaubens lässt er uns. Any Sowana und die unbemerkte und im Geheimen von statten gegangene Beseelung Hadalys. Ohne Erklärung lässt er uns hier zurück.

Für uns ist heutzutage Elektrizität kein geheimnisumwobenes Ding mehr, ebensowenig das Telefon, oder der Fernseher. Doch wer kann sich völlig von der Mythenbildung freisprechen? Muss man nicht zugeben, dass letztendlich jeder einmal zurückfiel und vor dem abgestürzten Computer saß, wie einst ein Eingeborener vor einem uralten verwitterten, gewaltigen Baumstamm und im Geiste Verhandlungen um die Freigabe wichtiger Daten führte. Oder sich selbst sagte: „Wenn jetzt grüne Welle an der Ampel ist, dann wird alles gut!“ Selbst heute in der Zeit der Aufklärung trotzen wir der Entmystifizierung im Geheimen und suchen unbewusst, wider besseren Wissens eine Erklärung für unseren Geist. Der Mythos ist „das Resultat einer sich auch in der Moderne noch vollziehenden Mythisierung (>neue Mythen<) im Sinne einer Verklärung von Personen, Sachen, Ereignissen oder Ideen [...]“[8].

Vielleicht brauchen wir unsere neuen Mythen als Gegensatz zu unserer technisierten, entzauberten Welt? Wieviele Bücher wurden in den letzten Jahren, vor allem für Erwachsene, geschrieben, die unsere Alltagswelt wieder mythisch machten, und sie ein Stück weit verzaubern?

Physiognomie

„Physiognomik, [...]Als Teil der Ausdruckskunde dient P. der Persönlichkeitsdiagnostik.“[9]

Zur Erklärung für die Ansichten von Lord Ewald und Edison über manche weiblichen Personen, will ich hier kurz die Wissenschaft, falls man dies als solche bezeichnen kann, der Physiognomie erläutern:

Diese war in den vergangenen Jahrhunderten äußerst beliebt, besonders Laien versuchten sie hier immer wieder gerne.

Man war allgemein der Meinung, dass das Äußere eines Menschen auf das innere Wesen schließen lässt. Als Beispiel: bei durchschnittlichen Frauengestalten hatte man also auch eine durchschnittliche Erwartungshaltung, was ihre innere Seele betraf. Hässliche Menschen, körperlich Behinderte, und Leuten die besondere körperliche Merkmale an sich trugen, wie zum Beispiel rote Haare, oder merkwürdige Gesichtszüge, wurden früher und leider auch heute noch in einigen Kreisen als zweifelhaft angesehen. Diesen wurde zu damaliger Zeit, nach dem Regelwerk der Physiognomik boshafte, verunstaltete, gemeine und gar teuflische Charakterzüge zugesprochen. Während Menschen mit besonders schönen Körpern ein Postitv-Vorurteil entgegenkam, diesen wurden besonders hehre und ehrenvolle Eigenschaften in ihrem Wesen und ihrer Seele zugesprochen, wohl genauso ungerechtfertigt wie bei den, in den Augen der Gesellschaft, Unschönen.

Erklärung der Hauptfiguren

Thomas Alva Edison:

Der an einen Magier oder Hexer anmutende Erfinder. Nichts, fast nichts, scheint für ihn unmachbar. Alles kann er mit Hilfe von seiner modernen Magie, seiner Fähigkeit durch Elektrizität zu beleben, erschaffen. Er residiert in seinem düsteren Hexen-Labor in seinem funktional verdrahtetem Anwesen in Menlo Park. Eigenartigerweise sieht man ihn nie mit jemand anderen von Gesicht zu Gesicht agieren als mit Any, Lord Ewald und Alicia. Er wirkt dadurch etwas vereinsamt. Selbst seine Kinder sprechen mit ihm zum Abendgruß nur über das Telefon.

Lord Ewald:

Hoffnungsloser, egozentrischer, liebeskranker, suizidgefährdeter, illusorischer, rücksichtsloser Romantiker, edler adliger Abstammung. Er moniert bei seiner Geliebten ihre Oberflächlichkeit, scheint aber nur an ihrem vollkommenen Körper interessiert zu sein. „Was mich an sie fesselt, ist nur mehr eine Art schmerzlicher Bewunderung. Alicias Leiche zu betrachten, wäre mir eine Erfüllung, wenn der Tod nicht die traurige Zerstörung ihrer Züge mit sich brächte!"[10]

Alicia Clary:

Eigentlich eine moderne, gesellschaftsbewusste, normale, berechnende Frau ihrer Zeit. Durchschnittlich im Geist, allerdings sehr attraktiv, sie wird im Buch wiederholt mit der Venus Victrix verglichen.

Hadaly:

Die perfekte, mechanische Frau, die jedes Frauenbild verkörpern kann. Sie soll genau auf Lord Ewald abgestimmt werden und ihm völlig untergeben und von ihm lenkbar sein. Hadaly, eine Neuauflage der Eva vor dem Sündenfall, jenem naiven unverdorbenem, Geschöpf in der Kindheit der Menschheit. Allerdings ohne Seele.

Evelyn Habal:

Augenscheinlich junge, hübsche Ballerina, die einen braven, natürlich völlig unschuldigen Ehegatten verführt und ruiniert.

Any Anderson/Sowana:

Witwe des Verführten. Nach dem Selbstmord ihre Gatten erleidet sie die Schlafkrankheit und wird zum Medium für den unbekannten Geist „Sowana". Sie ist als Geistmedium die Lenkerin von Hadaly.

Kurzzusammenfassung der Handlung des Buches.

Lord Ewald, ehemaliger Gönner von Edison, erscheint eines Abends unerwartet bei diesem in Menlo Park. Er scheint von einer starken Gemütsschwere erfasst. Auf Edisons Drängen hin offenbart er sich. Lord Ewald gesteht, dass er sich noch am selben Abend dem Freitod hingeben wollte, um der unglücksseligen Liebe zu Miss Alicia Clary zu entkommen, da er der Meinung ist, nur einmal wahrhaft lieben zu können. Er hatte sich unsterblich auf den ersten Blick in Alicia Clary verliebt, sobald diese allerdings ihre Meinung kund tut, ist er von ihrem gewöhnlichen Wesen abgestoßen, das nicht zu ihrem venusartigen Äußeren passt. Nach der Wissenschaft der Physiognomie ist sie für ihn eine Art abnorme Missgeburt, da ihr Geist ihrem Körper, in welchen er sich verliebte, nicht angemessen ist. Laut ruft er aus „Wer entrisse diesem Körper diese Seele?"[11]

Edison sieht, dass Alicias Seele ganz normalem Standart entspricht, durch die Schönheit ihres Körpers aber in Dissonanz steht. Mit durchschnittlichem Aussehen würde ihre durchschnittliche Seele auch nicht so hervorstechen. Alicia wird nur deswegen von beiden Männern für außerordentlich abnorm gehalten, weil man nicht, wie nach den Regeln der Physiognomie, von ihrem Äußeren auf ihr Inneres schließen kann, es ergibt einen Fehlschluss. Ihre äußere Vollkommenheit, einer Venus gleich, spiegelt nicht ihr wahres Inneres.

Lord Ewald geht zur Heilung seiner Liebeskrankheit einen Pakt ein. Edison sieht sich in der Lage eine technische Frau zu konstruieren, wie einst Gott die Menschen aus Lehm nach seinem Bilde schuf, ein Wesen, dessen gottgleicher Schöpfer er, Edison, nun ist. Bewusst lässt Villiers ihn hier diese Ausdrücke gebrauchen, um das Selbstbild der Figur Edisons darzustellen. „Ich will - und ich werde Ihnen noch einmal im voraus beweisen, daß ich es wirklich vermag – aus Lehm der heutigen menschlichen Wissenschaft ein Wesen nach unserem Bilde schaffen, ein Wesen, das sich zu uns verhält wie wir uns zu Gott."[12]

Eine schon teilweise gebaute Androide soll exakt auf ihn als einzigen Mann und seine seelischen Liebesbedürfnisse ausgerichtet werden. Sie soll keine Seele besitzen, aber eine genaues Abbild von Alicia sein, in Gang, Stimme, Bewegung und Aussehen. Nur soll ihr Geist nicht so befremdlich sein. Es wird geplant eine Eva zu schaffen die nicht vom Sündenfall verdorben wurde, keine gewöhnliche von „Evas Töchtern", wie die normalen Frauen von Edison und Ewald genannt werden. Hadaly, die Androide soll kein Bewusstsein haben, wie jedes andere menschliche Wesen. Sie soll die Eva im Paradies sein, die nur für Adam erschaffen wurde, bevor sie vom Baume der Erkenntnis aß.

„Aber da sie keine Seele hat, wird sie denn mit Bewußtsein sprechen? Entschuldigen Sie, sagte Edison, indem er Lord Ewald erstaunt ansah; aber haben sie nicht gerade das gewollt, als Sie vorhin ausriefen: „Wer entrisse diese Seele diesem Körper?" Sie riefen selbst nach einem Phantom, das mit Ihrer jungen Freundin identisch ist, ohne das Bewusstsein in sich zu tragen, mit dem jene belastet schien: Hadaly ist ihrem Rufe gefolgt! Das ist alles."[13]

Ziel des ganzen Unternehmens ist es, die Männer vor bösen Weibsbildern zu schützen, die sie in ihre Fänge reißen und mit ihren niederen tierischen Instinkten in den Abgrund reißen, wie Evelyn Habal. Denn nach Edison und wohl auch nach Lord Ewalds Ansicht sind Evas Töchter, als die normalen Frauen dieser Welt, nichts anders als Trugbilder der versprochenen, vollkommenen Gefährtin, der Eva vor dem Sündenfall. „In der Tat, was beide Männer in Wirklichkeit sagten, der eine mit seinen zu Worten verwandelten Berechnungen, der andere mit seiner stillschweigenden Einwilligung, war nichts anderes als folgende – unbewußte an das große X des Urprinzipes gerichteten Worte: „Die junge Freundin, die du mir dereinst in den ersten Nächten des Erdendaseins zugeselltest, erscheint mir als Trugbild nur der Schwester, die du mir versprachest, und dein Gepräge ist mir in ihrer seelenlosen Hülle nicht mehr so hinreichend erkennbar, daß ich meine Gefährtin in ihr sehen könnte. –Ach! Schwerer noch drückt die Verbannung, wenn ich als ein Spielzeug meiner irdischen Sinne diejenige ansehen müsste, die mit tröstendem Blick die Erinnerung an das verlorene Paradies wieder aufrufen sollte. Durch Jahrhunderte des Leids bin ich der ständigen Lüge dieses Schattens überdrüssig geworden. Ich will nicht länger dem Instinkt unterworfen sein, der mich lockt und versucht, jenes Trugbild immer vergeblich für meine Liebe zu halten."[14]

Ein weiterer Punkt ist, dass die Liebe sich niemals abnutzen soll, durch den einkehrenden Alltag. Das Verhalten und die Gefühle während der ersten Stunden der Verliebtheit soll auf diese absurde und erschreckende Weise konserviert werden. Niemals kann, nach Edisons Ausführungen, Langeweile eintreten, da Hadaly, die ideale Geliebte, mit ihren Ringen und ihrem Collier lenkbar ist. Sollte ihre Stimmung dem Mann, auf den sie zugeschnitten wurde, nicht zusagen, braucht er nur den rechten Knopf drücken und das perfekte Weib tut was er will, verhält sich so, wie er es wünscht. Auf zwei goldenen Phonographen in ihrem Leib sind Gespräche für 60 Stunden aufgezeichnet. Edison sieht es als Erlösung für die (männliche) Menschheit an.

Während all dieser Zeit lenkt und führt Sowana, das Geistmedium, Hadaly und leiht ihr ihren Geist. Alicia wird nach Menlo Park gelockt und mit Hypnose dazu gebracht eine Statue von sich anfertigen zu lassen, so dass man heimlich ihren genauen Körperbau und ihre Statur kopieren und bei Hadaly einfügen kann.

Das Experiment gelingt, Hadaly und Lord Ewald finden im Park zueinander. Doch Hadaly scheint doch beseelt worden zu sein. Sie scheint sich ihrer bewusst zu sein. „Hadaly flüsterte ihm zu: Bist du so sicher, daß ich nicht da bin?

Nein! Sprach er. Wer bist du?“[15]

Lord Ewald und seine Geliebte betreten, in neu gefundener Liebe, daraufhin gemeinsam das Labor, Hadaly, die ideale Frau, wird für die Reise nach England in einen Sarg gelegt, aus dem sie nach glücklicher Ankunft wieder erweckt werden soll. Die Androide wird dafür von dem elektrischen System des Edinsonschen Labors abgekoppelt.

Lord Ewald reist glücklich und wohl geheilt, mit Hadaly, der Frau, die für ihn angefertigt wurde, samt seinem kostbaren Sarg mit dem Schiff nach England ab. Edison entdeckt, dass Sowanas Körper leblos im Bedienraum liegt. Sie ist tot. Der Leser hat den Eindruck, dass Sowana mit ihrem Geist Hadaly letztendlich doch beseelt hat und ihr, ungeplanterweise, ein Bewusstsein schenkte. Doch auf der Schifffahrt, heim nach England, ereignet sich eine Katastrophe. Auf dem Schiff bricht ein Brand aus, es sinkt. Hadaly geht im feurig lodernden Laderaum verloren, Alicia ertrinkt, als ein Rettungsboot kentert. Allein Lord Ewald überlebt dieses Szenario und kehrt einsam um Hadaly trauernd in sein Schloss zurück. Inwieweit dies göttliche Rache und Bestrafung dafür war, gottgleiche Schöpfer zu werden, überlässt Villiers dem Leser.

[...]


[1] Vgl. http://ratmmjess.topcities.com/vichk.html 01.09.2001, 23.33 Uhr

[2] Vgl. Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, S. 4

[3] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, S.2

[4] Faust Der Tragödie erster Teil. mit Materialien, Johann Wolfgang von Goethe, Stuttgart 1995, Walpurgisnacht, S.126, Zeile 4119 - 4123

[5] Vgl. Brockhaus. Die Enzyklopädie. in vierundzwanzig Bänden Zwanzigste, überarbeitete und aktualisierte Auflage. Fünfzehnter Band, MOC-NORD, Leipzig – Mannheim 1998, Mythos, S.309

[6] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 1.Buch, Kap.8, S.29

[7] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 1.Buch, Kap 4, S.20

[8] Brockhaus. Die Enzyklopädie. in vierundzwanzig Bänden Zwanzigste, überarbeitete und aktualisierte Auflage. Fünfzehnter Band, MOC-NORD, Leipzig – Mannheim 1998, Mythos,S.309

[9] Großes Lexikon, in Farbe, Genehmigte Sonderausgabe, München 1993, Band 3, Physiognomik, S. 699

[10] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 1.Buch, Kap18, S.84

[11] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 1.Buch, Kap.18., S.80

[12] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 2.Buch, Kap. 4, S.114

[13] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 2.Buch, Kap. 9, S.154

[14] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 5.Buch, Kap. 4, S.259

[15] Die Eva der Zukunft, Villiers de l’Isle-Adam, München 1972, 6.Buch, Kap.6 S. 349

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Evelyn Habal, die Lilith der Zukunft, in Villiers de l'Isle-Adams Roman - Die Eva der Zukunft.
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (FB Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Blockseminar: Rezeption und Aktualität mythologischer Frauenfiguren
Note
1
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V13836
ISBN (eBook)
9783638193801
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Evelyn, Habal, Lilith, Zukunft, Villiers, Isle-Adams, Roman, Blockseminar, Rezeption, Aktualität, Frauenfiguren
Arbeit zitieren
Shermin Arif (Autor), 2001, Evelyn Habal, die Lilith der Zukunft, in Villiers de l'Isle-Adams Roman - Die Eva der Zukunft., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/13836

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