In dieser Hausarbeit sollen Kaufmannsbriefe aus dem Mittelalter aus sprachwissenschaftlicher Sicht analysiert werden. Zunächst wird dabei der Aufbau der Briefe betrachtet. Schon ab dem Römischen Reich entwickelte sich eine strenge Lehre der Briefe, wobei von "ars dictaminis" gesprochen wird. Dies wird im ersten Teil des ersten Kapitels behandelt. Der zweite Aspekt sind Schriftlichkeit und Mündlichkeit in den Briefen, die im zweiten Teil des ersten Kapitels beschrieben werden.
Im zweiten Kapitel geht es um den im Mittelalter relevanten Kaufmann Francesco Datini und dessen Briefwechsel mit seiner Ehefrau Margherita Datini. Aufbauend auf die zuvor genannten zwei Aspekte wird ein Brief zwischen Datini und seiner Frau
analysiert. Das Ziel der Arbeit ist, den Aufbau und die Schriftlichkeit bzw. Mündlichkeit des Kaufmannsbriefes zu verstehen.
Im Mittelalter spielte die Stadt Florenz in Europa eine entscheidende Rolle, sowohl in Kultur und Literatur als auch in Wirtschaft und Politik. Ausgehend vom Zentrum Florenz waren italienische Kaufleute nicht nur im eigenen Land, sondern auch über das
Mittelmeer hinaus tätig. Das Geschäftsleben wurde auf verschiedene Arten aufgezeichnet, darunter Kaufmannsbriefe, in denen die Kaufleute ihre Tätigkeiten festhielten und die zu einem wesentlichen Material in der Sprach-, Wirtschafts- sowie Sozialwissenschaft geworden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die italienischen Kaufleute im Mittelalter
2.1 Die schriftlichen Aktivitäten der Kaufleute
2.2 Eigenschaften der Korrespondenz
2.3 Korrespondenz der Kaufleute im Mittelalter
3. Ein Brief von Francesco Datini
3.1 Francesco Datini
3.2 Francesco und seine Frau
3.3 Korrespondenz von Francesco
3.4 Der Brief von Francesco an seine Frau
4. Fazit
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand eines konkreten Korrespondenzbeispiels – eines Briefes von Francesco Datini an seine Ehefrau Margherita – das Spannungsfeld zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit im Kaufmannsbrief des späten Mittelalters.
- Rolle italienischer Kaufleute im mittelalterlichen Handelsnetzwerk.
- Die kunsttheoretische Tradition der "ars dictaminis" und ihre Anwendung.
- Analyse medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit versus Mündlichkeit.
- Soziale Funktionen und Charakteristika der privaten Kaufmannskorrespondenz.
- Sprachliche Merkmale und Kodierung emotionaler Nähe in Fernbeziehungen.
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Aufbau
Dieser Brief setzt sich aus zwei Briefen zusammen, wobei Teil C durch die Überleitung „Questo dì…“ gegliedert wird. Beim ersten Brief fehlen salutatio und conclusio und die drei Teile – salutatio (D.a), exordium (A.c) sowie conclusio (E.a) – sind kurz gehalten. Die drei Teile erfüllen vor allem die soziale Funktion (Vgl. Camargo 1991: 22), weshalb sie beim Brief, den Datini an seine Familie schrieb, ungeeignet waren.
Bei beiden Briefen folgte eine gemischte Form von Mitteilung (narratio) und Vorschlag (petitio). Hier ist Teil B im ersten Brief als Beispiel zu nennen. In Teil B.a wurde im ersten Satz eine doppelte Verneinung zur Bejahung verwendet, um die Aussage effektiv zu bekräftigen, dass Datini mehr als drei Monate in Pisa bleiben musste („Io non vegio modo […] non chonvengha istare que 3 mesi o pùe“) (Cecchi Aste 1990: 31). Dann fordert er seine Frau in einem starken Ton auf, seine Befehle zu befolgen. („[…] atenderò a fare e’fatti miei e dare ordine di quello ch’i’ òe intendimento di fare“). Schließlich begründet er die Aussage („in ongni luogho ispendiamo“) (Cecchi Aste 1990: 31), um Margherita zu überreden, zu ihm nach Pisa zu kommen. Dies kann außerdem so interpretiert werden, dass der Kaufmann seine Emotion zu Margherita ausdrückte, denn es erscheint ihm am besten, wenn sie zusammen in Pisa leben statt getrennt zu sein und an beiden Orten würden sie zahlen und es würde ihnen schlecht gehen („a me pare il meglo che noi siamo qua tutti insieme che stare l’uno qua e l’altro chostà: in ongni luogho ispendiamo, e io istarei male qua e tue non bene chostà“) (Cecchi Aste 1990: 31).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Rolle toskanischer Kaufleute und definiert das Ziel der Arbeit, den Aufbau und die sprachliche Einordnung des Kaufmannsbriefs zu erforschen.
2. Die italienischen Kaufleute im Mittelalter: Das Kapitel beleuchtet das wirtschaftlich-soziale Umfeld der toskanischen Händler und ihre Notwendigkeit, durch Alphabetisierung und Korrespondenz ihre globalen Handelsnetzwerke zu verwalten.
2.1 Die schriftlichen Aktivitäten der Kaufleute: Hier wird der Fokus auf die Standardisierung von Geschäftsunterlagen und die Ausbildung von Fachkenntnissen sowie die Entstehung der "Mercanti scrittori" gelegt.
2.2 Eigenschaften der Korrespondenz: Das Kapitel beschreibt die charakteristischen Züge der Kaufmannstexte, die eine Mischung aus notarieller Strenge und mündlich geprägten volgare-Elementen aufweisen.
2.3 Korrespondenz der Kaufleute im Mittelalter: Dieser Abschnitt analysiert die theoretischen Grundlagen der Briefkunst ("ars dictaminis") und deren Adaptation außerhalb des lateinischen Bildungskanons.
3. Ein Brief von Francesco Datini: Eine biographische Kontextualisierung des Kaufmanns Francesco Datini liefert die Basis für die anschließende Analyse seines Briefwechsels.
3.1 Francesco Datini: Untersuchung der Person Datinis, seiner wirtschaftlichen Errungenschaften und der ambivalenten zeitgenössischen Bewertung seines Verhaltens.
3.2 Francesco und seine Frau: Darstellung der privaten Lebensumstände von Francesco und Margherita Datini sowie die durch räumliche Trennung forcierte schriftliche Kommunikation.
3.3 Korrespondenz von Francesco: Dieses Kapitel thematisiert die quantitative Bedeutung des Schreibens in Datinis Arbeitsalltag sowie seine Gewohnheit, Briefe diktieren zu lassen.
3.4 Der Brief von Francesco an seine Frau: Die empirische Kernanalyse des vorliegenden Briefbeispiels in Bezug auf strukturelle und rhetorische Gestaltung.
4. Fazit: Die Zusammenfassung der Arbeit stellt fest, dass der untersuchte Brief als Bindeglied zwischen medialer Schriftlichkeit und konzeptionell mündlichem Diskurs fungiert.
5. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Kaufmannsbrief, Mittelalter, Francesco Datini, ars dictaminis, volgare, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Florenz, Prato, Handelskorrespondenz, Medienlinguistik, Kommunikation, konzeptionelle Nähe, Distanz, Margherita Datini.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen schriftlich fixierter Korrespondenz und mündlich geprägtem Ausdruck im Handelswesen des späten Mittelalters anhand privater Briefe von Francesco Datini.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Analyse?
Im Mittelpunkt stehen die Handelsstrukturen der Toskana, die theoretischen Briefvorgaben der "ars dictaminis", die Entwicklung der italienischen Volkssprache (volgare) und die soziolinguistische Einordnung privater Ehekorrespondenz.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu verstehen, wie ein Kaufmannsbrief strukturiert war und welche sprachlichen Strategien genutzt wurden, um trotz physischer Distanz eine konzeptionelle Nähe zwischen den Schreibpartnern zu erzeugen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Autorin kombiniert eine historische Kontextualisierung mit einer strukturellen Briefanalyse sowie einer medienlinguistischen Untersuchung gemäß dem Rahmen von Koch/Oesterreicher.
Was sind die wesentlichen Inhalte des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das mittelalterliche Kaufmanns-Wesen und die Analyse der persönlichen Korrespondenz Datinis, insbesondere im Hinblick auf den "Brief an seine Ehefrau".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit kennzeichnen?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Kaufmannsbrief", "ars dictaminis", "Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit" und "konzeptionelle Nähe" definiert.
Warum spielt die Person Francesco Datini eine solch zentrale Rolle in der Untersuchung?
Datini hinterließ ein außergewöhnlich umfangreiches Briefkonvolut, das eine seltene detaillierte Analyse sowohl geschäftlicher als auch privater und alltäglicher Kommunikation im 14. Jahrhundert ermöglicht.
Welche besondere Schlussfolgerung zieht die Autorin bezüglich der Sprache?
Die Autorin schlussfolgert, dass die Sprache des Kaufmanns Datinis eine hybride Form darstellt, die zwischen normierter Schrifttradition und der Unmittelbarkeit gesprochener Sprache ("trascrizione di dialoghi a distanza") oszilliert.
- Arbeit zitieren
- Ziyao Zhu (Autor:in), 2020, Ein Brief von Francesco Datini. Zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1383737